10. Juni 2005
Maßnehmen in Hessen
In Hessen sollen Ganztagsangebote "nach Maß" ausgebaut werden. Neue Ganztagsangebote werden differenziert in die Fläche verteilt. Doch der Ausbau der Ganztagsangebote soll insbesondere der verbesserten Betreuung und Kooperation zugute kommen. Wie sieht es mit dem inhaltlichen und qualitativen Profil "ganztägig arbeitender Schulen" aus?
"Der Ausbau von Ganztagsangeboten an hessischen Schulen zählt zu den wichtigsten Vorhaben der Landesregierung", so die hessische Kultusministerin Karin Wolff im Vorwort der 2005 erschienenen Broschüre "Ganztägig arbeitende Schulen. Mehr Zeit für Bildung". Offiziell heißt das hessische Ganztagsschulprogramm "Ganztagsprogramm nach Maß". Wo liegen die Schwerpunkte des hessischen Programms? Quo vadis Hessen?
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- Vielfalt, Quantität und Qualität, Betreuung und Kooperation, mit diesen Stichworten kann man den Ausbau des Ganztagsangebots in Hessen vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck bringen. Stichwort Vielfalt: Von insgesamt 2300 Schulen in Hessen wurden zum Schuljahr 2003/04 bereits 223 Schulen aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB)" des Bundes gefördert. Schaut man genauer hin, dann finden sich darunter Grundschulen, Gymnasien, Realschulen, Sonderschulen und Waldorfschulen.
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- Große Vielfalt
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- Doch Vielfalt bedeutet nicht Beliebigkeit. Das "Ganztagsprogramm nach Maß" hat einen kooperativen Ansatz gewählt. Land, Schulträger und Jugendhilfeträger gestalten gemeinsam die Ganztagsangebote vor Ort. Grundlage dafür ist § 15 des Hessischen Schulgesetzes.
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- Das Kultusministerium entscheidet bei der Vergabe von IZBB-Mitteln nach einer Prioritätenliste, nach regionaler Ausgewogenheit und nach gegebenem Bedarf. Schulen, die sich für eine Förderung stark machen, müssen zudem ein pädagogisches Konzept vorlegen. Darüber hinaus müssen sie Kooperationen mit außerschulischen Partnern nachweisen und Ganztagsräume mit der Möglichkeit für ein Mittagsessen durch den Schulträger vorweisen.
- In Hessen gibt es drei Modelle ganztägig arbeitender Schulen.
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- Einmal Schulen mit so genannter "pädagogischer Mittagsbetreuung" von 7:30 bis 14:30 Uhr mit Angeboten an mindestens drei Tagen (191 Schulen / Stand Schuljahr 2004/05). Außerdem die "kooperative Ganztagsschule in offener Konzeption" mit Angeboten an fünf Tagen der Woche (35 Schulen / Stand Schuljahr 2004/05) und schließlich die "kooperative Ganztagsschule in gebundener Konzeption" von 7:30 Uhr bis 17 Uhr (Freitags bis 14 Uhr) mit Pflichtunterricht und möglicher Rhythmisierung (61 Schulen/ Stand Schuljahr 2004/05).
- Es ist vorgesehen, dass die Schulen zunehmend ,echte' Ganztagsschulen werden, also die Stufe der gebundenen Form erreichen können. Ganztägig arbeitende Schulen in Hessen müssen als Mindeststandard drei Merkmale erfüllen: Sie müssen ein warmes Mittagsessen sowie eine Hausaufgabenbetreuung anbieten, sie sollten Förderunterricht und Wahlangebote zur Verfügung stellen, und von ihnen wird ein verlässliches Bildungs- und Betreuungsangebot vor und nach dem Unterricht erwartet.
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- "Zusammen mit den Förderschulen arbeiten im Schuljahr 2004/05 in Hessen ca. 290 Schulen in der Primarstufe und in der Sekundarstufe I ganztägig", schreibt Wolf Schwarz in der Broschüre "Ganztägig arbeitende Schulen" des Hessischen Kultusministeriums. Rein nominell gesehen, befindet sich Hessen im Zuge des Ganztagsschulausbaus bundesweit also auf einem vorderen Platz, zumal im kommenden Schuljahr noch einmal 50 Schulen hinzukommen. Damit hat Hessen in den letzten drei Jahren die Zahl der ganztägigen Schulen um 140% gesteigert.
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- Quantität und Qualität
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- Stichwort Quantität: Um im Rahmen des Bundesinvestitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" Vielfalt im Land zu gewährleisten, gibt das hessische Kultusministerium jährlich rund 33 Mio. Euro für insgesamt rund 710 zusätzliche Lehrerstellen im Ganztagsprogramm aus. Derzeit liegen dem Hessischen Kultusministerium rund 350 Anträge auf Förderung durch das IZBB vor. Doch aus finanziellen Gründen kann nur ein Teil der Schulen ausgewählt werden.
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- Ein Löwenanteil der Bundesförderung geht dabei - wie oben gesehen - auf "Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung". Solche Schulen bekommen eine halbe bis ganze Lehrerstelle zusätzlich bewilligt, und sie arbeiten auf freiwilliger Grundlage mit externen Kooperationspartnern zusammen. Mit der breiten Förderung solcher Ganztagsangebote möchte das Land Hessen eine flächendeckende Versorgung erreichen, die nicht zuletzt "dem Bedarf in den Städten und Ländern gerecht werden" soll, so Kultusministerin Wolff in der genannten Broschüre.
- Die Vorsitzende des Landeselternbeirates Hessen, Sibylle Goldacker, wünscht sich mehr ,echte' Ganztagsschulen und eine bessere personelle Ausstattung. Ein Großteil der Ganztagsschulen sind aus ihrer Sicht eher "Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung". Angesichts der schwierigen Haushaltslage würden auch die Lehrerstellen nicht weiter aufgestockt. "Der Ausbau sollte zügiger vorangehen und mit pädagogischen Konzepten verbunden werden." Ganztagsschulen sind für Sibylle Goldacker vor allem dann eine "sinnvolle Sache", wenn sie gestuft als rhythmisierte Einrichtungen hoch gebaut werden.
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- Mehr Innovation gefordert
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- Stichwort Qualität: Beispiele für Qualität in Hessen sind die gebundene Ganztagsschule in Wiesbaden, die Hermann-Ehlers-Schule, oder die Ganztagsschule Hegelsberg in Kassel, über deren Lernatelier-Konzept wir demnächst berichten werden. Oder die Paul-Hindemith-Schule in Frankfurt am Main. Seit 20 Jahren ist sie eine gebundene Ganztagsschule. "Für uns sind innovative pädagogische Konzepte enorm wichtig", sagt Christoph Baumann.
- Die Frankfurter Schule hat - wie viele gebundene Ganztagsschulen - ein Problem: Das Lehrpersonal reicht nicht aus. Um auch nachmittags Unterricht zu veranstalten, werden vormittags lediglich fünf Stunden angeboten. "Dadurch rutscht ein Teil des Unterrichts in den Nachmittag.
- Christoph Baumann, Lehrer für Biologie und Gesellschaftslehre und stellvertretender Vorsitzender der GEW Hessen in Personalunion, sieht kaum Möglichkeiten, die Ganztagsschulen über die vorhandene Personaldecke zu verbessern, denn Hessens Lehrerinnen und Lehrer müssen neuerdings ohnehin länger arbeiten, sie arbeiten je nach Schulform zwischen 24 und 29 Lehrerwochenstunden.
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- Und das Programm "Geld statt Stelle", mit dem durch viele kleinere Werkverträge eine bessere und intensivere Betreuung gewährleistet werden soll, kann auch nicht alle Personalprobleme beheben. Ein Beispiel. Seit drei Jahren bietet die Schule einen Trommelkurs durch einen externen Mitarbeiter an. Das Problem des Kursleiters: Mangels pädagogischer Ausbildung kann er die große Gruppe nicht immer zusammen halten, einzelne Schülerinnen und Schüler klinken sich aus. Daher musste der Kurs durch einen Lehrer verstärkt werden. Ergo lautet das Credo von Baumann: "Ohne mehr Geld geht es nicht." Der Lehrer sieht keine Möglichkeit, die Situation über die aktuelle Personalplanung zu lösen, denn mehr Betreuung müsse auch bezahlt werden.
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- Quo vadis Hessen?
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- Stichwort Kooperation und Jugendhilfe: Ein Blick in die Broschüre "Ganztägig arbeitende Schulen" verdeutlicht den hohen Stellenwert, den das Land Hessen sowohl der Betreuung wie der Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe beimisst. Auf 20 Seiten findet man dort eine gut aufbereitete Liste unterschiedlichster Kooperationspartner. Diese reichen vom Ganztagsschulverband Hessen über die Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Jugendhilfe, Deutscher Kinderschutzbund bis zum Landessportbund und verschiedenen Kultureinrichtungen.
- Hessen möchte mit seinem Ganztagsschulprogramm nicht zuletzt Beruf und Familie harmonisieren. Kein Zweifel: Das Potential beim Ausbau der Ganztagsschulangebote ist - nicht zuletzt - dank der guten finanziellen Situation des Landes Hessen - hoch einzustufen. Es muss allerdings auch konsequent umgesetzt und mit inhaltlicher Qualität gefüllt werden.
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- Die neu erschienene Broschüre "Ganztägig arbeitende Schulen. Mehr Zeit für Bildung" ist kostenlos und wird an Schulen und Einrichtungen der Lehrerfort- und Weiterbildung verteilt.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 10.06.2005
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