17. DEZEMBER 2004

Den Körper als Verbündeten gewinnen

Ein lebendiges europäisches Sportjahr ist mit der Nationalen Abschlusskonferenz "Europäisches Jahr der Erziehung durch Sport" am 10. und 11. Dezember 2004 in Köln ausgeklungen. Doch die Aufgaben, die der Schulsport zu lösen hat, sind nach der ersten Schulsportstudie der Deutschen Sportjugend sogar noch angewachsen.

Im Sport gehören solche Erfahrungen eigentlich zum Alltag. Erst durfte man zum Auftakt der Nationalen Abschlusskonferenz des Europäischen Jahres der Erziehung durch Sport 2004 am 10. und 11. Dezember in Köln jubeln, weil Deutschland bei der Vergabe von rund 180 Projekten mit 21 Förderbewilligungen den ersten Platz in Europa belegte. "In Zahl und Förderumfang nehmen deutsche EJES-Projekte europaweit einen Spitzenplatz ein", heißt es in einer Pressemitteilung von EJES. Angefangen von Schulen über Sportverbände- bis zu Universitäten, ja sogar Kommunen und Kultusministerien reichte die Facette der antragsstellenden Einrichtungen, die ihren Anteil aus dem Topf der 12,1 Millionen Euro erhalten haben, den die Europäische Kommission für EJES zur Verfügung gestellt hat.

Nur ein Wochenende später, am 13. Dezember, griff schon wieder Katerstimmung um sich. Der Grund: Der Befund einer Studie der Deutschen war alles andere als schmeichelhaft für den Schulsport insgesamt und für die Situation des Sports in den Hauptschulen im Besonderen. Aber gute Sportlerinnen und Sportler lernen, mit Niederlagen umzugehen: Sie analysieren ihre Schwächen und versuchen, möglichst rasch von der Reflektion zur Aktion zu wechseln, sie lernen, die Chancen in der Niederlage zu erkennen.

Nichts anderes sollte nach dem tristen Abschneiden bei der ersten nationalen Schulsportstudie geschehen. Der genaue Befund der Studie hat vielerorts Kopfschütteln und Befremden ausgelöst: Demnach fällt fast jede dritte Sportstunde an Deutschlands Schulen aus - und das, obwohl der Schulsport bei den Schülerinnen und Schülern nach wie vor sehr beliebt ist. Nur 13 Prozent der Schüler würden auf den Schulsport verzichten.

Wege aus der Krise des Schulsports

Ein Glück für alle Beteiligten, dass in dieser Situation eine neue Dynamik zum Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland entstanden ist. Hier kann nicht zuletzt durch das Bundesinvestitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" sowie durch die außerschulischen Kooperationen jener Nachteil wieder ausgeglichen werden, der so deutlich in der jüngsten Studie des Deutschen Sportbundes zum Vorschein gekommen ist. Profunde Reflektion und Aufbautraining sind nun gefragt. Eine wirkungsvolle Übungsrunde dafür war in gewisser Weise die Nationale Abschlussveranstaltung zu EJES 2004, die am 10. Dezember im Deutschen Sport- und Olympiamuseum sowie Tags darauf an der Deutschen Sporthochschule Köln stattfand.

Als Ulrich Kasparick, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerinfür Bildung und Forschung, aus deutscher Sicht eine freudige Bilanz des Europäischen Jahres der Erziehung durch Sport 2004 zog, konnte niemand ahnen, dass die Veranstaltung auch neue Wege aus der aktuellen Schulsportkrise anbahnen könnte. Im Vordergrund stand zunächst die Bestandsaufnahme eines wirklich einmaligen Sportjahres: Fußball-Europameisterschaft in Portugal, Tour de France und Olympische Spiele in Athen. Diese großen, völkerverbindenden Sportereignisse wurden im Rahmen von EJES gezielt von europaweiten pädagogischen Projekten begleitet. Sport ist schließlich mit 70 Millionen Aktiven in 700.000 Vereinen die größte soziale Bewegung, die es in Europa gibt.

Bei EJES 2004 ganz vorn

"EJES 2004 bietet Gelegenheit, mit 21 deutschen Projekten eine gute Bilanz zu ziehen." Für Kasparick ist das zentrale Projekt der Bildungsreform das Ganztagschulprogramm des Bundes, das gerade dem Sport neue Chancen öffnet. "Was sich dort entwickelt hat, ist sehr erfreulich und ermutigend." EJES 2004 sei eine wesentliche Grundlage für die weitere Arbeit im deutschen Sport, so der Parlamentarische Staatsekretär weiter. Auch die stellvertretende Generalsekretärin der Kultusministerkonferenz, Frau Dr. Angelika Hüfner, betonte bei dieser Gelegenheit ebenso wie Rektor Prof. Tokarski von der Deutschen Sporthochschule Köln die große Bedeutung des Sportunterrichtes im Rahmen von EJES. Sport an Schulen trägt wesentlich zur Integration bei, so die einhellige Meinung.  



Talkrunde am 10. Dezember 2004 im Deutschen Sport- und Olympia Museum

Ein Blick auf das Motto von EJES macht bereits klar, dass es darum geht, neue Perspektiven für den Sport zu erschließen: "Beweg Dich für Deine Zukunft". Wer sich bewegt, Sport macht, hat bessere Zukunftschancen. Doch die Motivation, Sport zu treiben, kann heutzutage - im Zeitalter der Massenmedien und der Erlebniskultur - nicht mehr als selbstverständlich betrachtet werden. Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Union das EJES als europaweite Kampagne für mehr Erziehung durch Sport ausgerufen.

Was macht die Seele Europas aus?

Bis vor kurzem war der Sport noch nicht einmal in der europäischen Verfassung verankert. Doch Europa braucht Themen, "die mehr die Seele Europas ausmachen, und dazu gehören Sport und Kultur", sagte Doris Pack als Mitglied des Europäischen Parlaments, einem der Initiatoren von EJES. In allen Mitgliedsländern Europas gibt es also nationale Initiativen und Projekte zum Thema Sport und Bildung. In Deutschland wurde EJES von der Deutschen Sportjugend in konkrete Initiativen umgesetzt, während das Bundesministerium für Bildung und Forschung die politische Verantwortung trug.

"Das Jahr war klasse, es war einfach gut", bilanzierte Ingo Weiss während der Talkrunde am Freitag die Aktionen in Deutschland. Dabei sei es gelungen, über die Ganztagsschulen einen konkreten Bezug zum BMBF herzustellen, so der Erste Vorsitzende der Deutschen Sportjugend weiter.

Ganztagsschulen als gesamtgesellschaftliche Chance

Gelungene Partnerschaften sollten weitergeführt werden. Vor diesem Hintergrund regte Ulrich Kasparick eine strategische Partnerschaft mit der Deutschen Sportjugend an: "Das Ganztagsschulprojekt ist eine gesamtgesellschaftliche Chance. Wir sollten uns für eine strategische Partnerschaft zusammen setzen." Diese Initiative stieß auch bei Angelika Hüfner von der Kultusministerkonferenz  auf Zuspruch: "Weil auf die Ganztagsschulen sehr viele Angebote einstürmen, sind strategische Partnerschaften wichtig." Für den Rektor der Deutschen Sporthochschule, Prof. Walter Tokarski, haben die Bündnisse zwischen Bildung und Sport "für beide Seiten Vorteile".

Ein Beispiel für akuten Handlungsbedarf ist der Leistungssport. Nachwuchsleistungssportler im Elitesport müssen pro Woche nicht weniger als 70 Stunden aufwenden, um Schule und Sport auf die Reihe zu kriegen. "Das mutet man keinem Manager zu", sagte Lothar Altmeyer vom Projekt "Schule-Leistungssport-Verbundsystem des Ministeriums für Inneres und Sport im Saarland.

Vernetzen - Handeln

Über bessere Fördermöglichkeiten nicht nur im Leistungssport, sondern auch im Breiten- und Schulsport konnte am folgenden Tag im Rahmen der Workshops nachgedacht und debattiert werden. Nicht weniger als 14 Workshops boten die Möglichkeit, zum Thema "Erziehung durch Sport" Aspekte wie Gesundheit, Integration, Werteerziehung, Ernährung, Erfahrung und Erlebnis aufzuarbeiten. Außerdem stellten sich im Rahmen der Workshops vier deutsche EJES-Projekte vor. 

Die Workshops waren laut Prof. Tokarski als Plattform gedacht, um Netzwerke aufzubauen, praxisorientierte Beispiele auszutauschen und um "Handlungsempfehlungen abzuleiten". Also genau das, was die verunsicherten Sportlerherzen sich in dieser Zeit der Umbrüche wünschten. 

Erzieherische Ausbildung in Not

Ein viel beachtetes Impulsreferat vor den Workshops war der angenehm unangepasste Vortrag von Prof. Rainer Dollase aus Bielefeld. "Erziehung will gelernt sein", lautete die Ausgangsthese, die immerhin einem weit verbreiteten Vorurteil widersprach. Für Dollase befindet sich die erzieherische Ausbildung in Deutschland auf einem Tiefststand. Dazu passt, dass "die Erwachsenen mit dem Nachwuchs heutzutage nichts mehr zu tun haben wollen".
Erziehung sei aber in erster Linie nun mal Beziehung, und es ginge darum, die Kinder gern zu haben und "als Erwachsener echt zu ihnen zu sein". Alle Studien über Sport und Fremdenfeindlichkeit hätten übrigens ergeben, dass Sport nicht vor Xenophobie schütze: "Diejenigen, die Sport gerne machten, waren häufig fremdenfeindlich."

Darüber hinaus diagnostizierte der Sportpsychologe eine Art von Dekadenz in den Wissenschaften, speziell der Pädagogik, die sich immer weiter von der Praxis entfernen würden. Angelehnt an den Philosophen Carl Einstein kritisierte Dollase die Symbolgläubigkeit der Intellektuellen, die glaubten, dass Geschriebenes oder Resolutionen bereits die Welt verändern würden. Dollase dagegen forderte: "Mindeststandards aufschreiben und vorleben!"  

Europäische Ambivalenzen

Aufschlußreiche Hinweise auf Ambivalenzen in Europa lieferte Wanfried König, Ministerialrat a.D. bei der Europäischen Kommission: "Wir haben nie soviel Sport wie heute gehabt, aber auch nie soviel Krankheit." Es gebe immer mehr Freizeit auf der einen Seite und wachsende Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite. Nach König, der in den Entscheidungsgremien bei der Vergabe der Förderprojekte beteiligt war, sollte "Sport als Instrument, als Vehikel zur Vermittlung von Gesundheit und sozialer Integration" umgesetzt werden. Nach EJES gehe es aber um das europäische Problem, wie die Sportbewegung in ihrer Gesamtheit zusammen gehalten werden könne. "Sportorganisationen müssen versuchen, den Sport und Netzwerke zu gestalten und den Prozess zu steuern", so König weiter.

Workshops sind schon dem Namen nach Werkstätten und Ideenschmieden. Ein Besuch in verschiedenen Workshops verdeutlichte die große Vielfalt der Sportbewegung und die starke Ausdifferenzierung der modernen Lebenswelt, deren Spiegel der Sport ist. Doch immer wieder kam die Frage auf, wie weiter nach EJES 2004?

Müssen so anregende Initiativen wie das Projekt "Sport und Medien" von young college Bildungsinnovationen GmbH, das Sport auch als Reflektionsraum versteht, ab 2005 endgültig die Segel streichen? "Ich vermisse bei der Projektförderung eine Verstetigung", kritisierte nicht zuletzt Prof. Dollase die Situation mit Blick auf die Nachhaltigkeit. 

Bewegte Schulen als gebundene Ganztagsschulen

Wie Zukunftsszenarien für den Sport bis 2020 aussehen könnten, das versuchten der Sportwissenschaftler Prof. Christian Wopp und die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Renate Zimmer darzustellen.

Ein zentrales Merkmal der Zukunft für Prof. Wopp ist die veränderte Rolle des Staates. "Wird der Staat konsequent privatisieren?" Der Sportwissenschaftler zeichnete ein Positiv- und Negativszenario. Zum Negativszenario, das  Wopp zufolge realistischer ist, gehört, dass 50 Prozent der Kinder, die in der Zukunft Migrationshintergrund haben, die sozialerzieherische Funktion des Sports fremd bleibe: "Diesen Kindern ist das deutsche Vereinswesen fremd." Zum Positivszenario dagegen gehört die Vision einer Lebens- und Erfahrungsschule und die bewegte Ganztagsschule mit klarer rhythmisierter Tagesstrukturierung.

"Bewegungsbildung ist Menschenbildung"

Wenn es um die Zukunft geht, müssen sich alle Reformen um die Kinder drehen. In welcher Situation heutige Kinder stecken, veranschaulichte Prof. Zimmer auf sehr prägnante Weise. Oberstes Ziel der Erziehung für die Eltern sei die Sicherheit der Kinder: "Das engt ihre Erfahrungsräume ein." Die Formel für heutige Kinder laute: "Transportiert - Aufbewahrt - Abgestellt". Wichtig sei aber die frühe Erziehung durch Sport und die Entwicklungsförderung durch Bewegung. Bildung beinhaltet für Renate Zimmer aber eine "Kultur des Körpers, denn Bewegungsbildung ist Menschenbildung". Die Schule der Zukunft sollte das Bewegungspotenzial der Kinder entfalten. "Meine Botschaft für EJES lautet: wir sollten den Körper zum Verbündeten gewinnen, denn so macht Lernen Spaß."   

Wenn Sport ein Spiegel der Gesellschaft ist, dann verdeutlicht die Situation des deutschen Sports einen tiefgreifenden Umbruch in der Körperkultur, auf den der organisierte Sport angemessen reagieren muss. Ein wesentlicher Erkenntnisgewinn von EJES war die große Bedeutung, die dem Schulsport gerade in den Ganztagsschulen zukommt. Es wird wohl darauf ankommen, die neuen Spielräume an den Schulen kreativ zu nutzen und eine glaubwürdige Körperkultur vorzuleben. Denn - so zitierte Prof. Wopp einen bekannten Künstler: "Wir bekommen nur dann die Zukunft, die wir uns wünschen, wenn wir sie selber erfinden" (Joseph Beuys).

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 17.12.2004
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