Die Georg-Christoph Lichtenberg-Gesamtschule ist fast eine kleine Stadt für sich - und als Besucher muss man aufpassen, sich nicht zu verlaufen. Werkräume zur Verarbeitung von Holz, Stoff und Metall, eine Disco, eine Lehrküche, ein Kino, ein Theater, eine Teestube, ein Billardzimmer, Musikräume, eine Bibliothek mit 80 Arbeitsplätzen, ein Spielbereich mit Tischtennisplatten und Kickertischen, eine riesige Mensa, Labore - das Schulleben ist so vielfältig wie das Angebot an Arbeitsgruppen und Fächern.
Bei einem Rundgang durch die noch immer nicht ganz leere Schule am Nachmittag verschafften sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung "Ganztagsschule als Gesamt-Kunst-Werk" der Werkstatt 2 "Unterricht und Förderkonzepte" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung am 30. Mai 2005 einen Überblick. Besonders wichtig war es Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger darzustellen, wie die Sozialpädagogen in den Schulalltag eingebunden sind. Die Spielezentrale, in der Spiele oder Zubehör gegen Hinterlegen des Schülerausweises ausgeliehen werden, ist mit den drei Sozialpädagogen besetzt. Die Kinder und Jugendlichen - pro Pause sind es etwa 50 bis 100 - kommen also wie von selbst mit ihnen ständig zusammen. "Der Kontakt ist niederschwellig, und die Pädagogen werden von allen anerkannt", berichtete Vogelsaenger. "Der Erfolg unserer Schule basiert auf Vertrauen, aber auch straffen Regeln - ohne die geht es nicht."
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren beeindruckt von der Schule wie vom pädagogischen Konzept der Arbeit in Teams und den ausführlichen Lernentwicklungsberichten statt Notengebung bis zur 8. Klasse. "Kein Schüler verlässt unsere Schule, ohne zu wissen, dass er irgendetwas kann", bekräftigte der Schulleiter das Ziel der IGS Göttingen, jedem Einzelnen gerecht zu werden.
Bewegung für Konzentration und gegen Aggression
Dass diese Gesamtschule nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum ist, konnten alle Beteiligten sehen. Die Diplompsychologin Oggi Enderlein, die in Berlin die Werkstatt 4 "Lebenswelt" leitet, bekräftigte in ihrem Vortrag am nächsten Tag, dass Schule "Lebensraum für Kinder" sein müsse. "Uns fehlen oft die harten Fakten und Argumente für eine andere Pädagogik oder für Ganztagsschulen", schickte die Psychologin voraus. "Wir bekommen oft zu hören: Schule ist nun mal hart, und mir hat es auch nicht geschadet."
Um Schule für Kinder nicht nur erträglich, sondern zu einem Ort des Wohlfühlens zu machen, seien einfühlsame, unterstützende Lehrer gefragt, die die Schüler ernstnähmen. Sie müssten den Kindern vor allem auch dann Rückmeldung geben, wenn diese etwas richtig gemacht hätten. Das Anforderungsniveau müsse individuell zugeschnitten werden, den Schülern etwas zugetraut werden. Wesentlich sei, dass die Kinder und Jugendlichen dabei ihre Umwelt erkunden und sich bewegen könnten. Bewegung steigere die Konzentration, baue Aggressionen ab und erhöhe das Wohlbefinden. "Wir müssen die Kinder sich selbst überlassen, ohne sie aus den Augen zu verlieren", lautete das Fazit der Psychologin.
Hemmschwelle vor Evaluation
Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass über mehr Partizipation und mehr Identifikation eine bessere Schulatmosphäre mit weniger Aggression und Angst entstehen würde, die eine bessere Lernleistung und - auch für die Lehrerinnen und Lehrer - eine bessere Lernatmosphäre ermögliche. "Dass wir darüber so schnell zu einen Konsens kommen, hätte ich nicht gedacht", zeigte sich Wolfgang Vogelsaenger erfreut. "An unserem Schulumfeld müssen wir allerdings noch etwas machen", gestand der Schulleiter, "aber dafür erhalten wir 100.000 Euro Unterstützung aus dem Investitionsprogramm ,Zukunft Bildung und Betreuung' des Bundes und fangen bald damit an."
Dennoch blieben Fragen offen. "Was sind Prinzipien, Kriterien, die man übertragen, an die man anknüpfen kann?", fragte Sabine Heinbockel von der Serviceagentur Bremen. Und welchen Beitrag können die Serviceagenturen dazu leisten?
Wolfgang Vogelsaenger berichtete von seinem Schulentwicklungsprojekt, das "Impuls - Institut für Schulentwicklung" in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein anbiete. Stadt, Schulleitung und Kollegium schlössen feste Vereinbarungen mit den "Impuls"-Pädagogen als Coaches ab. Diese begleiteten den Schulalltag für drei Tage und stellten dann einen Plan mit schnell wirksamen Maßnahmen auf. Mit dem Kollegium und der Schulleitung werde dann ein Fahrplan entwickelt und eine Zukunftswerkstatt abgehalten. Die Schulbegleitung kann bis zu fünf Jahre dauern. "Wichtig ist, dass die Regionale Steuerungsgruppe aus Politik, Verwaltung, Schulleitung, Partnern aus der Wirtschaft, Universität und uns nicht nebenher läuft und die Kompetenzen ungeklärt sind, sondern dass sie voll eingebunden ist", erklärte Vogelsaenger. "Es geht, wenn alle mitmachen."
"Impuls"- und Werkstattmitarbeiterin Stefanie Wilkening ergänzte, dass "Schulen immer noch eine Hemmschwelle vor Evaluation haben. Die Schulentwicklung ist aber der Punkt, an dem es brennt und an dem wegen fehlender Beratung nichts stattfindet." Die Serviceagenturen könnten regional Schulentwicklungsforscher zusammenbringen, eine Verständigung über die Ziele schaffen und mit ihnen Module zur Fortbildung entwickeln. Die Serviceagenturen könnten dann Fortbilder einkaufen, die ein Multiplikatorentraining veranstalteten. "Wir müssen die Fortbilder in die Praxis holen", forderte Vogelsaenger.
Handreichungen und Vermittlungen durch die Werkstätten
In Nordrhein-Westfalen möchte die Serviceagentur Fortbildungen an 200 bis 250 Schulen durchführen. Diese Schulen sind im Qualitätszirkel namens QUAST (Qualitätsverbesserung im Offenen Ganztag) verbunden. "Am 30. Juni 2005 werden diese Schulen ihren konkreten Beratungsbedarf melden", berichtete Sabine Wegener von der Serviceagentur. "Wir wollen von jeder Schule zwei Lehrer fortbilden. Gut wäre es, wenn die Werkstätten jemanden schicken könnten, wenn es an Schulen Probleme gibt."
Experten und Handreichungen wünschte sich auch Sylvia Ruge, die die Serviceagentur Sachsen-Anhalt leitet. Diese wird erst in dieser Woche eröffnet. "Wir haben noch keine Kooperationsverträge mit den Schulen und müssen erst mal abwarten, welcher Bedarf konkret besteht", erzählte die Werkstattleiterin.
"Lust zur Zusammenarbeit"
In Mecklenburg-Vorpommern geht es "langsamer voran als gedacht", wie Nils Kleemann berichtete. Seine Serviceagentur begleitet derzeit vier Schulen und hat zwei Multiplikatorinnen gefunden. Auf Regionaltreffen berät man Schulen über den Aufbau und die Organisation von Ganztagsschulen. Wie in Nordrhein-Westfalen will man Qualitätszirkel aufbauen. "Wir brauchen aber noch Konkretes zur Schulentwicklung", bat auch Kleemann um Handreichungen.
Wolfgang Vogelsaenger kann bereits für seine Werkstatt Datenblätter zu Ganztagsschulkonzepten, Rhythmisierung, Methoden, Organisation, Evaluation und Strategie zum Runterladen im Internet anbieten. Krimhild Strenger, deren Werkstatt 3 "Kooperation mit außerschulischen Partnern" bereits im April eine Fachtagung in Hamburg veranstaltet hatte, hofft, viel vor Ort sein und in die Praxis gehen zu können. "Bisher haben wir zu unserem Thema recherchiert, Papiere erstellt und Literaturempfehlungen zusammengetragen", erzählte die Diplomsozialpädagogin. Auch hier sollen Multiplikatoren ausgebildet werden.
Oggi Enderleins Werkstatt 4 versteht sich als "Kür". Ursprünglich waren nur drei Werkstätten eingeplant, aber angeschlossen an das Projekt "Initiative für große Kinder", in dem Mediziner, Soziologen, Pädagogen und Sprachwissenschaftler ihr Fachwissen zusammenbringen, um das Kind als Ganzes zu sehen, hat sich nun "Lebenswelt" als vierte Werkstatt etabliert. "Wir müssen noch persönliche Kontakte knüpfen, wollen einen Katalog erstellen und Vorträge im Raum Berlin-Brandenburg vermitteln", berichtete die Werkstattleiterin. Am 22. Juni 2005 öffnet die Werkstatt offiziell mit einer Veranstaltung in der Berliner Hunsrück-Grundschule.
"Ich bin optimistisch, dass wir Partner finden", meinte Sylvia Ruge vor der Start ihrer Serviceagentur in Sachsen-Anhalt. "Ich habe Lust zur Zusammenarbeit."
Lesen Sie hier den ersten Teil unserer Reportage über die Tagung der Werkstatt 2 in Göttingen.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 07.06.2005
© www.ganztagsschulen.org
Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
www.ganztaegig-lernen.de [zur Website]

www.igs-goettingen.de [zur Website]
