29. April 2005

Schulen zeigen Herz

Schulen sind es nicht gewöhnt, ihr Inneres einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Doch der Bundeswettbewerb "Zeigt her eure Schule", der auf dem nächsten Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung am 16. und 17. September 2005 wieder aufgelegt wird, förderte einen ungeahnten Reichtum zu Tage. Am 20. April 2005 präsentierten sich alle 20 prämierten und nominierten Ganztagsschulen im Berliner Reichstagsgebäude. Selbstbewusst, ideenreich – und voller Freude.

An solch einem Tag, die Sonne strahlte auf das Reichstagsgebäude in Berlin, fiel es nicht schwer, großzügig zu sein: "Wir fanden das mit den Tieren auch die beste Idee", sagte die 17-jährige Katrin Tönjes von der Integrierten Gesamtschule Wilhelmshaven. Den ersten Preis des Wettbewerbs gewann nämlich die Gesamtschule Baumschulenweg aus Bremen – hier scheint schon der Name Programm zu sein. Eine Großstadtschule verbindet Großstadtkinder mit der Natur.


 
Das Reichstagsgebäude an der Spree. Die Gewinner des Wettbewerbs mit Edelgard Bulmahn

"Ich freue mich, dass es gelungen ist, junge Menschen zu motivieren und zur Natur zu erziehen." Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn hatte am 20. April 2005 alle Preisträger und Nominierten im Restaurant Käfer oberhalb des Deutschen Bundestages eingeladen. Die Stimmung unter den angereisten Schulgruppen und den eingeladenen Gästen war gelöst und freudig gespannt zugleich.

Berlin hautnah

Berlin, Berlin - wer wollte, der konnte durch die Fensterfassade einen Blick auf die Hauptstadt werfen. Berlin kannten viele Schülerinnen und Schüler sonst nur als Mosaik aus den Medien: "Das Meiste kennt man aus dem Fernsehen, die ganzen Ämter", sagt Katrin Tönjes. Das reale Berlin findet sie "voll groß und beeindruckend". Nun aber wurden die Erstplatzierten und ihre Ideen gekürt, die von einer unabhängigen Jury ausgesucht worden waren.

Mehr als 200 Schulen aus ganz Deutschland hatten sich an dem 1. Wettbewerb "Zeigt her eure Schulen" beteiligt. Organisatorin war die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), die den Wettbewerb in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veranstaltete. "Wir wollen Schulen bekannt machen, Schulen, die etwas zeigen können", sagte Edelgard Bulmahn. "Deshalb haben wir den Wettbewerb mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ins Leben gerufen."

Der Wettbewerb ist in das Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" eingebettet, das die inhaltliche Gestaltung von Ganztagsschulen in Form von besonderen Beratungsangeboten, einer Best-Practice-Datenbank, Serviceagenturen und Werkstätten unterstützt.

Türöffner Ganztagsschulen 

Der Ausbau von Ganztagsschulen brummt: "Die Umsetzung läuft auf vollen Touren", sagte Edelgard Bulmahn. Für die Ministerin ist das größte Schulprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik ein Türöffner, das die Bildungschancen aller Kinder verbessern und eine neue Schulkultur ins Leben rufen soll. Die Zahlen sprechen für sich: Im laufenden Schuljahr allein werden 3.000 neue Ganztagsangebote entstehen und im kommenden Schuljahr 2005/2006 wiederum rund 1.500 neue Angebote. Bulmahn zeigte sich begeistert von der Kreativität und dem Engagement der Schülerinnen und Schüler, der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Eltern, Vereine und Verbände. "Die Schulen haben ihre Türen für Partizipation geöffnet."

An der Schnittstelle zur Schule und außerschulischen Wirklichkeit in den Ländern steht die DKJS: "Das Programm funktioniert", sagte die Geschäftsführerin der DKJS, Dr. Heike Kahl. Sie sah eine gelingende Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern auf dem Gebiet der Bildung. Davon kündeten nicht zuletzt die vertraglich vereinbarte Einrichtung von zehn Serviceagenturen in den Ländern.



Die Geschäftsführerin der DKJS, Dr. Heike Kahl vor der Preisverleihung

Das Heraufziehen einer neuen Lern- und Schulkultur erkannte Heike Kahl auch darin, dass sich eine "Kultur der Fehler" an den Schulen hervorwage. Schulleiter erklärten sich beispielsweise bereit, Supervisionen an ihrer Schule zuzulassen. Supervisionen durch professionelle Coaches sind dort vonnöten, wo sich zwischen Personen und Gruppen Konflikte aufbauen, die ein gutes Zusammenarbeiten nachhaltig erschweren: "Dass es dafür Offenheit gibt, zeigt, dass eine neue Lernkultur an den Schulen entsteht", sagte Kahl. Und sie ergänzte: "Alle, die hierher gekommen sind, haben einen Preis verdient."

Top 20 aus 200

Endlich Preisverleihung: 20 nominierte Ganztagsschulen warteten auf die endgültige Platzierung im Rahmen des Wettbewerbs "Zeigt her eure Schule". Bildungsministerin Edelgard Bulmahn stellte alle Schulen und ihre eingereichten Projekte dem Publikum vor.


 
Rhythmen aus Ghana in Berlin. Ein Geschenk für die Bildungsministerin 

Weil die Projekte sehr unterschiedlich, bunt und ideenreich waren und weil die eingeladene Trommelgruppe und ihre wummernden Rhythmen unter die Haut gingen, war die Preisverleihung zugleich eine unterhaltsame und informative Veranstaltung. Bulmahn freute sich über die "tolle Musik" aus Ghana und machte darauf aufmerksam, dass die Preisträger des Wettbewerbs "Mut zum Nachahmen" und den Freiraum für individuelle Förderung geben.

Zum Beispiel die Gesamtschule Baumschulenweg auf Platz 1. Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Eine Schule schafft sich Hühner an. Nun müssen die Schülerinnen und Schüler lernen, das Geflügel zu hegen und zu pflegen. Sie verkaufen die Eier auf einem Wochenmarkt, und sie lernen was es heißt, zu kooperieren. Lernschwache Schüler übernehmen am Vormittag Aufgaben im Bereich der Geflügelhaltung, und am Nachmittag bekommen sie eine fundierte, auf die Person abgestimmte Betreuung. Drinnen und Draußen verschränkt sich zu einem Ganzen im grünen Bauerngarten.

Ganztägig: das Herz der Ganztagsschulen

Zum Beispiel die zweit- und drittplazierten Schulen, die Integrierte Gesamtschule Wilhelmshaven auf Platz 2 und die Montessori Gesamtschule in Potsdam, die Platz 3 belegte. Auseinandersetzungen und Konflikte gehören zum täglichen Brot. In Wilhelmshaven lernen die Schülerinnen und Schüler, wie man selber die Konflikte löst und nebenbei teamfähiger wird. In Potsdam bringen jahrgangsgemischte Gruppen neue Lernformen hervor. Die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre Konflikte selbst zu regulieren. Sie definieren eigene Lernziele, Ältere helfen Jüngeren – und sie werden reicher an Erfahrungen und Wissen.


  
Die Erst- und Drittplatzierten erhalten von Bulmahn Schecks im Wert von 5000 Euro

Zum Beispiel die Tami-Oelfken-Schule Bremen. Sie teilt sich zusammen mit sechs weiteren Schulen Platz vier. Anna und Aylin, beide 11 Jahre alt, erzählen, wie eine Brennpunktschule sich eine eigene Küche anschafft, in der die Schülerinnen und Schüler endlich jeden Morgen ein gesundes Frühstück bekommen: "Wir haben uns entschieden, gesundes Essen in die Schule zu bringen." Das macht Arbeit, doch die "macht auch Spaß". Man lernt dabei allerlei: Obstschalen, belegte Brötchen oder Muffins herstellen. Außerdem rechnen, freundlich sein und vor allem gesund essen.

Nur Gewinner

Zum Beispiel die nominierte Goethe-Grundschule in Mainz. Eine unter den besten 20, die im Sonnenschein Berlins baden durfte. 30 verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche werden vor Ort in der Schule gefördert. Statt langer, gibt es nun "kurze Wege". Auch dieses ein vorbildliches Projekt. Das Schulentwicklungsprojekt, das in enger Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe koordiniert wird, gab bereits einen Ausblick auf die Bundeskonferenz "Zukunftsprojekt: Gemeinsame Gestaltung von Lern- und Lebenswelten" am 21. und 22. April 2005. 


 
Auszeichnung der Goethe-Grundschule. Marcel, Silvana und Katrin von der IGS Wilhemshaven (v.l.n.r.)

Edelgard Bulmahn brachte die Arbeit der prämierten Ganztagsschulen auf einen Nenner: "Partizipation steht bei den Schülerinnen und Schülern und in den beteiligten Schulen ganz oben." Für Katrin Tönjes von der IGS Wilhelmshaven jedenfalls bedeutete Berlin gleich beiderlei: "Eine tolle Reise nach Berlin", Politik und Geschichte hautnah und ein Anlass, sich mit der eigenen Schule zu identifizieren: "Wir sind stolz auf unsere Schule – und wir achten unsere Lehrerinnen und Lehrer mehr: Man sieht die eigene Schule hier ganz anders."

Der nächste Schulwettbewerb "Zeigt her eure Schule" kommt aber bestimmt. Startschuss ist der Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung am 16. und 17. September 2005 in Berlin. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Homepage "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" und beim Ganztagsschulportal des BMBF. Auf in die zweite Runde.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 29.04.2005
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