Online-Redaktion: Herr Budde, welches Ziel verfolgen Sie mit dem Projekt "Ideen für mehr! Ganztägig lernen."?
Budde: Das Projekt muss man als einen Baustein zur Unterstützung des Aufbaus von mehr Ganztagsschulen begreifen. Der Bund hat vor einem Jahr einen Stein ins Wasser geworfen, indem er mit den Ländern die Verwaltungsvereinbarung über das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" geschlossen hat. Es geht jetzt nicht nur darum, bauliche Investitionen anzuschieben, sondern einen umfassenden Schulentwicklungsprozess in Gang zu bringen. Unsere Aufgabe ist es, Schulen bei diesem komplizierten Schulentwicklungsprozess maßgeblich zu unterstützen.
Online-Redaktion: Wie hat sich diese Idee denn ergeben? Ist die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung auf den Bund zugegangen, oder hat der Bund bei Ihnen angefragt?
Budde: Der Bund hat auf der vor gut einem Jahr stattgefundenen Startkonferenz überlegt, wie er das vier Milliarden schwere Investitionsprogramm inhaltlich begleiten könne. Dabei gab es die Idee, auf drei Säulen zu setzen. Die erste Säule, die demnächst mit dem Programm "Lernen für den GanzTag" der Bund-Länder-Kommission umgesetzt wird, will Fortbildungsbausteine für pädagogisches Personal an Ganztagsschulen entwickeln. Die zweite besteht aus ausgesprochen hochkarätiger, wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation. Die dritte Säule sollte die Schulentwicklungsprozesse unterstützen und praktische Beispiele miteinander vernetzen, wobei das Bundesbildungsministerium und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung auf Vorschlag der Länder dann schnell im Gespräch waren.
Online-Redaktion: Das Projekt läuft also seit einem Jahr?
Budde: Ja, vor einem Jahr im September fanden die ersten Gespräche statt, und so richtig konkret sitzen wir seit Beginn 2004 an der Arbeit.
Online-Redaktion: Koordinieren Sie die Arbeit von Berlin aus? Welche Rolle spielen denn Ihre Service-Agenturen vor Ort in den Ländern?
Budde: Wenn man Schulentwicklungsprozesse begleiten und unterstützen will, und die einzelnen Schulen irgendwo in der Republik liegen, muss man sich eine Strategie überlegen: Wie kann man einerseits Praxiswissen - gewonnene Erfahrungen - vernünftig zusammenfassen und aufbereiten und sie andererseits an die Schulen vermitteln, die sich auf den Weg machen, Ganztagsschulen zu werden. Wir haben uns eine Struktur überlegt, bei der einerseits in Berlin in so genannten Werkstätten Wissen gebündelt, analysiert und aufgearbeitet und andererseits mit den regionalen Service-Agenturen den Schulen dieses Wissen vor Ort zur Verfügung gestellt wird. Dadurch kann man dicht an die spezifischen Länderbedarfe herankommen.
Online-Redaktion: Welche Mitarbeiter stehen Ihnen dazu zur Verfügung?
Budde: Wir haben einen Mix aus Vollzeitbeschäftigten und Leuten, die Teile ihrer Qualifikation und Arbeitszeit zur Verfügung stellen. Bei der DKJS in Berlin sind es etwa zehn Beschäftigte, die auf Vollzeit gerechnet etwa fünf Stellen teilen. Hierdurch erhalten wir ein breiter gefächertes Expertenwissen, das wir hier bündeln können.
Online-Redaktion: Wie finden Sie den Kontakt zu den Schulen?
Budde: Der Ganztagsschulkongress am Freitag und Samstag spricht viele Schulen an. Der wesentlichere Punkt ist aber die Bereitstellung von Wissen über ein Ganztagsschulportal, das wir den Schulen im Internet als Zugang zu Erfahrungen und Praxisbeispielen anbieten. Mit diesem Ganztagsschulportal bekommen wir sehr schnell Kontakte zu einer Vielzahl von Schulen quer durch die Republik. Dieses ist zudem so aufgebaut, dass die Schulen dort Wissen nicht nur abrufen können, sondern sich auch mit Fragen, Anregungen und Hinweisen, welche Probleme ihnen besonders unter den Nägeln brennen, einbringen können.
Online-Redaktion: Die Internet-Seite ist also interaktiv?
Budde: Ja, und wir werden den Kongress nutzen, um das Portal in einer Art symbolischen Aktes freizuschalten.
Online-Redaktion: Wenn Sie schon vom Kongress sprechen - welche Bedeutung kommt diesem insgesamt über die von Ihnen bereits genannten Punkte zu, und wie viele Besucher erwarten Sie?
Budde: Ich fange mal mit Letzterem an: Die Resonanz hat uns überrascht. Ursprünglich rechneten wir mit 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern - und jetzt können wir schon den Blumenstrauß für den 1000. Besucher bereithalten. Meine Mitarbeiter sagen mir, dass es jeden Tag weitere Nachfragen gibt. Uns gefällt dabei besonders, dass die Resonanz aus allen Teilen der Republik kommt.
Mit dem Kongress wollen wir in erster Linie erreichen, dass Einzelpersonen oder Institutionen, die sich dem Projekt verpflichtet fühlen, Ganztagsangebote in Kooperation anzubieten, welche über den Schulrahmen hinausreichen, miteinander ins Gespräch kommen, sich kennen lernen, Erfahrungen austauschen und Informationen erhalten. Wir erhoffen uns von diesen zwei Tagen einen Wissensaustausch der Bildungsgesellschaft.
Online-Redaktion: Wird es von der Konferenz eine Dokumentation geben?
Budde: Ja. Diese soll spätestens zum Jahresende vorliegen.
Online-Redaktion: Sie sagten, dass aus allen Teilen der Republik Besucher erwartet werden. Sind Sie denn umgekehrt schon in allen Ländern vertreten, oder gibt es noch weiße Flecken auf der Landkarte?
Budde: Weiße nicht, aber graue. Natürlich macht so ein Programm nur Sinn, wenn es gelingt, sich mit den Ländern sauber abzustimmen. Es wäre unsinnig, die Länder umgehen zu wollen und sich an ihnen vorbei an die Schulen zu wenden, ohne belastbare und vernünftige Absprachen getroffen zu haben. Wir sind unterschiedlich weit. Es gibt einzelne Länder, mit denen Vereinbarungen und Verträge zwischen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, den regionalen Service-Agenturen und Länderinstitutionen wie beispielsweise Lehrerfortbildungsinstituten vorliegen. Dann gibt es Länder, wo die Verhandlungen relativ weit fortgeschritten sind, und es gibt Länder, wo wir in der Startphase und daran sind, die wesentlichen Eckpunkte einer Zusammenarbeit auszuloten.
Spannend ist, dass die Länder unter der Überschrift "Ausbau von Ganztagsangeboten" ganz unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte gesetzt haben. So unternimmt zum Beispiel Nordrhein-Westfalen sehr viel im Grundschulbereich und in der Verzahnung von Jugendangeboten und Schule, während insbesondere die ostdeutschen Länder den Schwerpunkt mehr auf die Sekundarstufe eins gelegt haben, da sie im Grundschulbereich über die Horte ja bereits über angemessene Betreuungsangebote verfügen.
Online-Redaktion: Haben Sie schon eine Ahnung, wo inhaltlich die größte Nachfrage der Schulen bestehen wird?
Budde: Wir hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses gebeten, sich inhaltlichen Schwerpunkten für Workshops und Foren zuzuordnen. Das Feld "Kooperation mit außerschulischen Partnern" stößt auf das größte Interesse. Davon hängt ja auch eine Menge ab, denn es ist ein Stückchen praktizierte Öffnung von Schule, wobei Impulse von außen für das Innenleben der Schule entstehen.
Online-Redaktion: Ist das Projekt "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" zeitlich begrenzt?
Budde: Mit dem Bund ist verabredet, dass es nahezu zeitgleich zum Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" läuft.
Online-Redaktion: Haben Sie sich auf dem Weg dahin gewisse Wegmarken gesetzt?
Budde: Ja, der Kongress ist eine wichtige mit symbolischer Bedeutung als Auftaktveranstaltung, die den Bekanntheitsgrad dieses Programms nicht zuletzt durch die Medienresonanz, von der wir uns einiges versprechen, steigern soll. Unser zweiter Meilenstein ist der Wettbewerb "Zeigt her eure Schule", der sich direkt an die Einzelschule wendet und quasi mit dem Kongress startet. Der dritte Meilenstein besteht aus unsereren vier Werkstätten, die wir Umschlagplätze für Wissen genannt haben. Dort möchten wir uns im Rahmen einer Ausschreibung praxisbezogenen Sachverstand hereinholen und hoffen auf die Zusammenarbeit mit entsprechenden Institutionen. Die ersten Vereinbarungen erwarten wir für Anfang kommenden Jahres. Wir hoffen, spätestens im ersten Quartal 2005 mit allen Ländern Vereinbarungen und Kooperationsmodelle abgesprochen haben, um für alle Schulen republikweit Ansprechpartner zu sein.
Online-Redaktion: Welche Herausforderungen sehen Sie auf sich zukommen im Rahmen dieses Projekts?
Budde: Eine der größten Herausforderungen ist meiner Meinung nach die Organisation regionaler Strukturen in Verbindung mit Länderinstitutionen und die Angebote für die Schulen zur gezielten Fortbildung. Auf dem Weg hin zur Ganztagsschule möchten wir die Schulen mit Beratung und Vernetzung unterstützen.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 14.09.2004
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Dr. Ing. Hermann Budde, geboren 1952. Studium der Wirtschaftswissenschaften; seit 1974 in den Feldern Bildungsforschung (Universität Dortmund und TU Berlin) und Bildungsplanung (Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport Berlin sowie Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg) tätig; seit 1.9.2004 Leiter des Projektes "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.