4. JANUAR 2005
Von Treibhäusern, Zirkuswelten und Kongressen
2004 war das Jahr der Ganztagsschule: In ganz Deutschland wandelten sich Schulen aller Arten um, diskutierten Pädagogen, Schüler, Lehrer, Politiker und außerschulische Partner über den richtigen Weg zu einer besseren Bildung via Ganztag. Mehr als 3.000 zusätzliche Ganztagsangebote gibt es am Jahresende, und ein Ende des Gründungsbooms ist nicht absehbar. Der zweite Teil unseres Jahresrückblicks gibt in kurzen Schlaglichtern wieder, welche Ereignisse und Äußerungen die Entwicklung von Juli bis Dezember mitgeprägt haben.
Treibhäuser im Juli:
Der Monat beginnt mit einer Premiere. Am 1. Juli feiert Reinhard Kahls Dokumentarfilm "Treibhäuser der Zukunft", der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert worden ist, im Berliner Cinemaxx am Potsdamer Platz seine große Uraufführung. Bereits eine Woche zuvor waren alle 500 Karten vergeben. Vor Beginn der Vorstellung lobt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn den Film als ein "beeindruckendes Porträt von Ganztagsschulen, die gelingen." Der Film zeige Schulen, die eine "neue Kultur des Lernens" vorlebten. Nach Vorstellungsende und starkem Applaus sind die Zuschauerinnen und Zuschauer - Politiker, namhafte Bildungsfachleute, Pädagogen und Schüler - voll des Lobes. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern meint: "Der Film weckt positive Emotionen, ohne zu idealisieren."
Um eine neue Kultur des Lernens dreht sich auch fünf Tage später die Fachtagung "Schule und Kultur - eine kreative Allianz?", zu der das NRW-Kultursekretariat nach Dortmund eingeladen hat. Wie weit ist die Zusammenarbeit zwischen Ganztagsschulen und kulturellen Partnern gediehen? Als einen "großen Glücksfall" bezeichnet Dr. Christian Esch, Direktor des Kultursekretariats, die offenen Ganztagsgrundschulen in Nordrhein-Westfalen. Bei seinen eigenen Kindern habe er feststellen können, welche Begeisterung die vielfältigen Angebote im Nachmittagsbereich auslösten. Auch die nordrhein-westfälische Schul- und Jugendministerin Ute Schäfer lobt: "Kulturelle Bildung bereichert die Schulen und bringt Professionalität von außen in die Schulen herein. Öffentlich zugängliche Freizeitangebote können Defizite in Familien und im Wohnumfeld kompensieren. Nichts Anderes leisten die Offenen Ganztagsgrundschulen mit ihren kulturellen Angeboten am Nachmittag."
Aber nicht nur Tanz, Theater und Musik haben mehr Zeit und Raum in Ganztagsschulen, sondern auch die Physik, wie ein Interview mit Dr. Silke Mikelskis-Seifert, Prof. Manfred Euler und Dr. Christoph T. Müller zeigt. Die Wissenschaftler arbeiten im Schulentwicklungsprogramm "Physik im Kontext" (piko) des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. "Das größere Zeitbudget der Ganztagsschulen bietet die Möglichkeit, ein vielfältiges Spektrum von Lehr-Lern-Formen gezielt einzusetzen", erklärt Prof. Euler, während Dr. Müller ausführt, dass "gerade die Ganztagsschule mit ihren größeren Gestaltungsspielräumen ein optimales Umfeld darstellen, in dem die Erprobung neuer Unterrichtsformen stattfinden können". Die Ganztagsschulen könnten wesentlich dazu beitragen, die Weiterverbreitung von piko zu ermöglichen und zugleich von piko profitieren, da dieses Programm ein breites Spektrum neuer Methoden und Konzepte bereitstelle, mit dem der Regelunterricht sinnvoll ergänzt und bereichert werden könne.
Olympia im August:
In Athen kämpfen Sportlerinnen und Sportler um olympische Weihen, in der Integrierten Gesamtschule Grünthal in Stralsund startet zeitgleich das Pilotprojekt "Was bedeutet uns die olympische Idee?" Die Deutsche Olympische Gesellschaft und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung fördern dieses fächerübergreifende, multimediale Lern- und Unterrichtsprojekt. Vier Wochen haben die Schülerinnen und Schüler der 7a Zeit, um in 14 Fächern vier größere Aufgaben in selbstständiger Arbeit zu erledigen. Nach anfänglicher Skepsis, ob ein so freies Arbeiten funktionieren kann, sind die Schülerinnen und Schüler schon bald eifrig bei der Sache. "Der olympische Gedanke im Rahmen dieses Projektes bedeutet für uns: Durchhaltevermögen, Ehrgeiz, Teamgeist zwischen den Arbeitsgemeinschaften und den Fächern", erläutert Schulleiterin Christine Kieschnick.
Nicht nur an Schulen wie der IGS Grünthal ist viel in Bewegung, sondern auch im Bundesministerium für Bildung und Forschung - besonders am 21. und 22. August zum Tag der offenen Tür. Rund 7.000 interessierte Bürgerinnen und Bürger nutzen die Gelegenheit, mal einen Blick hinter die Kulissen des BMBF zu werfen, und das Ministerium nutzt dies wiederum, um die Gäste unter anderem auch über Ganztagsschulen zu informieren. Einige Interessenten sehen sich auf einer kleinen Leinwand die Kurzfassung von "Treibhäuser der Zukunft" an - auch Ulrich Kasparick, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, gehört dazu: "Besonders beeindruckend fand ich in den Satz, dass wir Verschiedenheit als Chance und nicht als Bedrohung begreifen müssen. Ich hoffe, dass auch die Pädagogen und die Eltern dies als eine gemeinsame Herausforderung akzeptieren", meint der Politiker bei einer anschließenden Diskussionsrunde.
Am 27. August begibt sich Edelgard Bulmahn erneut auf eine Ganztagsschulreise. Diesmal besichtigt die Bundesbildungsministerin drei brandenburgische Ganztagsschulen, die mit Mitteln des Bundesinvestitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" gefördert worden sind. Es sind drei ganz unterschiedliche Schulen: Eine integrative Grundschule mit angegliederten Förderklassen für Geistigbehinderte in Templin, bei der ein kompletter Neubau gefördert worden ist. In Hennigsdorf besucht die Ministerin eine Gesamtschule. Mit über einer Millionen Euro aus den IZBB-Mitteln errichtet man hier eine neue Sporthalle und entkernt und renoviert das Schulgebäude. Zuletzt geht es nach Velten, wo eine Grundschule Fördermittel für Ausstattung und neue Fenster erhalten hat. "Das Bundesinvestionsprogramm bietet eine Chance, die die Schulen selbst ergreifen und gestalten müssen", erklärt Edelgard Bulmahn.
Zirkus im September:
Auch in den Ferien müssen Kinder nicht sich selbst überlassen bleiben. In Dortmund machen zum Beispiel in den Sommerferien etwa 500 Ganztagsschülerinnen und -schüler bei einem einwöchigen Gauklerdorf inklusive Zirkus mit. "Ohne die Ganztagsschulen könnte das Projekt so nicht stattfinden", berichtet Jörg Bitter vom Fachbereich Kinder- und Jugendförderung der Stadt Dortmund. "Ich schätze, dass zwei Drittel der Finanzen aus den Mitteln für die offenen Ganztagsschulen stammen." Über den Tag können die Kinder hier verschiedenste Fähigkeiten erlernen: Körbe flechten, Filzbälle aus Schafwolle, Schmuck und Kleidung herstellen, Jonglieren, Akrobatik, Drahtseilakte, Clown-Nummern und Kunststücke mit Tauben oder Ziegen. "Für viele erfüllt sich hier der Kindheitstraum, einmal im Zirkus aufzutreten", meint Jörg Bitter.
Der Höhepunkt des Ganztagsschuljahres ist am 17. und 18. September erreicht. Ein Jahr nach der Startkonferenz zum Ganztagsschulausbau startet in Berlin mit einer Konferenz das IZBB-Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. 1.200 Interessierte versammeln sich im Congress Center am Alexanderplatz, um über inhaltliche Verbesserungen im Schulwesen zu diskutieren und Beispiele für gelungene Praxis in Ganztagsschulen zu präsentieren. Heike Kahl, Geschäftsführerin der DKJS, erklärt in ihrer Begrüßungsansprache: "Das wichtigste Ziel dieser Konferenz lautet: Wir brauchen Ihre Meinung und Ihre Ideen, um das Begleitprogramm im Sinne der Ganztagsschulidee und einer Pädagogik der Vielfalt weiter zu entwickeln." Die Bildungsprobleme könnten nicht alleine der Staat oder die Wirtschaft lösen, sondern es bedürfe auch bürgerschaftlichen Engagements. Mit dem Begleitprogramm möchte die DKJS Wissen in die Breite tragen und Transferleistungen anbieten.
In sieben Arbeitsforen werden unterschiedliche Themen behandelt: Von den Möglichkeiten der Individuellen Förderung über die "gemeinsame Verantwortung von Schülern und Eltern" bis zur Qualifizierung des pädagogischen Personals. Andreas Schleicher, einer der Konzeptoren der PISA-Studie, sieht in Ganztagsschulen "keine Garantie für Erfolg" zur Verbesserung des Bildungswesens, aber eine "entscheidende Voraussetzung". Um Schülerinnen und Schüler angemessen individuell zu fördern, was für Schleicher das Erfolgsgeheimnis erfolgreicher PISA-Staaten wie Finnland ist, seien Ganztagschulen entscheidend.
Finnisches Vorbild im Oktober:
Finnland wird immer wieder als Referenz herangezogen. Zwar verfügt das kleine skandinavische Land über kein ausgebautes Ganztagsschulnetz, aber seine Individuelle Förderung ist beispielhaft. Dies wird im Interview mit Rainer Domisch deutlich, der im Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki arbeitet. "In Finnland werden keine Schüler ausgegrenzt. Man versucht stattdessen, sich um alle Schülerinnen und Schüler zu kümmern und jeden so weit wie möglich zu bringen. Das ist auch das Selbstverständnis der Lehrer- und der Schulleiterverbände. Die Lehrerinnen und Lehrer verstehen ihren Beruf als Möglichkeit und Aufgabe, jedem einzelnen gerecht zu werden", so der aus Baden-Württemberg stammende Lehrer. Er hält dieses System für "natürlich" auf Deutschland übertragbar: "Die Schulkultur hat sich in Finnland ja auch in den vergangenen Jahrzehnten von einem auslesenden zu einem unterstützenden System gewandelt, worunter die Leistungsstärke, wie Studien belegen, nicht gelitten hat - im Gegenteil."
Doch es kommt nicht nur auf die Schulen selbst an. Bei der Einführung von Ganztagsschulen und dem Beantragen von IZBB-Mitteln sind auch die Kommunen gefragt. Eine beispielhafte Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und den Schulen finden wir im westfälischen Herford. Nicht ganz zufällig war Rainer Schweppe, Leiter der Abteilung Schule, Kultur und Sport, im Vormonat auf der Begleitkonferenz "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" in Berlin, um das Kommunalmodell Herford vorzustellen, das er maßgeblich mitgeprägt hat. Viele andere Kommunal- und Schulvertreter blickten neidvoll auf das reibungslose Zusammenspiel der verschiedenen Partner. Innerhalb von zwei Jahren konnten in Herford sämtliche elf Grundschulen in Offene Ganztagsschulen umgewandelt werden, und nun investiert die Kommune zwölf Millionen Euro in Baumaßnahmen. "Wir wollen eine familienfreundliche Stadt sein und dazu eine gute Bildung und Betreuung für die Kinder anbieten. Wir sehen das als Standortfaktor", erläutert Schweppe die Motivation hinter dem einvernehmlichen, raschen und entschlossenen Vorgehen.
Der Weg zur Ganztagsschule ist auch das Thema der Tagung "Guten Schulen in die Karten schauen - Anregungen für den Weg zum eigenen Schulprofil" am 15. Oktober in Tübingen, die von der Abteilung Schulpädagogik im Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen veranstaltet wird. Auch hier übersteigt die Nachfrage bei weitem das Platzangebot. Und auch hier geht es für die circa 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hauptsächlich darum, sich von gelungenen Ganztagsschulen, die sich mit Ständen auf einem "Markt der Möglichkeiten" und in verschiedenen Arbeitsgruppen präsentieren, etwas abzuschauen. Und ebenfalls hier: Die Forderung nach ganztägig rhythmisierten Ganztagsschulen, hier vertreten von Dr. Otto Seydel von der Internatsschule Salem: "Wenn wir nicht die rhythmisierte Form hinbekommen, werden die Ganztagsschulen das Schicksal der Gesamtschulen erleiden."
In Mainz steht das "Bürgerschaftliche Engagement als Bildungsziel (in) der Schule" auf der Tagesordnung. Hier sind am 29. Oktober 150 Interessierte anwesend, als die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen in ihrer Eröffnungsrede fragt: "Wer, wenn nicht die Ganztagsschule, bietet ein geeignetes Umfeld, das Leben in der Stadt, in der Gemeinde in die Gemäuer der Schulen zu holen oder auch dorthin auszuschwirren?"
Kongresse im November:
Wieder ein Monat voller Kongresse und Tagungen: Auf der edutr@in, der Fachmesse für neue Lernkonzepte, am 10. November in Karlsruhe sind in diesem Jahr Ganztagsschulen ein Schwerpunktthema. Hans Konrad Koch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erläutert das Ganztagsschulprogramm und erneuert seine Forderung, "den dramatischen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen", den die PISA-Studie dem deutschen Bildungswesen nachdrücklich attestiert hat. Entscheidend für das Gelingen des Ganztagsschulprogramms sei der Dialog zwischen Bund, Ländern und Kommunen. In einer Diskussionsrunde wird die Vielfalt der Wege, die der Ganztagsschulausbau in den Ländern und Kommunen mit sich bringt, sichtbar. Die Fülle der Beispiele verdeutlicht, wie viel frischen Wind das Ganztagsschulprogramm des Bundes entfacht hat.
Vom 17. bis 19. November lädt der Ganztagsschulverband zu seinem jährlichen Kongress nach Essen ein. Wegen der großen Teilnehmerzahl muss man erstmals in eine Schule ausweichen, da die Räumlichkeiten in Hotels oder Weiterbildungsstätten zu beengt gewesen wären. Über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren in 14 Workshops die unterschiedlichsten Themen, hören Berichte zur Situation in den Ländern und machen Schulbesuche in der Region. Auch an prominenten Referenten fehlt es nicht: Ute Schäfer, Doris Ahnen, Renate Hendricks, Reinhard Kahl und Heinz-Günter Holtappels sind in der Aula des Gymnasiums am Stoppenberg zu Gast.
Um das leibliche Wohl geht es am 20. November in der Stuttgarter Universität Hohenheim. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung lässt über "Essen in Schulen - Wunsch, Wirklichkeit, Anforderungen" diskutieren. Etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzen die Vorträge, Workshops und einen Markt der Möglichkeiten mit Modellschulen und Gesprächsinseln, um sich über gesunde Ernährung und Verpflegungssysteme zu informieren. Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Arens-Azevedo mahnt: "Schulen werden nur dann zu einem Ort der Esskultur, wenn sie auch interessante Räumlichkeiten anbieten."
Der "Mut zum Experimentieren" wird auf der Fachtagung "Zeit für Engagement!" am 22. November in Weilburg gefordert. Im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" hat die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung diese länderübergreifende Veranstaltung organisiert. Pädagogen aus Hessen und Rheinland-Pfalz tauschen sich über die Ganztagsschulentwicklungen in ihren Ländern aus - und erfahren von Einrichtungen wie der "Mobilen Zukunftswerkstatt" des Bundesarbeitskreises "Schüler gestalten Schule", von "denen man überhaupt nicht wusste, dass es so etwas gibt", wie ein Lehrer zugibt.
Sportlicher Abschluss im Dezember:
Das Jahr endet, wie es begonnen hat - mit Sport. Am 10. und 11. Dezember findet in Köln die Abschlussveranstaltung zum "Europäischen Jahr der Erziehung durch Sport" statt. Nach dem Verlauf des Jahres ist es nicht verwunderlich, dass Ganztagsschulen noch mehr in den Fokus gerückt sind, als dies im Januar bei der Auftaktveranstaltung in Leipzig der Fall war. Der Parlamentarische Staatssekretär Ulrich Kasparick hebt das Ganztagsschulprogramm des Bundesbildungsministeriums als zentralen Baustein der Bildungsreform hervor, das auch dem Sport durch die Kooperation mit Sportvereinen geholfen habe: "Was sich dort entwickelt hat, ist sehr erfreulich und ermutigend." Ein gutes Schlusswort für das Ganztagsschuljahr 2004 insgesamt.
Lesen Sie hier den 1. Teil unseres Jahresrückblicks 2004!
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 04.01.2005
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