Online-Redaktion: Frankreich ist traditionelles Ganztagsschulland. Was interessiert französische Experten eigentlich an den deutschen Ganztagsschulen, die ja überwiegend frisch aus der Taufe gehoben wurden?
Aubert: Französische und deutsche Bildungspolitiker möchten mit den Themen Ganztagsschule und vorschulische Förderung einen neuen Dialog ankurbeln, der über die Förderung der jeweiligen Sprache im Nachbarland hinausgeht. Ein Informations- und Erfahrungsaustausch im Bereich Schulorganisation ist sehr begrüßenswert.
Frankreich kann auf beiden Gebieten auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken, die von vielen Erfolgen, aber auch gewissen Unzulänglichkeiten geprägt ist. Deutschland indessen beweist in dieser Probephase großen Ideenreichtum und Vielfalt, das interessiert uns sehr.
Die Hintergründe für die unterschiedlichen Herangehensweisen muss man woanders suchen: Entscheidend ist doch, dass trotz der Differenzen sich beide Systeme heutzutage den gleichen Herausforderungen stellen müssen:
- Sie müssen zur Mobilität der Bürger beitragen, auch außerhalb der nationalen Grenzen. Dies setzt national wie international kompatible Schullaufbahnen? voraus und eine starke Öffnung nach außen. Wie kann Schule in diesem Prozess entwickelt werden, bis wohin?
- Die Integration von Migranten muss verbessert werden, was durch das Erlernen der Landessprache am besten erreicht werden kann. Aber wo sollte man ansetzen und wie weit sollte man gehen?
- Die Leistungen der Schulsysteme müssen erhöht werden: Die Veröffentlichung verschiedener Erhebungen der letzten Zeit, beispielsweise PISA, zeigen, in beiden Ländern kann und muss für die gesamte Schülerschaft mehr getan werden!
Wenn man diese Probleme lösen will, kommt man schnell dazu, die Aufteilung der Arbeitszeit der Schülerinnen und Schüler auf verschiedenen Ebenen zu betrachten: Gestaltung des Unterrichtstages, der Arbeitswoche bzw. des Schuljahres und die Dauer der gesamten Schulzeit:
- Die Überlegungen zur Dauer und Gestaltung der täglichen Arbeitszeit führten z. B. in Deutschland zur Einrichtung der Ganztagsschulen.
- Zur Dauer und Gestaltung der wöchentlichen bzw. jährlichen Arbeitszeit machen verschiedene Betreuungseinrichtungen in Frankreich interessante Angebote.
- Zur Dauer der gesamten Schulzeit gehört u. a. der frühe Schuleintritt (Kindergartenalter in Deutschland und "Ecole maternelle" in Frankreich).
Uns interessieren die neuen Lösungen, die Deutschland umsetzen möchte. Das ist eine gute Gelegenheit, von den Vorurteilen und Klischees wegzukommen, die trotz aller Nähe und Freundschaft in Bezug auf das Schulsystem des Nachbarlandes auch weiter bestehen. Die Realität ist glücklicherweise viel reicher als die stereotypen Vorstellungen, die viele haben.
Für Frankreich ist es in diesem Zusammenhang interessant zu sehen, mit welcher Ideenvielfalt Deutschland daran geht, traditionelle räumliche und zeitliche Rahmen zu ändern, die Aktivitäten besser auf das Schulpublikum abzustimmen und neben dem Lehrer andere Ausbilder bzw. Pädagogen einzubeziehen.
Online-Redaktion: Frankreich und Deutschland haben beinahe diametral unterschiedliche Bildungssysteme: Zentrale Steuerung der Schulen auf der einen, föderalistische Strukturen auf der anderen Seite. Wo sehen Sie dennoch Berührungspunkte und gemeinsame Ansätze?
Aubert: Es stimmt schon, dass unsere Schulsysteme aus historischen Gründen recht unterschiedlich sind, aber sie haben sich in den vergangenen 25 Jahren immer mehr angenähert.
In Frankreich ist der Prozess der Dezentralisierung in Gang gebracht worden, um die Verwaltung der Schule besser auf die Bedürfnisse der Nutzer auszurichten: In diesem Bereich hat Deutschland schon eine lange Erfahrung und die einzelnen Bundesländer können den Verantwortlichen in den Regionen und Rektoraten Frankreichs viel zeigen.
In Deutschland wird man sich der Notwendigkeit immer bewusster, dass Schule und Universität von einem Land zum anderen kompatibel sein müssen: Das französische System, das auch regionale Programme beinhaltet (Sprachen, Landeskunde etc.) bleibt im Wesentlichen von einer Region zur anderen gleich.
In beiden Ländern ist das Sprachenlernen ein Problem: Dazu gehört das Erlernen der Nationalsprache für alle Schüler (insbesondere auch für die Schülerinnen und Schüler, die sie nicht als Muttersprache haben) sowie die Einbeziehung der jeweiligen Muttersprache und der frühestmögliche Beginn des Fremdsprachenunterrichts.
Um die Mobilität unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu fördern, müssen wir unsere Schulen international ausrichten, aber wir wollen dabei nicht die Früchte unserer erzieherischen Tradition verlieren: Deshalb haben Deutschland und Frankreich einem rein bikulturellen Modell (z. B. zweisprachige Züge, die zum ABIBAC führen) dem internationalen Import gegenüber den Vorrang gegeben.
In beiden Ländern (Ganztagsschule in Deutschland und "Contrats Educatifs Locaux" in Frankreich) werden Ausbilder und Betreuer herangezogen, die z. T. aus der Zivilgesellschaft kommen. Der Vergleich zwischen den beiden Herangehensweisen ist sehr fruchtbar.
Online-Redaktion: Wie können Ganztagsschulen trotz knapper öffentlicher Kassen trotzdem die dringendsten Probleme lösen und wie sollten diese Ganztagsschulen idealer Weise beschaffen sein?
Aubert: Sicherlich bringen diese Pläne Kosten mit sich, aber es wäre auf lange Sicht noch kostspieliger, sich nicht um die Lösung dieser drängendsten Probleme zu kümmern. Da müssen politische Entscheidungen getroffen werden, und zwar nicht von den Bildungsexperten. Deren Rolle ist es, beratend und mit stichhaltigen Argumenten und Erhebungen, die Entscheidungsfindung zu unterstützen.
Das Geld, das der frühere Schuleintritt der Kinder kosten wird, spart man ohne Zweifel an anderer Stelle ein, da eine bessere Integration der Migrantenkinder und bessere Schulleistungen der gesamten Schülerschaft nutzen werden. Allerdings wird es nicht einfach sein, diese Einsparungen zu beziffern.
Lassen Sie mich ein Beispiel nennen, das die Ganztagsschule wie auch den Kindergarten betrifft: Wir haben in Frankreich gesehen, wie die Entwicklung der «école maternelle» der Arbeit bzw. der Erwerbstätigkeit der Frauen zugute gekommen ist. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, scheint diese Frage nicht ganz aktuell zu sein. Wenn wir aber den Demographen Glauben schenken, werden wir in den nächsten Jahrzehnten, insbesondere in Deutschland, gezwungen sein, verstärkt ausländische Arbeitnehmer einzustellen. Das heißt für uns, dass wir heute schon die Lösungen für morgen vorbereiten.
Was die Ganztagsschule in Deutschland angeht, so kostet die Öffnung der Schule am Nachmittag Geld, so wie dies auch der Fall für die französischen «Contrats Educatifs Locaux» ist. In diesem Zusammenhang stellt sich also die Frage, wem der Vorrang gilt: Schülern mit besonderen Defiziten oder Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern? Oder allen interessierten Schülern?
Und wozu soll diese neu gewonnene Zeit vorrangig genutzt werden? Zur Sozialisierung aller Schülerinnen und Schüler? Soll ihnen gezeigt werden, dass die Schule auch ein Ort angenehmer Erfahrungen sein kann? Soll den Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten geholfen werden, indem man ihnen die Inhalte einmal anders präsentiert? Das sind nur einige Probleme, die verdeutlichen, was ich meine.
Online-Redaktion: Sollte man Bildungspolitik in Zukunft sogar stärker unter europäischen Gesichtspunkten gestalten und welche Rolle spielen dabei die Ganztagsschulen und die französisch-deutsche Zusammenarbeit?
Aubert: Bei der Gründung der Europäischen Union blieb die Bildung weitestgehend in der Verantwortung der Mitgliedsstaaten. Aber das Bedürfnis nach mehr Mobilität der Europäer - innerhalb Europas und auch außerhalb - verlangt eine größere Kompatibilität der Systeme. Im Bereich der Hochschulen und Universitäten mit der immer höheren Zahl an Erasmus-Austauschstudenten hat man mit der Einführung des Bachelor-Master-Modells auf die neuen Anforderungen reagiert.
Im schulischen Bereich, so scheint es mir, kann der begonnene Dialog über Schulrhythmus und frühe Förderung (Ganztagsschule und Kindergarten) zwischen zwei Ländern wie Deutschland und Frankreich mit so unterschiedlichen Traditionen auch andere Länder interessieren, insofern er konkrete Vorschläge hervorbringt. Ich denke dabei vor allem an Länder, die vergleichbar sind in Bezug auf ihre Größe und die sozialen Probleme, wie zum Beispiel die Einwanderung.
Wir werden deren Interesse wecken, wenn wir zum Beispiel in der Beantwortung der Fragen zur Reorganisation des ganzen Schulrhythmus weiterkommen: Wie kann das Erlernen der Nationalsprache verbessert werden, im Zusammenspiel mit anderen Sprachen (Fremdsprachen oder Muttersprache)? Wie können die bilingualen Schulzweige und Diplome verbessert und in eine bi- bzw. multikulturelle Schulkarriere integriert werden, die von den Universitäten und den europäischen Arbeitgebern anerkannt werden? Wie können Schülerleistungen im Fremdsprachenunterricht bewertet werden, insbesondere unter Berücksichtigung der europäischen Bewertungskriterien?
Online-Redaktion: Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit dem zweiten französisch-deutschen Expertentreffen in Frankreich?
Aubert: Mindestens zwei Dinge: Ich wünschte mir, dass man von den stereotypen Vorstellungen über das Partnerland, die manchmal selbst unter Experten noch vorherrschen, wegkäme: Die Deutschen finden das französische Schulsystem zu verschult, die Franzosen das Deutsche zu locker. Die erste gemeinsame Arbeitssitzung deutscher und französischer Bildungsexperten zum Thema «Ganztagsschule» führte im März die französischen Experten in deutsche Ganztagsschulen in Wiesbaden und Mainz. Das ist schon ein Anfang.
Die nächste Sitzung, diesmal in Paris, wird deutschen Experten die Gelegenheit geben, sich französische Schulen von innen anzusehen. Ich hoffe, dass man sich von vereinfachten Darstellungen lösen kann: Manche mögen die französische «école maternelle» verurteilen, weil die Kinder dort sehr früh eingeschult werden, doch andererseits sollte man auch dem unglaublichen Wissensdurst der Kinder entgegenkommen!
Ich hoffe auch, dass man mit der Formulierung der Hauptaufgaben und Prioritäten vorankommt: wem sollen die neu eroberten Zeiten im Rahmen der Kindergärten und Ganztagsschule zugute kommen? Soll die Förderung der noch schlecht integrierten Schülerinnen und Schüler Vorrang haben? Soll die gesamte Schülerschaft davon profitieren? Soll ein gemeinsames systematisches Projekt im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts erarbeitet werden?
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 01.06.2005
© www.ganztagsschulen.org
Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
www.botschaft-
frankreich.de [zur Website]
