22. MÄRZ 2005
Neuer Service für Berliner Ganztagsschulen
Gleich zwei Projekte stellten sich auf der Auftaktveranstaltung "Chancen für den Ganztag" am 18. März 2005 in der Hunsrück-Grundschule in Berlin-Kreuzberg vor: Das Berliner BLK-Programm "Lernen für den GanzTag" hat die Qualifizierung von Multplikatorinnen und Multiplikatoren zum Ziel, die Berliner Serviceagentur "Ganztägig lernen" möchte Ganztagsschulen beraten und unterstützen.
Wieder einmal - wie bei so vielen Ganztagsschulveranstaltungen - reichen die aufgestellten Stuhlreihen nicht aus, um allen Gästen Platz zu bieten. Zur Auftaktveranstaltung "Chancen für den Ganztag" sind am 18. März 2005 knapp 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Hunsrück-Grundschule in Berlin-Kreuzberg erschienen. Einige müssen sogar auf den Treppen in der Aula Platz nehmen. "Wir sind überwältigt vom Zuspruch", erklärt Schulleiter Mario Dobe.
Das große Interesse der Berliner Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schulleiterinnen und Schulleiter gilt zwei Projekten zur Entwicklung der Berliner Ganztagsschulen. Das Berliner BLK-Programm "Lernen für den GanzTag" möchte so genannte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren qualifizieren. Diese sollen dann Fortbildungen zu Ganztagsschulthemen leiten, wie Rhythmisierung, Kooperation von Schule, Jugendhilfe und freien Trägern, Umgang mit Heterogenität, individuelle Förderung, Sprachförderung, Medienerziehung und Schulprogrammentwicklung . "Wir möchten für jeden Berliner Bezirk je eine Multiplikatorin oder einen Multiplikator aus den Bereichen Schule und Jugendhilfe zur Verfügung stellen", beschreibt Ingrid Kornmesser als Leiterin des Berliner Projekts ein Ziel des Programms. "Für den Herbst planen wir eine große Arbeitstagung für die Multiplikatoren und wünschen uns, dass möglichst viele Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Fächer und Erzieherinnen und Erzieher aus der Jugendhilfe daran teilnehmen." Fünf Mitarbeiterinnen stehen "Lernen für den GanzTag" dazu zur Verfügung.
Das zweite Projekt ist die Berliner Serviceagentur "Ganztägig lernen", die von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" eingerichtet wird. Die bundesweit entstehenden Serviceagenturen wollen Unterstützung, Wissenstransfer und Beratung für Ganztagsschulen bieten sowie den Austausch und die Vernetzung zwischen Schulen herstellen. In der Hauptstadt ruhen diese Aufgaben auf den Schultern von Charlotte von Wangenheim, die quasi als Einzelkämpferin den Ganztagsschulen als Ansprechpartnerin dienen wird. In den vergangenen Wochen hat sie bereits 16 Ganztagsschulen aufgesucht, um dort die Serviceagentur vorzustellen. "Die Agentur möchte einen Überblick über die Angebote in der Stadt verschaffen, Entwicklungen in den Schulen dokumentieren und bewerten", erläutert die Sozialpädagogin, die sich nun als "Beraterin und Vernetzerin" versteht. Ganztagsschulen sollen von guten Entwicklungen und bewährten außerschulischen Partnern erfahren, Wissen soll weitergegeben werden.
Mit Problemen ehrlich umgehen
In Berlin sind einige Ganztagsschulen in Konzeption und Organisation schon "sehr weit", wie Charlotte von Wangenheim beobachten konnte. Die Schulen seien ihrer Meinung nach sehr motiviert und engagiert: "Das konnte man heute auf dieser Veranstaltung sehen." Dr. Heike Kahl, die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, stellt in ihrem Grußwort dann auch fest: "Es gibt nicht nur gute Schulen in Finnland, sondern auch hier." Deren Erfahrungen gilt es den Schulen zur Verfügung zu stellen, die noch nicht so weit sind. Wie man die ersten Schritte macht, ist Heike Kahl zufolge eine der wesentlichsten Fragen, die mit Hilfe von bereits bestehenden und erfolgreich arbeitenden Ganztagsschulen beantwortet werden können. Das Wichtigste für Ganztagsschulen im Aufbau ist laut der DKJS-Geschäftsführerin allerdings Geduld: "Es ist ein langer Weg, und Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht." Man müsse sich den Herausforderungen stellen und ehrlich mit Problemen umgehen.
Mario Dobe (l.) und Heike Kahl bei ihren Grußworten
Herausforderungen und Probleme kamen bereits ganz zu Beginn der Veranstaltung zur Sprache. Schulleiter Mario Dobe thematisierte in seinem Grußwort Fehlentwicklungen in Berlin und stellte Forderungen an Politik und Verwaltung. "Wer Ganztagsschule ernst meint, wer mit den PISA-Siegerländern konkurrieren will, muss sich bei anderen Ganztagsschulen an der Raumausstattung unserer Schule orientieren. Es dürfen nicht nur die Mindestvorgaben gelten, die für die Kinder eine Verschlechterung bedeuten", erklärte Dobe. "Schlechte Bedingungen dürfen nicht der Maßstab sein, denn Bildung hat auch etwas mit den Räumen zu tun. Die räumlichen Voraussetzungen unserer Schule sollten nicht als Luxus, sondern als Modell angesehen werden", meinte der Schulleiter unter Applaus. Bezüglich der "unklaren Personalsituation" forderte Dobe eine Orientierung an den Standards der Berliner Horte.
Ganztagsschulen als Kraft für das gesamte Bildungssystem
Die politischen Vertreter gingen in ihren Grußworten auf Dobes Forderungen und auf Zwischenrufe aus dem Plenum ein. Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, betonte, dass die Bundesregierung mit den vier Milliarden Euro des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" Räumlichkeiten an Ganztagsschulen fördere und so die Ganztagsschulentwicklung "kräftig" anschiebe. Räume seien wichtig, aber noch wichtiger sei die Konzeption einer Ganztagsschule. "Wir wollen eine neue Lernkultur, in der individuelle Förderung statt Selektion im Vordergrund steht, und die Verzahnung des Vor- und Nachmittags, um die Chancen der Kinder und Jugendlichen zu erhöhen. Dann kann Ganztagsschule eine Kraft für das gesamte Bildungswesen entfalten, die weit über sie hinausreicht."
Thomas Härtel, Staatssekretär der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, erklärte, im Musterraumprogramm sei eine Doppelraumnutzung in Ganztagsschulen nicht vorgesehen. Er räumte aber ein, dass nicht an allen Schulstandorten die besten räumlichen Bedingungen herrschten. Seinerseits forderte der Staatssekretär eine verstärkte Einbindung der Eltern und eine verbesserte Zusammenarbeit von Lehrern und Erziehern: "Die Verantwortung darf nicht hin- und hergeschoben werden." Die Ganztagsschulentwicklung sei in Berlin mit einem "riesigen Erwartungsdruck" und einem "schwierigen Umbauprozess" belastet. "Wir werden die Personalausstattung sicherstellen", versprach Härtel. Seine Erklärung, man habe weniger Lehrerinnen und Lehrer neu anstellen können als geplant, weil weniger Lehrpersonal als erwartet in Pension gegangen sei, wurde vom Publikum allerdings mit Erheiterung quittiert.
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- Wolf-Michael Catenhusen (l.) und Thomas Härtel
Erheiterung ganz anderer Art löste der Pädagoge Otto Herz mit seinem Vortrag "Ganztagsschule: Anlass für innovatives Lernen" aus. Inmitten seiner Wortspiele und Kalauer konstatierte Herz auch Ernsthaftes: "Es gibt kein richtiges oder falsches Organisationsmodell, sondern Ganztagsschulen müssen immer als Prozess der Beteiligten vor Ort entwickelt werden." Wichtig schienen ihm der offene Anfang, Ruhe- und Rückzugszonen für die Kinder und das Finden einer Schulidentität: "Statt 'Ich und meine Klasse' muss es 'Wir und unsere Schule' heißen."
"Mehr Arbeit, mehr Spaß"
Der Nachmittag der Veranstaltung stand im Zeichen der Praxis. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten zwei Arbeitsgruppen besuchen, die um solche Themen kreisten, welche auch das BLK-Programm "Lernen für den GanzTag" in den Fortbildungen angehen wird. Lehrerin Bärbel Heinrichs und Erzieherin Sabine Pezulat von der Lenau-Grundschule in Berlin-Kreuzberg stellten das "Rhythmisierungskonzept der Lenau-Grundschule" vor, den so genannten Integrierten Tagesplan. Mit Hilfe dieses Tagesplans ist sowohl eine Lehrerin im Nachmittagsbereich als auch eine Erzieherin im Vormittagsbereich tätig. Zwei Lehrerinnen und eine Erzieherin bilden jeweils ein für eine Klasse verantwortliches Team.
"Das Ziel ist es, das Kind ganzheitlich zu sehen", erläuterte Bärbel Heinrichs. "Ich habe früher in einer Halbtagsschule gearbeitet und kann jetzt sagen, dass man in einer Ganztagsschule einen ganz anderen Blick auf die Kinder bekommt." Eine solche Verzahnung sei allerdings nur mit teamfähigen Leuten möglich. Auch müssten sich die verschiedenen Professionen respektieren. "Man hat mehr Arbeit als an einer Halbtagsschule, aber es macht auch mehr Spaß", meinte die Lehrerin. Den Kindern könne man dabei am Nachmittag viel geben. Viele Schülerinnen und Schüler würden zum Beispiel kaum aus ihrem gewohnten Umfeld herauskommen. "Wenn sie nicht durch uns etwas Neues erfahren, erfahren sie es gar nicht", stellte Sabine Pezulat fest.
Kinder in die Schulkonferenz
In der Arbeitsgruppe "Kommunikative Wege zur Teambildung" berichteten Schulleiterin Gabriele Thiele-Horst und Erzieherin Sandra Janglika von ihren Erfahrungen an der Grundschule am Traveplatz in Friedrichshain. Trotz der Lage in einem sozial schwachen Gebiet mit vielen Migranten gebe es an der Schule mit 250 Kindern ein gutes Miteinander und keine Gewalt. "Wir halten wöchentlich eine Dienstberatung mit allen Beteiligten ab: Den Horterziehern, dem Rektor, dem Konrektor und dem Hausmeister", so Schulleiterin Thiele-Horst. "An unseren Schulkonferenzen nehmen auch Kinder ab der Klasse 3 teil." Wenn es Probleme gebe, komme das Jugendamt in die Schule, um den Kontakt für die Eltern "niederschwellig" zu halten: "Das gibt den Eltern das Gefühl, dass die da sind, um ihnen zu helfen", berichtet die Schulleiterin. Über ein so genanntes Pendelheft geben die Erzieherinnen den Lehrerinnen und Lehrern Rückmeldung über die Hausaufgaben: Welches Kind hatte am Nachmittag Probleme, oder sind die Aufgaben generell zu umfangreich oder schwierig gewesen.
Beklagt wurde auch hier der Personalschlüssel: "Es ist schwierig, überhaupt einen Zeitpunkt für Besprechungen zu finden, da von sechs bis 18 Uhr ja Unterricht und Betreuung gewährleistet werden müssen", meinte Gabriele Thiele-Horst. Andere Lehrerinnen in der Arbeitsgruppe vermeldeten Beeinträchtigungen wegen Dauerbaustellen an den Schulen, organisatorisches Chaos im Zuge der Umwandlung in eine Ganztagsschule oder - wie Mechthild Noblé von der Teltow-Grundschule - die "immer größere Ausmaße annehmenden Schwierigkeiten mit den Caterern".
"Schöne Ansätze in dieser Stadt"
Zum Schluss trafen sich alle Beteiligten noch einmal in der Aula, um eine Bilanz des Tages zu ziehen. "Es gibt schöne Ansätze in dieser Stadt", resümierte eine Teilnehmerin. Peter Heyer vom Grundschulverband erklärte: "Es ist ein Skandal, dass es nur so wenig Ganztagsschulen gibt. Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung sind keine Ganztagsschulen, aber sie können es noch werden. Darauf müssen wir alle hinwirken und dürfen nicht zulassen, dass, wie im neuen Schulgesetz vorgesehen, nur Betreuung am Nachmittag geboten wird."
Charlotte von Wangenheim war erstaunt, dass am späten Freitagnachmittag vor den Ferien noch so viele Menschen da seien. "Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass unsere Serviceagentur mit ihren anderthalb Stellen all ihre Fragen und Probleme gar nicht bewältigen kann", gestand sie, "aber wir werden das, was wir können, machen."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 22.03.2005
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