Wie gehen Schulen und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zusammen? Die Frage ist aktuell, weil die zweite PISA-Studie deutschen Jugendlichen nicht nur mittelmäßige Lese- und mathematische Kompetenzen bescheinigt. Auch hinsichtlich der "Vertrautheit mit dem Computer" hat PISA für Deutschland wenig Schmeichelhaftes zu vermelden.
Digitale Spaltung
Einerseits sind Schülerinnen und Schüler in Deutschland stark an Computern interessiert, 80 Prozent der Jugendlichen nutzen ihn regelmäßig. Nur 21 Prozent der 15-Jährigen gaben jedoch an, dass der Computer an der Schule häufig genutzt werde. Im internationalen Durchschnitt sind es hingegen fast 40 Prozent! Sorgenkinder seien viele Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen, wie Dr. Andreas Vogel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eingangs des 2. Internationalen Workshops "Schule und neue Medien im Spiegel von PISA & Co. - Europäische Perspektiven" feststellte. Die Koppelung von sozialer Herkunft und Schulleistungen erstrecke sich bis zu den Computer-Kenntnissen.
Der Befund des Forum Bildung aus dem Jahr 2001 ist noch immer aktuell: "Es fehlen insbesondere methodisch-didaktisch ausgefeilte Konzepte für die Vermittlung von Medienkompetenz für die in der Bildung tätigen Personen, die auch die Verbindung mit den klassischen Lernmethoden und -instrumenten umfassen und reflektieren." Mediennutzung und der berühmte 45-Minuten-Takt passen nicht zusammen, so Dr. Vogel.
Was Schule bewirken kann
Dass Schulen keineswegs wirkungslos bei der Vermittlung von Medienkompetenz sind, meint Dr. Martin Senkbeil vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) der Universität Kiel. Er hat auf der Grundlage der zweiten PISA-Studie vier Gruppen von PC-Nutzern unter den Schülerinnen und Schülern identifiziert:
0 Rund neun Prozent zählten sich zu Recht zu den "Unerfahrenen". Sie haben kaum eine Vorstellung davon, wie man einen PC benutzt, und kommen selten damit in Berührung. Diese Gruppe sei am meisten gefährdet.
0 Die "Freizeitnutzer", dass heißt die "Spieler" unter den PC-Nutzern machen zwölf Prozent aus. Sie haben eine geringe Vorstellung davon, wie der PC zum Lernen eingesetzt werden könnte, und gehören damit zur "potentiellen Risikogruppe".
0 Die "Pragmatiker" - 25 Prozent - unterschätzen ihre PC-Kenntnisse, Mädchen mehr als doppelt so häufig (39 Prozent) wie Jungen (15 Prozent). Bei dieser Gruppe könnte die Schule am Selbstwertgefühl arbeiten.
0 Die besten Voraussetzungen haben aus der Sicht der IKT-Experten die "Enthusiasten"(54 Prozent), denn sie beherrschen den PC in allen Lebenslagen, in der Freizeit und in der Schule.
Neue Medien in der Schule, so Senkbeil, könnten gerade dazu beitragen, die digitale Spaltung der Jugendlichen zu überwinden. Schule würde dann etwas bewirken, wenn sie den verschiedenen Gruppen individualisierte Angebote mache und so Benachteiligungen ausgleiche. Es liegt auf der Hand, dass Ganztagsschulen mit einer veränderten Raum- Zeit-Gestaltung sowie den Kooperationen mit außerschulischen Partnern wesentlich mehr Möglichkeiten gerade für eine moderne Medienschule bieten. Der Verein "Schulen ans Netz", der den 2. Internationalen Workshop durchführte, begleitet deshalb auch 30 Ganztagsschulen auf ihrem Weg zu multimedialen Werkstätten. In einem zweiten Schritt sollen die in Ganztagsschulen gewonnenen Erfahrungen auf andere Schulen übertragen werden.
Erfahrungen in Europa
Nicht nur in Deutschland, auch international wird bei der Einführung von Informations- und Kommunikationstechnologien an Schulen immer wieder betont: Hardware und Software sind lediglich die Voraussetzungen. Entscheidend sei vielmehr ein ausgewogenes Verhältnis ("balance") von pädagogischen Konzepten, curricularen Leitlinien, Lehrerausbildung und Personalentwicklung sowie technischer Ausstattung, so Dr. Johan Willem Pelgrum von der University of Twente (Niederlande). Schülerinnen und Schüler brauchen vor allem neue Wege, selbstständig zu lernen, und Werkzeuge, die sie für lebenslanges Lernen nutzen können.
Internationale Organisationen wie die OECD, die Weltbank, die Europäische Kommission, die UNESCO und zahlreiche nationale Einrichtungen führen derzeit Studien zu Veränderungen pädagogischer Praxis im Zuge des Einsatzes von IKT durch. Diese neue Generation von IKT-Studien zielt auf eine mehrdimensionale Bildungsüberwachung ("multilevel monitoring"). Die wichtigste unter ihnen, sozusagen das PISA der Informations- und Kommunikationstechnologie, ist die SITES 2006 (Second Information on Technology in Education Study 2006). Sie untersucht den Einsatz neuer Medien in Unterricht und Schule mit ihren Auswirkungen nicht nur auf die Lernkultur, sondern auch auf die Schulorganisation und Schulprogramme der einzelnen Schulen bis hin zu den nationalen Curricula.
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