14. JANUAR 2005

Das Staffelstab-Prinzip

Schon früh forderten die Wirtschaftsverbände den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen. Neben der erhofften besseren Bildung für den Nachwuchs birgt die Ganztagsschule aus Sicht der Wirtschaft einen weiteren Vorteil: Projekte, durch die Schülerinnen und Schüler die Arbeitswelt kennen lernen, lassen sich hier besser und kontinuierlicher verwirklichen. Ein solches Projekt ist "Ganztagsschulen gestalten - Kooperation schafft Zukunft", das im Februar bundesweit beginnt.

Als im Dezember 2004 die Ergebnisse der zweiten PISA-Studie bekannt wurden, fachte dies in der Öffentlichkeit erneut die Debatte an, wie das deutsche Bildungswesen zu verbessern sei, um von den mittelmäßigen Plätzen zu den führenden Nationen aufzuschließen. Am 7. Dezember forderte auch Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände im Deutschland-Radio "weitere Reformen". Aber er erkannte auch an, "dass wir in Deutschland aus der ersten PISA-Studie und aus dem OSZE-Bildungsbericht die richtigen Konsequenzen gezogen haben und ziehen". Zu diesen "richtigen Konsequenzen" zähle auch der Ausbau von Ganztagsschulen, laut Hundt ein "ganz entscheidender, wichtiger Schritt".

Die Wirtschaftsverbände haben in diesem Punkt ihre Meinung nicht ändern müssen. Im Gegenteil, sie gehören seit Jahren zu den vehementesten Befürwortern der Ganztagsschule. Bereits am 8. November 2001 lobte beispielsweise die Industrie- und Handelskammer Koblenz das Modell der Ganztagsschulen und dies nicht nur aus sozialpolitischen Gründen: "Dabei geht es nicht darum, durch die Einrichtung von Ganztagsschulen die Eltern aus der Pflicht zur Erziehung zu entlassen. Die Schule übernimmt bei der Erziehung der Kinder und Jugendlichen eine wichtige Rolle, aber in der Verantwortung stehen nach wie vor die Eltern."

Die IHK Koblenz mahnte schon damals an, dass den Ganztagsschulen ein "pädagogisches Konzept" zu Grunde liegen müsse. Die weiteren Forderungen nahmen viel von dem vorweg, was in der Debatte um die Ausgestaltung von Ganztagsschulen wichtig werden sollte: "Förderunterricht für lernschwächere Kinder über Hausaufgabenbetreuung, Arbeitsgemeinschaften, freizeitpädagogische Angebote zur Förderung der Schlüsselqualifikationen wie Selbstständigkeit, Konfliktfähigkeit und Teamfähigkeit sowie Förderunterricht für besonders engagierte und begabte Schüler sollten Bestandteil der Ganztagsschule sein. Für ältere Schüler wären auch betreute Praktika geeignet. Dabei sollten die Schulen mit bestehenden sozialen Einrichtungen oder Vereinen zusammen arbeiten, um von deren Erfahrungen in der Jugendarbeit zu profitieren."

Auch im Forum Bildung setzten sich die Vertreter der Arbeitgeber dafür ein, dass in die Empfehlungen des Gremiums Ende 2001 nachdrücklich die bedarfsgerechte Ausweitung des Angebots an Ganztagsschulen mit Schwerpunkten der individuellen Förderung und des sozialen Lernens aufgenommen wurde.

Systematische Zusammenarbeit möglich

Am 5. März 2003 gaben die BDA und der Deutsche Gewerkschaftsbund eine "Gemeinsame Erklärung zu Ganztagsangeboten" ab, in der sie mehr Ganztagsschulen forderten und die damit verbundenen Anstrengungen begrüßten, denn die Halbtagsschule könne ihrer Aufgabe, alle Kinder und Jugendlichen optimal zu fördern, nur eingeschränkt nachkommen. Qualitätskriterien für eine Ganztagsschule seien neben der Entwicklung einer "Schulphilosophie", einem "eigenen Lernrhythmus abseits der üblichen 45 Minuten-Strukturierung" die Einbeziehung außerschulischer Kooperationspartner wie Träger der Jugendhilfe, Jugendverbände, Sportvereine, kulturelle Einrichtungen. Ausdrücklich heißt es: "Auch die Kooperation mit Betrieben bietet sich an."

Nach zwei Jahren wird dieser Satz nun mit Inhalten gefüllt. "Die Rahmenbedingungen von Ganztagsschulen sind ideal für die Zusammenarbeit mit Firmen und Betrieben", meint Jörg Matern von der Stiftung Deutsche Wirtschaft. "Mit Ganztagsschulen können Kooperationen systematischer und auf Dauer angelegt werden und bleiben keine 14-tägige Intermezzi wie an Halbtagsschulen", so Matern weiter. "In Ganztagsschulen ist es auch besser möglich, die Themen, die in den Betrieben eine Rolle spielen, in Unterrichtsfächer zu integrieren. Neben Wirtschaftswissenschaften können dies auch die Naturwissenschaften und Mathematik sein."

"Ganztagsschulen gestalten - Kooperation schafft Zukunft" heißt das neue Projekt der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Ziel ist es, Berufsorientierung als integrativen Bestandteil in pädagogischen Konzepten von Ganztagsschulen zu verankern. Projektleiter Matern und drei weitere Mitarbeiter sind seit September letzten Jahres dabei, in zwölf Ländern Schulen auszuwählen, die an dem Projekt teilnehmen möchten. Lediglich Bremen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen machen nicht mit. "Wir treffen uns in den Ländern in Steuergruppen mit Vertretern der regionalen Arbeitnehmerverbände und der Kultusministerien und suchen dort die Schulen aus. Dabei wird auf die regionale Ausgewogenheit geachtet", berichtet Matern.

Unterricht wird lebendiger

Jedes Land setzt bei der Schulauswahl andere Prioritäten: Einige legen den Schwerpunkt auf Gymnasien, andere auf Realschulen und Hauptschulen. Die ostdeutschen Länder haben dabei wegen des ungesicherten Bestandes vieler Schulstandorte teilweise Schwierigkeiten, ihre Schulen zu benennen.

Im Februar werden die ersten 50 Schulen ins Projekt einsteigen, pro Land also etwa fünf. Der Schwerpunkt liegt auf der Berufsorientierung. Welchen Weg die Schulen dabei einschlagen werden, hängt von ihren Ideen und Möglichkeiten ab. Möglich sind Azubi-Projekte, das Einbeziehen von Fachleuten aus Unternehmen in den Unterricht, thematische Betriebsbesichtigungen und Praktika in Unternehmen. "Das Einbinden solcher Instrumente erhöht die Qualität des Unterrichts, macht ihn lebendiger und authentischer und lässt Themen, die mit dem Berufsleben zu tun haben, leichter vermitteln", erklärt Jörg Matern. "An Ganztagsschulen, die einfach mehr Zeit haben, kann man solche Kooperationen längerfristiger eingehen, sie auch ausdehnen. Für Schüler ist das eine sinnvolle Sache."

Das Ganztagsschulprojekt kann dabei die Erfahrungen nutzen, die aus anderen Projekten des Programms "Schule - Wirtschaft/Arbeitsleben" bereits gewonnen worden sind. Zum Beispiel "Trans-Job", das von 1999 bis 2003 lief und auf direkten Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen im gesamten Bundesgebiet beruhte. Am Projekt beteiligt waren hier insgesamt 95 Schulen und 250 Unternehmen aus den verschiedensten Branchen. Erreicht wurden mehr als 15.000 Schüler von der Klasse fünf bis zur gymnasialen Oberstufe.

Schulen profitieren von Erfahrungen anderer Schulen

Ein aktuelles Projekt ist "Mit MINT zum Beruf". MINT ist dabei das Kürzel für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Gerade an diesen Fächern und den entsprechenden Studien- und Berufsfeldern soll das Interesse der Schülerinnen und Schüler geweckt werden. Dieses Projekt, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wird, startete zum Schuljahr 2002/2003 und hat eine Laufzeit von zwei Jahren. An ihm nehmen rund 30 Schulen in Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen teil. Auch hier kooperieren Schulen und Unternehmen, darüber hinaus werden auch Fach- und Hochschulen in die Projektarbeit einbezogen.

 "Wichtig ist es, die Unternehmen nicht zu überfordern. Man kann beispielsweise nicht mit einer Klasse von 30 Schülern ankommen und erwarten, dass für jeden ein Platz zur Verfügung steht", gibt Matern zu bedenken. "Meistens äußern sich die Firmen positiv zur Zusammenarbeit. Wenn beide Seiten einen Nutzen haben, gelingt so ein Projekt."

In zwei Jahren werden 50 weitere Schulen zu "Ganztagsschulen gestalten - Kooperation schafft Zukunft" hinzukommen. Von den bis dahin gewonnenen Erkenntnissen sollen diese Ganztagsschulen profitieren. "Erst erarbeiten sich die Schulen die Kooperationen, die sie interessieren. In einem zweiten Schritt übernehmen dann in zwei Jahren die weiteren Schulen das Empfehlenswerte", erklärt der Projektleiter. "Das ist das Staffelstabprinzip, wodurch wir die positiven Maßnahmen in die Breite wachsen lassen wollen." Schon vor Beginn des Projekts ist für Jörg Matern aber eins klar: "Von der Idee der Ganztagsschule sind wir überzeugt."

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 14.01.2005
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.

Themenmappe