Die alte Dame wartet den ganzen Tag lang auf Besuch. Wenn der Gong des Frauenlob-Gymnasiums ertönt, dann schlägt wohl auch ihr Herz höher. Dann nämlich kommt Marie-Luise, 13 Jahre, und besucht die alte Dame. Dabei ist die Schülerin des Frauenlob-Gymnasiums in Mainz gar nicht mal mit der alten Dame verwandt. Sie nennt sie trotzdem liebevoll "Ersatzgroßmutter". Frau R. wohnt im Altenheim St. Bilhildistift, einem Altenheim in der Nähe der Schule. Einmal in der Woche besucht die Schülerin im Rahmen des Projektes "Alt trifft jung" alte Menschen in St. Bilhildis – freiwillig. Das Engagement für ältere Menschen empfindet die Schülerin gar nicht als Anstrengung. Es ist Teil ihres aktiven Lebens. Das Projekt "Alt trifft jung" ist ein Beispiel dafür, dass Schule und bürgerschaftliches Engagement sich durchaus vertragen können. Und das ist gar nicht selbstverständlich, schließlich ist die Schule eine Pflichtveranstaltung, bürgerschaftliches Engagement hingegen im Prinzip freiwillig.
Damit solche Erfahrungen nicht länger rar wie vierblättrige Kleeblätter bleiben, finden sich auf der Tagung "Bürgerschaftliches Engagement als Bildungsziel (in) der Schule" am 29. und 30. Oktober 2004 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen. Schulen, die sich wie das Frauenlob-Gymnasium nach außen öffnen, schielen nicht auf die magische sechste Stunde und läuten dann den Marsch nach Hause ein. "Es geht darum, an die Stelle von Belehrung zivilgesellschaftfliche Erfahrung zu setzen", sagt die amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz Doris Ahnen zur Eröffnung der Tagung, bei der ca. 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer anwesend sind. Die Schule eigne sich besonders dazu, weil nur an diesem Ort alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden könnten. In vielen Gemeinden in Deutschland gibt es zahllose Möglichkeiten, Erfahrungen im sozialen oder bürgerschaftlichen Engagement zu sammeln, Erfahrungen, die die Grenzen in den Klassenzimmern bewußt überschreiten. Viele Jugendclubs, Bürgerinitiativen, Vereine, Betriebe – Menschen warten nur darauf, Partner für Schulen zu werden. Wer, wenn nicht Ganztagsschulen bieten ein geeignetes Umfeld, das Leben in der Stadt, in der Gemeinde in die Gemäuer der Schulen zu holen oder auch dorthin auszuschwirren? Schülerinnen und Schüler müssten viel mehr am Schulleben beteiligt werden, nicht nur beim Aufbau einer Schülerverwaltung (SV), sondern auch bei der Mitwirkung am Schulprogramm, sagt Doris Ahnen.
Bei der ersten bundesweiten Tagung zum bürgerschaftlichen Engagement, die vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement in Kooperation mit dem Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend in Rheinland-Pfalz und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung auf die Beine gestellt wurde, spielten Ganztagsschulen eine große Rolle. Während die Tagung in einer Schule mit altehrwürdigem Gemäuer stattfindet, das über 100 Jahre alt ist, geht der Ansatz bürgerschaftlichen Engagements auf ein eher neues Gedankengut aus dem angelsächsischen Raum zurück. Hintergrund ist die pädagogische Theorie des amerikanischen Philosophen John Dewey (1859-1952). Der vom Pragmatismus beeinflusste Dewey bereitete den Begriff "civic education" vor, indem er den engen Zusammenhang zwischen Demokratie und Erziehung hervorhob. Er sah die Schule als "Keimzelle der demokratischen Gesellschaft", wie Prof. Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut München betonte.
Den Wert des bürgerschaftlichen Engagements dürfte kaum einer bestreiten. Umstritten ist höchstens die Frage: macht es Sinn, bürgerschaftliches Engagement als Bildungsziel in Schulen zu verankern? Erziehung zur Nächstenliebe, mündige Bürger, kritisches Denken, berufliche Fähigkeiten, kreatives oder mediales Können, Umweltbewusstsein - es gibt ja schon so viele Bildungsziele. Überfrachtet man die Schulen daher nicht mit einem weiteren Ziel? Oder soll man das Engagement nicht dort lassen, wo es ohnehin schon immer beheimatet war, draußen im Leben? Immerhin engagieren sich durchschnittlich zwei bis drei Jugendliche je Klase ehrenamtlich an Schulen – als Klassensprecher, Schülerzeitungsredakteure, in Umweltprojekten usw. Das scheint nicht wenig zu sein. Doch eine internationale Befragung über bürgerschaftliches Engagement , die "civic education studies", bei der 1999 rund 3.800 Jugendliche an 180 Schulen befragt wurden, ergab, dass das Engagement deutscher Schülerinnen und Schüler international geradezu desaströs ist. Demnach engagieren sich deutsche Jugendliche so wenig , dass sie im internationalen Vergleich abgeschlagen auf den hintersten Rängen landen. Nur die Schweiz ist noch schlechter. Und dies obwohl sie ja in der in Deutschland üblichen Halbtagsschule nachmittags mehr Zeit dafür hätten.
Die abgespaltene Schule
Auf den ersten Blick eignen sich Schulen nicht im Geringsten dazu, "Appetit auf bürgerschaftliches Engagement" zu machen, wie Ute Kumpf, Sprecherin der Arbeitsgruppe "Bürgerschaftliches Engagement" in der SPD-Bundestagsfraktion, vorschwebt. Denn nach Rauschenbach ist Schule eine "Gegenwelt zum bürgerschaftlichen Engagement". Der Erziehungswissenschaftler diagnostiziert sieben Spannungsfelder, die die mögliche "Liebesbeziehung" zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Schule zu einer richtig schwierigen Beziehungskiste machen können:
1. Pflicht verträgt sich nicht mit Freiwilligkeit, 2. Professionalität der Lehrkräfte nicht mit Ehrenamt, 3. Selektion durch Noten und Leistungsrankings nicht mit Kooperation, 4. Schule als Lernfeld erschließt nicht unbedingt die Lebenswelt junger Menschen, 5. Fremdbestimmung etwa durch Hausaufgaben will nicht mit Selbstbestimmung zusammenpassen, 6. die Abstraktion im Fachunterricht nimmt keine Rücksicht auf den Nutzen der Bildungsbemühungen, 7. die Künstlichkeit des "Als-ob-Lernens" bleibt fremd gegenüber der Ernsthaftigkeit wirklichen Engagements. Die normale Schule gehorcht dieser Lesart zufolge anderen Gesetzen als die Schule, die sich als polis versteht, also als politisch verfasste Gemeinschaft von lernenden Menschen, Lehrern und Schülern. Doch bisweilen kann die verkorkste Beziehung aufblühen.
Die engagierte Schule
Wenn man die Brücken zwischen den Welten ausspannt. Dazu gehört das freiwillige Engagement vieler Lehrerinnen und Lehrer, das über den engen Schulauftrag hinausgeht, die Eltern in der Schule und das Engagement der Schülerinnen und Schüler, aber auch das Engagement der Schule selbst, wie am Frauenlob-Gymnasium, das nicht nur nachmittags das Projekt "Alt trifft jung" mit derzeit zehn bis 15 Schülerinnen initiiert, sondern auch die Begegnung zwischen Jung und Alt in den Stundenplänen im Unterricht einbaut – fachübergreifend im Religionsunterricht, Erdkundeunterricht oder Kunstunterricht, wo die relevanten Aspekte der Beziehungen zwischen den Generationen behandelt werden. Ein offenes Diskussionsklima im Unterricht steht nach Prof. Rauschenbach jedenfalls in einem "positiven Verhältnis" mit einem Engagement innerhalb und außerhalb der Schule.
Wie die Verschränkung von Schule und dem sozialen Nahraum in größerem Stil funktioniert, kann man von Kanada oder den USA lernen. Dort sind kommunale Bildungslandschaften mit selbstständigen Schulen gang und gäbe. Es gibt auch in Deutschland immer mehr Ansätze, regionale Bildungslandschaften aufzubauen, die mit dem Ausbau von Ganztagsschulen vernetzt sind. So geschieht es derzeit etwa in Herford (Nordrhein-Westfalen), wo Politik, Verwaltung, Schulen und außerschulische Partner ein Netzwerk von elf Ganztagsgrundschulen aufbauen. Sie dürften auch weit mehr Möglichkeiten für bürgerschaftliches Engagement bieten.
Mehr Mitbestimmung in der Ganztagsschule...
Das hat sich auch bei den Jugendlichen rumgesprochen, genauer bei ihren Vertreterinnen und Vertretern. In der Arbeitsgruppe drei, "Mitbestimmung in der Schule – Formen bürgerschaftlicher Beteiligung von Eltern und Schülern", gravitiert das Thema bürgerschaftliches Engagement stets rund um Ganztagsschulen, als könne es nur an dieser Schulform wirklich Wurzeln schlagen. Dort wurde die Vision einer Ganztagsschule gezeichnet, in der generationenübergreifend gelernt wird. Nach dieser Vision sollten demokratische Formen der Mitbestimmung auf allen Ebenen der Schule aufgebaut werden. Im Einklang mit Bildungsministerin Ahnen fordern sie eine Öffnung der Schule nach innen und außen. Und Spaß am Lernen – ohne den geht es nicht.
Wie Wasser auf die Mühlen der Jugendlichen, die für mehr Engagement an Ganztagsschulen plädieren, kommt da die Nachricht vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dass immer mehr Schulen zu Ganztagsschulen werden. Über 3.000 neue Ganztagsschulangebote, sagt Petra Jung, Referatsleiterin Zukunft Bildung und Betreuung sollen in diesem Schuljahr entehen. Diese Schulen werden vom Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) unterstützt. Alle 16 Länder hätten bereits Mittel für den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen beantragt, so die Referatsleiterin. Durch das Begleitprogramm "Ideen für Mehr! Ganztägig lernen." erhalten Ganztagsschulen bundesweit Unterstützung für den Aufbau einer Pädagogik der Vielfalt. Erst mit einem breiten Bündnis außerschulischer Partner kann die Pädagogik der Vielfalt konkret Gestalt annehmen. Damit die Lehrerinnen und Lehrer nicht mit Erwartungen überlastet werden, baut der Bund gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ein Unterstützungssystem auf.
...und kommunale Bildungslandschaften
Mit regionalen Serviceagenturen können die kommunalen Bildungslandschaften der Zukunft deutlich Auftrieb erfahren. Bürgerschaftliches Engagement als Bildungsziel lässt sich nirgendwo so gut verankern wie an Ganztagsschulen. Wenn es nach dem BMBF geht, dann sind Ganztagsschulen ein wichtiger Schlüssel dafür, dass die sich fremd gegenüberstehenden Welten Schule und Jugendhilfe zusammenkommen und sich füreinander öffnen. Doch auch hier kommen die beiden Welten nicht automatisch aufeinander zu. Das sich aneinander annähern ist an den deutschen Ganztagsschulen ein langer und schwieriger Prozeß.
Ob das bürgerliche Engagement als Bildungsziel an Ganztagsschulen nun verankert wird oder nicht, davon macht Marie-Luise ihr Engagement jedenfalls nicht abhängig. Sie hat die Einsamkeit alter Menschen kennen gelernt. Mit dem Projekt "Alt trifft jung" hilft sie, die Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken. Gleichzeitig baut sie Kontakte zu jüngeren und älteren Schülerinnen auf, Kontakte, die im üblichen Schulbetrieb untergehen. "Ich freue mich, wenn sich auch die anderen freuen und ich das Strahlen in den Gesichtern der alten Menschen sehe", sagt die engagierte Schülerin – als Grenzgängerin zwischen den Welten.
Autor: Arnd Zickgraf
Datum: 05.10.2004
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