16. NOVEMBER 2004
edutr@in 2004 - Für eine Kultur der Zusammenarbeit
Was suchen die Ganztagsschulen auf Fachmessen wie der edutr@in 2004 am 10. und 11. November 2004 in Karlsruhe? Sie nehmen Teil an einer Bildungsdebatte, die über den Tellerrand von Schule hinausreicht. Sie knüpfen Netzwerke in die Welt der Berufe, der Technik und der neuen Medien. Sie begegnen neuen Lernwelten und sie bekommen Raum für den Dialog mit lokalen Akteuren der Bildungspolitik.
Eigentlich gehörte Thomas Maertens nicht zu den allergrößten Befürwortern der Ganztagsschulen. Tempi passati, denn spätestens auf der edutrain 2004 ist der Bürgermeister ein überzeugter Verfechter des Ganztagsschulprogramms geworden. "Egal mit wem ich rede, an den Ganztagsschulen führt kein Weg mehr vorbei."
Seit gut einem halben Jahr ist Maertens Bürgermeister von Lauda-Königshofen in Baden-Württemberg. Und kaum hat er sich versehen, schon ist er ein Handlungsreisender in Bildungssachen geworden: "Ich fahre viel herum und beleuchte das Thema Bildung von allen Seiten: Dabei habe ich erkannt, je eher man mit Ganztagsschulen anfängt, umso besser ist man im Spiel".
Bürgermeister machen Ganztagsschulen
Der Bürgermeister, der aus der Baubranche stammt, macht sich fit für die Ganztagsschulen. Er informiert sich, knüpft Netzwerke und sorgt für Breitenwirkung: "Ich habe das Problem, dass ich als Bürgermeister den Vorteil von Ganztagsschulen einer großen Bürgerschaft vermitteln muss." Auch deshalb ist er jetzt auf der edutrain in Karlsruhe.
Die zweitägige Veranstaltung stellte nicht nur neue mediengestützte Lernkonzepte in Schule, Berufs- und Erwachsenenausbildung einem interessiertem Fachpublikum vor, sondern gewährte auch Einblicke in die sich wandelnde Bildungslandschaft. "Bundesweit gibt es keine andere Veranstaltung, die sich mit Lernen, Lehren und neuen Medien so intensiv auseinandersetzt", sagte Manfred Groh, der Bürgermeister von Karlsruhe, zur Eröffnung des Kongresses.
Aussteller auf der edutrain 2004
Einer Studie zufolge sind 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs als ausbildungsunfähig einzustufen. "Der Kongress soll einen kleinen Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten", sagte Prof. Winfried Sommer von der Pädagogischen Hochschule. Education und Training lautete die Formel des Kongresses, die innerhalb von drei unterschiedlichen Fachmessen in Workshops diskutiert wurde. Schule, Berufsausbildung und Weiterbildung wurden also auf einem Markt avancierter Lernmöglichkeiten neu vermessen.
An solchen Orten, Zusammenkünften von Menschen, die kreative Neuansätze diskutieren und unkonventionell denken, ist der Journalist, Autor und Filmemacher Reinhard Kahl immer der richtige Mann. Auch wenn man Kahl nicht in jedem Gedanken folgen konnte, brachte er doch sein Publikum zuverlässig zum Nachdenken über die "Krähwinkelei" und die zum Teil bleierne Trägheit der Bildungslandschaft hierzulande. "Nur das gelingt, was scheitern darf". Für Kahl sind die sogenannten weichen Faktoren wie Vertrauen, Zugehörigkeit, Atmosphäre, Respekt die wichtigsten. Schon 1958 habe Hannah Arendt eine Rede über die Krise der Erziehung gehalten. Darin beschwerte sie sich über die Erwachsenen, die sich mit bloßer Kritik an den Verhältnissen nur aus ihrer Verantwortung stehlen wollten.
Ein auffälliges Merkmal der edutrain 2004 war - zumindest auf den zweiten Blick - die Herkunft des Publikums aus ganz verschiedenen Welten: Schule, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung. Lehrerinnen und Lehrer mischten sich mit Schülergruppen und Fachleuten aus Ministerien, Instituten und der Wirtschaft. Doch die Besucherströme verteilten sich sehr unterschiedlich in die jeweiligen Sektionen und Workshops. Waren einige Workshops gähnend leer, so erfreute sich das Forum Schule eines außergewöhnlichen Zulaufs. Insbesondere in Sektion D "Kommune und Schule: Ausbau schulischer Ganztagsangebote in Land und Bund. Konzeptionen - Gestaltung - Finanzierung" war der große Saal bis auf den letzten Platz ausgebucht.
Die Eckpfeiler der Bildungsreform
Hans-Konrad Koch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
Hans Konrad Koch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erläuterte vor vollbesetzten Rängen die Ziele der Bildungsreform und den Beitrag, den das Ganztagsschulprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" der Bundesregierung dazu leistet. Die Qualität des Bildungswesens muss laut Koch nachhaltig verbessert werden, damit das deutsche Bildungssystem wieder Anschluss an die Spitzengruppe der Welt finde. So müsse auch der dramatische Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufgebrochen werden.
Um dies zu erreichen, solle das Bildungssystem weniger selektieren, sondern fördern und fordern. Die Bemühungen sollten sich auf die individuelle Förderung jedes Kindes und Jugendlichen richten. "Bildungsreform muss als Systemreform angelegt sein", so Hans Konrad Koch. Dazu gehört die Reform von Strukturen, die Verbesserung der inhaltlichen und methodischen Qualität des Unterrichts, die Verbesserung der Schulkultur, die Professionalisierung des Personals und eine verbesserte Gesamtsteuerung der Bildungsreform.
Koch betonte die Fortschritte, die die Bildungspolitik nach den Empfehlungen des Forum Bildung und nach PISA mit dem Programm "Zukunft Bildung und Betreuung" gemacht hat. Das Investitionsprogramm der Bundesregierung, das bereits im Schuljahr 2004/05 Fördermittel für 3030 Schulen bereitstelle, sei in allen Ländern gut angelaufen.
Norbert Brugger, Klaus Hebborn und Hans Konrad Koch (v.l.n.r.)
Inhaltliche Gestaltung
Entscheidend ist nach Koch die inhaltliche Gestaltung des Ganztagsschulprogramms, die eine neue Lern- und Lehrkultur etablieren soll. So wurde auf dem ersten Ganztagsschulkongress des BMBF "Ideen für mehr - Ganztägig lernen" das Begleitprogramm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung vorgestellt, das gute Praxis durch Beratung, Vernetzung und Fortbildung unterstützt. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Begleitprogramms ist die Einrichtung von 14 regionalen Agenturen in den Ländern.
Daneben wurden vom BMBF handlungsorientierte Forschungsvorhaben vergeben, um Ziele, Gelingens- und Misslingensbedingungen von Ganztagsschulen aufzuzeigen. Großen Stellenwert im Rahmen des Begleitprogramms der DKJS hat auch die Fortbildung des pädagogischen Personals an den Ganztagsschulen, wie z.B. beim BLK-Projekt "Lernen für den GanzTag".
Neue Kultur der Zusammenarbeit
Entscheidend für das Gelingen des Ganztagsschulprogramms ist der Dialog zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Eine Schlüsselrolle fällt dabei den Kommunen zu: "Dieser Prozess einer aktiven Kommunalpolitik, der jetzt anfängt, ist auch im internationalen Vergleich eine Perspektive, die wir brauchen", sagte Koch weiter. Dass vieles von Personen abhängt, zeigte das Beispiel Arnsberg: Hier fördere ein "an Bildung sehr interessierter Bürgermeister die systematische Zusammenführung der kommunalen Zuständigkeiten für Schulen, Jugendhilfe, Soziales und Kultur in vorbildlicher Weise. Um solche Vorhaben verwirklichen zu können, bedarf es einer neunen Kultur der Zusammenarbeit vor Ort.
Die Diskussionsrunde, die an Kochs Vortrag anknüpfte, verdeutlichte die Vielfalt der Wege, die der Ganztagsschulausbau in den Ländern und Kommunen mit sich bringt. Sie verdeutlichte aber auch den großen Bedarf der Kommunen nach Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten der Förderung bzw. der Rahmengestaltung von Ganztagsschulen durch das Investitionsprogramm des Bundes und das Begleitprogramm der DKJS.
"Windhundverfahren" oder Kontingentierung
Eine wesentliche Rolle spielte die Frage, wer vor Ort die Auswahl bei der Vergabe der Bundesmittel trifft: "Für uns war die Frage, wer das Programm des Bundes in Anspruch nimmt", sagte Norbert Brugger vom Städtetag Baden-Württemberg. "Windhundverfahren" oder Kontingentierung sind zwei der wesentlichen Verfahren nach denen - laut Brugger - häufig in den Ländern Ganztagsschulen gefördert werden. "Ich war in vielen Gemeinderäten, um zu informieren, was sind die Chancen, was die Risiken?" "Windhundverfahren" gäbe es dort, wo die Vergabe der Bundesgelder nach dem Prinzip' wer schneller ist, bekommt die meisten Gelder zugewiesen, geschieht.
Ein Beispiel für Kontingentierung ist Nordrhein-Westfalen. NRW hat 400 kreisfreie Städte, in denen die Vergabe von Bundesmitteln über Pauschalen kontingentiert werden muss. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich: "Viele Kommunen haben durch unterschiedliche Finanzsituationen nicht die Mittel, um IZBB-Gelder abzurufen. Oberhausen beispielsweise lebt seit 1984 ohne genehmigten Haushalt", sagte Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag.
Ganztagsschulen gut beraten
Der Diskussionsrunde folgte eine umfangreiche und interessante Präsentation verschiedener Beispiele von Ganztagsschulen und Kommunalmodellen. Die Fülle der Beispiele verdeutlichte, wie viel Hoffnung, parteiübergreifenden Konsens und wie viel frischen Wind das Ganztagsschulprogramm des Bundes hervorgerufen hat.
Externe Kooperationen wachsen über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hinweg, wie das Beispiel der Integrierten Gesamtschule Mannheim verdeutlichte. So kann ein dichtes Netzwerk aufblühen. Wichtig dabei: "Es muss einen verbindlichen Ansprechpartner geben, ansonsten sind die Kooperationspartner ganz schnell weg", sagte der Schulsozialarbeiter der Schule.
Einen sehr anregenden und vielbeachteten Vortrag über die Mittagsverpflegung für Schulen in Baden-Württemberg hielt Carola Rummel vom Ministerium für Ernährung und ländlichen Raum. Angefangen von den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schülern, zu den Versorgungssytemen, Zubereitungsverfahren, Ausgabesystemen, Speisenauswahl, Räumlichkeiten bis hin zur praktischen Beratung entwickelte Rummel das Szenario für eine gelungene und zugleich bezahlbare Mittagsverpflegung an Ganztagsschulen. Die Online-Redaktion wird in diesem Zusammenhang auch von der Tagung "Essen in Schulen - Wunsch, Wirklichkeit, Anforderungen" am 20 November in Stuttgart berichten.
Beispiel Münster: Bedarfsorientiert und sozial gerecht
Viel Eindruck hinterließ das Beispiel der Stadt Münster. Alle dort vorhandenen zwölf offenen Ganztagsgrundschulen verteilen sich in dieser westfälischen Stadt auf sämtliche Stadtteile: "Die Mittel sollen bedarfsorientiert, regional ausgewogen und sozial gerecht verteilt werden", sagte Helmut Müller vom Amt für Schule und Weiterbildung der Stadt Münster.
Helmut Berger und Aud Riegel-Krause von der Stadt Münster (Westf.)
Voraussetzung für die Mittelzuweisung der Bundesgelder war eine genaue Ist-Analyse etwa der räumlichen Qualität der Schulen und der pädagogischen Kompetenz vor Ort. Weil der Ausbau in Münster so ermutigend verlaufen ist, sollen 14 weitere Ganztagsschulen in der Gemeinde hinzukommen: "Vorrang haben Stadtteile, die erzieherischen Bedarf sowie deutlichen Förder- und Betreuungsbedarf haben" sagte Aud Riegel-Krause. Am Beispiel dreier Grundschulen verdeutlichte Riegel-Krause, wie schlecht genutzte Räume ausfindig gemacht und mit relativ geringen Mitteln verbessert werden. Oder wie bereits in Grundschulen Forscherwerkstätten eingerichtet und Kooperationen etwa mit der Robert-Bosch-Stiftung eingegangen werden.
Die Finanzierung der Ganztagsgrundschulen über einen Mittelmix aus Landeszuweisungen, Elternbeiträgen, Jugendhilfe und Schulträger erläuterte Helmut Müller. Anhand eines festen Betreuungsgrundbedarfs definierte Müller eine Finanzformel für die Kommune Münster.
Ravensburg - Heidelberg - Karlsruhe
Ravensburg zeichnet sich durch die Konkurrenz zwischen privaten und öffentlichen Schulen aus: "In dieser Stadt waren die Privatschulen viel schneller", sagte Karl-Heinz Beck vom Schulamt der Stadt. Ein weiteres Merkmal der Gemeinde Ravensburg ist der partizipative Charakter beim Umbau der Schulen: Angefangen von den Schülerinnen und Schüler bis zum Schulamt, Architekten, Eltern und Hausmeister wurden äußerst heterogene Gruppen an den Entscheidungsprozessen beteiligt. Dagegen fiel das Beispiel der Stadt Heidelberg durch die kurze Spanne der Umsetzung des Investitionsprogramms auf.
Besonderheiten der Kommune Karlsruhe sind der Karlsruher Lernverbund (Klever), der die pädagogische Betreuung übernimmt und koordiniert, das Projekt "Sport auf der Straße", das offene Sportangebote anbietet oder die Schülerhorte, die zusammen mit der Jugendhilfe einen eigenständigen Erziehungsauftrag wahrnehmen. All dies - resümierte Norbert Brugger - "zeigt, dass wir am Beginn einer Entwicklung stehen".
Besuch beim "Lehrer des Jahres"
Winfried Sturm, "Lehrer des Jahres 2004"
Jeder Gang durch die Bildungsmesse und ihren Ausstellungsständen in Karlsruhe war der Mühe wert. Beim Stand des Faust-Gymnasiums Staufen im Breisgau konnte man nicht nur die mehrfachen Bundessieger - Mädchen und Jungen - verschiedener Erfindungen treffen, sondern auch den "Lehrer des Jahres 2004", Winfried Sturm. Mit seinen AGs entwickelte Sturm eine "HAG Erdeben-Messstation", die weltweit Erdbeben identifizieren kann oder ein Lenkrad für LKWs, dessen Chips die Brummifahrer im Falle von Übermüdung vorwarnen können.
Innovationsschmiede edutrain 2004
Zwei Bundessieger vom Faust-Gymnasium Staufen
Schräg gegenüber den Meistertüfflern vom Faust- Gymnasium befand sich der Stand von "Jugend gründet", der vom BMBF gefördert wird. "Jugend gründet" ist eine schulaffine Homepage und Lernplattform für Firmengründer an Ganztagsschulen. Ziel des Projektes sind High-Tech- und Unternehmensgründungen von Schülern und Jugendlichen. So können Schülerinnen und Schüler High-Tech-Ideen entwickeln und als Businessplan konkretisieren. Oder sie entwickeln virtuell ein Produkt in vier Jahren bis zur Marktreife.
Wenn Messen zeigen, "was wir wirklich glauben", wie Reinhard Kahl in seinem Hauptvortrag behauptete, dann war die edutrain 2004 in Karlsruhe zumindest ein Gradmesser dafür, dass die vielen Teile der Bildungsreform schon möglichst rasch zu einem zusammenhängenden Ganzen ausgebaut werden müssen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 16.11.2004
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