6. Mai 2005

Zwei Welten - eine Vision

Auf sich allein gestellt, sind sie hoffnungslos überfordert. Zusammen können sie leider auch noch nicht so gut: Schule und Jugendhilfe. So kam die erste Bundeskonferenz zum "Zukunftsprojekt: Gemeinsame Gestaltung von Lern- und Lebenswelten" in Berlin am 21. und 22. April 2004 gerade rechtzeitig. Im ersten Teil berichten wir u. a. über das "Gipfeltreffen" zweier Ministerinnen, Renate Schmidt und Edelgard Bulmahn.

Wenn Renate Schmidt und Edelgard Bulmahn sich fernab der großen Politik zu einem "Gipfeltreffen" verabreden, muss dahinter ein bedeutender Anlass stecken. "Zukunftsprojekt: Gemeinsame Gestaltung von Lern- und Lebenswelten" hieß der Rahmen, in dem Schule und Jugendhilfe einen Dialog suchten. Besonders leicht fiel dieser Dialog in der Vergangenheit nicht. Doch nun war die Chance da, eine substanzielle Annäherung herzustellen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen der rund 300 Beteiligten an diese erste Bundeskonferenz.

Sie wurde von der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) am 21. und 22. April 2005 im dbb forum Berlin veranstaltet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das ja das bundesweite Ganztagsschulprogramm verantwortet, fungierte als Kooperationspartner.

Wo der Schuh drückte, wurde während der Begrüßungsrede von Familienministerin Renate Schmidt bald klar: "Mit großer Sorge sehe ich, dass nirgendwo die Herkunft eines Kindes so sehr über die Zukunft entscheidet wie bei uns." Allein 14,5 Prozent Jugendliche eines jeden Jahrgangs beendeten ihre Laufbahn ohne einen Schulabschluss. "Wenn dies die Bundesagentur für Arbeit korrigieren muss, ist dies der teuerste Weg", so die Ministerin weiter.

Die Zeit läuft davon

Und noch eines führte Renate Schmidt drastisch vor Augen: Wenn das Tempo des Ausbaus neuer Plätze in der vorschulischen Kinderbetreuung anhalte, "würden wir 120 Jahre brauchen, um die Versorgungsquote in Frankreich und 160 Jahre, um das Niveau in Ostdeutschland zu erreichen".



Das Publikum während der Eröffnung der Bundeskonferenz am 21. April 2005

Um diesen Missstand rasch zu ändern, gibt das BMFSFJ bis 2010 insgesamt 1,2 Milliarden Euro aus. Denn individuelle Förderung sollte von Kindesbeinen an, also möglichst früh selbstverständlich sein.

"Wir brauchen Ganztagsschulen, die neue Wege gehen. Ganztagsschulen nicht nur als Brennpunktschulen, sondern für alle", forderte Schmidt in diesem Zusammenhang. Doch die Schulen müßten mit der Kinder- und Jugendhilfeendlich auf einer Augenhöhe arbeiten, mahnte Renate Schmidt. Erst vor diesem Hintergrund könne die Trennung von formeller und informeller Bildung endlich überwunden werden: "Die Kooperation kann in der Schule oder in den Einrichtungen der Jugendhilfe stattfinden.".

Modellprojekte wie "Coole Schule", denen es gelingt, 90 Prozent Schulverweigerer zum Weiterlernen zu bewegen, sind ein viel versprechender Ansatz. "Wir dürfen keine Jugendlichen im Stich lassen", forderte die Ministerin. Sie machte in diesem Zusammenhang auf die baldige Publikation eines Positionspapiers des Bundesjugendkuratoriums aufmerksam, das auch die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule auslotet. 

Unter einem Dach: Schule und Lebenswelt

Mehr Dialog und ein besseres Zusammenspiel zwischen unterschiedlichen Systemen - dies war auch das Thema von Reiner Prölß, Vorsitzender der AGJ. "Der Kooperationsgedanke ist noch nicht in beiden Systemen - Schule und Jugendhilfe - verankert", stellte Prölß fest.

Die Anforderungen an die Kinder und Jugendlichen seien stetig gewachsen: "Nicht mit gewachsen ist das Ausbildungssystem", so der Vorsitzende des AGJ. Und das ausgerechnet in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit. Die AGJ als bundesweiter Zusammenschluss der Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe möchte künftig aber stärker in "übergreifenden Verknüpfungen zwischen den Bildungsinstitutionen" arbeiten. Darüber hinaus möchte sie Bildung auch stärker "vom Subjekt und seiner Lebenswelt" aus gestalten.

Prölß forderte dazu auf, die Jugendhilfe stärker an der Gestaltung des Bildungssystems zu beteiligen: "Die Einrichtung der Ganztagsschulen erfüllt noch nicht die Erwartungen, die wir daran geknüpft haben." Prölß freute sich über das große Interesse an der Bundeskonferenz, von der er sich Impulse für das veränderte Arbeitsfeld der Jugendhilfe erhoffte.

Visionen für jetzt

Alles lief nach Plan. Die Regisseure der Veranstaltung hatten bei der mmpro Film - und Medienproduktion einen Kurzfilm zum Thema "Gemeinsame Gestaltung von Lern- und Lebenswelten" in Auftrag gegeben, der zum Auftakt der Konferenz gezeigt wurde. Solche Rhythmenwechsel tun jedem Kongress gut. In dem Film, der gute Beispiele von Ganztagsschulen und Jugendhilfeträgern präsentierte und der eine "Vision für Deutschland" versprach, kamen fast alle Protagonisten der nachfolgenden Podiumsdiskussion mit einem kurzen Statement vor: Edelgard Bulmahn, Renate Schmidt, Reiner Prölß, der Berliner Schulsenator Klaus Böger und der Direktor des Deutschen Jugendinstituts München, Prof. Thomas Rauschenbach. Aspekte des Films waren Individualisierung, Auflockerung des Schultages, Mitgestaltung durch Schülerinnen und Schüler, realitätsnahes Lernen, Schulen, die Freude machen etc.



Die Talkrunde nach der Eröffnung der Bundeskonferenz

Kurz darauf saßen die Protagonisten live auf der Bühne. Juliane Hielscher vom ZDF war Moderatorin der nachfolgenden Talkrunde, die durch den Minister für Gesundheit und Soziales von Sachsen-Anhalt und Vertreter der Jugendministerkonferenz, Gerry Kley sowie durch Hans-Jürgen Brackmann, den Generalsekretär der Stiftung der Deutschen Wirtschaft komplettiert wurde.

Mauern überwinden

Das erste Statement beim kleinen Gipfeltreffen der Ministerinnen gehörte Edelgard Bulmahn: "Wir haben ganz viele Mauern, die die Gemeinsamkeit erschweren." Doch die Ganztagsschulen hätten einen Anstoß gegeben, sich über eine bessere Zusammenarbeit zu verständigen. Tags zuvor habe sie noch im Rahmen des Bundeswettbewerbs "Zeigt her eure Schule" zehn Gewinner ausgezeichnet: "Diese Ganztagsschulen haben gezeigt, dass die Schulen zum Lebensort geworden sind und dass die Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe gut funktionieren kann", so die Ministerin.



Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn

Juliane Hielscher gab in der Talkrunde Stichworte wie Bildungsverantwortung oder Fachkräfteangebot vor, zu denen sich Bulmahn wie die anderen Gäste der Talkrunde detailliert äußerten: Für die Schulen forderte sie größere Eigenverantwortung im Hinblick auf Personaleinsatz und Mittelverwendung. Die Finanzverantwortung müsse aber beim Staat bleiben." Schlechte Beispiele in den USA zeigten, dass die Kommunen, wenn sie selbst über die Mittelverwendung verfügten, je nach ihrer Finanzstärke höchst unterschiedlich und oft nicht genügend in das Bildungssystem investierten. Bulmahn kritisierte, dass zuviel Geld in die Gymnasien investiert werde und dass es wichtig sei, mehr Mittel für den Grundschulsektor und die Sekundarstufe vorzusehen. 

"Die Bildungseinrichtungen müssen Verantwortung für ihre Ergebnisse übernehmen." Dafür sei eine regelmäßige Überprüfung von Bildungseinrichtungen vonnöten. Erlerntes solle vorzugsweise im Handeln umgesetzt werden. Die Bildung solle in den verschiedenen Bereichen wie Erstausbildung und Weiterbildung besser verknüpft werden. Schließlich sprach sie eine Art von Formel aus, die den Kongress immer wieder beschäftigte: "Manchmal flüchten wir uns hinter gesetzliche Regelungen."  

Wo die Bildung Kopf steht

Renate Schmidt erfreute das Publikum mit einem afrikanischen Sprichwort: "Für die Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf." Die Ministerin forderte die Einbeziehung von Wirtschaft, Gewerkschaften und Kommunen in den Prozess der Erziehung von Kindern: "Die Verantwortung der Kommunen ist die des Dorfes." Da Eltern aber die Hauptverantwortung für Erziehung eines Kindes trügen, sollten sie zugleich auf ihre Rolle als Eltern besser vorbereitet werden.



Visionen entwickeln

Am bildungsfähigsten seien Kinder im vorschulischen Bereich: Über 80 Prozent können in dieser Phase beeinflusst werden: "Wir geben am meisten aus, wo man am wenigsten beeinflussen kann, und am wenigsten, wo man viel beeinflussen kann." Vor diesem Hintergrund würde die Bundesregierung sieben Milliarden Euro in die Kinderbetreuung und den Ausbau von Ganztagsschulen investieren, "obwohl wir kein Geld haben".

"Gut gebrüllt, Löwin" erwiderte Bildungssenator Klaus Böger humorvoll. Beide Ministerinnen hätten couragiert Ziele formuliert, womit sie zunächst auf viele Vorbehalte gestoßen seien. "Käme man frisch auf die Welt, müsste man erklären, warum es Schule und Jugendhilfe gibt: Die arbeiten doch beide für die Kinder", sagte Böger zur allgemeinen Erheiterung.

Manchmal vergeht ein Menschenleben.

Lehrerinnen und Lehrer sollten begreifen, dass ihre Aufgabe nicht nur der Unterricht sei, sondern auch die Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Mitarbeitern. Ganztagsschulen seien kein Programm für bildungsbenachteiligte Schichten allein, sondern ein Programm für die Familien. Böger forderte einen Paradigmenwechsel zu mehr Eigenständigkeit und Qualitätssicherung von Schulen.

Als zweiter Vizepräsident der Kultusministerkonferenz verteidigte Böger aber die KMK: "Die KMK ist im Gegensatz zu ihrem Ruf ein Motor von Reformen." Doch er habe auch nichts dagegen einzuwenden, wenn einige Kompetenzen beim Bund lägen. Auch für Böger drängt die Zeit: "Vom Gesetz in die Wirklichkeit vergeht manchmal ein Menschenleben", so der Bildungssenator angesichts schleppender Umsetzung der Bildungsreformen. 

Für eine konzeptionelle Verknüpfung von Bildungs- und Sozialplan setzte sich Reiner Prölß von der AGJ ein. Er fordert Bildungsverantwortung auf allen Ebenen: Fachliches müsse evaluiert werden und mehr Mittel zur Verknüpfung von Bildungs- und Sozialplan bereitgestellt werden. In der Ausbildung von Fachkräften sollten die Universitätsfakultäten besser zusammenarbeiten. Die Jugendämter müssten im Hinblick auf die Ganztagsschulen stärker in die Pflicht genommen werden.

Schulen kindgerecht gestalten

Gerry Kley erinnerte an die lange Tradition der Reformpädagogik, die bis auf Friedrich Fröbel (1782-1852) zurückgehe. Der Gesundheitsminister von Sachsen-Anhalt forderte zudem eine stärkere Koppelung von Ganztagsschulen mit den freien Trägern der Jugendhilfe: "Die Finanzen entscheiden, aber wir sind im Prozess." Problematisch sei die Einbeziehung der Eltern. Im Kindergarten sei die Rolle der Eltern noch vorhanden, danach aber nicht mehr: "Das Kind muss nicht schulgerecht werden, sondern die Schule kindgerecht."

Schulen sind für Prof. Thomas Rauschenbach "künstlich simulierte Welten", in denen neun bis zwölf Jahre auf ein Ziel hin trainiert werde. Früher habe es keine Schulen gegeben: "Kein Mensch würde sagen: Was wichtig ist, habe ich in der Schule gelernt." Rauschenbach forderte in den Schulen ein Mannschaftsspiel, das ins Leben gelassen wird. Er kritisierte den üblichen Top-down-Prozess, Schule von oben nach unten zu lenken. "Der lokale Raum ist wichtig." Rauschenbach setzte sich für ein verändertes Zusammenspiel zwischen den Institutionen ein: "Wir brauchen neue kommunale Strukturen." In Ganztagsschulen müsse eine gemeinsame Bildungsverantwortung verankert werden, die auch die Nachmittagskräfte einbeziehe.

Für einen Dialog und das Zusammenwachsen der Systeme

Alle Ausbildungen gehören für Rauschenbach auf den Prüfstand. Vor allem müssten beide Welten, Schule und Jugendhilfe, sich austauschen und voneinander lernen. Lehrerinnen und Lehrer würden sich nämlich schwer damit tun, das Kind im Gesamtzusammenhang zu sehen. Rauschenbach kritisierte ferner, dass Kinder und Jugendliche den Unterricht nur noch tauschwertorientiert betrachteten: "Der Gebrauchswert von Bildung muss aber wieder im Mittelpunkt stehen."

Hans-Jürgen Brackmann sagte, dass die Wirtschaft Teil der Gesellschaft sei: "Die Wirtschaft plädiert für die Einführung von Ganztagsschulen." Doch Brackmann beklagte auch die hohe Abbrecherquote in der beruflichen Ausbildung. Der Lernstoff müsse anschaulicher gestaltet und erfahrbar werden.

Selbstständige Schulen sind für Brackmann der Nukleus: "Die Wirtschaft muss sich vor Ort in die Schulen einbringen." Schülerinnen und Schüler müssten mehr Sozialkompetenzen und vor allem Praktikumsfähigkeit erwerben, schließlich mündeten gestreckte Praktika häufig in Ausbildungen.

Zwei programmatische Eröffnungsreden und eine fernsehreife Talkrunde - die Bundeskonferenz wechselte abermals ihren Rhythmus. Am Nachmittag des 22. April gab es zwei Blöcke mit Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen rund um die Problematik Schule und Jugendhilfe. Im zweiten Teil des Kongressberichtes konzentrieren wir uns auf die Arbeitsgruppe 5 zur Individuellen Förderung von Kindern und Jugendlichen. Außerdem stellen wir das "World Cafe" vor, das am 22. April 2005 stattfand.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 06.05.2005
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