Was den alten Bundesländern erst noch bevorsteht, hat den Osten Deutschlands bereits voll erfasst: Der rapide Schülerschwund sorgt dafür, dass in atemberaubendem Tempo Schulen geschlossen werden müssen. Sachsen-Anhalt macht da keine Ausnahme: Jedes Jahr müssen rund 100 Schulen geschlossen werden, weil an vielen Standorten die vorgeschriebene notwendige Differenzierung mit einer Mindestzügigkeit nicht mehr gewährleistet werden kann. Während in Städten Schulen zusammengelegt werden, kann man davon ausgehen, dass auf dem Land für Kinder und Jugendliche längere Fahrtzeiten in Zukunft nicht zu vermeiden sind. Die Frage nach der Einführung von Ganztagsschulen ist von dieser Problematik nicht zu trennen. Denn was nützen Fördermittel und Investitionen in eine Schule, die in einigen Jahren wegen Schülermangels geschlossen werden muss?
Bereits im Schulgesetz vom 27. August 1996 ist die Einführung von Ganztagsschulen verankert. Dort heißt es: "Bei Bedarf können Grundschulen, Sekundarschulen, Gesamtschulen und Gymnasien als Ganztagsschulen organisiert werden. Die Gestaltung als Ganztagsschule setzt ein pädagogisches Konzept für eine ganztägige Erziehungs- und Bildungsarbeit der Schule voraus. Über dieses pädagogische Konzept entscheidet die Gesamtkonferenz. Die Gestaltung als Ganztagsschule kann sich auch auf einzelne Schuljahrgänge beschränken. Die Einrichtung bedarf der Genehmigung der Schulbehörde. Voraussetzung ist, dass die personellen und sächlichen Bedingungen gegeben sind."
Die Landesregierung hat in ihrer Richtlinie zur Umsetzung des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" vom 4. September 2003 den Schwerpunkt der Förderung von Ganztagsschulen auf den Sekundarschulbereich gelegt. In diesen Schulen können Schülerinnen und Schüler den Hauptschul- und Realschulabschluss erwerben. Heidemarie Klein, Ganztagsschulreferentin im Magdeburger Kultusministerium, berichtet, dass hier der Ganztag besonders auch für zusätzliche Berufsorientierungsangebote genutzt wird: "Diese sind möglich, weil man einfach mehr Zeit hat." An zweiter Stelle der Prioritätenliste stehen die Grundschulen in Kooperation mit den Horten, gefolgt von den Gymnasien, Gesamt- und Sonderschulen.
Planungssicherheit für alle Beteiligten
Sachsen-Anhalt macht keine Ausnahme, was die ostdeutsche Tradition der Mittagsbetreuung in Form der Horte angeht. Allerdings sind die Horte hier schon vor Jahren von den Grundschulen abgelöst und kommunalisiert oder von freien Trägern übernommen worden. Es besteht die Möglichkeit, dass die Grundschulen und Horte kooperieren. Dabei muss die Trennung von Sachkosten und Personal beachtet werden, während man eine gemeinsame pädagogische Konzeption entwickelt. Auch solche "Anbietergemeinschaften" haben Förderanspruch auf Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" des Bundes.
"Die Initiative, Ganztagsschule werden zu wollen, geht von den Schulen aus und wird vom Land unterstützt. Dies ist auch seit der Einführung des IZBB-Programms so geblieben", berichtet Heidemarie Klein. Im Gegensatz zu anderen Ländern gab es in Sachsen-Anhalt nur eine Runde zur Beantragung der Bundesmittel, deren Stichtag Ende Januar 2004 lag. Die Gesamtfördersumme von über 125 Millionen Euro, die dem Land bis 2007 vom Bund zur Verfügung gestellt wird, ist damit bereits gebunden. Der Grund: Planungssicherheit für alle Beteiligten. Bewerben konnten sich neben Halbtagsschulen auch bereits bestehende Ganztagsschulen - nach der Definition der Kultusministerkonferenz bestanden in Sachsen-Anhalt 43 allgemein bildende Ganztagsschulen im Schuljahr 2002/2003.
Laut Heidemarie Klein will man bei der Mittelvergabe Qualität statt Quantität fördern: "Wir möchten, dass Ganztagsschulen gute Schulen werden, und daher nicht nach dem Gießkannenprinzip die Mittel vergeben, sondern die pädagogischen Konzepte in den Vordergrund stellen." Zur Planungssicherheit gehört auch, dass die mit IZBB-Mitteln geförderten Schulen einen Bestandsschutz von 15 Jahren genießen. Die Art des Antragsverfahrens mit der Auswahl aller Schulen auf einen Schlag sorgte für einen bislang sehr schleppenden Abfluss der Mittel. Für das Schuljahr 2003/2004 hat Sachsen-Anhalt lediglich 336.000 Euro aus dem Bundesinvestitionsprogramm abgerufen, womit das Land das Schlusslicht unter den 16 Ländern bildet.
Bisher erhalten Ganztagsschulen zusätzliche Lehrerstunden zugewiesen, die sich an der Schülerzahl orientieren. Doch bei dem zusätzlichen pädagogischen Fachpersonal gibt es zurzeit noch Probleme, wie die Referentin einräumt: "Wir rekrutieren dieses Personal aus dem Bestand an Fachkräften, die vorwiegend bereits an unseren Grund- und Sonderschulen arbeiten. Nun gilt es, die geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Arbeit an den Ganztagsschulen zu finden."
Fachkräfte als Anlaufstelle für Fragen und Probleme
Anette Hildebrand gehört zu diesen Mitarbeiterinnen. Sie fing nach ihrer Tätigkeit im Hort mit einem "Schnupperjahr" an einer Sekundarschule an und arbeitet nun mit einer weiteren pädagogischen Fachkraft am Dorothea Erxleben-Gymnasium in Gernrode, einer teilweise gebundenen Ganztagsschule. Zwei Angebote in der Woche sind verpflichtend, die weiteren können freiwillig wahrgenommen werden. Gemeinsam kümmern sich die zwei Fachkräfte um die Schülerinnen und Schüler der fünften bis zehnten Klasse. "Wir sind von früh morgens an in der Schule, betreuen die Kinder in den Pausenzeiten und begleiten sie auch im Unterricht. Am Nachmittag machen wir den Schülern bis 16 Uhr 30 Angebote wie Kochen und Backen, Internet-Café oder Kunst-AG, die auch in großer Anzahl angenommen werden", erzählt die Pädagogin. Die Fachkräfte sind dabei auch Anlaufstellen für Fragen und Probleme, "mit denen sich die Schüler wahrscheinlich nicht an ihre Lehrer wenden würden", wie Anette Hildebrand meint.
Momentan stehen am Dorothea Erxleben-Gymnasium der Unterricht selbst und die Folgen der Zusammenlegung der Schule mit einer anderen im Vordergrund. Denn auch dieses Gymnasium hat auf Grund der rückläufigen Schülerzahlen zu Beginn dieses Schuljahres mit einem anderen fusionieren müssen. "Die außerunterrichtlichen Angebote hinken so ein bisschen hinterher", berichtet Anette Hildebrand, "und die räumliche Trennung in drei Gebäuden macht es schwierig, das Ganztagsprojekt zu koordinieren. Wobei weniger die Kinder als die Lehrer ständig wandern müssen." Durch die Unterrichtsbegleitung ist die Verzahnung der Arbeit der pädagogischen Fachkräfte mit den Lehrerinnen und Lehrern immerhin automatisch gegeben. Auch bei der Hausaufgabenbetreuung gibt es Rückkoppelungen. Dennoch: "Ich würde mir wünschen, dass man uns noch mehr in die Abläufe in den einzelnen Klassen mit einbezieht", gesteht Anette Hildebrand.
"Lehrerstunden sind das A und O!"
Als eine Art Pilotschule kann man die Rosa Luxemburg-Sekundarschule in der Lutherstadt Wittenberg bezeichnen, denn sie gehörte zu den ersten Ganztagsschulen, die 1998 in Sachsen-Anhalt genehmigt wurden. "Wir wollten schon lange Ganztagsschule werden", erzählt Schulleiter Günter Schmid, "und ich bin schon vor dem Start auf Ganztagsschulkongresse gereist, um mich zu informieren. Nach der Wende mussten wir mit ansehen, wie die Nachmittagsversorgung für unsere Schüler wegbrach. Wir wollten dann nicht darauf warten, bis irgendetwas passiert, sondern uns selbst helfen." So nutzte man die Möglichkeit, Ganztagsschule zu werden und damit zusätzliche Lehrerstunden zu erhalten, die laut Schmid "das A und O" sind. "Die Schüler und die Eltern haben das dankbar angenommen und sich für die tollen Angebote bei uns bedankt", berichtet der Schulleiter. Auch den Lehrerinnen und Lehrer habe es Spaß gemacht, diese zusätzlichen Angebote zu machen und Erfolgserlebnisse zu verzeichnen. Momentan bietet die Sekundarschule ein offenes Modell an, die fünften Klassen allerdings werden bereits gebunden unterrichtet.
Den Bedarf für Ganztagsschulen hält Günter Schmid für groß, allein in Wittenberg gebe es bereits zwei. Problematisch sei für seine Schule indes die Abschaffung der Förderstufe in den Klassen fünf und sechs vor zwei Jahren, welche an seiner Sekundarschule einen "Bruch" ausgelöst habe: "Diese Schüler, die natürlich die Betreuungsangebote am meisten angenommen haben, fehlen uns jetzt. Leider können gerade bildungsfernere Eltern nicht ermessen, was eine Ganztagsschule leisten kann." Und gerade auch die Eltern, die der Schule wohl gesonnen waren, seien schon weg. Statt dessen erlebe man einen Run auf die Gymnasien, die jetzt wieder mit der Jahrgangsstufe fünf beginnen. 70 Prozent aller Schülerinnen und Schüler wechseln derzeit von der Grundschule aufs Gymnasium: "Das ist natürlich nicht gesund", stuft Heidemarie Klein diesen Zustand ein.
Dank der Zuwendung von IZBB-Mitteln und der Bestandsgarantie ist die Rosa Luxemburg-Sekundarschule aber nicht von Schließung bedroht. Momentan steht die Schule vor anderen Problemen: Es gilt, zusammen mit dem Schulträger und dem Kultusministerium die Umsetzung der IZBB-Mittel zu organisieren. Dafür steht ein nur begrenzter Zeitrahmen zur Verfügung, in dem die Schule die Planungen des Umbaus eines anderen Schulgebäudes abgeschlossen haben muss.
Ständiges Wechseln verunsichert auch die Ganztagsschulen
Nicht immer ziehen die Lehrerkollegien aber so gut mit wie an der Rosa Luxemburg-Sekundarschule. Für die Ganztagsschulen fände es Heidemarie Klein daher wünschenswert, dass sich solche Schulen mit schulscharfen Ausschreibungen Lehrerinnen und Lehrer aussuchen könnten, "die dieses Programm verinnerlicht haben und es umsetzen wollen. Es hat in Sachsen-Anhalt schon Fälle geben, dass Ganztag nicht fortgeführt wurde, weil zu viele Kollegen sich sperrten." Wenn man Ganztagsschule machen wolle, brauche man Leute, die sich hinter das Konzept stellten. An diesem Punkt sei man noch nicht. Da komme man wahrscheinlich erst hin, wenn wirklich nur noch die langfristig arbeitenden Schulstandorte existierten. "In den nächsten Jahren wird es noch viel Fluktuation zwischen den Schulen sowohl bei Lehrern wie bei Schülern geben", so Heidemarie Klein.
Dieses ständige Wechseln verunsichert auch Kollegien wie in Wittenberg. "Mit Beginn der Ganztagsschule gab es bei uns eine Aufbruchstimmung, eine Euphorie, die jetzt auch wegen der politischen Eingriffe wieder verflogen ist", erklärt Günter Schmid. Ungeachtet dessen hat es Heidemarie Klein zufolge in den Ganztagsschulen einen Schulentwicklungsprozess gegeben, der durch die Verknüpfung der pädagogischen Konzepte mit der Vergabe der IZBB-Mittel noch verstärkt worden ist: "Man prüft in den Ganztagsschulen ständig seine Angebote." Man hinterfrage, ob der Ganztagsbetrieb das bringe, was man sich von ihm erhofft habe und ob er von den Schülerinnen und Schülern angenommen werde. Heidemaie Klein: "Man denkt darüber nach, was man täglich tut. Bei einigen Ganztagsschulen hat das auch schon dazu geführt, dass sie von der offenen über die teilweise gebundene allmählich zur gebundenen Form übergehen. Die Bestandsgarantie wird die Schulentwicklung weiter vorantreiben, weil die Unsicherheit weg ist, ob sich all die Anstrengungen überhaupt lohnen."
2019 wird der Tiefstpunkt bei den Schülerzahlen in Sachsen-Anhalt erreicht sein. "Wir müssen in den nächsten Jahren aber Geduld mit den Schulentwicklungsprozessen in Ganztagsschulen haben, da sie weiter von den durch die Schulschließungen und -fusionen ausgelösten Schüler- und Lehrerwechseln betroffen sein werden", gibt Heidemarie Klein zu bedenken.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 14.12.2004
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