1. April 2005

Rheinland-Pfalz oder die Schule der Ganztagsbildung

Es ist beinahe zur Mode geworden, den Aufbau von Ganztagsschulen am rheinland-pfälzischen Modell zu messen. Ein Blick auf die aktuellen Trends und Entwicklungen im Land, aber auch auf Verbesserungsmöglichkeiten von Ganztagsschulen im Aufbau gibt auch anderen Ländern vielfältige Anregungen. 

Der Weg ist vorgezeichnet: Rheinland-Pfalz will mit Ganztagsbildung bundesweit Schule machen. Eine Kultur des Lernens und Lebens soll entstehen. Zügig, doch von langer Hand geplant. Planen, Koordinieren, Improvisieren sind die Koordinaten beim Aufbau der neuen Ganztagsangebote. Und viele Hände greifen ineinander: Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium, die Lehrergewerkschaften, Fortbildungsinstitute für Pädagogen, eine Regionale Serviceagentur der DKJS, Elternvertreter und diverse außerschulische Partner.

Im rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend (MBFJ) arbeitet ein ansehnlicher Stab am Projekt Ganztagsschule. "Hier gibt es eine große Administration während in Hessen nur eine Handvoll Mitarbeiter den Aufbau der Ganztagsschulen unterstützen", würdigte Jörn Koppmann vom Hessischen Kultusministerium auf dem deutsch-französischen Expertentreffen in Mainz die  rheinland-pfälzische Bildungspolitik.

Das Projekt Ganztagsschule

Organisatorisch drückt sich das folgendermaßen aus: Die Abteilung 3 im MBFJ, zuständig für Kinder- und Jugendpolitik, Kindertagesstätten, Ganztagsschulen und pädagogische Grundsatzangelegenheiten verantwortet den Aufbau von Ganztagsschulen. In dieser Abteilung ist das Referat Ganztagsbetreuung im schulischen Bereich für den Aufbau der Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz zuständig. Grundsätzliche pädagogische Angelegenheiten oder Fragen der wissenschaftlichen Begleitung werden darüber hinaus im Zusammenhang mit den Ganztagsschulen im Referat Grundsatzfragen bewältigt.


Die Ziele der Landesregierung sind klar: Bis 2006 sollen 300 Ganztagsschulen in neuer Form entstehen, die mit rund 198 Mio. Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes gefördert werden. Die Vorgaben für 2006 werden - laut Doris Ahnen, Ministerin für Bildung, Frauen und Jugend in Rheinland-Pfalz - sogar übertroffen: "Das Angebot an Ganztagsschulen in Angebotsform landesweit wird zum Schuljahr 2005/2006 auf 304 Schulen erweitert. 69 Schulen haben jetzt grünes Licht für den Start als Ganztagsschule zum Herbst, nachdem sie die vorgesehenen Mindestzahl verbindlicher Anmeldungen erreicht haben." 

Ein Jahr vor PISA II hatte das Bildungsministerium bereits den Aufbau der Ganztagsschulen initiiert. Der Aufbau neuer Ganztagsschulen im Rahmen des IZBB ist somit Teil eines mehrjährigen Schulentwicklungsprojektes, an dem viele zusammenwirken: Schule, Schulträger, Schulbehörden, pädagogische Unterstützungssysteme und außerschulische Partner.

Ganztagsschulen in neuer Form sind Einrichtungen, die an vier Tagen von 8 bis 16 Uhr Angebote in den Bereichen Unterricht, Projektarbeit, Förderung und Freizeitgestaltung machen. Gegenwärtig gibt es 235 neue Ganztagsschulen in Angebotsform. 69 weitere haben dieses Jahr eine Option zum Schuljahr 2005/2006 erhalten, die noch den Nachweis der Mindestanmeldezahlen erbringen muss. So erreicht das Land bereits zum Schuljahr 2005/06 das selbstgesteckte Programmziel.

Investieren - Bauen - Gestalten

Bauen hat an Rheinland-Pfalz' Schulen Hochkonjunktur wie selten zuvor, denn 2005 hat das Land die bisher höchste Förderung beim Ausbau von Ganztagsschulen erreicht: "Im Jahr 2005 stehen mit der jetzigen Planung aus dem Investitionsprogramm des Bundes für Schulen im Land insgesamt rund 78 Millionen Euro zur Verfügung", sagte der Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig.

Für kleinere Bau- und Ausstattungsvorhaben gibt es Pauschalen zwischen 50.000 und 125.000 Euro aus dem Investitionsprogramm des Bundes, deren Bewilligung außerhalb des Schulbauprogramms ausgesprochen unbürokratisch vonstatten geht. Größere Baumaßnahmen, die im Rahmen der Schulbauförderung bewilligt wurden, konnten laut Hofmann-Göttig in den vergangenen beiden Jahren mit 64 Mio. Euro gefördert werden.


Mehr als 100 Ganztagsschulen haben in diesem Jahr Bauanträge angemeldet. Durch die Ausstattungs- und Baupauschalen sollen sie nun angemessene Räume wie Mensen, Küchen, Ruheräume bekommen. Oder sie erweitern im größeren Rahmen ihre Einrichtung durch neue Unterrichtsräume, Bibliotheken, Sportstätten oder Verwaltungsräume. Nach aktueller Planung stehen 2005 rund 78 Millionen Euro aus dem IZBB für Schulen im Land zur Verfügung", so der Staatsekretär im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium Prof. Dr. Hofmann-Göttig.

Personalfragen lösen


Neue Ganztagsschulen kommen um sie nicht herum: mehr Lehrerdeputate und mehr außerschulische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Bildungshoheit der Länder bedeutet nicht zuletzt Gestaltung von Personaleinsatz an den Ganztagsschulen. Rheinland-Pfalz ist in diesem Bereich ein Vorzeigeland geworden. Ganztagsschulen in Angebotsform erhalten, laut Johannes Jung vom Referat Ganztagsbetreuung, nach einem bestimmten Schlüssel ein zusätzliches Budget zur Verfügung gestellt. Je größer der Schülerkreis, der an den Ganztagsangeboten teilnimmt, desto mehr Personal bekommen sie zugewiesen. Die Schulen sind damit motiviert, möglichst viele Schülerinnen und Schüler für ihre Angebote zu gewinnen. In Rheinland-Pfalz gilt beim Aufbau von Ganztagsschulen also Nachfrage- statt Angebotsorientierung.


Das zusätzliche Budget teilt sich folgendermaßen auf: Der überwiegende Teil ist für neue Lehrkräfte vorgesehen. Darüber hinaus werden die Mittel für die Vergütung pädagogischer Fachkräfte wie Sozialarbeiter oder Jugendleiter und für die Honorierung außerschulischer Partner verwendet, die sowohl im Unterricht als auch zur Betreuung eingesetzt werden. Die Angebote der Fach- und Honorarkräfte ergänzen und vertiefen das pädagogische Angebot, beispielsweise durch zusätzliche Sport-, Musik- oder Medien AG's.

Verbindliche Kooperationen

Gegenwärtig gibt es in Rheinland-Pfalz 18 Kooperationsvereinbarungen mit außerschulischen Partnern des Sports, der Wohlfahrt, der Kultur oder der Wirtschaft, die einen Teil ihrer Arbeitszeit an den Ganztagsschulen verbringen. Ein Vorteil solcher Kooperationen liegt für das Land darin, dass z.B. ein Übungsleiter weiterhin Beschäftigter des Sportvereins bleibt. Das Land engagiert sich jedoch nachhaltig und schon seit längerem in der Fortbildung außerschulischer Mitarbeiter. "Wir sind der festen Überzeugung, dass Schulen die Qualität ihres Angebotes verbessern", sagt Johannes Jung.

Eine flankierende Initiative zum bundesweiten Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" ist die Einrichtung regionaler Serviceagenturen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der DKJS. Die Serviceagentur Rheinland-Pfalz ging am 7. März 2005 in Speyer an den Start. Sie ist beim Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung (IFB) untergebracht, das seit vielen Jahren die Qualitätsentwicklung der rheinland-pfälzischen Schulen unterstützt. Die Anbindung der Serviceagenturen an die Unterstützungssysteme in den Ländern war von Anfang an ein Grundgedanke des DKJS-Begleitprogramms und macht dessen Attraktivität aus. "Ganztagsschulen sind nicht nur Orte des Lernens und Lehrens. Sie bieten auch die Chance, dass Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie außerschulische Partner miteinander intensiv Schule gestalten", sagte Hofmann-Göttig anlässlich der Eröffnung der Serviceagentur.

Die Serviceagentur vermittelt Experten an die Schulen, sie bindet außerschulische Fachkräfte ins Schulleben ein und befördert die Partizipation an Ganztagsschulen mit dem Bund-Länder-Projekt "Demokratie lernen und leben". "Unser Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler zu mehr Partizipation zu bewegen, dass sie Grenzen der Schulordnung ausreizen, ihre Handlungsspielräume ausschöpfen oder wo möglich auch neu definieren", sagt Jürgen Tramm von der Serviceagentur in Rheinland-Pfalz. Bei den Ganztagsschulen sei viel Interesse an einer Kooperation mit der Serviceagentur vorhanden. Ebenso stünden die Türen beim Netzwerk von Moderatoren im Land und im Bildungsministerium stets offen.

Doch Schulentwicklung bedarf einer andauernden Vergewisserung: Sind die eingeschlagenen Wege auch die richtigen? Erfolgreiche PISA-Länder zeichnen sich durch eine Kultur der ständigen Evaluation aus, also der wissenschaftlich abgesicherten Überprüfung ihrer bildungspolitischen Maßnahmen. Rheinland-Pfalz ist auch in diesem Bereich bundesweit vorne dabei, denn erste Ergebnisse einer wissenschaftlichen Evaluationen liegen bereits vor. Laut Elisabeth Bittner vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium wurde Evaluation mit unterschiedlichen Fragestellungen in Auftrag gegeben. Bisheriges Fazit: "Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz werden sehr gut von Eltern und Schülern aufgenommen."

Improvisieren



Improvisation - sagt man - ist das halbe Leben und wer rhythmisierte Schulen aufbauen will, kann sich nicht immer nur auf Planung verlassen. Der Weg zu gelingenden Ganztagsschulen geht zuweilen über kreative Umwege. " Es ist unsere Hoffnung, dass sich über die Ganztagsschulklassen 'echte' Ganztagsschulen entwickeln", sagt Hjalmar Brandt vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Rheinland-Pfalz. In rhythmisierten Schulen gibt es die Möglichkeit, dass über Ganztagsschulklassen, in denen die Schülerinnen und Schüler von Anfang an im Klassenverbund zusammen sind, der komplette Schultag von morgens bis nachmittags frei gestaltet wird - im Wechsel von Unterricht und Entspannung.

Obwohl Rheinland-Pfalz eine regional ausgewogene Verteilung von unterschiedlichen Ganztagsschulangeboten anstrebt, gibt es aus Sicht des VBE Rheinland viele Ganztagsschulen, die eigentlich Halbtagsschulen mit angehängtem Betreuungsprogramm sind: "Wir verstehen unter Ganztagsschulen Einrichtungen, die vormittags und nachmittags systematisch strukturieren. Ganztagsklassen sind dafür ein Einstieg", ergänzt der Landesgeschäftsführer der VBE.

In einer Analyse hat der VBE die kritischen Punkte herausgearbeitet. Problematisch sind demnach die unzureichende Lehrerversorgung, die Überlastung des Lehrpersonals und die noch unangemessene räumliche Infrastruktur. Kritisiert werden auch die Nachfrageorientierung und der Kampf um die freiwillige Anmeldung der Schülerinnen und Schülern. Zudem wurde befunden, dass Ganztagsschule bei Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I als Stigma und nicht als Chance gelte: "Es wurde versäumt das Votum der Schülerinnen und Schüler einzuholen" sagt Brandt.

In Etappen zur Rhythmisierung

Wichtig wäre auch, Ganztagsschule für die Eltern durch Hausaufgabenbetreuung, individuelle Förderung und die Integration von Migranten attraktiv zu machen. Für Brandt ist der stufenweise Einstieg zu rhythmisierten Schulen in Rheinland-Pfalz aber geschafft. In einer 10-Punkte-Resolution gibt der VBE folgende Empfehlung: "Eine didaktische Landkarte zeigt den Fortschritt der ganztägigen Schulentwicklung auf. Ein GTS-ORBIS entsteht, eine Evaluation der Reformschritte verbessert das anzustrebende Schulprofil einer reinen Ganztagsschule."


"Man sieht einen Trend zur Rhythmisierung", bestätigt Elisabeth Bittner. Ob rhythmisierte Schulen sich im Land aber in breitem Maßstab durchsetzen können, ist derzeit noch fraglich: "Ein Konsens für gebundene Ganztagsschulen ist in Rheinland-Pfalz nicht vorhanden", so Karl-Heinz Held, Abteilungsleiter im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium. Immerhin gebe es schon 61 rhythmisierte von insgesamt 235 Ganztagsschulen im Land.

Wer weiß, vielleicht werden die Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz in 10 Jahren dieser Vision gerecht: "In Rheinland-Pfalz soll, vorbildlich für die anderen Länder, ein Modell und ein eigenständiges pädagogisches Konzept entwickelt werden, das die Welt der Ganztagsschule zu einer konstruktiven Utopie werden lässt", heißt es in einer Resolution des VBE Rheinland-Pfalz. Weitaus wichtiger wäre allerdings, die vorhandenen Möglichkeiten zur Verbesserung von Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz gemeinsam und vor allem vollständig auszuschöpfen. Dann könnte Ganztagsbildung in Rheinland-Pfalz erst recht bundesweit Schule machen.


 


Autor: Peer Zickgraf
Datum: 01.04.2005
© www.ganztagsschulen.org


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