Sabine Haake wunderte sich. Auf dem großen Berliner Ganztagsschulkongress "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" Ende September 2004 gab es Stände und Arbeitsgruppen zu allen erdenklichen Themen - nach dem Themenfeld Bildung für nachhaltige Entwicklung suchte sie dagegen vergebens. Für die Projektkoordinatorin "Bildung für nachhaltige Entwicklung in Ganztagsschulen" schwer verständlich: "Einerseits fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung die UNESCO-Dekade einer Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005 - 2014, andererseits Ganztagsschulen - aber eine Verbindung dieser beiden Bereiche findet nicht statt." Doch diese Entdeckung auf dem Ganztagsschulkongress war für Sabine Haake die Motivation, "jetzt erst recht" mit dem Projekt der Bildung für nachhaltige Entwicklung an Ganztagsschulen fortzufahren.
Sabine Haake arbeitet auf einer Projektstelle für die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Brandenburg (ANU), einem Dachverband für Umweltbildungseinrichtungen in Brandenburg. Die ANU Brandenburg ist zusammen mit dem Verbund Entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen Brandenburgs (VENROB) der Vertragspartner des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg. Am 17. September 2004 unterzeichneten der damalige brandenburgische Bildungsminister Steffen Reiche, Dr. Charlotte Bergmann, die ANU-Vorsitzende, und Kilian Kindelberger, der 1. Sprecher des VENROB, in Potsdam die "Rahmenvereinbarung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung an Ganztagsschulen".
Die Rahmenvereinbarung soll die Grundlage für Kooperationen zwischen Schulen mit Ganztagsangeboten und den Mitgliedern der ANU und des VENROB absichern und gewährleisten, dass Bildungsarbeit für das "Prinzip Nachhaltigkeit" an Ganztagsschulen in Brandenburg verstärkt berücksichtigt wird. Laut der ANU verlangt die Gestaltung der Zukunft einen "verantwortungsvollen und achtsamen Umgang mit begrenzten Ressourcen". Ziel der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es, Kompetenzen zu fördern, um Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung zu erarbeiten. Die Umsetzung der Rahmenvereinbarung soll Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eröffnen, sich unter kompetenter Anleitung mit den Themen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung auseinander zu setzen und Fähigkeiten zur Gestaltung der Zukunft zu erwerben.
Bildung für nachhaltige Entwicklung ist mehr als Umweltbildung
Die Umweltbildungseinrichtungen und entwicklungspolitischen Organisationen verfügen auf Grund ihrer langjährigen Arbeit in diesem Bereich über weitreichende inhaltliche und methodische Kompetenzen. Eine Zusammenarbeit auf einer regelmäßigeren Basis bot sich für die Arbeitsgemeinschaft an, als deutlich wurde, dass Brandenburg Ganztagsschulen verstärkt fördern würde und in einem Eckpunktepapier die Kooperation mit außerschulischen Partnern festschrieb. "Für uns stellt dies eine Chance dar, in einer Zeit, in der die UNESCO für 2005 - 2014 die Dekade für Bildung für nachhaltige Entwicklung ausgerufen hat, auch diese Themen in die Schule zu bringen", berichtet Sabine Haake.
Die ANU führte Gespräche sowohl mit dem Bildungs- wie auch mit dem Umweltministerium des Landes. Letzteres erklärte sich zu einer Förderung des Projektes ebenso bereit wie der Evangelische Entwicklungsdienst Deutschland (eed). Sabine Haake wurde Ende Mai 2004 mit der Projektleitung betraut. Ende Oktober stellte sie das Projekt auf einem Regionaltreffen von Umweltbildungseinrichtungen und Schulen vor. "Wichtig war uns, dass bei diesem Projekt nicht nur umweltpolitische Einrichtungen teilnehmen, sondern dass wir erstmals auch konkret mit den entwicklungspolitischen Einrichtungen zusammenarbeiten", erläutert die ANU-Mitarbeiterin, "denn Bildung für nachhaltige Entwicklung ist mehr als nur Umweltbildung. Es geht hier um viele Fragen, welche die Eine Welt-Thematik und die Globalisierung betreffen." So kam es zur Kooperation mit dem Verbund Entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen Brandenburgs und zur Projektförderung durch den Evangelischen Entwicklungsdienst.
Die Zusammenarbeit mit Inhalten füllen
Das Projekt ist noch so frisch, dass vor Ort in den Schulen noch wenig Kooperationen in Form von Rahmenvereinbarungen geschlossen wurden. Derzeit läuft die Seminarreihe "Zeit für mehr Nachhaltigkeit - fit für die Ganztagsschule" der Arbeitsgemeinschaft in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, in der man Multiplikatoren weiterbilden möchte. Denn die Arbeit an Ganztagsschulen stellt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der diversen Organisationen vor neue Herausforderungen: Wie können Themen einer nachhaltigen Entwicklung attraktiv umgesetzt werden? Wie sieht ein Kooperationsvertrag aus? Welche Rechte und Pflichten ergeben sich bei der Ausgestaltung von Arbeitsgemeinschaften? Wie können Schülerinnen und Schüler in Lehr- und Lernarrangements einbezogen werden?
Die Seminare mit den Titeln "Nachhaltiges Wirtschaften an Schulen und außerschulischen Einrichtungen", "Das 1x1 der Ganztagsschule" und "Damit die Zusammenarbeit klappt" wollen auf diese Fragen Antworten geben. Die Ergebnisse und Beispiele von Kooperationen sollen dann in einer Broschüre zusammengefasst und den umwelt- und entwicklungspolitischen Initiativen als Handreichung zugänglich gemacht werden, um Anstöße und Hinweise für die Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen zu geben. "Hier sind dann zum Beispiel Mustervereinbarungen und -verträge enthalten, die den Aufwand für die Einrichtungen, die sonst jede für sich recherchieren müssten, minimieren sollen", ergänzt Katja Geißler, Studienleiterin Umwelt und Entwicklung an der Evangelischen Akademie in Wittenberg, die beim Evangelischen Entwicklungsdienst und beim Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz die Mittel beantragt hatte.
Die Angebote können sowohl in der Schule als auch außerhalb stattfinden. Sabine Haake: "Für uns war daher die Rahmenvereinbarung sehr wichtig, damit unsere Angebote immer als schulische Veranstaltung definiert werden." Die Versicherungspflicht bei Angeboten, die außerhalb des Schulgeländes gemacht werden, liegt dann weiterhin bei den Schulträgern und muss nicht von den außerschulischen Partnern übernommen werden.
"Ich bin daran interessiert, dass sich die Schulen viel mehr öffnen und den komplexen Thematiken im Umwelt- und Entwicklungsbereich zuwenden", meint die ANU-Mitarbeiterin. Es könnte Bildungsangebote zu Artenschutz und -vielfalt, nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft, Natur- und Klimaschutz, ökologischem Bauen, Mobilität, Ernährung, Konsum und Lebensstilen, Gerechtigkeit und globale Partnerschaft geben.
Durch Kaufentscheidung den Wald schonen
Dabei soll das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für Zusammenhänge geschärft werden: Zum Beispiel, dass die Jeans, die man trägt, pestizidverseucht sein kann oder von rechtlosen Arbeiterinnen und Arbeitern in kasernierter Akkordarbeit in Mittelamerika oder Asien zusammengenäht worden ist. Oder das schulnahe Beispiel Papier: Der Anteil des Recyclingpapiers bei den Schulmaterialien beträgt nur noch fünf bis zehn Prozent, während er 1990 noch bei bis zu 70 Prozent lag.
Eine Brandenburger Ganztagsschule will nun im laufenden Schuljahr ihren Papierverbrauch auf Recyclingpapier umstellen. Gemeinsam mit außerschulischen Partnern wie der initative2000plus, den Pfadfindern und der Naturfreundjugend beleuchten die Kinder und Jugendlichen das Thema Papier von allen Seiten und können hier an einem ganz alltäglichen Gebrauchsgegenstand ermessen, wie ihr Verhalten im Kleinen mit dem großen Ganzen zusammenhängt: Mehr Recycling-Papier bedeutet zugleich eine Schonung der Waldressourcen - knapp ein Fünftel der weltweit geschlagenen Bäume werden zur Papierherstellung verwandt -, sowie eine deutliche Verminderung des Wasser- und Energieverbrauches. Den Schülerinnen und Schülern wird bewusst, dass sie mit ihrer Kaufentscheidung dazu beitragen können, Ressourcen zu schonen. Fächerübergreifendes Lernen - Biologie, Erdkunde, Wirtschaftswissenschaften oder Geschichte - können hier überdies das Angebot vertiefen.
Problematisch von organisatorischer Seite ist momentan die Tatsache, dass die Stelle von Sabine Haake am Jahresende ausläuft - bevor das Projekt so richtig ins Rollen gekommen ist. Wer die Koordination im nächsten Jahr übernimmt, ist noch offen - bisher ist die Finanzierung einer hauptamtlichen Kraft nicht gesichert. Die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung ist mitten im Prozess gezwungen, sich um neue Finanzmittel zu bemühen. Das Brandenburger Bildungsministerium hat bereits abgewunken - man habe selber keine Mittel. "Zurzeit ist auch personell wenig Unterstützung aus dem Ministerium zu erhalten", kritisiert Sabine Haake. "Bei der Abfassung der Rahmenvereinbarung war man sehr kooperativ, aber wenn wir nun etwas über Schul- und Aufsichtsrecht erfahren wollen, hören wir aus dem Ministerium, dass man durch die aktuellen Entwicklungen völlig ausgelastet ist."
Finanziell sind die Möglichkeiten der Umweltbildungseinrichtungen begrenzt: "Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind oft nur Honorarkräfte, die sich von Projekt zu Projekt hangeln", berichtet Sabine Haake, "was richtig langfristige Kooperationen bisher erschwert hat." Ob die vom Land Brandenburg bereitgestellten Mittel für die Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Einrichtungen diese Lage grundlegend verbessern, ist fraglich - viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden die Arbeit wohl weiterhin ehrenamtlich verrichten müssen. Für die Projektleiterin ein "großes Manko". Ob Kooperationen über längere Zeiträume so überhaupt realisierbar sind, wird sich zeigen müssen - noch steht man ja erst ganz am Anfang.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 09.11.2004
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