Online-Redaktion: Frau Stange, wie ist die Position Ihrer Gewerkschaft in der Ganztagsschuldebatte?
Stange: Die GEW setzt sich für den verstärkten Aufbau von echten Ganztagsschulen ein. Wir halten es für dringend notwendig, mehr Zeit zum Lernen zu erreichen, als das heute der Fall ist, und diese Lernzeit anders zu gestalten. Deshalb halten wir Ganztagsschulen nicht nur, was ihren zeitlichen Umfang angeht, sondern auch für die Weiterentwicklung der Lern- und der Lehrkultur für notwendig. Unsere Schulen sind derzeit noch durch Vormittagsstress für Schüler wie Lehrer geprägt.
Online-Redaktion: Sind die Ganztagsschulen, die derzeit in Deutschland entstehen, auch Ganztagsschulen, wie Sie sich diese wünschen?
Stange: Wir müssen zurzeit einige Unzulänglichkeiten konstatieren und sehen daher die Notwendigkeit, diesen Prozess zu begleiten. Über das, was in einzelnen Ländern und Kommunen passiert, sind wir nicht sehr glücklich – aus einem ganz bestimmten Grund: Wir erwarten von einer Ganztagsschule einen ganztägig rhythmisierten pädagogischen Alltag und keinen Vormittagsunterricht mit anschließendem Mittagessen und etwas Betreuung. Da gibt es noch große Diskrepanzen, wenn man sich anschaut, was jeweils vor Ort geschieht. Wo so genannte Ganztagsangebote gestaltet werden, verändert sich meistens am Vormittag nichts. Nachmittags machen Externe, die manchmal nichts mit dem Schulbetrieb zu tun haben, Angebote.
Online-Redaktion: Ist das eine höfliche Umschreibung für den Umstand, dass Personen ohne pädagogische Vorbildung in die Schulen kommen?
Stange: Sie haben nicht nur keine pädagogische Vorbildung, sondern sind auch oft nicht in der Lage, mit Schülergruppen umzugehen. Wir haben es am Nachmittag mit Gruppen von zehn bis 15 Schülerinnen und Schülern zu tun. Da bedarf es schon eines gewissen Maßes an pädagogischen Fähigkeiten. Wir kritisieren diese Entwicklung sehr heftig, denn mit Ganztagsschule hat das wenig zu tun. So wird höchstens der Betreuungsaspekt gewährleistet und Eltern dazu verholfen, ihrer Berufstätigkeit nachzugehen. Sinnvolle pädagogische Veränderungen des Schulalltags finden so aber nicht statt. Das ist eine Sparvariante, bei der die Länder keine zusätzlichen Personalstellen zur Verfügung stellen. Diese wären aber dringend notwendig, um ein sinnvolles Ganztagsangebot zu machen.
Online-Redaktion: Wie viel zusätzlichen Personals bedarf es denn, um eine rhythmisierte Ganztagsschule auf die Beine zu stellen?
Stange: Wir brauchen im Grundschulbereich etwa 40 Prozent und im weiterführenden Bereich etwa 30 Prozent mehr Personal. Das wären überwiegend, aber nicht nur Lehrerstellen. Das sind Erfahrungswerte, die wir aus dem Vergleich mit bereits seit Jahrzehnten bestehenden Ganztagsschulen gewonnen haben. An dieser Größe muss man sich orientieren, wenn man eine vernünftige Ganztagsschule machen will.
Mittlerweile existieren auch viele Mischvarianten. So gibt es beispielsweise in manchen Schulen Jahrgangsstufen, in denen von drei Klassen eine Ganztagsklasse ist. Diese erhält einen über den ganzen Tag rhythmisierten Unterricht, während für die beiden anderen Klassen nur zusätzliche, freiwillig wählbare Angebote am Nachmittag verfügbar sind. Ich denke, das ist ein Modell, um Akzeptanz bei den Eltern zu erreichen. Es deutet sich ja bereits jetzt an, dass zunehmend mehr Eltern erkennen: Eine Ganztagsschule bringt ihren Kindern Vorteile.
Online-Redaktion: Wie sieht Ihre Idealvorstellung einer Ganztagsschule aus?
Stange: Die für uns eigentlich zukunftsfähige Variante besitzt einen rhythmisierten Schulalltag, in dem sowohl am Vor- wie auch am Nachmittag Unterricht oder Projekte stattfinden. Dazwischen machen neben anderen Jugendhilfe und Sozialarbeiter weitergehende Angebote. Lehrerinnen und Lehrer übernehmen die Hausaufgabenbetreuung oder zusätzliche Musik- oder Sportangebote. Solche Ganztagsschulen bilden derzeit aber eher die Ausnahme. Die vier Milliarden Euro Fördermittel der Bundesregierung sind hierbei ein wichtiger und notwendiger Anstoß zum Ausbau der Infrastruktur. Wenn die Länder und die Kommunen aber die Personalstellen nicht zur Verfügung stellen, wird das Ganze nicht zu dem pädagogischen Erfolg führen, den wir uns von den Ganztagsschulen eigentlich erhoffen.
Online-Redaktion: Sind es finanzielle Zwänge, welche die angemessene Personalausstattung nicht zulassen, oder haben manche Länder generelle Vorbehalte gegen diese Schulform und investieren deshalb nur halbherzig?
Stange: Beides trifft zu. Wir haben bereits derzeit in einigen Regionen einen Mangel an Lehrkräften, weil nicht genügend finanzielle Mittel für Personalstellen zur Verfügung gestellt werden. Beim Ausbau von Ganztagsschulen macht sich das natürlich besonders deutlich bemerkbar. Es gibt aber auch politische Vorbehalte einiger Kultusministerien, teilweise auch in den Kommunen. Manche Schulträger richten erst auf Druck der Eltern Ganztagsschulen ein. Diese politischen Vorbehalte begründet man vor allen Dingen damit, dass die Eltern nicht aus ihrer Erziehungspflicht entlassen werden dürfen und die Kinder und Jugendlichen am Nachmittag noch die Möglichkeit haben sollen, die Angebote der freien Jugendhilfe wahrzunehmen. Sie dürften nicht von der Schule vereinnahmt werden.
Online-Redaktion: Glauben Sie, dass die Länder wegen der sinkenden Schülerzahlen versuchen werden, das Lehrerstellendefizit einfach auszusitzen?
Stange: Hier zu Lande haben die sinkenden Schülerzahlen ja bereits eingesetzt. Vor allem in den Grundschulen bietet sich schon heute die Möglichkeit, die frei werdenden Personal- und Raumressourcen zu nutzen, um Ganztagsschulen einzurichten. Wir appellieren daher auch an die Länder und Kommunen, diese Ressourcen nicht für die Sanierung der Haushalte zu kassieren, sondern den Schulen zu lassen. Die Länder werden das aber auch gar nicht aussitzen können, denn der Druck von Seiten der Eltern, Ganztagsschulen auszubauen, wird in den nächsten Jahren zunehmen. Der Ausbau von Ganztagsschulen ist ein Schritt, der nicht mehr rückgängig zu machen und längst überfällig ist. Fast alle anderen Länder in Europa sind da schon wesentlich weiter.
Online-Redaktion: Stehen aber nicht auch oft die Eltern den Ganztagsschulen skeptisch gegenüber – zumal sie häufig nicht wissen, was Ganztagsschule konkret bedeutet?
Stange: Verschiedene Umfragen, darunter auch eine, die wir zusammen mit dem Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung durchgeführt haben, zeigen, dass rund 60 Prozent der Eltern Ganztagsschulen für eine gute Entwicklung – auch für ihre eigenen Kinder – halten. Diese Zahl wird in den nächsten Jahren zunehmen, weil immer mehr Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur gewährleistet sehen, wenn es auch in den Schulen ausreichende Betreuungsmöglichkeiten gibt.
Bei der Frage, ob die Eltern immer wissen, was sich konkret hinter Ganztagsschulen verbirgt, gibt es in der Tat Unsicherheiten. Eltern haben ganz unterschiedliche Vorstellungen. Wenn eine Schule den Schritt zur Ganztagsschule machen will, ist es deshalb notwendig, dass sie mit den Eltern darüber sehr ausführlich spricht, welches Konzept damit verbunden ist. Besonders Eltern aus bildungsnahen Schichten unternehmen nachmittags viel mit ihren Kindern und haben Sorge, dass diese dann zum Beispiel nicht mehr den Ballett- oder Musikunterricht wahrnehmen können. Diese Befürchtungen sollte man ihnen nehmen und gemeinsam mit ihnen einen passenden Tagesrhythmus für die Kinder organisieren.
Online-Redaktion: Hat es die Politik bisher nicht vermocht, den Begriff der Ganztagsschule verständlich zu vermitteln?
Stange: Wenn man sich die Berichterstattung über dieses Thema ansieht, gehen die Begrifflichkeiten ständig durcheinander: Es wird von Ganztagsangeboten gesprochen, von Ganztagsbetreuung oder von Ganztagsschule. Oftmals wissen nicht mal diejenigen, die diese Begriffe verwenden, was damit konkret benannt wird. Es ist daher kein Wunder, dass bei den Eltern ein sehr diffuses Bild entsteht. Ich fürchte, an diesem Wirrwarr der Begriffsverwendung wird auch keine noch so gut gemeinte Image-Kampagne etwas ändern können. Deshalb ist es um so wichtiger, dass die Schulen die Eltern und insbesondere die Elternvertretungen über mögliche und geplante Konzepte direkt informieren und ihnen Informationsmaterial zur Verfügung stellen.
Online-Redaktion: Es wird häufig behauptet, die Akzeptanz der Eltern sei an die Freiwilligkeit der Angebote geknüpft.
Stange: Ich sehe das auch so. An diesen Punkt zeigen sich aber auch die unterschiedlichen Vorstellungen der Eltern: Einige glauben, dass die Kinder bis 16 Uhr in der Schule sind und damit die Hausaufgaben erledigt und alle Freizeitangebote wahrgenommen sind. Andere Eltern möchten, dass die Kinder selber auswählen, ob und woran sie am Nachmittag teilnehmen wollen. Das wird schlicht ein organisatorisches Problem geben. Bei einer rhythmisierten Ganztagsschule hält sich die Freiwilligkeit nämlich in Grenzen: Hier stellt sich nicht die Frage, ob man teilnimmt, sondern höchstens, woran man teilnimmt. Ich kann daher nur noch mal darauf drängen, dass die Schulen im Vorfeld genau klären, was die Mehrheit der Eltern von der Entwicklung zur Ganztagsschule erwartet und man organisatorisch zu leisten in der Lage ist.
Online-Redaktion: Erreicht man bei der Freiwilligkeit denn die Kinder, bei denen eine individuelle Förderung und weitergehende Angebote im Freizeitbereich wünschenswert wären?
Stange: Es wird nicht gegen den Willen der Schüler und der Eltern gehen. Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer der Meinung ist, es wäre sinnvoll, dass ein Schüler zum Beispiel in Mathematik das Nachhilfeangebot annehmen sollte, müsste das mit der Schülerin oder dem Schüler und den Eltern geklärt werden. Es geht ja nicht darum, dass sich Schülerinnen und Schüler für drei Jahre auf ein Kursangebot festlegen – die Schulen richten meistens zeitlich begrenzte Angebote von einem halben oder einem Jahr ein. Hier sollte es dann aber eine Verbindlichkeit geben, damit die Wirkung solcher Angebote nicht ins Leere läuft.
Online-Redaktion: Ist bei einer Ganztagsschule denn diese eine Entscheidung der Eltern ausreichend oder sollte man sie nicht verstärkt in das Schulgeschehen einbeziehen?
Stange: Die Elternarbeit ist sowohl bei Halbtags- wie auch Ganztagsschulen dringend überprüfungsbedürftig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Sie konzentriert sich nur auf die aktiven Eltern, die sowieso schon an der Bildungsentwicklung ihrer Kinder ein besonderes Interesse haben. Diese Eltern fordern auch mal außerhalb von Elternabenden bei den Lehrern Gespräche ein und sind bereit, gezielt Entwicklungsschritte für die Kinder gemeinsam zu gestalten. Viel schwieriger ist die Elternarbeit mit denjenigen, die ihre Kinder in der Schule im wahrsten Sinne des Wortes abgeben und alles der Schule überlassen. Mit diesen Eltern muss der Kontakt stärker gesucht werden, denn ohne sie wird es sehr schwierig, Schülerinnen und Schüler den entsprechenden Nachhilfeunterricht zu ermöglichen und Erfolge zu erzielen. Wir müssen aber leider davon ausgehen, dass es immer Eltern geben wird, die wir auch bei größtem Bemühen nicht erreichen. Das darf aber nicht zu Lasten der Kinder gehen. In einem solchen Fall muss die Schule notfalls ohne die Eltern die Bildungsperspektive gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern gestalten.
Online-Redaktion: Wird die Ganztagsschule dem Schicksal der Gesamtschule als ideologischer Zankapfel entgehen können?
Stange: Ja, denn sie greift auch den wichtigen gesellschaftspolitischen Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf. Die Ganztagsschule wird auf alle Fälle den Schulalltag, die Lernkultur und die Lehrstrukturen verändern. Sie bietet hervorragende Chancen, leistungsschwächere Schüler, Schüler mit Behinderungen und Schüler mit besonderen Leistungsstärken besser individuell zu fördern. Es ist einfach mehr Zeit zur Diagnose der Schülerfähigkeiten und zur Entwicklung dieser Talente auch außerhalb des Unterrichts vorhanden.
Online-Redaktion: Wie gestaltet sich denn die Veränderung der Lehrstrukturen?
Stange: Das ist sicher einer der schwierigsten Aspekte. Die Ganztagsschule lebt davon, wie Lehrerinnen und Lehrer diese neue Schulform für sich als Herausforderung annehmen. Das beginnt mit der Lehrerarbeitszeit, die derzeit noch über die auf den Vormittag konzentrierte Unterrichtsverpflichtung definiert wird. Wir brauchen hier eine andere Definition von Lehrerarbeit, die eine ganztägige Anwesenheit erfordert und nicht nur Unterricht umfasst. Das erfordert aber auch eine Umgestaltung der Arbeitsbedingungen. Es muss Arbeitsräume geben, in denen die Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht vor- und nachbereiten und mit anderen Kollegen reden können. So etwas geht nicht in herkömmlichen Lehrerzimmern, in denen häufig nicht mal für jeden Lehrer ein Tisch oder Stuhl bereitsteht und eine Kommunikation mit Eltern nicht möglich ist. Ganztagsschulen müssen den Lehrerinnen und Lehrern ermöglichen, ihre Arbeit über den gesamten Tag in der Schule organisieren zu können.
Die Lehrerausbildung ist ein weiteres Problem, und ich würde auch gerne die Lehrerfortbildung dazunehmen: Wir können nicht warten, bis eine Generation neu ausgebildeter Lehrerinnen und Lehrer in die Ganztagsschulen kommt, sondern brauchen Fortbildungen. Diese müssen bedarfsgerechte Angebote machen, die sich vor allem auf die Gestaltung von Ganztagsschulen orientieren und in denen Lehrerinnen und die Lehrer Unterstützung für die Herausforderungen der individuellen Förderung und dem besseren Umgang mit Heterogenität in den Klassen erhalten. Diese Herausforderungen müssen pädagogisch anders angegangen werden als im Frontalunterricht. Da gibt es erheblichen Nachholbedarf. Die Lehrerausbildung vernachlässigt nämlich nach wie vor sträflichst die Bereiche Pädagogik, Psychologie sowie die Fachdidaktiken.
Ein weiterer Punkt ist die Einbeziehung der Lehrerinnen und Lehrer in die Schulentwicklung und das Schulkonzept. Bisher konzentrieren sich die Lehrerinnen und Lehrer nur auf die Gestaltung ihres Unterrichts. Diese Umstellung, gemeinsam mit der Schulleitung und dem Kollegium innovative Schulkonzepte entwickeln zu können, benötigt Zeit.
Online-Redaktion: Zu Beginn sprachen Sie von der Notwendigkeit, als Gewerkschaft den Ganztagsschulprozess zu begleiten. Welche Möglichkeiten stehen Ihnen dabei offen?
Stange: Das Wichtigste sind unsere Veranstaltungen, an denen auch Eltern teilnehmen können und in denen wir über unsere Vorstellungen von Ganztagsschulen informieren. Das Thema ist für uns auch immer mit der Frage verknüpft, wie die Arbeitsbedingungen in den Ganztagsschulen aussehen. Über die Personalräte und gewerkschaftlichen Diskussionen können wir Einfluss auf die Gestaltung der Ganztagsschulen nehmen. Vor Ort bieten wir darüber hinaus Fortbildungen zum Thema Umgang mit Heterogenität und Individualität an. Natürlich wirken auch gute Beispiele, deshalb verbreiten wir Filme aus dem skandinavischen Raum und Informationsmaterialien aus Deutschland. Hier erhalten Lehrerkollegien Anregungen, wie man die Ganztagsschule konkret im Alltag umsetzen kann.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 12.11.2004
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geboren 1957, gelernte Lehrerin für Physik und Mathematik. Promotion in Physik. 1990 Eintritt in die GEW; 1993 Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen; seit Juni 1997 Bundesvorsitzende der GEW.