Ein Gesicht der Hardware AG aus Staufen, das auf den Messen besonders auffällt, ist das von Heidi Potts – sympathisch und selbstbewusst: "Das Erste, was ich mitgekriegt habe, war nicht die AG, sondern die Messen." Der Einstieg in eine Jungendomäne par excellence, die Tüftlerschmiede von Winfried Sturm, Lehrer des Jahres 2004, ging für Heidi Potts, 16 Jahre, vielleicht etwas zu schnell und zu einfach: "Ich bin auf Herrn Sturm zugegangen und dann war ich relativ einfach drin." Es war kein Nachteil für Heidi Potts, als eines der ersten Mädchen Anschluss an eine Männerdomäne im Faust-Gymnasium Staufen im Breisgau gesucht zu haben. Vielleicht sogar ein Vorteil: Ein Mädchen fast allein unter Männern zieht die Blicke auf den Messen an.
Mit der Hardware AG des Faust-Gymnasiums in Staufen haben nicht nur ihr Gründer und Mentor Winfried Sturm, sondern auch die darin mitarbeitenden Schülerinnen und Schüler bundesweit Schlagzeilen gemacht.
"Coole Lehrer – coole Physik"
Für Heidi Potts alles kein Grund für großes Aufheben: "Physik war ein cooles Fach", so die Schülerin. Vor drei Jahren wollte sie noch Polizistin werden. Doch ein "cooler Lehrer" begeisterte sie ab der achten Klasse für das Fach Physik.
Dann ging alles wie von selbst: außerschulische Besuche eines Physikseminars in Freiburg, Aufbau von Kontakten zu Firmen, regelmäßige Mitarbeit an der Hardware AG. Doch bei alldem nicht vergessen, sich mit den Freundinnen zu treffen und anderen Interessen nachzugehen. Heidi Potts spielt außerdem Akkordeon und ist Skilehrerin: "Das geht nur deswegen, weil sie den restlichen Schulbetrieb aus den Ärmeln schüttelt", sagt ihre Mutter.
In der Regel lässt das Interesse der Mädchen an naturwissenschaftlichen Themen in den oberen Klassen nach: "Wir machen viele Sachen, die die Kinder interessieren, wie zum Beispiel altersgerechte Experimente", sagt Dorle Geitz, die am Faust-Gymnasium Physik und Mathe unterrichtet. Das alles ist häufig nicht genug, weil die Mädchen laut Geitz früher oder später in ihre eigenen weiblichen Welten entschwinden. So wird aus einem zeitweiligen Vorteil der Mädchen ("sie arbeiten genauer als die Jungen") schnell wieder ein Nachteil, den sie nicht mehr aufholen können.
Was will Gender Mainstreaming?
Spätestens an diesem Punkt wäre die Frage nach "Gender Mainstreaming" zu stellen. Was bedeutet das Wort eigentlich? Gender ist das Geschlecht. Das ist nicht eine biologische Tatsache, sondern nach neueren Erkenntnissen sind "weiblich" und "männlich" soziale und kulturelle Konstruktionen. Mainstream bedeutet Hauptstrom. Beim Gender Mainstreaming werden alle Entscheidungs- und Planungsprozesse auf die Frage nach den Auswirkungen auf die Mädchen und Jungen gestellt.
"Grundvoraussetzung des Gender Mainstreamings ist, dass die unterschiedlichen Lebensentwürfe und Lebensbedingungen von Frauen und Männern bewusst wahrgenommen werden." (vgl. Broschüre: "Von Peking über Amsterdam in die Westpfalz") Auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking wurde Gender Mainstreaming als Gleichstellungspolitik formuliert, die bis in die Strukturen und Lebensverhältnisse vor Ort wirken soll.
Die Gleichstellung der Geschlechter soll aber keineswegs den Mädchen oder Frauen alleine zugute kommen. Die Mädchen haben nämlich nicht zuletzt in den weiterführenden Schulen die Jungen schon überholt. So haben mit 42,3 Prozent gegenüber 36,4 Prozent deutlich mehr Mädchen als Jungen die Abiturprüfung im Jahre 2003 bestanden. Außerdem schnitten sie bei PISA deutlich besser ab als die Jungen: Sie hatten bessere Schulabschlüsse und wurden früher eingeschult. Es geht also auch um Jungenförderung.
"Bohren dicker Bretter"
Szenenwechsel nach Berlin. Wie Gender Mainstreaming über die Schulgesetzgebung von Peking nach Berlin gelangt, erläutert Caren Groneberg: "Wir versuchen das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit unendlich mühsam in die Köpfe reinsickern zu lassen." Gender Mainstreaming ist das "Bohren dicker Bretter mit der Nagelfeile", so Groneberg weiter. Dazu gehören die Frauenarbeit in den politischen Gremien, gezielte Interessenvertretung für Mädchen und Frauen, die Thematisierung von Gender in den Schulen. Ein Ausdruck dieser Bemühungen ist das neu gefasste Berliner Schulgesetz vom 26. Januar 2004. Ein Auszug daraus mit Blick auf das Gender Mainstreaming:
§ 4, Absatz 4: "Die Schule ist so zu gestalten, dass die gemeinsame Unterrichtung und Erziehung sowie das gemeinsame Lernen der Schülerinnen und Schüler verwirklicht, Benachteiligungen ausgeglichen und Chancengleichheit hergestellt werden. Dabei ist das Prinzip des Gender Mainstreamings zu berücksichtigen, nach dem alle erziehungs- und bildungsrelevanten Maßnahmen und Strukturen unter der Einbeziehung der Geschlechterperspektive zu entwickeln sind".
"Du brauchst das Fach später doch gar nicht"
Das neue Schulgesetz, "das nach langjährigen Vorarbeiten" im letzten Jahr verabschiedet wurde, ist für Groneberg der lebende Beweis dafür, "dass sich im Laufe der letzten 20 Jahre viel getan hat". Das verdeutlicht auch das Beispiel ihrer eigenen Tochter. Keine 15 Jahre ist es her, als die Physiklehrerin ihr wohlmeinend raten wollte: "Du brauchst das Fach doch gar nicht." Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sind Beispiele wie jenes von Heidi Potts so förderlich. Sie ermutigen auch andere Mädchen, sich dauerhaft für naturwissenschaftliche Bildung und Berufe zu interessieren. Je mehr Mädchen und Frauen solche Disziplinen für sich entdecken, desto stärker ändert sich das nicht besonders positive Bild der Technik in der Gesellschaft.
In seiner neuen Schulgesetzgebung versucht das Land Berlin auch diesbezüglich auf Änderungen hinzuwirken. § 3 Bildung und Erziehungsziele: Absatz 3: "Schulische Bildung und Erziehung sollen die Schülerinnen und Schüler insbesondere befähigen, die Gleichstellung von Frau und Mann auch über die Anerkennung der Leistungen der Frauen in Geschichte, Wirtschaft, Technik, Kultur und Gesellschaft zu erfahren... ." Weibliche Vorbilder sollen Schule machen.
Der Einschnitt: die duale Berufsausbildung
Knifflig wird die Situation für die Mädchen und Frauen nach derzeitiger Lage der Dinge aber beim Einstieg in die duale Berufsausbildung. Während Groneberg zufolge 68 Prozent der Jungen eines Jahrgangs eine Berufsausbildung anfangen, sind es bei den Mädchen lediglich 59 Prozent.
"Als Mädchen muss man sich sehr bemühen, um nach der Schule weiter zu kommen", sagt Heidi Potts. Eine Initiative wie "Girls Day", die den Mädchen bundesweit Türen in die Berufswelt öffnet, findet sie deshalb unterstützenswert. Potts ist aber auch dafür, benachteiligte Jungen zu fördern. Selber möchte sie später aber ein Studium aufnehmen, wahrscheinlich im Bereich Mikrosystemtechnik, doch festlegen möchte sie sich lieber nicht: "Man muss heute flexibel bleiben."
Männer als Verbündete
Im Gender Mainstreaming gibt es aber noch andere dicke Bretter zu bohren: "Die männlichen Kollegen haben uns alleine gelassen", meint Caren Groneberg. Hintergrund dessen sei die Generationendifferenz. Lehrer aus der älteren Generation, beispielweise der 68er, hätten sich nicht mit ihrer eigenen Geschlechterrolle auseinandergesetzt, so Caren Groneberg. Deshalb würden Geschlechterprobleme in den Schulen auch nicht ernst genug genommen. Es bräuchte eine neue Generation von männlichen Kollegen. Laut einer Shell-Studie gibt es 20 Prozent Männer, die zu einer modernen, geschlechtsbewussteren Identität tendieren. "Diese Männer bräuchten wir als Verbündete an den Schulen", gibt Groneberg zu bedenken. Aufgrund der klammen Länderhaushalte werden gegenwärtig aber nur wenig junge Lehrer neu eingestellt.
Gender Mainstreaming spielt auch in der Schulgestaltung eine große Rolle. So wurden im Gender Report zur Stadtentwicklung Berlin laut Groneberg folgende Empfehlungen zwecks Aufnahme des Gender Mainstreamings in den Schulen aufgenommen: Entwicklung eines gendergerechten Verfahrens, Erstellen eines Kriterienkataloges, geschlechterparitätische Besetzung von Schulgremien, Einsetzung von Fachfrauen mit Frauenblick.
Fachfrauen gefragt
Ein Beispiel sind die Toiletten: Mädchen haben die gleiche Zahl an Toiletten wie die Jungen, obwohl sie sich dort länger aufhalten. Beispiel Bewegung: "Mädchen bewegen sich anders als Jungen. Da sind also Fachfrauen bei der Gestaltung der Schulgebäude gefragt", erinnert Groneberg.
Ob beim Sport, in den Naturwissenschaften, der Sexualaufklärung: Mädchen und Jungen brauchen in den Ganztagsschulen eigene Räume zum Leben und Lernen. Das bedeutet nicht das Ende des koedukativen Unterrichts an den Schulen, wohl aber einen reflexiven und differenzierten Ansatz dazu.
Insgesamt eröffnen die Ganztagsschulen vor dem Hintergrund der Genderproblematik für Groneberg besondere Chancen: "Sie bringen das ganze Leben in die Schulen rein". Nicht nur das Berufsleben, sondern auch Familie, Kultur und soziales Engagement: "Das ist eine große Chance."
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 08.03.2005
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