21. DEZEMBER 2004

Weihnachtswünsche für ganztags: "Was und wer ist ein Kind?"

Für den Ausbau der Ganztagsschulen war es ein gutes Jahr, das bald vergangene Jahr 2004. So werden rund 3.000 Schulen aus dem Bundesinvestitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" gefördert. Weihnachten ist Zeit für die politisch Verantwortlichen und die Praktiker, ihre Wünsche für den weiteren Ausbau der Ganztagsschulen auf den Punkt zu bringen.

Wie sehen sie aus, die Orte der Zukunft, wo alles zu stimmen scheint? Dort, wo es Respekt und Anerkennung für die Kinder und Jugendlichen gibt, die so selbstverständlich sind wie die Luft zum Atmen. Oder Lehrerinnen und Lehrer, die gerne ganztags unterrichten und engagiert in Teams arbeiten: wo sie Partner sind und freundliche Begleiter der Schülerinnen und Schüler, die die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ernst nehmen.   

Wenn die Online-Redaktion von Ganztagsschulen.org einen Wunsch frei hätte, dann würde sie sich bundesweit solche Schulen wünschen, Schulen, wie sie auch in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Film "Treibhäuser der Zukunft - Wie in Deutschland Schulen gelingen" vorkommen.

Gute Schulen gelingen nicht von allein

Diese Schulen müssen glücklicherweise nicht mehr erfunden werden, denn es gibt sie in ganz Deutschland, im Norden, Osten und Westen oder im Süden des Landes: Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen, Grundschule Borchshöhe in Bremen, Jena-Plan-Schulen in Jena, Schloss Salem oder Ganztagsgymnasium Klosterschule in Hamburg, um nur einige wenige stellvertretend für einen Kreis guter Schulen zu nennen, Beispielsschulen eben.  

Weihnachten ist nicht nur eine Zeit des Gebens, sondern auch der Wünsche und diese sind bekanntermaßen frei. Was wünschen sich die Gestalter, Experten und Praktiker der Ganztagsschulen?

Für eine 'Metanoia' im Bildungssystem

Alfred Hinz, Rektor der "Bodenseeschule St. Martin" hat klare Vorstellungen.

"Ich wünsche mir eine 'Metanoia', eine Umkehr im Bildungssystem." Dazu gehört für Rektor Hinz als erstes "das gegliederte Schulsystem zugunsten einer neunjährigen Grundschule" abgeschafft.

Ginge es nach Hinz, würde das finnische Modell deutschlandweit eingeführt. Im Resultat gäbe es an den Ganztagsschulen "eine Individualisierung mit Lehrkräften und Schulpsychologen und eine Umkehr von der Belehrungsanstalt zu einer Arbeitsschule".

Schule als Lebensort gibt es nur dort, wo Ganztagsschulen ein pädagogisches Profil und die vier "R" entwickeln: Rituale, Rhythmus, Regeln und Reviere: "Rhythmisierung an Ganztagschulen ermöglicht erst eine Balance zwischen den emotionalen und kognitiven Teilen einer Persönlichkeit", so der Pädagoge weiter.

Zu guter Letzt würde Alfred Hinz allen Pädagogen gerne eine schwer zu knackende Nuss unter dem Weihnachtsbaum legen: "Was und wer ist ein Kind? Wenn diese Frage nicht in der Tiefe gedacht wird, können wir alles vergessen."  
 
"Dialog ist die Grundbedingung"

Weihnachtswünsche für ganztags hat auch der Bund:

"Als erstes wünsche ich mir, dass die 3.030 neuen Ganztagsangebote Beispiele für eine Lern- und Lehrkultur werden, die an die Stärken der jeweiligen Schülerinnen und Schüler anknüpfen und zu einer individuellen Förderung beitragen", nennt Hans Konrad Koch seinen Wunsch Nummer eins. Koch ist Leiter der Unterabteilung Bildungsreform beim Bundesministerium für Bildung und Forschung und zuständig für das Investitionsprogramm des Bundes.

"Mein zweiter Wunsch ist, dass das Begleitprogramm 'Ideen für mehr - Ganztägig lernen' den Prozess einer besseren Lern- und Lehrkultur an den Ganztagsschulen wirkungsvoll unterstützt. Außer den bereits vorhandenen vier regionalen Servicestellen werden in den nächsten Monaten die restlichen Serviceagenturen in den Ländern eingerichtet", so Koch weiter.

Ganztagsschulen gedeihen dort am besten, wo der Dialog stimmt: "Als Drittes wünsche ich mir, dass der Dialog zwischen dem Bund und den Ländern sowie die gute Zusammenarbeit weiter ausgebaut wird: Dialog ist die Grundbedingung."

Zu Weihnachten gibt es für Koch Zeit zum Innehalten von anstrengenden Tagen: "Weihnachten kann dazu beitragen, miteinander zu reden und darüber nachzudenken, was ist gut, was ist weniger gut gelaufen." An diesem Fest sei auch Raum, um den Wert und das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen an Ganztagsschulen angemessen zu würdigen.

"Weihnachten ist die Krönung des Jahres"

Was wünscht der Ganztagsschulverband zu Weihnachten?

"Mein erster Wunsch ist, dass alle politische Parteien die Ganztagsschulen gleich ernst nehmen", sagt Stefan Appel, Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes. Zweitens sollten die Länder mehr Personal zur Verfügung stellen. "Drittens wünsche ich mir, dass in den Ländern Fachberater ausgebildet werden, die beim Aufbau ihres pädagogischen Konzepts helfen".

Doch Weihnachten hat für Appel auch ein ganz konkretes Gesicht: "Weihnachten ist die Krönung des Jahres: An unserer Schule gibt es einen Lebens- und Präsentationstag mit verschiedenen Handlungsfeldern: Kreativität, Musik etc. Das alles lässt Weihnachten zu einem Erlebnistag werden".

"Was ist Bildung wert?"

Mehr Chancengerechtigkeit wünschen sich Ganztagsschulen häufig in den ostdeutschen Ländern: "Wichtig ist, dass die Politikerinnen und Politiker nun endlich mehr in die Zukunft sehen und erkennen, dass die Zukunft in die Kinder gelegt werden muss", sagt Christine Kieschnick, Leiterin der IGS Grünthal in Stralsund.

"Was ist mir Bildung wert?" Dies ist für Kieschnick eine wesentliche Frage, die nicht zum Zankapfel der politischen Parteien werden dürfe. Bildung sollte parteiunabhängig sein "und sich auf das Kind beziehen", so die Schulleiterin weiter. Auch kleine Gesten wiegen: "Ein freundliches Wort kann schon ein Geschenk sein, oder mal zuhören".

"Ich wünsche mir auch mehr soziale Gerechtigkeit, denn Armut spiegelt sich in den Kindern wieder." Als Idealistin erhofft Kieschnick sich aber mehr: "Ich wünsche mir, dass wir einer friedlichen Zukunft entgegen schauen und dass die Kinder sich freuen und lachen können." Eine Begegnung mit Kulturen findet Weihnachten auch an der IGS Grünthal statt: "Fremdländisch kochen, essen und trinken". Die Themen der Weihnachtsfeier seien so offen, dass sie auch jeder gestalten könne.

"Damit alle wissen, was drinnen ist"

Ganztagsschulen brauchen ein Qualitätssiegel: "Damit alle wissen, was drinnen ist", sagt Wilfried Steinert, der Vorsitzende des Bundeselternrates. Für Ganztagsschulen wünscht der Elternvertreter ferner eine Rhythmisierung von Unterricht und Entspannung. "Schulleitungen sollten Termine elternfreundlicher legen, um ein partnerschaftlicheres Miteinander zu ermöglichen", lautet ein weiterer Wunsch des Vorsitzenden des Bundeselternrates.

"Ich wünsche mir auch, dass die Länder ein wenig von ihrem Bildungsegoismus abgeben, um die großartige Kampagne im Rahmen bundeseinheitlicher Vorgaben zu entfalten". Kinder sollten ihre Umgebung aber auch mitgestalten können, lautet ein letzter Wunsch, den der Elternvertreter den Ganztagsschulen unter den Tannenbaum legen möchte.

Mehr lernen und wohler fühlen

Doch auch im Vorzeigeland der Ganztagsschulen, in Rheinland-Pfalz, gibt es Wünsche zu vernehmen: "Ich wünsche mir, dass die Schülerinnen und Schüler sich an den Ganztagsschulen wohl fühlen, wohler als früher. Sie sollten außerdem die Chance haben, an Ganztagsschulen mehr zu lernen. Drittens wünsche ich, dass der Bund ab 2008 ein weiteres Investitionsprogramm für Ganztagsschulen auflegt", sagt Karl-Heinz Held, Abteilungsleiter im Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend von Rheinland-Pfalz.

Und was wünschen die Schulen in Rheinland-Pfalz? "Wenn man Hauptschulen in dieser Form belässt, dann müssen sie auch gestärkt und durch Schulsozialarbeiter unterstützt werden", sagt Ralf Marenbach, Schulleiter der Goethe-Hauptschule in Koblenz. Außerdem wünscht sich Marenbach längere gemeinsame Lernzeiten und eine Entlastung von schulleitungsfernen Aufgaben.

"Statt Ganztagsschule im Angebot zu sein, würden wir lieber Ganztag in verbindlicher Form durchführen können" ergänzt Bernd Hutmacher, der Konrektor der Schule. "Wir wünschen auch ganz dringend, dass das Mittagsessen für alle kostenlos angeboten werden kann".     

Vorweihnachtliche Inspirationen und Geschenke

Eine weihnachtliche Inspiration für bessere Ganztagsschulen ist Reinhard Kahls Film "Treibhäuser der Zukunft - Wie in Deutschland Schulen gelingen". Die bundesweite Vorführung des Films in 26 Städten und 31 CinamaxX-Kinos war so gesehen ein vorweihnachtliches Geschenk, das mehrere Tausend Praktikerinnen und Praktiker in den Schulen gerne wahrgenommen haben.

So wurde der Film in Berlin, Bremen oder Heilbronn vor vollen Rängen gezeigt und mit viel Applaus gewürdigt: "Wir sind sehr zufrieden", sagt Katharina Kunze von Bildungscent e.V. Da der Film nicht überall gezeigt werden konnte, "ist es Wunsch vieler Städte, ihn 2005 flächendeckend und auch in kleineren Kinos zu zeigen", so Kunze weiter.   

Weihnachten haben viele Menschen, die an der Schule oder in anderer Weise mit ihr verbunden sind, Zeit zum Nachdenken. Außerdem haben sie Zeit, frische Energie zu schöpfen, die sie brauchen, um Schule zu verändern. Als Institution ist Schule ein Ort verstetigten öffentlichen Lernens und Lehrens und somit immer schon da.

Doch andererseits entsteht sie als Alltagskultur jeden Tag neu und kann auch stets besser gestaltet werden, damit sie ein Ort des Lernens und Lebens wird, der den Kindern und Jugendlichen Freude bereitet. Man kann dieses Engagement für bessere Schulen auch als Geschenk ansehen, ein Geschenk an die Kinder und Jugendlichen in den 3.030 neuen Ganztagsschulen in Deutschland.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 21.12.2004
© www.ganztagsschulen.org

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