Ulrich Rother ist im Stress. Der Ganztagsschulreferent in der Behörde für Bildung und Sport ist mit dem Auswahl- und Zulassungsprozess neuer Ganztagsschulen in Hamburg befasst. "Vor einigen Jahren wurden jährlich gerade mal drei Ganztagsschulen zugelassen, jetzt sind es mit einem Schlag 31", erzählt Rother. Eine Woche zuvor hat Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig verkündet, dass zum kommenden Schuljahr 2005/2006 von den 78 Schulen, die sich als Ganztagsschule beworben hätten, 31 ausgewählt worden seien. Dazu kommen vier weitere Schulen - auf eigenen Wunsch - erst zum Schuljahr 2006/2007 hinzu. Zusammen mit den bereits 36 existierenden Ganztagsschulen und den 63 Gymnasien mit freiwilligem Nachmittagsunterricht wird so in Zukunft rund ein Drittel der 375 allgemeinbildenden Schulen und Sonderschulen Bildungs- und Betreuungsangebote am Nachmittag anbieten.
Nach Angaben der Behörde stehen den 35 neuen Ganztagsschulen 143 zusätzliche Lehrerstellen zur Verfügung. Bei der Auswahl der Schulen wurden bestimmte Aspekte berücksichtigt: Es sollten möglichst alle Schulformen erfasst werden, die Schulen sollten sich regional ausgewogen verteilen, und sie mussten bei der Behörde ein pädagogisches Konzept einreichen. Diese Konzepte wurden mit einem Punktesystem bewertet: Man bewertete die Qualität des pädagogischen Konzeptes, den Sozialindex, sowie das besondere Profil der Schule, etwa in den Bereichen Sport oder Kultur. Auch ein Engagement bei den Projekten "PROREGIO - Regionale Kooperation von Schule und Jugendhilfe" oder Selbstverantwortete Schule wurde berücksichtigt.
Am Ende bekamen 14 Grund-, Haupt- und Realschulen, acht selbständige Grundschulen, sechs Gesamtschulen, zwei Gymnasien und fünf Sonderschulen den Zuschlag. Grundsätzlich sind alle Hamburger Gymnasien im Zuge der Schulzeitverkürzung auf acht Gymnasialjahre zu Ganztagsschulen umgewidmet worden; bei den zwei extra aufgeführten Gymnasien Billstedt und Goethe-Gymnasium handelt es sich um Schulen, die sich zu ganztägig rhythmisierten Ganztagsschulen weiterentwickeln. Die 35 neuen Ganztagsschulen haben zum größten Teil die gebundene Form gewählt. Dort ist an drei Nachmittagen der Woche die Teilnahme an den Angeboten für alle verpflichtend.
Weitere Auswahlverfahren angekündigt
Als einen "großen Schritt voran" wertet Ulrich Rother die neue Ganztagsschulrunde. "Ich bin froh, dass unsere Auswahl allgemein akzeptiert worden ist." Auch Alexandra Dinges-Dierig ist mit dem Ergebnis der Auswahl der neuen Ganztagsschulen für 2005 "sehr zufrieden": "Wir haben eine weitgehend ausgewogene regionale Versorgung wie auch die besondere Berücksichtigung sozialer Brennpunkte stadtweit in Einklang gebracht." Die Nachfrage der Schulen, Ganztagsschule zu werden, ist dabei ungebrochen. So kündigt die Bildungssenatorin nun an: "In den kommenden Jahren werden wir jeweils weitere Auswahlverfahren durchführen, um die Zahl der Ganztagsschulen weiter auszubauen."
Doch die dynamische Entwicklung in die Breite findet nicht nur Zustimmung. "Das ist ein Quantensprung der Quantität, nicht der Qualität", meint beispielsweise Bernd Martens, Vorsitzender des Landesverbandes Hamburg des Ganztagsschulverbandes. Der Verband hatte das "Rahmenkonzept für Ganztagsschulen in Hamburg" vom 21. Juni 2004 hart kritisiert. In diesem Konzept werden als Antwort auf die Ergebnisse der PISA-Studie Zielsetzungen formuliert, die Martens für "richtig und wichtig" erachtet: Das Steigern von Lesekompetenz, die Modernisierung des Unterrichts durch Verzahnung von Vor- und Nachmittag und durch die Aufweichung des 45 Minuten-Rasters, die verbesserte Integration von Migrantenkindern und die Einbeziehung außerschulischer Partner. Doch unter Punkt vier "Angleichung der bestehenden Ganztagsschulen" folgt die Entscheidung, die besonders im Grundschulbereich Protest hervorrief und viele bestehende Ganztagsschulen "ins Mark getroffen hat", wie Martens es ausdrückt. Dort heißt es: "Die bestehenden Ganztagsschulen werden durch eine Absenkung ihres pädagogischen Mehrbedarfs um 60 Prozent in vier gleichen Schritten ab dem Schuljahr 2005/2006 bis zum Schuljahr 2008/2009 an die veränderten Bedarfsgrundlagen angeglichen."
Mit anderen Worten: Die personelle Ausstattung wird schrittweise, aber massiv gekürzt, die neuen Ganztagsschulen müssen bereits von Beginn an mit nur 40 Prozent der Ausstattung auskommen, die den bestehenden Ganztagsschulen bisher zustanden. Auch Bernd Martens bekommt dies als Rektor der Gesamtschule Allermöhe zu spüren. 550 Schülerinnen und Schüler werden an der vierzügigen Schule unterrichtet. Für den Ganztagsbetrieb standen vier Lehrerstellen zur Verfügung. Nun sind es nur noch eine halbe Lehrerstelle, und auch die Zahl der Sozialpädagogen wird halbiert. "Der Professionen-Mix verschiebt sich so eindeutig von den Lehrerinnen und Lehrern zu den Honorarkräften", erläutert Martens, "und damit hin zur bloßen Betreuung."
Schulen zogen Anträge zurück
Für die Gesamtschule Allermöhe hat das Auswirkungen auf das Schulprofil, das vor allem Kultur und Sport umfasst. Der eigens gegründete Schulsportverein ist gefährdet, ebenso wie die von Lehrerinnen und Lehrern durchgeführten Fördernachmittage. "Mit dieser Personalausstattung können wir die Ganztagsschule nicht so machen, wie wir wollen. Diese Sparmaßnahmen beißen sich mit den vom Senat formulierten Zielsetzungen", kritisiert der Schulleiter. "Nur mit Honorarkräften kann man seinen Lehrauftrag nicht erfüllen. Honorarkräfte sind eine gute Ergänzung, aber sie können keine Säule bilden."
Einige Schulen sahen diese Problematik wohl ebenfalls. Mehr als 20 Grundschulen zogen nach Angaben des Verbands Hamburger Schulleitungen ihren Antrag auf Umwandlung in eine Ganztagsschule "unter großem Bedauern" zurück. Auch weiterführende Schulen wollten unter den veränderten Bedingungen nicht mehr den Unterricht in den Nachmittag hinein verlängern. Aus Sicht des Schulleiterverbands sind vor allem die finanziellen Kürzungen bei Ganztagsschulen für die Absagen verantwortlich. Die Kürzungen der notwendigen Ressourcen bei Personalstunden, Honorarmitteln und Mittagessen führe zu Gruppengrößen von mehr als 20 Kindern. Dass Eltern mit ehrenamtlicher Tätigkeit diese Lücken füllen würden, wie vom Senat erwartet, sei gerade in Brennpunktstadtteilen wohl "nur sehr schwer zu vermitteln und zu realisieren", meint Klaus Wendtland, der 1.Vorsitzende des Verbandes Hamburger Schulleitungen.
"Grundschüler - besonders in den Klassen eins und zwei - benötigen eine orientierende Bindung an kontinuierliche Bezugspersonen. Das wird durch den hohen Anteil von Honorarkräften im Verhältnis zu den Lehrer- und Erzieherstellen verhindert. Durch die Verringerung der Erzieherressourcen und deren Einbindung in die Ferienbetreuung wird wenig Kontinuität im laufenden Ganztagsbetrieb möglich", kritisierte Wendtland am 30. November 2004, dem letzten Abgabetag für die Anträge auf Einrichtung einer Ganztagsschule. Das Fazit des Schulleiters der Grund-, Haupt- und Realschule Königstraße: "Ganztagsschule als ein Schulangebot der Zukunft kann unter diesen Bedingungen - besonders für Grundschulkinder - nicht lern- und entwicklungsfördernd gestaltet werden. Der Verband Hamburger Schulleitungen fordert eine Erweiterung des Ganztagsschulangebotes zu den bisher gültigen Bedingungen."
Kürzungen treffen immer die Kinder
Ulrich Rother wäre nicht Stellvertretender Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes, wenn er diese Probleme nicht auch sehen würde. "Das ist natürlich eine drastische Kürzung für die Ganztagsschulen, und darüber hat es harte Diskussionen gegeben. Ich habe mich klar dagegen ausgesprochen, muss die nun getroffene politische Entscheidung aber nun mal vertreten." Sein Verbandskollege Bernd Martens attestiert dem Senat die "annerkennenswerte Erhöhung der Ganztagsschulzahl", aber für die Kürzungen könne man sich noch so viele Titel einfallen lassen, letztlich träfen sie immer die Kinder. "Der Professionenmix muss verändert werden", fordert der Schulleiter, "wir brauchen die Lehrerinnen und Lehrer als verlässliche Partner."
Bedenklich findet Martens darüber hinaus, dass immer mehr Bildungsbereiche in der Hansestadt kostenpflichtig werden: Gebühren für den Vorschulbesuch, einen Teil des Schwimmunterrichts, für Schulbücher und nun auch für so genannte "besondere Angebote" am Nachmittag in den Ganztagsschulen. Im Entwurf für die Änderung des Schulgesetzes, die noch in diesem Monat dem Senat und dem Schulausschuss der Bürgerschaft vorliegen soll, wird als Beispiel dazu ein einstündiger Flötenkursus genannt. Bei zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmern kostet die Stunde eines privaten oder staatlichen Anbieters 22 Euro - pro Kind und Woche 2,20 Euro. Senatorin Alexandra Dinges-Dierig sieht die kostenpflichtigen Angebote als "Erweiterung des Gestaltungsspielraums" der Schulen. Nichtsdestotrotz soll im Schulgesetz auch verankert werden, dass "jede Schule verpflichtet ist, ihren Schülern in ausreichendem Maße kostenlose Alternativangebote bereitzustellen."
Von einer großen Ganztagsschulkonferenz am 7. April 2005, die vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung organisiert wird, erhofft der Landesvorsitzende des Ganztagsschulverbandes, dass die pädagogischen Fragen wieder größeres Gewicht erhalten.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 11.02.2005
© www.ganztagsschulen.org
Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
http://fhh.hamburg.de [zur Website]

http://fhh.hamburg.de [zur Website]
