19. NOVEMBER 2004

Im Jahr der Ganztagsschule

Ganztagsschulen sind eines der zentralen Themen der Bildungsreform. Nach dem Start des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" im vergangenen Jahr wird dem diesjährigen "Jahrbuch Ganztagsschule" besondere Aufmerksamkeit zuteil. Der Band, dessen Untertitel "Investitionen in die Zukunft" lautet, bietet eine Mischung aus Expertenaufsätzen zu verschiedenen Aspekten, Stellungnahmen von Verbänden sowie Dokumentationen von Veranstaltungen und Praxisbeispielen.

"Investitionen in die Zukunft" - der Titel des Jahrbuchs Ganztagsschule 2005 nimmt bereits das vorweg, was Stefan Sell in seinem Aufsatz "Der Ausbau der Ganztagsschulen aus ökonomischer Sicht" konstatiert: Sprache und Ausdrücke aus der Wirtschaft "sichern in einer ökonomisierten Gesellschaft und Politik, die sich zunehmend nur noch über monetär bewertbare Sachverhalte verständigen kann, größere Aufmerksamkeitseffekte".

Auch wenn im Jahrbuch 2005 das leidige Thema Finanzen seriöserweise nicht ausgespart werden kann und es sicher kein Zufall ist, dass der Text von Sell, der von Hause aus ja kein Pädagoge, sondern Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften ist, am Anfang steht - die Herausgeber stellen mit ihrer Textauswahl sicher, dass der Begriff "Investitionen" umfassender verstanden wird. Investitionen, die zum Gelingen von Schule getätigt werden, sind eben nicht nur finanzieller, sondern auch anderer Art: Zum Beispiel die Bereitschaft und der Mut von Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrern sowie Eltern, sich auf etwas Neues einzulassen.

Die Herausgeber Stefan Appel, Harald Ludwig, Ulrich Rother und Georg Rutz sprechen im Vorwort davon, dass es gelte, "ein Investitionsgut ,Schule' zu schaffen, das als ,langlebiges Wirtschaftsgut' im Lern- und Erziehungsprozess Leistungskraft schafft und damit dauerhaften Erfolg bringt. Das notwendige Finanzkapital wird umso leichter bewilligt werden, je mehr Erfolgsmeldungen über Leistungen zu messen und Verantwortungsbewusstsein und Engagement bei den Schülerinnen und Schülern zu beobachten sind. Wenn dann in Lehrerbildung und Lehrerfortbildung ebenfalls erkannt wird, dass neue Schwerpunktthemen wie Schülermotivation auch hier einzuordnen und zu bearbeiten sind, wird die Erfolgschance des ,Wirtschaftsgutes' Schule weiter wachsen." Mit dem Jahrbuch Ganztagsschule verschaffen die Herausgeber den Leserinnen und Lesern einen Überblick über Entwicklungen in der Debatte um Ganztagsschulen.

Leistungsschule statt Brennpunktschule

Aufgenommen wurden viele praktische Beispiele, welche zur Veranschaulichung von Problemen und deren Lösungen immer noch am besten geeignet sind. So gibt es Portraits von einzelnen Schulen wie der Evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck, der Offenen Ganztags- und Stadtteilschule Vermoor in Hamburg und Berichte aus Nordrhein-Westfalen und Brandenburg zur Situation des Ganztagsangebots in diesen Ländern. Das auf dem hiesigen Portal bereits vorgestellte Kommunalmodell Herford ist ebenfalls vertreten.

Auch der Blick über die Grenzen fehlt nicht: Markus Mauchle, der Fachstellenleiter des Vereins Tagesschulen Schweiz, berichtet über die "Ganztagsschulbestrebungen in der Deutschschweiz". Die Parlamentarische Mitarbeiterin und Mitglied der Projektgruppe "Ganztägige Schulformen" Alexandra Senoner aus Wien liefert einen Beitrag über "Die Ganztagsschulen in Österreich". Aus einer eher wissenschaftlichen Sicht beleuchtet Thomas Coelen von der Universität Bielefeld die ganztägigen Bildungssysteme in Frankreich, Finnland und den Niederlanden.

Sehr umfassend geht Winfried Schlaffke "Neue Weichenstellungen für ein zukunftsweisendes Schulsystem" an und befasst sich in seinem Beitrag auch mit der Ganztagsschule. "2004 kann das Jahr der Ganztagsschule werden", heißt es gleich zu Beginn. "Die seit über 25 Jahren geführte Diskussion über so genannte Schlüsselqualifikationen ruft geradezu nach Ganztagsschulen, weil für teamorientierte Projektarbeit, für anwendungs- und handlungsorientierte Modelle einfach mehr Zeit benötigt wird." Bezüglich des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" schreibt der Professor für Politische Wissenschaft an der Universität München: "Geld kann man in der Tat nicht besser anlegen." Ganztagsschulen müssten Leistungs- statt Brennpunktschulen sein. "Die wichtigste Stoßrichtung für die moderne Ganztagsschule muss sein, neue Anforderungen meistern, höhere Qualität bieten und bessere Wettbewerbsfähigkeit schaffen zu können", so Schlaffke. "Wichtig ist es, Unterrichtskonzeptionen zu entwickeln und zu propagieren, die in besonderer Weise geeignet sind, den Strukturwandel in der Wirtschaft, der Arbeitswelt und der Gesellschaft bewältigen zu helfen."

Ganztagsschulen gegen "Medienverwahrlosung"

In seinem Beitrag "Grundschule als Ganztagsschule" gibt Harald Ludwig zu bedenken, dass man "die Grenzen sehen sollte, die der Schule von der ihr eigenen Struktur her trotz aller Veränderung gesetzt sind". Wie Stefan Sell sieht auch der Professor der Schulpädagogik ein Hauptproblem des Heranwachsens von Kindern und Jugendlichen in der "Medienverwahrlosung": "Die einseitige Konzentration auf bildorientierte Medien führt zu einer Verkümmerung der sinnlichen Erfahrungsmöglichkeiten und zu einer ikonischen Form der Weltaneignung. Eine nicht abreißende Folge von Bildern erschwert das Nachdenken und Herstellen von Zusammenhängen. Die allgemeine Konsummentalität lässt die Eigentätigkeit des Kindes erlahmen. Kreatives Gestalten findet zu selten statt. Spontane kindliche Lebensäußerungen haben nur wenig Raum. Soziale Kontakte zu Erwachsenen und Gleichaltrigen in Familie und Nachbarschaft sind stark reduziert. Körperliche Betätigungen des Kindes sinken auf einen niedrigen Stand. Die Reizüberflutung lässt das Verlangen nach Stille und Kontemplation nicht zur Geltung kommen."

Wenn die Schulen diese Erscheinungen ausgleichen wollen, müssten sie sich einer "inneren Neugestaltung" unterziehen. Zusätzliche Aktivitäten im sportlichen, musisch-künstlerischen und handwerklichen Bereich zur "Anregung von Interessen, zur Förderung von Eigenaktivität und sinnvoller Freizeitgestaltung" müssten angeboten werden. "Die Veränderungen müssen sich auch auf den Unterricht selbst beziehen und neben einer kindgerechten Rhythmisierung des Schulgeschehens solche Lernformen stärker berücksichtigen, welche die Selbsttätigkeit und Kooperationsfähigkeit der Kinder mehr herausfordern, wie z.B. gruppenunterrichtliche Verfahren, Projekte und Freiarbeit. Die Schule sollte sich mehr nach außen öffnen und ihre Umgebung als Lern- und Erfahrungsfeld einbeziehen." Ansätze zu all dem sind Ludwig zufolge in der heutigen Grundschule vorhanden, aber erst die "Veränderung und Erweiterung ihrer Zeitstruktur über die vollständige Halbtagsschule bis hin zur Ganztagsschule" würde die Schule in die Lage versetzen, konsequent in die oben beschriebene Richtung gehen zu können.

Verhältnis zum Leben jenseits des Schultors neu überdenken

Dass die Veränderung von Schulen auf dem Weg zu Ganztagsschulen nicht bei Unterricht und Zeitstruktur Halt macht, zeigen Christian Rittelmeyer in seinem Aufsatz über Schularchitektur und Knut Dietrich in seinem Beitrag über Schulhofgestaltung. Rittelmeyer arbeitet in "Schularchitektur - wie Schulbauten auf Schüler wirken" zwei Aspekte heraus: "Die Sensomotorik der Bauwahrnehmung" und den "Sozialen Aspekt des Schulbaus". Jede Wahrnehmung eines Gebäudes sei zugleich auch immer eine des eigenen Körpers. "Je nach Gebäudeform entstehen unterschiedliche Bewegungsmuster, die für den Eindruck der Baudynamik mitbestimmend sind", hat der Professor für Erziehungswissenschaften in Untersuchungen herausgefunden. Dazu würden die Schulbauten wie Interaktionspartner erlebt. In vielen Fällen stießen die Bauformen durch ihre "nichts sagende Zelebrierung von Einfallslosigkeit" und "erlebte seelenlose Fassadenhaftigkeit" ab und verstießen gegen drei "soziale Grundprinzipien": Formen und Farben der Schulbauten sollten "anregend, freilassend und warm" wirken.

Dietrichs "Schulhofgestaltung konkret - Schulhofprojekte und Vorgehensweisen zur Realisierung" fasst die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe auf dem Ganztagsschulkongress in Braunschweig im vergangenen Jahr zusammen. Durch die längere Verweildauer an Ganztagsschulen ergebe sich auch eine engere "Raumbindung". Die Schulraumgestaltung sei ein Teil des pädagogischen Programms einer Schule, wobei dem Schulhof als "Lebens- und Erfahrungsraum" der Schüler besondere Bedeutung zukomme. Deren Vorstellungen zur Umgestaltung müssten berücksichtigt werden. Dabei sei es von Vorteil, außerschulische Kooperationspartner bei der Gestaltung mit einzubinden. "Vor allem die Ganztagsschule müsse ihr Verhältnis zum städtischen Leben außerhalb der Schule neu überdenken und neu konzipieren", wobei "für viele der Gedanke neu und ungewohnt war, Partner außerhalb der Schule um Hilfe zu bitten", zitiert der Professor für Sportpädagogik aus der Arbeitsgruppe.

Corporate Identity als Notwendigkeit

Einen interessanten Aspekt beleuchtet Gerhard Regenthal - die "Corporate Identity von Ganztagsschulen". Diese benötigten die Corporate Identity, um sich im Wettbewerb mit anderen Schulformen zu behaupten. Ganzheitliche pädagogische Denkweisen, Konzepte und Strategien bräuchten zudem eine einheitliche Theorie sowie eine Vernetzung der Projekte und Maßnahmen und eine Ausrichtung auf die gemeinsamen Ziele. Diese "ganzheitlichen Identitätsprozesse für Ganztagsschulen" sind für den Mitarbeiter der Corporate Identity Akademie in Braunschweig "kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit": "Veränderte Erwartungen und Ansprüche der unterschiedlichen Zielgruppen können nur professionell erfüllt werden, wenn die Schule einen guten Identitätsfindungsprozess als Basis hat. Für diese Identitätsgestaltung braucht die Schule die Bereitschaft und Offenheit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ein Schulmanagement, das mutig und vertrauensvoll ihre Managementaufgaben insgesamt anpackt und nicht nur eindimensionale und aktionistische Projektentscheidungen für nur kurzfristige Erfolge trifft."

Abgerundet wird das "Jahrbuch Ganztagsschule 2005" durch Stellungnahmen verschiedener Verbände sowie durch aktuelle Berichte von wichtigen Konferenzen, Kongresse und Tagungen. Alle Beiträge mit den ganz unterschiedlichen Themen verschaffen den Leserinnen und Lesern nicht nur einen guten Überblick über die aktuelle Ganztagsschulsituation, sondern bringen sie auch gemeinsam mit der Österreicherin Alexandra Senoner auch zu dem Schluss: "Es ist Zeit für eine neue Schule!"

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 19.11.2004
© www.ganztagsschulen.org

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