Der Parkplatz ist voll, das Foyer der Tagungsstätte Weilburg des Hessischen Landesinstituts für Pädagogik ist mit Menschen gefüllt, ebenso wie später der Tagungssaal. Wieder einmal hat das Thema Ganztagsschule viele Interessierte angelockt. Mit 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist gerechnet worden, rund 130 sind nun anwesend, so dass im Vorfeld sogar Anträge abgelehnt werden mussten. Diesmal sind es vorwiegend Lehrerinnen und Lehrer aus Hessen und Rheinland-Pfalz, die etwas über "Ideen und Projekte für die aktive Beteiligung von Schüler- und Elternschaft an der Ganztagsschule" hören möchten. Unter dem Titel "Zeit für Engagement!" haben die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, das Hessische Landesinstitut für Pädagogik sowie das Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung des Landes Rheinland-Pfalz zu dieser länderübergreifenden Fachtagung eingeladen, die zum DKJS-Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" gehört.
Die Tagung nutzten die drei Veranstalter aber auch, um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über ihre Aktivitäten zur Unterstützung von Ganztagsschulen zu informieren. Für Hessen übernahm das Wolf Schwarz, der im Kultusministerium für Ganztagsschulen zuständig ist: "In Hessen stehen uns in diesem Jahr 70 Millionen Euro aus dem Bundesinvestitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung zur Verfügung, von denen wir inzwischen zwei Drittel für Schulen des Landes bewilligt haben." Laut Schwarz ist in den letzten vier Jahren die Zahl der Schulen mit Ganztagsangeboten von 138 auf 290 gestiegen, und auch für das kommende Jahr liegen genügend Anträge vor. "Wir können die Nachfrage gar nicht befriedigen, so viele Anträge werden gestellt", erklärte Schwarz.
"Ich denke, das Programm ist auf einem guten Weg, aber es liegt natürlich an den Ländern, die personellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und es pädagogisch zu begleiten", so Schwarz. Vor allem gehe es darum, die ganztägige Schule mit Leben zu erfüllen. Dabei solle diese Veranstaltung helfen. Die große Auftaktkonferenz zum Begleitprogramm im September in Berlin hat Schwarz "durch ihre Anregungen und Ideen" optimistisch gestimmt, dass diese Veranstaltungsreihe, die in den einzelnen Bundesländern durchgeführt wird, ein Erfolg sein wird: "Hier können wir neue Ideen kennen lernen und auf Erfahrungen zurückgreifen."
Gegenseitig Erfahrungen vermitteln
In Rheinland-Pfalz ist die Situation ähnlich wie in Hessen: Die Zahl der Anträge von Schulen, die Ganztagsschulen werden wollen, übertrifft die Fördermöglichkeiten des Landes um das Doppelte. Dies berichtete Hans-Jörg Liebert für das Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend. "In diesen Tagen werden gerade die 70 letzten der dann insgesamt 300 Schulen ausgewählt, die im kommenden Jahr Ganztagsschulen werden", so Liebert. Er lobte die länderübergreifende Tagung: "Diese länderübergreifenden Veranstaltungen sind ja nicht üblich, insofern finde ich das toll, dass man sich hier gegenseitig Erfahrungen vermitteln kann."
Über reichhaltige Erfahrungen verfügt Schulleiter Thomas Findeisen von der Schillerschule in Offenbach, der einen der sechs Arbeitskreise am Nachmittag anbot, in denen gute Beispiele aus Hessen und Rheinland-Pfalz vorgestellt wurden. Sein Thema: "Die Verankerung von Partizipation im Schulprogramm". Die Integrierte Gesamtschule von Thomas Findeisen hat bereits seit 1991 schrittweise die Mit- und Zusammenarbeit von Schülerinnen und Schülern sowie von Eltern ausgebaut. "Wir haben im Kollegium Teams gebildet, die auch in eigenen Räumen sitzen. Für die Schülervertretung gibt es eine feste Wochenstunde, und sie muss nicht mehr um jede Stunde bei den Lehrern betteln", gab Findeisen zwei Beispiele. Das Reinigen des Schulgebäudes und -geländes übernehmen Schülergruppen. Das eingesparte Geld für Reinigungskräfte steht den Teams für Projekte und Ausstattung zur Verfügung, wobei die Jahrgangsteams relativ autonom darüber verfügen können. Alle Projekte werden langfristig angelegt und auch der Öffentlichkeit präsentiert. "Das Hüpfen von einem kleinen Projekt zu nächsten, das dann schnell in der Schublade verschwindet, gibt es bei uns nicht", erklärte der Schulleiter, der zudem riet, "nicht immer um jeden Preis einen Konsens in allen Fragen herstellen zu wollen, sondern einen Dissens auch mal auszusitzen".
Den Begriff "Partizipation" schärfte Dr. Ulrike Urban vom Modellversuch "Demokratie lernen und leben" der Bund-Länder-Kommission in ihrem Vortrag "Ganztag als Chance für Partizipation - Partizipation als Chance für Ganztag". Sie referierte aus eigener Erfahrung: "Innovationsfreude und Gestaltungskraft sind die Voraussetzungen für die Entwicklung einer partizipativen Schulkultur". 180 Schulen aus 13 Bundesländern arbeiten in dem Modellversuch mit. In einer Berliner Grundschule habe die Einsetzung einer Zukunftswerkstatt zur Entwicklung des Ganztagsprogramms mit Lehrern, Schülern und Eltern dazu geführt, dass unter Mithilfe aller aus einem zubetonierten Innenhof nun eine Dschungel-Bar-Landschaft entstanden ist, die zu einem beliebten Treffpunkt geworden sei. Wöchentliche Klassenräte würden Streitschlichterprogramme überflüssig machen. Ein Gymnasium in Brandenburg habe die Feedback-Kultur so weit entwickelt, dass auch die Lehrerinnen und Lehrer von der Schülerschaft Zensuren bekämen. "Experimentieren Sie, und haben Sie Mut zum Neuen!", forderte Dr. Urban die Zuhörerinnen und Zuhörer auf.
Mobile Zukunftswerkstatt
Die Zukunftswerkstatt tauchte schon bald wieder auf - und im vormittäglichen Workshop "Wege zur demokratischen Ganztagsschule" war sie sogar mobil. Die Referenten dieser Arbeitsgruppe, Marc Schmieder von der Servicestelle Jugendbeteilung sowie Benjamin Rosebach und Stefan Ruhland vom Bundesarbeitskreis "Schüler gestalten Schule", stellten dort ihr Projekt der "Mobilen Zukunftswerkstatt" vor, das ab März 2005 starten soll. Der Bundesarbeitskreis bietet Schulen an, bei ihnen Zukunftswerkstätten zu veranstalten. Ausgebildete Moderatorinnen und Moderatoren des Arbeitskreises erarbeiten mit der Schulgemeinschaft Probleme und Lösungen. Die Vision einer "guten Schule" soll in konkreten Projekten und Konzepten münden.
Drei Gruppen - Schulleiter, Lehrer und Schüler - berichteten in dem Workshop von den Problemen mit Partizipation an ihren Schulen: Kollegien, die sich von der Schulleitung nicht ausreichend informiert und konsultiert fühlen; Schülerinnen und Schüler, die sich mehr Unterstützung und Rückendeckung durch die Lehrerinnen und Lehrer bei ihren Projekten wünschen; Gremienarbeit, in der nur abgenickt wird; und ein spontanes Reagieren auf Schülerwünsche, aber kein systematisches Vorgehen beim Einrichten von Arbeitsgemeinschaften und Projekten an den Schulen.
Für viele dieser Probleme bietet sich die Mobile Zukunftswerkstatt als Lösungsmöglichkeit an, da hier alle Beteiligten an einem Tisch offen über die Probleme sprechen können, was im Alltag laut Aussagen von Anwesenden schwierig ist. "Man weiß natürlich überhaupt nicht, dass es so was wie diese Mobile Zukunftswerkstatt überhaupt gibt", teilte Helmut Schweiger von der IGS Braunfels den drei Referenten mit. Für ihn und die Gruppe insgesamt hatte sich das Kommen damit bereits gelohnt, denn über diesen Weg erfuhren sie etwas über die verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten auch von Seiten der Schüler- und Jugendorganisationen, die ihnen sonst verborgen geblieben wären.
"Wir hoffen auf mehr Eigenständigkeit der Schulen"
Unterstützung für alle an Ganztagsschule Beteiligten liefert auch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung. Andreas Zieske stellte die Bausteine des Programms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" vor: Neben der Internetseite mit guten Beispielen und dem Kontakt zu Experten richtet die DKJS Regionale Serviceagenturen in den Ländern ein, die Beratung und Fortbildung und eine Vernetzung der Schulen untereinander ermöglichen. Mit Beginn des Jahres 2005 nehmen vier offizielle Werkstätten ihre Arbeit auf. Zu den Themen "Organisation von Ganztagsschulen", "Diadaktik und Methodik von Unterricht an Ganztagsschulen", "Kooperation mit außerschulischen Partnern" und "Schule als Teil der Lebenswelt" werden hier Arbeitsmaterialen, Materialen und Handlungsempfehlungen erstellt, die über die Website als Lösungsmöglichkeiten wieder zurückfließen.
"In Rheinland-Pfalz erhält jede Schule ein Fortbildungsbudget von 2000 Euro, über das sie frei verfügen kann", berichtete Hans-Jörg Liebert. Die freie Verfügbarkeit ist Liebert zu Folge ganz bewusst von der Landesregierung gewählt: "Wir hoffen auf mehr Eigenständigkeit der Schulen." Außerdem stehen Ganztagsschulmoderatoren zur Verfügung, die je einem der 17 Netzwerke mit jeweils rund 15 Schulen zugeordnet sind und jeder dieser Schulen einen Tag pro Woche zur Verfügung stehen. Diese Moderatoren werden einmal pro Halbjahr fortgebildet. Darüber hinaus werden außerschulische Fachkräfte fortgebildet. An sechs Standorten im Land finden jährlich im Herbst zwei zweitägige Veranstaltungen als so genannte "Grundkurse" statt. Veranstalter sind das Landesinstitut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung in Speyer und das Sozialpädagogische Fortbildungszentrum in Mainz. Im Januar folgen an drei Standorten so genannte zweitägige "Aufbaukurse". Geleitet werden diese durch Moderatorentandems.
Am 7. März 2005 findet die Veranstaltung "Zeit für mehr Engagement!" mit zum Teil anderen Workshops noch mal in Speyer statt. Laut Hans-Jörg Liebert gibt es schon "erste Anmeldungen" für diesen Termin. Man muss kein Wahrsager sein, um auch für diese Veranstaltung in Sachen Ganztagsschule volle Stuhlreihen vorauszusagen.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 03.12.2004
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