3. MAI 2005

Ganztagsschule als kreatives Experiment

Ihr jüngster Schulbesuch führte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn nach Westfalen. Die Gemeinschaftsgrundschule Alt-Wetter hat mit rund 200.000 Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes einen ansprechenden Ganztagsbereich errichtet. Die Grundlage ist gelegt. Doch nun muss auch der laufende Betrieb angemessen finanziert werden.

"Wir sind dem Bund dankbar, dass er Mittel zur Verfügung gestellt hat, denn ohne diese Unterstützung wäre uns die Ganztagsschule nicht möglich", begrüßte Erika Kluge Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Diese besuchte am 29. April 2005 die Gemeinschaftsgrundschule Alt-Wetter, um sich vor Ort anzuschauen, wie die Schule den Umbau zur Ganztagsschule mit Hilfe des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) im doppelten Wortsinn vollzogen hat.

Die Ministerin mischte sich sogleich unter die Grundschülerinnen und -schüler, die sie mit Fragen überhäuften. Ein kleiner Steppke schaut erfurchtsvoll, als sie ihm bestätigt, dass sie sich auch um Weltraumforschung kümmert. Ein großer Aufschrei geht durch die Kindergruppe, als die Ministerin die Diddl-Maus nicht erkennt. "Ich gehe halt auch in die Schule, um etwas zu lernen", scherzt die Politikerin. Kurz darauf wird sie ernster: "Diejenigen, die behaupten, dass Kinder am Nachmittag nicht in die Schule gehören, haben noch keine Ganztagsschule wie diese besucht."



Die Gemeinschaftsgrundschule Alt-Wetter

Auf einer Anhöhe mit Blick auf die Ruhr liegt diese zweizügige Grundschule, ein über hundert Jahre alter Backsteinbau mit einem Anbau aus den fünfziger Jahren. "Unsere Wände sind richtig massiv. Das haben die Bauarbeiter gemerkt, als sie hier die Durchbrüche vorgenommen haben", erzählt Schulleiterin Erika Kluge.

Enger Austausch mit der Kommune

In den letzten Sommerferien konnten in nur sechs Wochen die Kellerräume, die bisher als gewöhnliche Klassenräume genutzt worden waren, zu Ganztagsräumen umgestaltet werden: Ein Speisesaal mit Küchenzeile, ein Ruheraum mit Leseecke, ein Tobe- und Spielraum mit einer Kletterwand sowie ein Hausaufgabenraum. Darüber hinaus wurde ein neuer Eingang zum Schulhof mit Windfang eigens für den Ganztagsbereich angelegt. "Das ist schon sensationell, wie schnell die Umbauten hier vonstatten gegangen sind", sagt Joachim Niewel vom Schulamt des Ennepe-Ruhr-Kreises in Schwelm.



Die Küchenzeile

Niewel hält die Ganztagsschule für ein "riesiges Experimentierfeld, auf dem jede Schule für sich werkeln muss und das zugleich für die Schulleitungen eine kreative Aufgabe darstellt". Schulleiterin Kluge berichtet, ihr habe es Spaß gemacht, im engen und reibungslosen Austausch mit dem kommunalen Schulträger, dem Schulverwaltungsamt und dem Hochbauamt die Planungen für den Ganztagsschulbereich zu beraten.

Die schöne Lage der Schule, die gute Bausubstanz und die gelungenen Umbauten sind allerdings nur eine Seite der Medaille. "Wir sind das, was man gemeinhin als Schule im sozialen Brennpunkt bezeichnet", räumt Erika Kluge ein. Früher war Alt-Wetter ein klassischer Industrieort, der auch Gastarbeiterfamilien anzog. Rund die Hälfte der 200 Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsgrundschule hat einen Migrationshintergrund, fast alle kommen aus türkischstämmigen Familien. "Viele unserer Eltern sind eher bildungsfern", berichtet die Schulleiterin. "In vielen Familien wird nicht gelesen."

Förderung in der Frühe und am Nachmittag

Die im vergangenen Jahr gestartete und vom Jugendamt getragene Offene Ganztagsgrundschule ist schon allein deshalb für Erika Kluge und ihre Konrektorin Petra Blechert ein Muss: "Trotz allen Engagements unserer Kolleginnen am Vormittag reicht dieser nicht aus, um die Defizite auszugleichen. Durch die zusätzlichen Angebote, die wir schaffen, verhindern wir, dass das schwache Drittel abgehängt wird - also genau das, was die PISA-Studie den deutschen Schulen bescheinigt hat."


 
Schulleiterin Erika Kluge (l.) und Ganztagsschulleiterin Petra Senger

Besonders wichtig sind in Alt-Wetter die von den Lehrerinnen angebotenen Sprachfördermaßnahmen, die gut angenommen werden. Im ersten Schuljahr bietet die Gemeinschaftsgrundschule Alt-Wetter jeden Morgen eine differenzierte Förderung in kleinen Gruppen für zehn bis zwölf Kinder.

Der Tag beginnt mit einem gleitenden Schulanfang von 7.45 bis 8.15 Uhr. "Die Schülerinnen und Schüler fangen dann schon mal mit ihrer Freiarbeit oder dem Wochenplan an", erzählt Konrektorin Blechert. "Die Lehrerinnen haben die Möglichkeit, Einzelgespräche zu führen. Im Morgenkreis können die Kinder dann erzählen, was bei ihnen zu Hause so passiert ist und was ihnen auf dem Herzen liegt." Der Schulvormittag gliedert sich in drei Blöcke à 90 Minuten, die von den insgesamt 13 Lehrerinnen auch beliebig ausgedehnt werden können. Eine Schulklingel gibt es nicht. Die Frühstückspause findet in den Klassen statt. Der montags bis freitags angesetzte Ganztagsbetrieb beginnt ab 10.45 Uhr für die Schülerinnen und Schüler der ersten Klassen, die noch keinen so langen Vormittagsunterricht haben. Sie können sich zum freien Spielen in den Ganztagsbereich begeben. Ab 12.30 Uhr essen die Kinder zu Mittag. Das Essen kommt von einem Dortmunder Caterer.

Knackpunkt Essensgeld

Das Essen ist für die Schulleiterinnen ein elementarer Bestandteil der Ganztagsschule: "Beim Mittagessen, das ja auch vom Ministerium für Schule und Jugend zwingend für die Ganztagsschulen vorgeschrieben ist, passiert unendlich viel an informellen Lernen." Petra Senger, die den Ganztag leitet, ergänzt: "Viele Kinder kennen das Einnehmen von Mahlzeiten von zu Hause nicht. Hier lernen sie, dass man nicht einfach vom Tisch aufsteht oder sich nicht den Teller so voll packt, dass für die anderen Kinder beinahe nichts übrig bleibt."


 
Die Kinder begrüßen Edelgard Bulmahn

Doch gerade durch das Mittagessen droht nun ein Rückgang der Anmeldezahlen der Ganztagskinder - und nicht nur an dieser Schule, wie Erika Kluge erfahren hat. Momentan sind 34 Schülerinnen und Schüler angemeldet. Der Elternbeitrag von bis zu 100 Euro monatlich ist sozial gestaffelt, sodass finanziell schwächere Familien nichts bezahlen müssen. Das Essensgeld von 50 Euro im Monat muss dagegen jede Familie aufbringen. Durch die Änderungen in der Sozialgesetzgebung - Stichwort Hartz IV - ist es seit Beginn dieses Jahres nicht mehr möglich, Zuschüsse für das Essensgeld zu erhalten. "Viele Eltern können sich 50 Euro im Monat nicht leisten, für die ist das viel Geld", klagt Erika Kluge, "und so sehen sie keine andere Wahl, als ihre Kinder abzumelden. Das ist eine Katastrophe, denn natürlich haben gerade diese Kinder eine Förderung in der Ganztagsschule besonders nötig."

"IZBB ist ein Anfang"

Diese Probleme trug die Schulleiterin auch Edelgard Bulmahn vor und gab zu bedenken, dass "der laufende Betrieb ausreichend finanziert werden muss, damit wir hier die Leistungsstarken wie auch die Leistungsschwachen angemessen fördern können." Die Ministerin entgegnete: "Unser Investitionsprogramm von insgesamt vier Milliarden Euro ist ein Anfang. Aber denken Sie daran, dass die Diskussionen in der Föderalismuskommission eher in die Richtung wiesen, dem Bund im Bildungsbereich gar keine Kompetenzen mehr zuzugestehen - was Programme wie das IZBB in Zukunft unmöglich machen würde."



Erika Kluge (l.) im Gespräch mit Edelgard Bulmahn

Große Anerkennung zollte die Schulleiterin ihrer Ganztagsschulleiterin Petra Senger: "Mit ihrem Hintergrund als Sozialarbeiterin ist sie ideal für diese Aufgabe geeignet, denn wir haben es hier auch mit verhaltensauffälligen Kindern zu tun. Dazu funktioniert unsere Kommunikation hervorragend, wir tauschen uns täglich aus."

Petra Senger gab das Lob zurück: "Ich fühle mich hier richtig wohl, um so mehr, als ich schon von Schulen gehört habe, an denen sich die Lehrer und die außerschulischen Pädagogen nicht mal grüßen." Aus Sicht der Sozialarbeiterin hat die Ganztagsschule große Bedeutung: "Man kann die Fortschritte sehen, die die Kinder besonders im sozialen Bereich machen." Ein Problem sei aber, dass viele Eltern diese Fortschritte nicht honorierten. "Die interessiert nur, ob die Hausaufgaben gemacht sind, und setzen ihre Kinder teilweise richtig unter Druck."

Förderung klar definieren

Erika Kluge wünscht sich deshalb von der Politik, den "schwammigen" Begriff der "Förderung" klar zu definieren. "Wir Lehrerinnen verstehen Förderung viel weiter. Förderung ist an unserer Schule schon, wenn türkische Kinder deutsch sprechen, wenn sich Schülerinnen und Schüler kreativ und sportlich betätigen." Viele Eltern verstünden Ganztagsschule dagegen ausschließlich als Nachhilfeunterricht am Nachmittag. Das könne und wolle die Schule nicht leisten, zumal es den Kindern sowieso nicht zuzumuten sei, acht Stunden lang zu lernen.



Edelgard Bulmahn beim abschließenden Gespräch

Im Anschluss an die Hausaufgabenbetreuung von 14 bis 15 Uhr bieten an vier Tagen außerschulische Partner einstündige Aktivitäten an. Ein Sportverein veranstaltet eine Handball- und eine Tanz-AG; der Kinderschutzbund bietet Lesen und Basteln an; ein Schachverein organisiert eine Schach-AG. Ein Renner ist das Töpfern, das eine Einzelperson anbietet. "Leider konnten wir uns unseren Wunschpartner, die Musikschule, nicht leisten, da sie einfach zu teuer ist." Niemand mache heutzutage mehr etwas umsonst. Auch deshalb dringt Erika Kluge auf eine bessere finanzielle Unterstützung der Offenen Ganztagsgrundschule.

Nach einem weiteren Plausch mit einer Mutter und der Schulleiterin verabschiedete sich die Ministerin - und ließ eine zufriedene Schulleiterin und Sozialarbeiterin zurück. "Sie hat sich richtig Zeit genommen, das war toll", lobte Petra Senger. Ob sie sich der bestehenden Probleme annehmen wird? "Ich erwarte nicht, dass sie persönlich etwas dagegen unternimmt, aber ich hoffe, dass sie es an die Leute weitergibt, die es angeht", beendete Erika Kluge einen auch für sie langen Tag.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 03.05.2005
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Ministerin Edelgard Bulmahn mit Schulleiterin Erika Kluge und Ganztagskindern in der Gemeinschaftsgrundschule Alt-Wetter

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