24. OKTOBER 2003
Online-Redaktion: Mit dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" sollen Ganztagsschulen flächendeckend ausgebaut werden. Jetzt haben Sie zusätzlich die Kampagne "Ganztagsschulen. Zeit für mehr" gestartet. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Kampagne?
Bulmahn: Wir wollen in erster Linie Lehrern, Eltern und Schülern die Idee der Ganztagsschule nahe bringen und darüber informieren, wie sie sich konkret am Aufbau von Ganztagsschulen beteiligen können. Die Bundesregierung trägt im Rahmen der Agenda 2010 mit dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" dazu bei, dass das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich wieder dort seinen Platz findet, wo es hingehört: an die Spitze!
Online-Redaktion: Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Ganztagsschule aus und ist sie wirklich dazu geeignet, die Bildungsmisere in Deutschland zu überwinden?
Bulmahn: Eine gute Ganztagsschule ist eine, in der jedes Kind die Chance bekommt, all seine Begabungen entfalten zu können. Uns gelingt es bisher in Deutschland nicht, Kinder und Jugendliche mit ihren ganz individuellen Begabungen ausreichend zu fördern. Deshalb liegen wir im internationalen Leistungsvergleich deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Unser Schulsystem ist ungerechter, als die meisten anderen auf der Welt. In keinem vergleichbaren Land entscheidet die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler so sehr über den schulischen Werdegang und Bildungserfolg. Wir brauchen deshalb einen klaren Perspektivwechsel. Genau dieses Ziel verfolgen wir mit dem flächendeckenden Aufbau von Ganztagsschulen. Gute Bildung braucht mehr Zeit. Mehr Zeit für eine höhere Qualität des Unterrichts. Mehr Zeit für individuelle Förderung. Mehr Zeit für Kreativität. An Ganztagsschulen ist mehr Zeit.
Online-Redaktion: Wo ist die Ganztagsschule besser als der reine Vormittagsunterricht? Bietet sie auch mehr Zeit für neue Fächer und Inhalte wie Verbraucherschutz, Wirtschaft oder Gesundheit?
Bulmahn: Wir wollen Schülerinnen und Schüler optimal auf die Anforderungen in Beruf und Gesellschaft vorbereiten. Dafür brauchen wir Schulen, die vernetztes Denken und die Verbindung von Theorie und Praxis vorleben und einüben. An Ganztagsschulen ist mehr Zeit für neue Unterrichtsmethoden jenseits des herkömmlichen 45-Minuten-Taktes. Der Unterricht wechselt zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen individuellem Lernen und Arbeiten im Team. Darüber hinaus wollen wir Schule und Unterricht durch Kooperationen mit außerschulischen Partnern öffnen. Das motiviert - sowohl Lehrer als auch Schüler und Eltern. Das Freizeitangebot jeder Schule wird vor Ort entwickelt, in Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Partnern. Es umfasst Sport, Musik, Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, soziales Engagement und vieles mehr. Diese Angebote sind Teil der Lehr- und Lernkultur, weil die Kinder durch die Vielfalt der Angebote in der Schule wichtige Erfahrungen machen und ihre Fähigkeiten erproben und erleben können.
Online-Redaktion: Sie betonen immer, dass die Ganztagsschule kein Allheilmittel ist. Wo sehen Sie deren Grenzen oder vielleicht sogar Nachteile?
Bulmahn: Die Ganztagsschule bietet mehr Zeit für unsere Kinder und damit die wichtigste Voraussetzung für eine bessere individuelle Förderung. Diese Zeit muss natürlich auch für ein anspruchsvolles Programm genutzt werden. Ohne neue pädagogische Konzepte geht das nicht.
Online-Redaktion: Nach einer Forsa-Umfrage befürworten fast 80% der Bundesbürger den flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen. Werden alle Kinder, die eine Ganztagsschule besuchen wollen, einen Platz bekommen?
Bulmahn: Wir machen mit dem größten Schulprogramm des Bundes den Anfang für einen entscheidenden Wandel in unserem Bildungssystem. Die vier Milliarden Euro, die die Bundesregierung bis zum Jahr 2007 für den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen aufwendet, werden das bestehende Angebot erheblich verbessern und Tausende neuer Schulen mit Ganztagesangebot schaffen. Ich setze darauf, dass die Eltern mitziehen und ihre Kinder in den neuen Schulen anmelden und sich das Angebot auch entsprechend der Nachfrage weiter entwickeln wird.
Online-Redaktion: Der Ganztagsschulbesuch soll freiwillig sein. Sehen Sie das Problem einer zukünftigen "Zweiklassenschülerschaft" zwischen Ganztagsschülern und Vormittagsschülern aufkommen?
Bulmahn: Ich glaube nicht. Denn das gute Angebot der Ganztagsschulen wird sich durchsetzen und auch diejenigen überzeugen, die sich heute vielleicht noch für den Schulunterricht am Vormittag entscheiden. Diesen Prozess der Meinungsbildung kann man allerdings niemand abnehmen. Deswegen sind die Ganztagsschulen auch ein freiwilliges Angebot für die Schüler.
Online-Redaktion: Ein Blick zurück: Wären Sie gerne auf eine Ganztagsschule gegangen?
Bulmahn: Ich wäre sehr gern auf eine Ganztagsschule gegangen. Ich hätte auch gerne einen Unterricht gehabt, der mehr Zeit für das Lernen am praktischen Beispiel gibt und für das gemeinsame Arbeiten im Team. Denn Kinder lernen am meisten mit- und voneinander.
Autor: Petra Schraml
Datum: 24.10.2003
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Jahrgang 1951, ist seit 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 1990 ist sie in verschiedenen Funktionen in Partei, Fraktion und Parlament für die Themen Bildung und Forschung engagiert. Seit dem 27.10.1998 steht sie dem gleichnamigen Bundesministerium vor.