Auf dem Bahnhof von Göttingen begrüßen Schilder den Reisenden, auf denen zu lesen steht: "Die Stadt, die Wissen schafft". Die niedersächsische Stadt ist einer der bedeutendsten Universitätsstandorte. Am 30. und 31. Mai 2005 wollten rund 20 Pädagoginnen und Pädagogen ihr Wissen auf dem Feld der Ganztagsschule erweitern. Die Werkstatt 2 "Unterricht und Förderkonzepte" innerhalb des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung hatte zur Fachtagung "Ganztagsschule als Gesamt-Kunst-Werk" in die Georg-Christoph Lichtenberg-Gesamtschule in den Vorort Geismar eingeladen.
Vor genau 30 Jahren entstand dort nach einem Besuch von Pädagoginnen und Pädagogen in Schweden auf der grünen Wiese eine Schule, die ein anderes Lernen und Lehren ermöglichen wollte als die traditionellen Schulformen. Diesen Anspruch hat die Integrierte Gesamtschule bis heute und möchte auch andere Schulen überzeugen, ihren Weg zu gehen. Das Entstehen der Ganztagsschulen bietet dazu die Möglichkeiten, denn mit herkömmlichen Frontalunterricht in 45 Minuten-Häppchen und anschließender Freizeitbeschäftigung werden die Ganztagsschulen dem Anspruch, die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen zu verbessern, nicht gerecht werden.
Aber: "Haben wir die gleiche Vorstellung von guter Schule, von einer guten Ganztagsschule?", fragt Wolfgang Vogelsaenger gleich zur Begrüßung in die Runde, die sich im Lichtenbergsaal der IGS versammelt hat. Vogelsaenger ist seit drei Jahren Schulleiter an der Gesamtschule und zornig, dass "alle ins Ausland fahren, um sich gute Schulen anzusehen, während es gute Beispiele wie uns auch in Deutschland gibt, die aber zunehmend kaputt gemacht werden". Immer weniger Lehrerstunden, sinkende Ganztagsschulzuweisungen an Stunden, das Ersetzen von Lehrpersonal in den Arbeitsgemeinschaften durch Studenten machen der IGS Göttingen zu schaffen. "Vielleicht ist es einfacher, ins Ausland zu fahren, weil man dann leichter zurückkommen kann, um zu verkünden, dass sich die dortigen Strukturen nicht auf Deutschland übertragen lassen", schimpft der Schulleiter.
Lernen muss Spaß machen
Um zu zeigen, dass ein anderes Lernen möglich ist, hat die Werkstatt 2, die Vogelsaenger zusammen mit der Lehrerin Stefanie Wilkening bildet, direkt vor Ort eingeladen. "Wir wollen euch die Schule zeigen, und wie sie arbeitet", erklärt der Schulleiter. Gekommen sind Vertreterinnen und Vertreter der drei anderen Werkstätten und der Serviceagenturen aus Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. In letzterem Land wird die Serviceagentur in der kommenden Woche eröffnet, in der Hansestadt wurde in der Vorwoche der offizielle Startschuss durch den Besuch von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn gegeben.
Über eins ist sich Wolfgang Vogelsaenger im Klaren: In der Öffentlichkeit wird eine Pädagogik wie an seiner Schule schnell als "Kuschelpädagogik" abqualifiziert. Die IGS Göttingen setzt auf die Heterogenität der Klassen, auf Arbeiten im Team sowohl bei den Schülern wie auch den Lehrern und favorisiert die Freiarbeit und Wochenpläne. Viele Eltern sorgen sich um die Konkurrenzfähigkeit ihrer Kinder nach Verlassen der Schule und finden, dass Lernen dem Ernst des Lebens gerecht werden muss und von daher keinen Spaß machen soll. Letzteres erreicht das deutsche Schulsystem zumindest. Vogelsaenger präsentierte eine Umfrage unter Schülerinnen und Schülern der Klassen eins bis 13. Während in der ersten Klasse nahezu 100 Prozent angaben, mit Spaß in der Schule zu lernen, stürzt dieser Wert bis Klasse sechs auf 20 Prozent und befindet sich spätestens mit der zehnten Klasse mit zehn Prozent auf dem absoluten Tiefpunkt.
Doch Vogelsaenger sieht die Chance, das Vorurteil, Spaß und Lernen schlössen sich aus, zu durchbrechen. "Die Hirnforscher mit ihren Ergebnissen haben uns da schon geholfen. Es ist klar erwiesen, dass Lernen ohne Spaß sinnlos ist, weil nichts hängen bleibt", so der Lehrer. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff habe sich gleich zweimal mit dem Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther getroffen, um sich diese These näher erläutern zu lassen, und ist laut Vogelsaenger beeindruckt gewesen.
Jedes Kind fordern - aber nach seiner eigenen Leistungsfähigkeit
Neben der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Lernen in Druck- und Angstsituationen fehl geht, verweist der Schulleiter auch auf die guten Ergebnisse seiner Schülerschaft. Rückmeldungen von Universitäten und aus der Wirtschaft zeigten, dass die IGS-Schülerinnen und Schüler selbstständiger seien, sich besser organisieren könnten und über Tugenden verfügen, die viele Betriebe bei Absolventen heute vermissen: Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, Höflichkeit. Das Arbeiten in Teams schafft eine soziale Kontrolle und einen gewissen Druck, bei Schülern wie Lehrern. "Alle Kinder müssen bis an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gefordert werden", so Vogelsaenger, "aber eben jedes Kind nach seinen Leistungsmöglichkeiten. Dies muss einhergehen mit einem großen Maß an Zuwendung und Verantwortung."
Beim klassischen Halbtagsunterricht mit dem Trugschluss einer homogenen Klasse orientiere sich der Lehrer an einem Leistungsmittel, bei dem sowohl die hochbegabten wie auch die leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler verlören: Die einen würden unterfordert, ihre Potentiale nicht ausgeschöpft, die anderen überfordert, abgehängt, blieben sitzen oder würden abgeschult. Statt des derzeitig differenzierten Systems forderte Vogelsaenger eine "Schule für alle" wie die IGS Göttingen, die sich hohes Ansehen in Göttingen erworben habe, Lebenserfolge der ehemaligen Schülerinnen und Schüler vorweisen und eine hohe Arbeitszufriedenheit des Kollegiums mit geringem Krankenstand vorweisen könne.
Gute Beispiele wie die IGS Göttingen gibt es, besonders Reinhard Kahls Film "Treibhäuser der Zukunft" dokumentiert diese. Doch für die Gruppe im Lichtenbergsaal äußerte Sabine Heinbockel von der Serviceagentur Bremen den Vorbehalt, das Zeigen solcher gelungenen Schulen sei für viele Pädagogen wertlos, wenn nicht klar würde, wie diese Schulen einmal angefangen hätten und wodurch dabei Probleme bewältigt werden konnten. "Man schaut sich die Bilder schwedischer Schulen an, hört die begeisterten Berichte von Kollegen, die diese besucht haben, und fragt sich, wie die eigene Schule jemals so werden soll."
"Schulreform muss in den Köpfen anfangen"
Wolfgang Vogelsaenger wich dieser Frage nicht aus. Zwar hat er den Aufbau der IGS Göttingen nicht initiiert, aber an der Integrierten Gesamtschule Vahrenheide in Hannover stieß er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen große Veränderungen an. An dieser Schule in einem sozial schwierigen Umfeld mit hoher Arbeitslosigkeit, vielen Sozialhilfeempfängern und Migranten unterrichtete Vogelsaenger eine Klasse mit Schülern aus 15 Nationen. "Homogenität war hier nicht zu verwirklichen", erzählte der Schulleiter, "also musste man umdenken." Gegen den Widerstand großer Teile des Kollegiums erreichten er und Kollegen die Ausnahmegenehmigung der Schulleitung, einen Jahrgang nach eigenen Vorstellungen zu unterrichten. Mit Freiarbeit, Wochenplan, fachübergreifendem Unterricht, heterogenen Leistungsgruppen, durch Selberlernen und gegenseitigem Beibringen. Letztere Lernmethode sei die erfolgreichste: 95 Prozent des Gehörten merke man sich, wenn man es zuvor selbst erklären musste. Beim Lesen oder Hören liegen diese Quoten bei lediglich zehn beziehungsweise 20 Prozent.
"Die Schulreform muss in den Köpfen anfangen", fordert Vogelsaenger. Während es zu Beginn offene Anfeindungen von Kollegen gab, die bis zu Absurditäten wie getrennten Kaffeemaschinen gereicht hätten, ist das damals erprobte Modell nun von der ganzen Gesamtschule Vahrenheide übernommen worden. "Man braucht viel Kraft, um sich gegen Widerstände durchzusetzen, man benötigt ein Team mit einem festen Ziel, das zusammenhält und sich nicht auseinander dividieren lässt", berichtete der Lehrer über die Voraussetzungen, etwas in einer Schule zu verändern. "Als wir unseren Jahrgang der Oberstufe übergaben, waren die Kollegen erstaunt, wie gut die Leistungen waren. Und das Evaluieren der Leistungen muss über den Abgang von der Schule weiter betrieben werden. Es reicht nicht, einen Schüler, den man zufällig an der Bushaltestelle trifft, zu fragen, was aus ihm geworden ist."
Sich in der Schule sicher fühlen
In Vahrenheide gelang es, im Klassenverband mit den 15 Nationen fast keinen verloren geben zu müssen. "Die Schülerinnen und Schüler haben sich in ihrer Schule sicher gefühlt, keine Angst gehabt. Jeder hat das Gefühl vermittelt bekommen, dazuzugehören und Mitglied einer Gruppe zu sein", erklärte Vogelsaenger. Soziales Lernen sei einher gegangen mit dem Erwerb von im Leben benötigten Wissen, Kompetenzen und Erfolgen. Zweck und Ziel des Lernens seien dabei stets deutlich gemacht worden.
"Ich kann mir einen anderen Unterricht überhaupt nicht mehr vorstellen", berichtete Wolfgang Vogelsaenger der Gruppe, "es gibt meiner Ansicht nach auch keinen besseren. Es spricht nichts gegen unsere Methode, aber viel gegen Frontalunterricht und Hufeisenform." Daher sind die in Vahrenheide eingeführten und bewährten Lehr- und Lernmethoden auch in der IGS Göttingen Standard. Einer Schule mit über 1.300 Schülerinnen und Schülern, 130 Lehrerinnen und Lehrern, sechs Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Lesen Sie am hier den zweiten Teil unserer Reportage über die Tagung der Werkstatt 2 in Göttingen.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 03.06.2005
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