8. FEBRUAR 2005

Neue Schulen durch Neue Medien

Computer sind in deutschen Haushalten mittlerweile weit verbreitet. Aber droht eine "digitale Spaltung" der Gesellschaft? Welche Bedeutung hat die Schule für die Vermittlung von Medienkompetenz? Hoffnungen zur Umsetzung medienpädagogischer Konzepte verbinden sich zu Recht mit der Ganztagsschule. Sie bietet Raum und Zeit sowie individuelle Förderung, um Schülerinnen und Schüler kompetent zur Nutzung neuer Medien zu machen - auch für lebenslanges Lernen. Wie das Lernen mit neuen Medien international eingeschätzt wird, erörterten Bildungsexperten aus Luxemburg, England und den Niederlanden auf dem 2. Internationalen Workshop "Schule und neue Medien im Spiegel von PISA & Co. - Europäische Perspektiven" am 31. Januar 2005 in Berlin.

Wie gehen Schulen und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zusammen? Die Frage ist aktuell, weil die zweite PISA-Studie deutschen Jugendlichen nicht nur mittelmäßige Lese- und mathematische Kompetenzen bescheinigt. Auch hinsichtlich der "Vertrautheit mit dem Computer" hat PISA für Deutschland wenig Schmeichelhaftes zu vermelden.

Digitale Spaltung

Einerseits sind Schülerinnen und Schüler in Deutschland stark an Computern interessiert, 80 Prozent der Jugendlichen nutzen ihn regelmäßig. Nur 21 Prozent der 15-Jährigen gaben jedoch an, dass der Computer an der Schule häufig genutzt werde. Im internationalen Durchschnitt sind es hingegen fast 40 Prozent! Sorgenkinder seien viele Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen, wie Dr. Andreas Vogel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eingangs des 2. Internationalen Workshops "Schule und neue Medien im Spiegel von PISA & Co. - Europäische Perspektiven" feststellte. Die Koppelung von sozialer Herkunft und Schulleistungen erstrecke sich bis zu den Computer-Kenntnissen.



Moderator Dr. Harald Gapski vom European Centre for Media Competence, Dr. Andreas Vogel und der Geschäftsführer von "Schulen ans Netz" Ralf Münchow (v.l.n.r.)

Schülerinnen und Schüler, die sich Computer-Kenntnisse selbst beigebracht oder sie durch Freunde oder Familie erworben haben, besitzen einen Vorsprung gegenüber denen, die sie an der Schule erworben haben. Bei der Vermittlung von Medienkompetenz scheinen deutsche Schulen bislang nicht viel zu bieten. Nur zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler gaben an, dass die Schule ihnen die wichtigsten Computerkenntnisse vermittelt habe. "Neue Medien sind im Unterricht noch kaum angekommen", so Vogel. Es drohe deshalb eine digitale Spaltung der Gesellschaft, da benachteiligte Gruppen Jugendlicher diesen Vorsprung nicht aufholen könnten.

Der Befund des Forum Bildung aus dem Jahr 2001 ist noch immer aktuell: "Es fehlen insbesondere methodisch-didaktisch ausgefeilte Konzepte für die Vermittlung von Medienkompetenz für die in der Bildung tätigen Personen, die auch die Verbindung mit den klassischen Lernmethoden und -instrumenten umfassen und reflektieren." Mediennutzung und der berühmte 45-Minuten-Takt passen nicht zusammen, so Dr. Vogel.

Was Schule bewirken kann

Dass Schulen keineswegs wirkungslos bei der Vermittlung von Medienkompetenz sind, meint Dr. Martin Senkbeil vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) der Universität Kiel. Er hat auf der Grundlage der zweiten PISA-Studie vier Gruppen von PC-Nutzern unter den Schülerinnen und Schülern identifiziert:

0 Rund neun Prozent zählten sich zu Recht zu den "Unerfahrenen". Sie haben kaum eine Vorstellung davon, wie man einen PC benutzt, und kommen selten damit in Berührung. Diese Gruppe sei am meisten gefährdet.

0 Die "Freizeitnutzer", dass heißt die "Spieler" unter den PC-Nutzern machen zwölf Prozent aus. Sie haben eine geringe Vorstellung davon, wie der PC zum Lernen eingesetzt werden könnte, und gehören damit zur "potentiellen Risikogruppe".

0 Die "Pragmatiker" - 25 Prozent - unterschätzen ihre PC-Kenntnisse, Mädchen mehr als doppelt so häufig (39 Prozent) wie Jungen (15 Prozent). Bei dieser Gruppe könnte die Schule am Selbstwertgefühl arbeiten.

0 Die besten Voraussetzungen haben aus der Sicht der IKT-Experten die "Enthusiasten"(54 Prozent), denn sie beherrschen den PC in allen Lebenslagen, in der Freizeit und in der Schule.

Neue Medien in der Schule, so Senkbeil, könnten gerade dazu beitragen, die digitale Spaltung der Jugendlichen zu überwinden. Schule würde dann etwas bewirken, wenn sie den verschiedenen Gruppen individualisierte Angebote mache und so Benachteiligungen ausgleiche. Es liegt auf der Hand, dass Ganztagsschulen mit einer veränderten Raum- Zeit-Gestaltung sowie den Kooperationen mit außerschulischen Partnern wesentlich mehr Möglichkeiten gerade für eine moderne Medienschule bieten. Der Verein "Schulen ans Netz", der den 2. Internationalen Workshop durchführte, begleitet deshalb auch 30 Ganztagsschulen auf ihrem Weg zu multimedialen Werkstätten. In einem zweiten Schritt sollen die in Ganztagsschulen gewonnenen Erfahrungen auf andere Schulen übertragen werden.

Erfahrungen in Europa

Nicht nur in Deutschland, auch international wird bei der Einführung von Informations- und Kommunikationstechnologien an Schulen immer wieder betont: Hardware und Software sind lediglich die Voraussetzungen. Entscheidend sei vielmehr ein ausgewogenes Verhältnis ("balance") von pädagogischen Konzepten, curricularen Leitlinien, Lehrerausbildung und Personalentwicklung sowie technischer Ausstattung, so Dr. Johan Willem Pelgrum von der University of Twente (Niederlande). Schülerinnen und Schüler brauchen vor allem neue Wege, selbstständig zu lernen, und Werkzeuge, die sie für lebenslanges Lernen nutzen können.

Internationale Organisationen wie die OECD, die Weltbank, die Europäische Kommission, die UNESCO und zahlreiche nationale Einrichtungen führen derzeit Studien zu Veränderungen pädagogischer Praxis im Zuge des Einsatzes von IKT durch. Diese neue Generation von IKT-Studien zielt auf eine mehrdimensionale Bildungsüberwachung ("multilevel monitoring"). Die wichtigste unter ihnen, sozusagen das PISA der Informations- und Kommunikationstechnologie, ist die SITES 2006 (Second Information on Technology in Education Study 2006). Sie untersucht den Einsatz neuer Medien in Unterricht und Schule mit ihren Auswirkungen nicht nur auf die Lernkultur, sondern auch auf die Schulorganisation und Schulprogramme der einzelnen Schulen bis hin zu den nationalen Curricula.



Dr. Martin Senkbeil vom IPN in Kiel, Simon Shaw von der British Educational Communications and Technology Agency (becta) und Dr. Willem Pelgrum, University of Twente (v.l.n.r.)

Warum das Rad der IKT-Schule neu erfinden, wenn andere Länder bereits damit arbeiten? Das haben sich die Schulinspektionen in Schweden, England, Frankreich, Schottland und den Niederlanden gefragt. Die sechs Länder unterstützen sich gegenseitig bei der Entwicklung pädagogischer Neuerungen, ihrer Übertragung auf die Schulen und der Überprüfung der Wirksamkeit der eingeleiteten Maßnahmen. Dadurch soll ein Katalog an Methoden und Kriterien entstehen, der die Inspektoren unterstützt, die Wirkung von IKT auf die Qualität schulischer Bildung zu beurteilen. Das Herzstück dieser IKT-Erhebung sind 20 Schulportraits aus ganz Europa. Die Portraits beleuchten, wie Schulen durch den Einsatz neuer Medien zu einer veränderten Kultur multimedialen Lernens finden. Daraus entwickeln sich ganz neue Rollenbilder sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrkräfte.

Keine Schule gleicht der anderen. Die Anregungen aus dem Ausland muss jede einzelne Schule in die eigene Wirklichkeit übersetzen, die besonderen Regeln folgt. Eine tragende Rolle bei der IKT-Reform haben die Schulleiter, das betonen die Bildungsexperten immer wieder. Ganztagsschulen eignen sich aufgrund ihrer offenen Lernkultur besonders gut, solche Konzepte aufzugreifen. Neue Schulen durch neue Medien zu schaffen - das funktioniert nur, wenn sich verschiedene Partner an der innovativen pädagogischen Praxis kontinuierlich beteiligen.


 


Autor: Arnd Zickgraf
Datum: 08.02.2005
© www.ganztagsschulen.org


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