28. JANUAR 2005

Neuer Schwung mit E-Learning

E-Learning war ein Zauberwort, das viele automatische Veränderungen in der Lehr- und Lernkultur verhieß - ein Allheilmittel für den in Misskredit geratenen Frontalunterricht. In einem Gespräch mit der Online-Redaktion erläutert Prof. Friedrich Schönweiss von der Universität Münster die Möglichkeiten und Grenzen von mediengestützten Lernprogrammen. An Ganztagsschulen können sie die Schulentwicklung nachhaltig verbessern.

Online-Redaktion: Unterricht mit neuen Medien, kurz E-Learning, verheißt einen Umbruch in der Lehr- und Lernkultur. Worin sehen Sie die größten Chancen und Potenziale dieser neuen Medien?

Schönweiss: Wenn Computer und Internet Lehrern helfen, ihren pädagogischen Schwung wiederzufinden, wäre schon viel gewonnen. In aller Regel fühlen sie sich ja hin- und hergerissen zwischen den Bildungsbedürfnissen des einzelnen Kindes, dem sie nur bedingt gerecht werden können, und ihrer Verantwortung für die gesamte Klasse.

Lehrer haben leider oft keine andere Lösung aus diesem Dilemma gesehen als die Flucht in einen schematischen, gleichschrittigen Frontalunterricht. Dass dabei dann das Interesse der Kinder an der Bildung auf der Strecke bleibt, ist kein Wunder. Diese eingefahrenen Unterrichtsstrukturen, an die man sich leider gewöhnt hat, obwohl sie keinem bekommen, gilt es sukzessive aufzubrechen. Nötig dafür ist freilich sehr viel mehr als modernes Equipment und der naive Glaube an die wundersame Macht neuer Medien.

Online-Redaktion: Hat E-Learning bereits die Lehr- und Lernkultur an Ganztagsschulen verändert?

Schönweiss: In der Tat gibt es inzwischen immer mehr Schulen, denen es gelungen ist, in Verbindung mit guten pädagogischen Konzepten für einen frischen Wind zu sorgen. Nur: An den modernen Gerätschaften liegt dies erst einmal am allerwenigsten, sondern daran, dass man sich auf den inhaltlichen Mehrwert besinnt, der damit zu erzielen ist.



       

Lehrerausbildung und E-Learning für Schülerinnen und Schüler

Wie wir gerade in unserer Zusammenarbeit mit Schulen unterschiedlichster Schulformen feststellen können, lässt sich durchaus auf breiter Front eine Art Aufbruchstimmung verzeichnen. Dieser Schwung verdankt sich jedoch erst in zweiter Linie dem PC-Raum oder der Tatsache, dass Kindern Laptops zur Verfügung gestellt werden. Die Investitionen in Hard- und Software zahlen sich schnell aus, wenn sie in qualitative Schulentwicklungsprozesse eingebettet sind, bei denen es der Schulleitung gelingt, das Gros des Kollegiums, die Schülerinnen und Schüler wie auch die Eltern mitzunehmen.

Online-Redaktion: Wie verändert sich dabei die Rolle der Lehrerschaft sowie der Schülerinnen und Schüler?



Schönweiss: Die Euphorie, mit der die neuen Medien als Retter des Bildungswesens begrüßt worden sind, hat sich mittlerweile zum Glück weitgehend verflüchtigt. Etwas steckt davon noch in manchen Köpfen. Die Vorstellung nämlich, dass angesichts der immensen Möglichkeiten von Computer und Internet die Lehrer plötzlich zu bloßen Moderatoren von lauter selbstständig vonstatten gehenden Lernprozessen ihrer Schüler werden.


Hier muss man aufpassen, das Ziel von Bildung nicht zu verspielen. Denn so wichtig es ist, Kindern zu echter Selbstständigkeit zu verhelfen, so wenig ist damit gedient, ihnen die Unterstützung vorzuenthalten, mit denen sie engagierte Lehrerinnen und Lehrer dabei begleiten können.


Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern die Unterrichtsinhalte zu erarbeiten, sie mit all ihrer Neugierde und unterschiedlichen Kompetenzen loszulassen und dort zu unterstützen, wo sie selbst nicht weiterkommen, macht Schule auch für die Lehrerinnen und Lehrer sehr viel befriedigender. Solche Lehrerinnen und Lehrer wissen dann auch am besten, weshalb und wie der Rückgriff auf die modernen Techniken Sinn macht.

Online-Redaktion: Warum kann man mit den neuen Medien besser auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler eingehen?


Schönweiss: Kein Kind oder Jugendlicher entspricht jener Fiktion, von der Lehrer in einem tradierten, auf Gleichschrittigkeit fixierten Unterrichtsverständnis ausgehen müssen. Nehmen Sie nur als Beispiel die Rechtschreibung: Welcher Lehrer ist hier ohne Computer in der Lage, sich ein umfassendes, präzises Bild von den jeweiligen Fähigkeiten und Schwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler seiner Klasse zu machen? Schon die oft genug unzureichende Lehrerausbildung, wie aber auch die Klassengrößen bringen es mit sich, dass im Unterricht nicht viel mehr als ein Fehlerabgleich stattfindet.


Für Kinder und Jugendliche hat dies oft genug sehr fatale Folgen: Sie produzieren auf ihrem Weg zur Schrift Fehler und bekommen dann häufig nur die Rückmeldung, dass sie wieder einmal die Erwartungen enttäuscht haben. Welche Systematik hinter den vielen Fehlern steckt, was die Kinder bereits verstanden haben und was nicht und wie ihnen jeweils genau auf die Sprünge geholfen werden könnte, kann selbst der engagierteste Lehrer nur in Ansätzen im Auge behalten.


Hier sind Computer und Internet mächtige Partner. Genau dafür, dass Lehrkräfte möglichst frühzeitig intervenieren können, also bevor sich die Motivation der Kinder an ihrer Bildung verflüchtigt, haben wir unseren Lernserver entwickelt. Lehrkräfte erhalten darüber nicht nur ein präzises Bild vom Leistungsstand ihrer Schülerinnen und Schüler, sondern eine Fülle an flexibel einsetzbaren förderdiagnostischen Anregungen, mit denen sie sich um die individuellen Bildungsbiographien kümmern können.

Online-Redaktion:
Schulen haben die Qual der Wahl. Woran erkennt man gute E-Learning-Programme?


Schönweiss: Angebote gibt es in der Tat mittlerweile in Hülle und Fülle. Hier die Spreu vom Weizen zu trennen und den Überblick zu behalten, ist nicht gerade leicht. Patentrezepte gibt es keine. Denn welches Programm nun jeweils geeignet ist, hängt vom Fach und davon ab, welche Unterstützung sich die Lehrer vom Hinzuziehen digitaler Angebote genau erhoffen.
















Prof. Friedrich Schönweiss vor Lehrern

Am sinnvollsten ist es, auf die Erfahrungen anderer Lehrerinnen und Lehrer zurückzugreifen, die sich mittlerweile auf den zahlreichen Bildungsservern finden lassen. Bewährt hat sich auch, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Lernprogramme zu besprechen und sie auf den Prüfstand zu stellen. Dabei sollte der Lehrer allerdings immer im Auge behalten, in welchem Verhältnis Aufwand und Ertrag zueinander stehen. Den Nürnberger Trichter gibt es auch auf elektronischem Gebiet nicht, selbst wenn manche Verlage suggerieren, dass viel multimediales Getöse samt pseudo-cooler Verpackung die Schüler zum Lernen animiere.

Online-Redaktion: Welche weiteren Aspekte sollte eine Schule bei der Anwendung von E-Learning beachten?


Schönweiss: Das Anliegen eines neuen, mediengestützten Unterrichts muss sein, die Kinder und Jugendlichen aus der Rolle herauszulocken, Schule und Unterricht mehr oder weniger passiv über sich ergehen zu lassen. Wenn es gelingt, Schule Schritt für Schritt zu einer Veranstaltung werden zu lassen, in die sich die Kinder selbst aktiv mit einbringen können, wäre viel gewonnen.


Die neuen Medien bieten hierfür eine Reihe von spannenden Optionen, das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken: Sei es in Form kooperativen, netzgestützten Arbeitens oder dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler mit spannenden Recherche-Fragen beauftragt werden und dann ihre Ergebnisse gemeinsam für eine Präsentation oder Netzpublikation aufbereiten.


Online-Redaktion: Für welche Schulfächer oder Projektarbeiten ist E-Learning besonders geeignet?


Schönweiss: Es gibt eigentlich so gut wie kein Fach, bei dem Computer oder Internet nicht eine wichtige Rolle spielen könnten. Das Spektrum zwischen dem medienbasierten, eigenständigen Studieren und Lösen von Problemen auf der einen Seite und dem Anbahnen von Automatisierung durch sinnvolles Üben auf der anderen Seite ist ja riesig.


Mit Blick zum Beispiel auf die jüngeren Schülerinnen und Schüler sollte bei allem Bemühen um das Fördern ihrer Kreativität eines nicht vergessen werden: Das Üben am Computer und das Bearbeiten von Aufgaben hat durchaus auch seinen Stellenwert - wenn es denn in Verbindung mit einer Erklärung der jeweiligen Lernschritte steht. Solches Lernen am Computer darf nicht mit sturem Auswendiglernen verwechselt werden. Deshalb sind vernünftige Rückmeldungen bei Fehlern wichtig, aber auch Protokollfunktionen für die Lehrer, denen diese weitere Anhaltspunkte für die individuelle Förderung der Kinder entnehmen können.


Online-Redaktion: Wie stark verändern die neuen Medien den Unterricht und die Organisation der Ganztagsschulen?


Schönweiss: An den Medien allein hängt es am wenigsten, in welche Richtung die Reise geht. Entscheidend ist, dass es gelingt, die inzwischen hinreichend diskutierten Mängel des tradierten Unterrichts nicht auch noch in den Nachmittag hinein zu verlängern. Auch das rein additive Verknüpfen mit offenen Angeboten greift viel zu kurz. Anstatt also wie bisher neue Unterrichtsformen für Projektfeiertage zu reservieren oder die individuelle Förderung Eltern oder außerschulischen Einrichtungen zu überlassen, sollten diese mehr und mehr zur schulischen Regel werden.


Für solche umfassenden Schulentwicklungsprozesse unter Einbeziehung von Eltern und externen Kompetenzen bietet die Ganztagsschule viele Chancen. Der logistische Aufwand ist dabei sicher enorm. Wenn sich aber Schülerinnen und Schüler wie Lehrerinnen und Lehrer in dieser neuen Schule wirklich aufgehoben fühlen, ist die Investition in Medien, Fortbildung von Lehrern und in die Neuorganisation des Lebensortes Schule jede Anstrengung wert.


 


Autor: Peer Zickgraf
Datum: 28.01.2005
© www.ganztagsschulen.org


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Schönweiss

  • Friedrich Schönweiss

    Jahrgang 1950, verheiratet, zwei schulpflichtige Kinder. Studium der Sozialwissenschaften und Pädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Durchführung mehrerer Forschungsprojekte. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistent und Privatdozent an der Universität Bamberg. Dort auch Promotion und Habilitation (1984 bzw. 1992). 1989 Gründung einer Bildungsinitiative (Verein für angewandte Lernforschung, A-L-F e.V.), die Anlaufstelle für solche Kinder und ihre Eltern ist, die mit dem Bildungswesen nicht zurechtkommen oder die auf Grund spezifischer Handicaps oder grundlegender Lernprobleme ausgegrenzt zu werden drohen. Mitautor einer Computer-Lernprogramm- und Diagnostikreihe ("Alfons - Lernen und Spielen am Computer"; "Alfons-Lernwelt", "Alfons-Diagnostikprogramm" in Deutsch und Mathematik). Aktuelle Arbeitsschwerpunkte u.a.: Implikationen der modernen "Informations- und Wissensgesellschaft" für Qualifikation, Bildung und Erziehung; Individualisierung, Effektivierung und Humanisierung von Lehr- und Lernprozessen mit Hilfe neuer Technologien in schulischen wie außerschulischen Bereichen; Medien-Bildung für Kinder und Jugendliche, u.a. im Rahmen sog. Open-End-Projekte ("Computerwissen für die Grundschule"; Förderdiagnostik, "Virtuelles Jugendzentrum").