Auf Bundesebene werden seit Anfang 2005 Ganztagsschulen durch "StEG" (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen) evaluiert. Nordrhein-Westfalen hat 2003 eine landeseigene Pilotstudie "Die Offene Ganztagsgrundschule im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen" in Auftrag gegeben. Ein Wissenschaftlicher Kooperationsverbund aus vier nordrhein-westfälischen Institutionen ist daran beteiligt. Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Professor an der Universität Dortmund, beschreibt im Interview erste Ergebnisse und die zukünftigen Herausforderungen für Ganztagsschulen.
Online-Redaktion: Prof. Rauschenbach, was soll der Wissenschaftliche Kooperationsverbund mit der Pilotstudie "Die offene Ganztagsschule im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen" herausfinden?
Rauschenbach: Es ist der Versuch, mit wissenschaftlichen Mitteln systematischer in Erfahrung zu bringen, wie der Aufbau von Ganztagsschulen funktioniert, wo dies gut gelingt, wo es Probleme gibt, wie zufrieden Eltern sind. Es ist eine unabhängige Beobachtung des ganzen Prozesses, um dann möglicherweise korrigieren und nachbessern zu können, aber auch dort Bestätigung zu erhalten, wo man auf dem richtigen Weg ist. Das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule, Jugend und Kinder ist durchaus daran interessiert zu erfahren, wo vielleicht falsche Wege beschritten wurden oder diese Wege nicht optimal sind.
Online-Redaktion: Wie aussagekräftig sind denn die in der Pilotstudie erzielten Ergebnisse? Können diese verallgemeinert werden?
Rauschenbach: Nein, das kann gar nicht sein. Die Ganztagsschulentwicklung ist in Nordrhein-Westfalen mit einem ungeheuren Tempo in Gang gesetzt worden. Dies zeigt allein der Tatbestand, dass dort im ersten Jahr 235 Ganztagsgrundschulen angefangen haben und es im zweiten Jahr schon über 700 sind. Die Pilotstudie musste 2003 blitzschnell durchgeführt werden und sollte einen ersten Einblick geben. Sie beansprucht keine Repräsentativität. Bei der Auswahl wurde zwar beispielsweise auf die regionale Ausgewogenheit geachtet, man kann aber nicht mit 24 Pilotschulen 235 abbilden, geschweige denn 700. Insofern liefert die Studie erst mal Impressionen, auch wichtige Ergebnisse, die man nicht unterschätzen sollte, aber keine auf ganz Nordrhein-Westfalen hoch zu rechnenden Ergebnisse.
Online-Redaktion: Die Studie wird von einem Wissenschaftlichen Kooperationsverbund durchgeführt. Wer verbirgt sich dahinter?
Rauschenbach: Mitglieder des Konsortiums sind das Institut für soziale Arbeit in Münster, das Landesinstitut für Schule in Soest, das Sozialpädagogische Institut in Köln und die Universität Dortmund im Forschungsverbund mit dem Deutschen Jugendinstitut. Diese sind alle langjährige Partner des Ministeriums, auf dessen Wunsch sie sich zusammengeschlossen haben. Das Ministerium musste kurzfristig überlegen und hat deshalb natürlich auf die Partner zurückgegriffen, die ohnehin schon mit ihm zusammenarbeiteten.
Online-Redaktion: Es handelt sich hier hauptsächlich um nordrhein-westfälische Institutionen. Wie ist das Deutsche Jugendinstitut aus München involviert worden?
Rauschenbach: Das Deutsche Jugendinstitut ist über den Forschungsverbund DJI/ Universität Dortmund eingebunden. Dort forschen Dortmunder Mitarbeiter der Universität. Da ich in meiner Rolle als Professor der Universität Dortmund Leiter dieses Forschungsverbundes bin, bin ich als Person natürlich indirekt beteiligt. Der Wissenschaftliche Kooperationsverbund besteht nur aus den vier NRW-Partnern.
Online-Redaktion: Teilt sich diese Forschungsgruppe die Arbeit auf?
Rauschenbach: Ich habe den Eindruck, dass sich die Gruppe gut gefunden hat und die Arbeit gut funktioniert. Intern hat man aufgeteilt, wer zum Beispiel eher für Eltern, wer für Schulleitungen oder für Kostenfragen zuständig ist.
Online-Redaktion: Wie wurde an den 24 Pilotschulen evaluiert?
Rauschenbach: Es wurden Schulleiterbefragungen und Gruppeninterviews mit den Repräsentanten der Steuerungsebene und der Schulpraxis durchgeführt - auch mit denjenigen, die nicht unterrichteten. Dazu kamen noch Befragungen der Eltern, deren Kinder am Ganztagsangebot teilnahmen.
Online-Redaktion: Die Pilotphase ist abgeschlossen. Wie geht es nun weiter?
Rauschenbach: Der weitere Zeitplan sieht vor, dass ab kommendem Monat die Hauptphase beginnen soll, die bis zum 31. März 2007 dauern wird. In dieser Phase soll in vier Dimensionen viel breiter und systematischer gefragt werden: Zum Thema Organisation, zu Personal- und Arbeitsformen. Die Schülerinnen und Schüler sollen stärker ins Blickfeld kommen, und es sollen stärker die Fragen der Wirkung und der Weiterentwicklung von Ganztagsangeboten thematisiert werden. Hier werden dann auch Befragungen der Lehrkräfte und der Kinder durchgeführt, und es soll - was ich besonders interessant finde - Fallstudien zu den kommunalen Steuerungs- und Kooperationsmodellen geben.
In einzeln ausgewählten Beispielen werden wir dann vor Ort schauen, wie es denn nun genau mit der Kooperation funktioniert. Arbeiten tatsächlich Jugend- und Schulämter zusammen? Kooperiert der örtliche Sportverein, und wie erleben die Vereine diese Zusammenarbeit? Arbeitet die Kirche mit der Schule zusammen? Wie funktioniert die Steuerung? Ruft da einfach die Schulleiterin oder der Schulleiter beim Sportverein an, weil sie oder er zufällig jemanden gut kennt, und fragt: ,Kannst du uns mal helfen?' Oder ist es eine systematische Kooperation? Diese ganzen Fragen müssen ja geklärt werden.
Online-Redaktion: Worin besteht der Unterschied zur Befragung in der Pilotphase?
Rauschenbach: Damals waren aus Zeitgründen die Schülerinnen und Schüler nicht einbezogen worden.
Online-Redaktion: Werden neben dem Verschicken von Fragebögen auch Interviews vor Ort geführt?
Rauschenbach: Das ist noch nicht entschieden. Wir befinden uns in einem Abstimmungsprozess mit StEG, der bundesweiten wissenschaftlichen Begleitstudie. Im Moment ist für die NRW-Studie geplant, die Kinder am Nachmittag vor Ort zu befragen. Bei StEG sollen dagegen nur schriftliche Befragungen im Klassenverband am Vormittag durchgeführt werden. Aber das ist noch nicht ganz klar. Möglicherweise wird die NRW-Studie hier auch dem StEG-Modell angeglichen. Der Unterschied besteht darin, dass man am Nachmittag wirklich nur die Kinder antrifft, die den Nachmittag nutzen, bei einer Klassenbefragung hat man dagegen auch Kinder dabei, die nicht am Ganztag teilnehmen. Da kann man natürlich eher die Unterschiede in der Zufriedenheit mit Schule ermitteln. Umgekehrt hat man bei einer persönlichen Befragung am Nachmittag intensiveren Zugang zu den Kindern. Darin könnte auch ein eigener Reiz der NRW-Studie liegen.
Online-Redaktion: Wie viele Mitarbeiter stehen für die NRW-Studie zur Verfügung?
Rauschenbach: In der Pilotphase waren es pro Institution etwa eine Person, teilweise noch nicht mal mit einer ganzen Stelle. Für die Hauptstudie befinden wir uns noch in der Bewilligungsphase und hoffen auf eine Stelle pro Institution.
Online-Redaktion: Welche Ergebnisse hat die Pilotstudie bereits gebracht?
Rauschenbach: Die Betreuung, also die Verlässlichkeit der Offenen Ganztagsgrundschule wird von den Eltern - rund 500 Elternantworten haben wir erhalten - positiv bewertet. Das soll man nicht unterschätzen: Früher haben Eltern sehr oft geklagt, dass ihr Kind manchmal schon vor dem regulären Schulschluss vor der Tür stand, weil Unterricht ausgefallen war und sich niemand mehr um die Kinder kümmerte. Wenn da nicht zufällig jemand zu Hause ist, dann ist das Kind allein.
Online-Redaktion: Wie sieht es mit dem Bildungsaspekt aus?
Rauschenbach: Da besteht noch Optimierungsbedarf. Momentan schält sich ein bisschen das Muster heraus: Vormittags der Ernst des Lebens, am Nachmittag Erholung. Ich glaube, dass der mittelfristig wirklich weiterführende Weg für Ganztagsschulen der sein wird, auch am Nachmittag bildungsrelevante Angebote zu machen. Nicht die gleichen und nicht nur die Vertiefung vom Vormittag - obwohl man natürlich auch Förder- und Stützelemente einbauen kann -, sondern etwas ganz Anderes. Zum Beispiel Musikinstrumente, Sport, Theaterspielen, Computer. Es muss darum gehen, Kindern vielfältige Gelegenheiten für Erfahrungen zu bieten, die zu Hause nicht selbstverständlich sind. Das kann auch Spaß machen, es soll ja keine Strafarbeit sein, aber bildungsmäßig muss mehr dabei herumkommen, als dass die Kinder gut getobt haben. Da sehe ich eine Chance durch andere Lernformen - wie Lernen in Teams - am Nachmittag.
Online-Redaktion: Können Sie auch schon etwas über die Schülerinnen und Schüler aussagen?
Rauschenbach: Über die Eltern wurde eine hohe Zufriedenheit der Kinder gespiegelt. Eine deutlich größere Anzahl sagt, dass ihre Kinder gerne in die Schule gehen und sich auf den Nachmittag freuen. Das ist ja durchaus nicht trivial. Es scheint also eine Akzeptanz bei den Kindern vorhanden zu sein. Fairerweise muss man aber einräumen, dass es leichter ist, Grundschülerinnen und Grundschüler zu begeistern als später Jugendliche in der Pubertät.
Online-Redaktion: Was läuft sonst noch gut in den Ganztagsgrundschulen?
Rauschenbach: Die Hausaufgabenbetreuung. Lehrerinnen und Lehrer haben jetzt den Eindruck, dass die Hausaufgaben gemacht sind, was nicht bei allen Kindern selbstverständlich war. Was aber wirklich weiterentwickelt werden muss, ist die individuelle Förderung. Deutschland hat aus meiner Sicht immer noch das gravierende Problem, das einzelne Kind in den Mittelpunkt zu stellen, seine Lernentwicklung und Lernbiographie. Was tun wir, um jedes Kind in der Schule so zu fördern, dass es am Ende einen Lernzuwachs erzielt hat? Da muss man das einzelne Kind beachten, da müssen die Lehrerinnen und Lehrer wissen, was im Nachmittagsbereich vorgeht. Umgekehrt müssen die Pädagoginnen und Pädagogen am Nachmittag wissen, wie das Kind im Unterricht ist. Da ist sicher noch mehr Entwicklung und Unterstützung möglich. Die derzeitigen Bedingungen kommen aber auch an ihre Grenzen, und es geht nicht ohne zusätzliches Personal. Man kann hier von anderen Ländern lernen, die einfach mehr in die Bildung investieren und einen Sekundäreffekt erreichen, weil sie dadurch an anderer Stelle Mittel einsparen.
Online-Redaktion: Was ist noch problematisch aus Ihrer Sicht?
Rauschenbach: Die ungleiche Position des Personals. Es gibt den schönen Ausdruck der "Kooperation auf gleicher Augenhöhe". Da muss man sich aber erst mal klarmachen, dass Lehrerinnen und Lehrer an Hochschulen ausgebildet werden, während sich das Nachmittagspersonal sehr heterogen zusammensetzt: Erzieherinnen, Übungsleiterinnen und Übungsleiter aus dem Sport oder Ehrenamtliche. Diese haben oft nur Stunden- und Zeitverträge, während die Lehrerinnen und Lehrer oftmals Beamtenstatus besitzen. Diese Fragen, die man langfristig nicht unterschätzen darf, zielen auf die Struktur des Zusammenspiels der Professionen: Verschmelzen Vor- und Nachmittag langfristig zu einem Ganztag, der in sich eine bestimmte Idee trägt? Ein Ganztag, in welchem das Personal nicht ununterscheidbar wird, aber so miteinander kooperiert, dass unterschiedliche Kompetenzen zusammenfließen? Kompetenzen - nicht unterschiedlicher Status und unterschiedliche Ausbildungsgrade, die immer wieder zu internen Abwertungen und Verunsicherungen führen. Das ist sicherlich ein Entwicklungspaket.
Online-Redaktion: Welches Fazit ziehen Sie aus der Studie?
Rauschenbach: Nordrhein-Westfalen wird seinen überraschend gut gelaufenen Auftakt, der durch viel Pioniergeist gekennzeichnet war, nutzen müssen und die Anfangseuphorie in Strukturen überführen. Den Anfang kann man noch mit gutem Willen hinkriegen, aber irgendwann werden die Fragen nach Strukturen, nach Ausstattung und dauerhafter Verlässlichkeit dringlicher. Schulleiterinnen und Schulleiter können die mit dem Ganztag verbundenen Aufgaben ja nicht ewig einfach nebenher erledigen. Das ist eine wirkliche Herausforderung für die Politik.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 18.03.2005
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