Trommelwirbel begrüßen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn an diesem strahlenden Sommertag auf dem Schulhof der Schule an der Oslebshauser Heerstraße. Die Grundschülerinnen und Grundschüler legen auf der ersten Station der Ministerin auf deren Ganztagsschulreise am 26. Mai 2005 durch Bremen eine furiose Percussion-Darbietung hin.
Für einen bundesweiten Paukenschlag hatten die Bremer Ganztagsschulen bereits einen Monat zuvor gesorgt: Im DKJS-Wettbewerb "Zeigt her eure Schule", in dem besonders gelungene Ganztagsprojekte ausgezeichnet wurden, belegte mit der Grundschule Baumschulenweg nicht nur eine Bremer Ganztagsschule den ersten Platz, unter den besten Zehn plazierten sich zwei weitere Schulen aus dem Stadtstaat. Ein großer Erfolg für Bremen.
Nach und nach hätten sich die guten Beispiele der entstehenden Ganztagsschulen aber rumgesprochen, so dass immer mehr Schulen und Eltern den Ganztagsbetrieb auch bei sich forderten. "Wir müssen jetzt Absagen erteilen, weil die Mittel ausgeschöpft sind", so Lemke. 95 Prozent der für Bremen bis 2007 zugesagten 28 Millionen Euro seien bereits vergeben, insgesamt 27 Schulen gefördert. "Wir wollen die Schülerleistungen in Bremen verbessern, besonders die der benachteiligten Kinder", erläuterte der Senator die Zielsetzung. Das Investitionsprogramm müsse unbedingt weitergeführt werden: "Vier Milliarden Euro reichen nicht aus."
Pädagogenmix im Unterricht
Die Grundschule an der Oslebshauser Heerstraße ist eine der vom Senator erwähnten Schulen, welche mit Engagement schnell die Chance ergriffen, mit Hilfe der Ganztagsschule und 1,3 Millionen Euro aus Bundesmitteln ihrem Leitziel näher zu kommen, die "Entwicklung und Schullaufbahn der Kinder optimal zu begleiten". Seit dem Schuljahr 2003/2004 ist die Schule Ganztagsschule. Hier sind seit den Sommerferien 2004 ein kompletter Neubau für die Schulleitung, die Verwaltung, Lehrerarbeitsplätze und Differenzierungsräume sowie eine Mensa entstanden. Dazu sollen im Altbau Wände durchbrochen werden, um größere Klassenräume zu schaffen.
"Wir brauchen Zeit"
Für Edelgard Bulmahn ist dies keine Überraschung, sei die Umstellung auf eine Ganztagsschule doch "viel mehr als nur die Verlängerung der Lernzeit": "Es verlangt Kraft und Engagement von allen Beteiligten, die mit ganzem Herzen dahinterstehen müssen. In einer Ganztagsschule stehen die Kinder im Mittelpunkt, nicht bürokratische Lehrpläne. Ein Mehr an Zeit für die Kinder ergibt eine qualitativ bessere Schule, wenn zugleich auch pädagogisch neue Konzepte entwickelt werden. Die Schülerinnen und Schüler werden dann besser darauf vorbereitet, sich in der Welt zurechtzufinden."
Solche Sorgen muss sich die Schule an der Oslebshauser Heerstraße nicht machen. Auch als Honorierung der geleisteten Arbeit wurde sie zur 2.000. mit IZBB-Mitteln geförderte Ganztagsschule erklärt und als symbolisches Präsent überreichte Edelgard Bulmahn der Schulleiterin eine große Uhr mit dem Slogan "Ganztagsschulen. Zeit für mehr". Magdalena Bossaller-Meyhoefer bedankte sich: "Ein sehr passendes Geschenk, denn was wir wirklich brauchen, ist Zeit."
Schülerfirmen und Elternengagement
Nach einem kleinen Imbiss, den der zuvor als sehr engagiert gelobte türkische Elternverein zubereitet hatte, ging die Fahrt der Ministerin und des Senators zum Schulzentrum an der Drebberstraße, einer Schule mit Haupt- und Realschule und Gymnasium. Diese Schule mit circa 1000 Schülerinnen und Schüler bietet seit 2003 eine offene Ganztagsschule an. Im vergangenen Jahr sind darüber hinaus teilverbindliche Angebote im 5. und 7. Jahrgang mit einmal wöchentlich verpflichtenden Angeboten von Lehrern und Sozialpädagogen eingeführt worden. Auch hier möchte man die verbindlichen Angebote - besonders für die jüngeren Jahrgänge - weiter ausbauen und eine stärkere Rhythmisierung des Schultags sowie die bessere Verschränkung der Arbeit von Lehrern und Sozialpädagogen erreichen.
Das ehrenamtliche Engagement der Eltern, die sich mit dem Schulverein als Träger der Ganztagsschule direkt einbringen, ist im Schulzentrum an der Drebberstraße genauso ausgeprägt wie das der Schülerinnen und Schüler, die mit ihren Schülerfirmen unter anderem den Kiosk betreiben und die Essensmarken verkaufen. "Solche kleinen Schülerfirmen sind genau das Richtige", lobte Edelgard Bulmahn. Denn durch diese Arbeit kommen die Jugendlichen dem Ziel näher, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit zu erlangen, wie es das Pädagogische Konzept der Schule umschreibt.
Schule knüpft Präventionsband
Pädagogisch sehr interessant ist das Präventionsband, das die Schule geknüpft hat. "Wir gehen davon aus, dass wenn jemand Probleme macht, er auch selbst welche hat", erläuterte die Schulleiterin die Einrichtung eines so genannten Trainings- und Beratungsraums. Stört ein Schüler mehrmals im Unterricht, muss er die Klasse verlassen und sich in den Trainingsraum begeben, wo ein Sozialpädagoge wie Bernd Vogelei wartet. "Der Schüler muss dann sein Fehlverhalten schriftlich beschreiben und einen Plan aufstellen, wie er in Zukunft solches Verhalten vermeiden wird. Der Schüler soll sich hier erst mal beruhigen", berichtete Vogelei. "Für manche ist das ganz schön hart, wenn ihnen nichts aufgetischt wird und sie sich nur mit sich selbst beschäftigen sollen. Das sind viele nicht gewöhnt. Aber bis auf einen Fall hat bisher noch jeder Einsicht gezeigt, und die Schüler kommen oft zu ganz interessanten Lösungen." Fünf bis zehn Schülerinnen und Schüler kommen im Schnitt am Tag in den Trainingsraum.
"Die Ganztagsschule hilft uns, dank der besseren personellen Ausstattung und der Verzahnung mit dem Unterricht dieses Angebot zu machen", berichtete Petra Perplies-Voet. Kam beispielsweise heraus, dass Schüler von ihren Mitschülern bedrängt und bestohlen worden waren, brachte die Schule die Polizei in den Unterricht, die über dieses Thema und wie man sich dagegen schützen und wehren könne, aufklärte. Gab es einen Fall von sexuellem Missbrauch, organisierte man einen Besuch von Schattenriss, einer Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch.
Schulen sind aktuell sehr mit Organisatorischem beschäftigt
Gute Beispiele wie diese auch an andere Schulen zu vermitteln, sie überhaupt erst mal bekannt zu machen, wird eine der Aufgaben der Bremer Serviceagentur "Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sein. "Es ist wichtig, diese verborgenen Schätze für die Öffentlichkeit zu heben", meinte Willi Lemke. Bevor die Bundesbildungsministerin die dritte und letzte Schule an diesem Tag besuchte, eröffnete sie zusammen mit dem Senator im Landesinstitut für Schule diese neue Serviceagentur. Leiterin Sabine Heinbockel erläuterte die Ziele der Agentur, die bereits mit fünf Bremer Ganztagsschulen eine Kooperation vereinbart hat: "Wir wollen gelingende Beispiel bekannt machen und ausbauen, die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen Schulen unterstützen und Projekte mit außerschulischen Partnern fördern."
Diese Unterstützungssysteme sollten dann auch überregional geknüpft werden. In enger Kooperation mit dem BLK-Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" möchte die Agentur ab Sommer 2006 Fortbildungsmodule für den Bedarf von Ganztagsschulen entwickeln. "Momentan sind die Schulen noch sehr mit dem Organisatorischen beschäftigt", hat Sandra Reith beobachtet. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des BLK-Projekts forderte von der Politik "klare Vorgaben" und hielt gemeinsame Fortbildungen von Lehrpersonal und Mitarbeitern der Jugendhilfe für nötig.
Seit 20 Jahren überfälliger Schritt
Mit einem neuen freundlichen, hellen und skandinavisch anmutenden Schulgebäude präsentierte sich die Grundschule an der Grambker Heerstraße, die mit 1,4 Millionen Euro gefördert worden ist. Nach einem Begrüßungsgesang und -tanz der Kinder für die Ministerin führte Rektorin Karin Bossaller die Gäste durch den großen Neubau, in dem die Leitungen noch von der Decke hingen, dessen helle und freundliche Räume aber schon einen guten Eindruck hinterließen. Küche, Mensa, Freizeitbereich und Lehrerarbeitsplätze werden hier untergebracht, wenn nach den Sommerferien alles fertig ist. Und es ist höchste Zeit, denn die Schule platzt aus allen Nähten: 286 Schülerinnen und Schülern werden in Baracken unterrichtet, die einstmals für Flüchtlingsfamilien nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden waren. "Wir freuen uns sehr über die neuen Räume. Wir hatten hier Raumnot seit 1875", meinte Konrektorin Sigrid Drobitz nur halb im Scherz. "Die Ganztagsschule fehlte noch zu unseren pädagogischen Vorstellungen - das war ein seit 20 Jahren überfälliger Schritt."
Pädagogisch ist die Grundschule an der Grambker Heerstraße schon weit. Seit 2002 ist man Offene Ganztagsschule, nach und nach wird die gebundene Form eingeführt, so dass ab dem Schuljahr 2006/2007 alle Schulanfänger in gebundener, rhythmisierter Form lernen werden. Der Unterricht erfolgt jahrgangsübergreifend, selbstständiges Wochenplan-Lernen und projektorientierter, fächerübergreifender Unterricht stehen im Vordergrund. Und: "Wir sind eine notenfreie Schule", erklärte die Schulleiterin. "Für uns ist die Ganztagsschule ein Muss, denn wenn man Schule zwischen acht und 13 Uhr einzwängt, geht es nur im Trichterverfahren, aber die Schule verändert man dadurch nicht."
Ein Rundgang durch die Nachmittags-AGs überzeugte die Ministerin durch die große Bandbreite des Angebots: Schach, Handarbeiten, Malen, Chemie und Computer standen auf dem Programm. "Ich habe in Bremen die Chance zu sehen, was schon alles erreicht worden ist und welche Wirkungen es entfaltet", erklärte Edelgard Bulmahn. "Erst wenn wir eine Veränderung der Schule selbst erreicht haben, erreichen wir auch eine bessere Qualität. Doch klar ist auch: Ganztagsschulen müssen dafür einen langen Atem haben."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 27.05.2005
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