12. April 2005

Ganztagsschule - eine Aufgabe für alle

Es ist Zeit für die Besinnung auf die gemeinsamen Ziele der Bildungspolitik. Ziele, die Bund und Länder zusammen entworfen haben. Auf der Veranstaltung "Neue Chancen durch Ganztagsschulen" am 7. April 2005 gab es die Gelegenheit, mit Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn die aktuelle Bildungspolitik an der Internationalen Gesamtschule in Heidelberg zu diskutieren.

Gute Schlagzeilen führen ihr Eigenleben, schlechte auch: Berlin gebe zu wenig Geld für Ganztagsschulen aus, hieß es im Vorfeld des Besuches von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn an der Internationalen Gesamtschule Heidelberg. "Wenn der Bund seinen Zuschussrahmen für Baden-Württemberg nicht erweitert, können nur 159 der beantragten 508 Vorhaben verwirklicht werden", hatte die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan der Stuttgarter Zeitung am 1. April 2005 gesagt.

"Wie kommen solche Schlagzeilen zustande?", fragte Lothar Binding zum Auftakt der Podiumsdiskussion. Der Bundestagsabgeordnete hatte zur Veranstaltung "Neue Chancen durch Ganztagsschulen" am 7. April 2005 eingeladen.

"Demokratie lebt davon, dass Menschen Chancen haben"

Zusammen mit Edelgard Bulmahn diskutierten Herbert Möser, Vorsitzender des saarländischen Lehrerverbandes, und Gert Hammer, Schulleiter der Internationalen Gesamtschule Heidelberg. Voll besetzte Stuhlreihen in der Mensa der Schule. Gekommen waren viele Lehrerinnen und Lehrer, Repräsentanten der Gemeinde, des staatlichen Schulamtes, Elternvertreter und einige ältere Schülerinnen und Schüler.

Bildungspolitik ist Ländersache, so will es das Grundgesetz. "Doch Bildung geht uns alle etwas an und deshalb können wir dazu eine Meinung vertreten", sagte Edelgard Bulmahn im Rahmen ihres einleitenden Vortrages. Bildung fördere die Urteils- und die Orientierungsfähigkeit, "sie ist Persönlichkeitsentwicklung und ein Stück Menschwerdung", so Bulmahn weiter. Bildung ist Existenzgrundlage und Voraussetzung für sozialen Zusammenhalt. Sie ist aber auch "Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum", fuhr die Ministerin fort. Die Herausforderungen der Zukunft seien nur mit sehr gut ausgebildeten und qualifizierten Menschen zu meistern.



Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und Herbert Möser, Vorsitzender des saarländischen Lehrerverbandes

PISA habe die Öffentlichkeit wach gerüttelt, doch für die Experten waren die gravierenden Bildungsmängel kein Geheimnis mehr: Schon 1999 wurde daher das Forum Bildung ins Leben gerufen, das frühzeitig die Eckpunkte der Bildungsreform formulierte. Vom Kindergarten bis zum Erwachsenenalter müsse gezielt gefördert und weitergebildet werden. "Unser Schulsystem produziert mangelhafte Leistung", sagte Bulmahn. Besonders gravierend aber sei der Zusammenhang zwischen familiärer Herkunft und Bildungserfolg: "Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen Chancen haben."

Was ist zu tun?

"Wir müssen die Kinder durch frühere und individuelle Förderung stärker unterstützen. Ein entscheidender Unterschied zu den erfolgreichen PISA-Ländern liegt darin, dass unser Bildungssystem zu spät beginnt. Und wir erwarten dann noch, dass die Kinder an einem halben Tag das erreichen, wofür andere einen ganzen Tag benötigen."

Ein ganztägiger Schultag schafft bessere Grundlagen für das Lesen, Rechnen, Schreiben, aber auch für das selbstständige Lernen, vernetzte Denken und die Bereitschaft, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. In Ganztagsschulen gibt es mehr Zeit, um sich selbst neues Wissen anzueignen und dieses auch anzuwenden: "Man muss Zeit haben, Erlerntes auch anwenden zu können. Das ist der entscheidende Unterschied zu den Halbtagsschulen", so Bulmahn weiter. PISA habe gezeigt, dass es in diesem Punkt am meisten Nachholbedarf gebe.

Vor diesem Hintergrund sei "jeder Euro gut investiert". Bund und Länder sollten die Mittel einsetzen, um neue Ganztagsschulplätze einzurichten: "Wir haben nicht vorgeschrieben, in welchem Tempo das Geld eingesetzt wird", sagte Bulmahn. Das Bundesprogramm solle auch die Städte und Gemeinden unterstützen, qualitative Rahmenbedingungen für die Ganztagsschulen zu schaffen.

Engagement und eine Kultur der Zusammenarbeit

Die Schulen wollen – und sie müssen – sich stärker öffnen. Lernen werde neu gedacht, wenn externe Partner einbezogen werden. "In den letzten Monaten habe ich viele Schulen besucht. Sie alle haben eines gemeinsam: Engagement und eine Kultur der Zusammenarbeit." Die Entwicklung von Ganztagsschulen ist für Bulmahn ein Prozess und deshalb fördere das BMBF die Vernetzung durch das Programm "Ideen für mehr – Ganztägig lernen". Mittlerweile gebe es über das Begleitprogramm der DKJS acht regionale Serviceagenturen, die die Ganztagsschulen vor Ort unterstützen und beraten – weitere befinden sich im Aufbau: "Ich halte die Ganztagsschule für eine große Chance", so Bulmahn noch einmal pointiert.

Lehrerschelte für Bund und Länder

Das Eigenleben von Schlagzeilen war ein erster Gegenstand der nachfolgenden Diskussion. Herbert Möser, Landesvorsitzender des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (SLLV) kritisierte: "Wir sehen unterschiedliche Blüten in den Ländern und kein Mensch weiß, was heraus kommt."

Thema waren auch aktuelle Entwicklungen im Saarland. Ganztagsschulen sollten ihrem Namen gerecht werden – und sie bräuchten dringend mehr Lehrerstellen. "Das tragende Fundament jeder Schule ist der Unterricht und den gestalten die Lehrer." Stattdessen würden Grundschulen dicht gemacht und Lehrerstellen gestrichen, um auf der anderen Seite die Zahl der Unterrichtsstunden in den verbleibenden Grundschulen zu erhöhen.  

Ganztagsschule - eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Salz in der Suppe. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn konterte: "Die Länder haben zu verantworten, wie die Mittel eingesetzt werden. Sie müssen tragfähige pädagogische Konzepte vorlegen." Ganztagsschulen seien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabenstellung. "Doch die jeweilige Umsetzung liegt bei den Ländern." Sie forderte die Kritiker auf, statt den Bund anzugreifen, ihre Argumente "den Richtigen" vorzutragen, den zuständigen Ländern. Der Bund sei nicht zur Steuerung der Bildungspolitik befugt. Über Artikel 104a, Abs. 4, Grundgesetz und die Investitionen in den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen hat der Bund das Investitionsprogramm Zukunft Bildung Betreuung (IZBB) gestartet.

Bulmahn sprach sich dafür aus, die Eigenheimzulage als "die größte Einzelsubvention" zu streichen und für Bildung zu investieren. Mit den jährlich frei werdenden 2,6 Milliarden Euro könnten die Länder schon 2008 mehr als 30.000 Lehrerinnen und Lehrer neu einstellen.

Welche Ganztagsschule soll es sein?

Lehrerinnen und Lehrer, aber auch außerschulisches Personal werden dringend gebraucht, wie das Beispiel der Internationalen Gesamtschule Heidelberg verdeutlicht. "Der Arbeitsplatz und die Präsenz der Lehrerinnen und Lehrer an der Schule müssen von der Politik geschaffen werden", sagte Peter Hammer, Schulleiter der IGH Heidelberg. Ganztagsschulen sollten personell und räumlich besser ausgestaltet werden.

Recht aufwendig und arbeitsintensiv sei in der Regel die Mittagsversorgung. An ihr zeige sich jedoch auch, wie viel ganzheitlichen Wert die Ganztagsschule den Jungen und Mädchen beimesse: "Mit einer Mensa steht und fällt das Element Ganztagsschule", fuhr Hammer fort. Die IGH ist mit ihrer Essensversorgung mittlerweile eine Modellschule im Land. Und wo die Basis stimmt, da kann auch der Kopf trainiert werden. "Wir können uns leisten, als Ganztagsschule lernpsychologisch zu arbeiten", sagte der Schulleiter. Das heißt: Unterrichtsbeginn erst um 8 Uhr 30 und durchgehende Rhythmisierung des Schultags. Mittel aus dem Bundesprogramm tragen somit maßgeblich zu den Standbeinen Mittagsversorgung und Rhythmisierung bei.

Gute, lebendige Diskussionen sind – wie gute Schlagzeilen – nicht selbstverständlich. In der Mensa der IGH Heidelberg war die Freude am Debattieren mit Händen greifbar. Im Zentrum der Diskussion stand die Situation der Ganztagsschulen in Baden-Württemberg: "Kultusministerin Schavan hat ein Problem mit der Ganztagsschule, doch die Nachfrage macht deutlich, dass riesiger Bedarf in Baden-Württemberg besteht", merkte ein Diskussionsteilnehmer an. Hauptfehler sei aber das Festhalten am dreigliedrigen System. Kritik erntete auch das so genannte "Windhundverfahren" in Baden-Württemberg, das keine Ausgewogenheit bei der Mittelzuweisung garantiere.



Freude am Debattieren

Natürlich drückt der Schuh auch bei der Einführung des achtstufigen Gymnasiums (G 8). Viele Gymnasien würden dadurch beinahe von allein zu Ganztagsschulen, so eine Lehrerin des Helmholtz-Gymnasiums, denn G 8 bedeute 34,7 Stunden Pflichtunterricht pro Woche. Rechne man die AGs hinzu, kämen die Schülerinnen und Schüler rasch auf 38 bis 40 Stunden in der Woche, also auf einen 8- bis 10-Stundentag: "Ich habe mich über die Bundesmittel gefreut, denn wir sehen uns gezwungen, eine Mittagspause einzurichten." Man müsse den längeren Schultag schülergerecht und sozial gestalten. Auch Elternvertreter betonten, dass durch G 8 "die Ganztagsschule quasi durch die Hintertür eingeführt" werde.

Machen die Finanzminister Bildungspolitik?

Momentan würden in den Ländern Weichenstellungen in der Bildungspolitik gestellt, die man aufmerksam verfolgen müsse. So könnte die Schließung vieler Grundschulen im Saarland – befürchtet Herbert Möser vom saarländischen Lehrerverband – leider auch anderen Ländern als Modell dienen. "Die Verantwortlichen sind die Finanzminister der Länder." Möser sprach sich für Verbesserungen in drei zentralen Bereichen aus: eine pädagogisch sinnvolle Hausaufgabenbetreuung, eine bessere Lehrerversorgung und gut funktionierende Mensen.

"Wenn ich Landesministerin wäre, würde ich den Schwerpunkt auf Grundschulen und dann – je nach regionalen Anforderungen – auf die Haupt- und Realschulen setzen", bekannte Edelgard Bulmahn. Die entscheidenden Weichenstellungen für die Zukunft werden bundesweit auch durch den Erfolg der Bildungsreformen gestellt. An einem besseren Bildungssystem werden sich alle heutigen Verantwortlichen durch die jüngeren Generationen einst messen lassen. Dem gegenüber stehe, dass die Föderalismusdiskussion letztlich an der Bildungspolitik gescheitert sei, wie Lothar Binding zum Abschluss der Veranstaltung noch einmal erinnerte.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 12.04.2005
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