Rund 40 Schülerinnen und Schüler sitzen und liegen auf Turnmatten, die in der Aula der Hunsrück-Grundschule in Berlin-Kreuzberg ausgebreitet sind. Mit einer künstlichen Trennwand ist der sonst große Raum verkleinert worden, um eine gemütlichere Atmosphäre zu schaffen. Die zugezogenen Vorhänge muss Schulleiter Mario Dobe auf Bitten der Photographen allerdings wieder aufziehen - "mehr Licht!"
Die Presse ist gekommen, weil sich an diesem 8. Juni 2005 um 15 Uhr hoher Besuch angekündigt hat, um auf dem Sofa und vor dem Mikrophon Platz zu nehmen: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn wird den Dritt- und Viertklässlern ein Kapitel aus dem Kinderbuchklassiker "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen" von James Krüss vorlesen. Den Rahmen dieser Veranstaltung bildet die Reihe "Prominente lesen für Kinder", die von dem gemeinnützig anerkannten Elternverein "Verein für kulturelles und soziales Lernen" (SoLe e.V.) ins Leben gerufen worden ist.
Appetit aufs Lesen geweckt
Edelgard Bulmahn hat sich nun für "Timm Thaler" entschieden. "Warum Timm Thaler?", fragt ein Mädchen. "Ich habe sieben Nichten und Neffen, die mir gesagt haben, dass ihnen dieses Buch sehr gefallen hat", erwidert die Politikerin, die sich zur Begrüßung gleich unter die Schülerinnen und Schüler mischt, die auch von der Grundschule St. Paulus gekommen sind. Und warum findet die Veranstaltung an der Hunsrück-Grundschule und nicht an der Grundschule St. Paulus statt? Die Ministerin verband das Angenehme mit dem Nützlichen: Gleich im Anschluss konnte sie so eine Schule besichtigen, die 250.000 Euro Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) erhalten hat. "Davon sind zum Beispiel die Stelzen, die Tischtennisplatten, die Kickertische und die Couchen gekauft worden, die ihr jeden Tag benutzt", erklärte Schulleiter Mario Dobe den Schülerinnen und Schülern, als er die Ministerin vorstellt.
Auch SoLe e.V. hat einen direkten Berührungspunkt mit dem IZBB: Der Verein konnte Spenden in Höhe von über 50.000 Euro sammeln. Diese stellte er dem freien Träger als vorgeschriebenen Eigenanteil von zehn Prozent an der geplanten Investitionssumme von 500.000 Euro zur Verfügung. Laut Martin Krautkrämer von SoLe e.V. steht die Zusage des Berliner Senats für die im November 2003 beantragten Mittel unmittelbar bevor.
In der anschließenden Fragerunde ist es dann vorbei mit der Stille - die Fragen purzeln durcheinander und der Lärmpegel wächst in kindgerechte Höhen. "Sind Sie auch für Gesundheit und so zuständig?", fragt ein Mädchen aus der St. Paulus-Schule, worauf sie vom Sitznachbarn sofort korrigiert wird: "Nein, das macht doch die Ulla Schmidt!" Die Kabinettskenntnisse der Kinder verblüffen ebenso wie ihre Wahrnehmung der Arbeitsteilung: "Bist du die Assistentin vom Schröder?", fragt ein Schüler. Edelgard Bulmahn: "Das würde ich so nicht sagen."
Gute Bedingungen in Gefahr
Nach der Lesestunde führte Schulleiter Mario Dobe Ministerin Bulmahn und Klaus Uwe Benneter, Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Berlin-Steglitz-Zehlendorf, durch seine Schule, die seit 1998 um eine Mensa, die Aula, Bibliothek und Computerraum erweitert worden ist. Das spektakuläre Atrium wurde mit 12,5 Millionen Euro aus EU-Mitteln errichtet. Nicht nur wegen der beeindruckenden Architektur wird die Schule "als Leuchtturm im Stadtteil", wie Dobe es ausdrückt, wahrgenommen. Es ist hauptsächlich das pädagogische Konzept der gebundenen Ganztagsschule mit seinem differenzierten Unterricht, das immer mehr Eltern überzeugt, ihre Kinder hier anzumelden. Die Nachfrage übersteigt die zur Verfügung stehenden Plätze. Der Anteil von Migrantenkindern an der Schülerschaft liegt derzeit bei 70 Prozent; die Zahl deutscher Eltern, die ihre Kinder an der Hunsrück-Grundschule unterrichtet wissen wollen, wächst.
Doch die nicht zu übersehenen Transparente, Plakate und die vor dem Gebäude protestierenden Eltern, Lehrerinnen und Erzieherinnen machen deutlich, dass nicht alles so läuft, wie man es sich an der Hunsrück-Schule ausgemalt hatte. Ein kurz vor Ende des Schuljahres neues Schulgesetz verschlechtert die Personalbedingungen an der Hunsrück-Grundschule dramatisch: "Wenn das so käme, hätten wir im kommenden Schuljahr am Nachmittag eine Erzieherin auf 46 Kinder. Da ist pädagogisch sinnvolles Arbeiten nicht mehr möglich", schimpfte Dobe. Der diskussionsfreudige Schulleiter hatte den Ministerinnenbesuch genutzt, Protest gegen die Maßnahme zu organisieren, und bat im Anschluss an den Rundgang seine Gäste nochmals in die Aula - diesmal zu einer Diskussionsrunde mit den Betroffenen.
"Geschlossen wegen Personalmangels"
"Ich fand den Plan toll, dass der Bund vier Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen zur Verfügung stellte", eröffnete Mario Dobe die Aussprache, "wir können aber nicht verstehen, dass dies jetzt alles kaputt gemacht werden soll, indem das Land Berlin Stellen streicht." In der Sprachförderung müssten die Gruppen vergrößert werden - "die 150-prozentige Garantie für Misserfolg", so Dobe. Für die Integration behinderter Kinder stünden statt 6,5 Wochenstunden nur noch 2,5 Stunden zur Verfügung. All dies träfe die Schule doppelt, denn durch eine Schulschließung in der Umgebung muss die Hunsrück-Grundschule zusätzlich 60 Kinder aufnehmen, so dass der für das Ganztagskonzept so wichtige Raum schon wieder knapp wird. Deshalb hingen neben den "Geschlossen wegen Personalmangels"-Schildern auch Plakate mit der Aufschrift "Demnächst hier bitte anstellen!" an den Toilettentüren.
Edelgard Bulmahn verwies auf die eingeschränkten Kompetenzen, die der Bund in der Schulpolitik hat. "Es war auch klar, dass wir im Zuge des Ganztagsschulprogamms nicht sofort tolle Schulen haben würden, aber es ist immerhin gelungen, die festbetonnierte Debatte über die absurde Trennung von Schule und Jugendhilfe aufzulösen. Es ist eine Änderungsbereitschaft in Gang gekommen. Diesen Anstoß muss man nutzen und sich auf gemeinsame Ziele verständigen, dann spielen Kompetenzen keine Rolle mehr."
Den Eltern merkte man den Frust über die Situation an. "Ich habe meine Tochter hier angemeldet, weil mich das Konzept der Schule überzeugt hat", meinte ein Vater, "aber aufgrund des fehlenden Personals bricht die Ganztagsschule weg. Hier wird wie mit einem Vorschlaghammer rangegangen, danach bleibt nichts mehr übrig. Ich fühle mich an der Nase herumgeführt." Eine Mutter klagte: "Die Bedingungen werden immer schwieriger, und ich frage mich, ob ich bereit bin, das mitzutragen. Bald ist diese Vorzeigeschule nicht mal mehr Standard." Einige Eltern gaben zu, mit dem Gedanken zu spielen, ihr Kind wieder abzumelden und an andere Schulen zu schicken. Das Wort Privatschule machte die Runde.
Ministerin Bulmahn appellierte: "Ganztagsschulen brauchen engagierte Lehrerinnen, Lehrer und Eltern. Klinken Sie sich nicht aus!" Mario Dobe entgegnete: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass all unser Engagement nichts nützt, wenn immer mehr Lücken von uns geschlossen werden müssen. Das ist demotivierend." Auch der Schulleiter hatte noch einen Wunsch an die Politiker: "Wir wissen, dass Sie nicht direkten Einfluss auf diese Entscheidungen nehmen können. Wir bitten Sie aber, unsere Bedenken an diejenigen weiterzuleiten, die zu entscheiden haben".
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 17.06.2005
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