7. SEPTEMBER 2004

Ganztags im Gauklerdorf

Mit Beginn der Ferien überlassen Ganztagsschulen die Schülerinnen und Schüler nicht mit einem Schlag sich selbst. Eltern und Kinder können auch während der schulfreien Zeit auf pädagogische Angebote zählen. In Dortmund fand die Ferienbetreuung mit einem einwöchigen Gauklerdorf und Zirkus nun einen spektakulären Abschluss.

Am Rande des Dortmunder Westfalenparks herrscht reges Treiben: Auf einer großen Rasenfläche sitzen rund 200 Grundschülerinnen und -schüler in ruhiger und konzentrierter Beschäftigung in Zelten oder im Sonnenschein. Gleich am Eingang sind die Mädchen und Jungen damit beschäftigt, Bretterbuden zu zimmern. Es wird gehämmert und gesägt, überall entstehen völlig verschieden aussehende kleine Holzhäuser, in die sich die Kinder auch zurückziehen können, wenn ihnen danach ist.

Für fünf Tage werkeln die sechs bis zwölf Jahre alten Schülerinnen und Schüler in "Gauklerdorf und Zirkuswelt", die in der letzten Ferienwoche den Abschluss und Höhepunkt der "Ferienspiele am Westfalenpark Dortmund" bilden. Viele Ganztagsschülerinnen und -schüler sind dabei. "Ohne die Ganztagsschulen könnte das Projekt so nicht stattfinden", berichtet Jörg Bitter vom Fachbereich Kinder- und Jugendförderung der Stadt Dortmund. "Ich schätze, dass zwei Drittel der Finanzen aus den Mitteln für die offenen Ganztagsschulen stammen."



Grundschüler beim Hausbau im Gauklerdorf

Die Kinder- und Jugendförderung ist zusammen mit dem Familien-Projekt Dortmund der Veranstalter des "Gauklerdorfs" und der "Zirkuswelt". Mit an die Eltern verteilte Handzettel und öffentliche Bewerbung in lokaler Presse, Medien und Internet haben sie diese Ferienaktion bekannt gemacht. Der Teilnehmerbeitrag inklusive Verpflegung für die Woche liegt bei fünf Euro. Etwa 30 Betreuerinnen und Betreuer - darunter auch Honorarkräfte und freie Mitarbeiter - sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Woche. "Das Liegenschaftsamt hat uns dieses Gelände vermietet - die Lage ist ideal", berichtet Bitter. Denn gleich nebenan im Westfalenpark hat der Familienzirkus Paletti sein Zelt aufgeschlagen.

Verantwortung lernen

Dorthin werden die Kinder in Kleingruppen für jeweils eine Stunde am Tag eskortiert. Sechs Gruppen sind gebildet worden, die im Zirkus verschiedene Kunststücke einstudieren: Jonglieren, Akrobatik, Drahtseilakte, Clown-Nummern und Kunststücke mit Tauben beziehungsweise Ziegen. Die Schülerinnen und Schüler lernen auf ein Ziel hin: Am Wochenende führen sie das Erlernte in drei Zirkusvorstellungen auf. Neben der Konzentration auf eine Sache lernen die Kinder darüber hinaus, dass hinter einem Zirkus "harte Arbeit" steckt. Zirkusdirektor Gerhard Kaselowsky erklärt, dass die Schülerinnen und Schüler beim Umgang mit Tieren "Verantwortung lernen": "Sie bekommen mit, wie man ein Tier pflegt, was es frisst und dass es auch Liebe braucht." Die Kinder seien begeistert bei der Sache: "Für viele erfüllt sich doch hier der Kindheitstraum, einmal im Zirkus aufzutreten."



Ein Mitarbeiter des Zirkus Paletti leitet eine Schülerin über das Drahtseil

Neben den Fertigkeiten, die sie dort erwerben, erhalten die Grundschüler im Gauklerdorf eine Vorstellung von einem eigenem Währungs- und Finanzkreislauf. Denn für die Arbeitskraft, die sie investieren, um ein kleines Holzhaus zu bauen, Körbe zu flechten, Filzbälle aus Schafwolle oder Schmuck und Kleidung herzustellen und einzufärben, erhalten sie Golddukaten. Vier Stück für 30 Minuten Arbeit. "Die Kinder bekommen eine Ahnung davon, wie viel Zeit für eine Arbeit erforderlich ist und welchen Wert sie damit besitzt", erläutert Jörg Bitter.


 
Die Kinder rösten sich ihr Stockbrot über der Feuerstelle oder stellen leckere Obstspieße her

Ein Tag dauert von zehn bis 17 Uhr im Gauklerdorf. Das anfänglich durchwachsene Wetter hat die Stimmung und den Zulauf nicht trüben können, und am vierten Tag sind die Kinder bei nun strahlendem Sonnenschein immer noch eifrig bei der Sache. Die Golddukaten tauschen sie für andere Waren wie die selbst hergestellten und eingefärbten Beutel oder für Essbares ein: Fladenbrot, die von den Kindern angefertigten Obstspieße oder Stockbrot, das an einer Feuerstelle von den Schülerinnen und Schülern gebacken wird.



Anstehen für das Mittagessen

Neben diesen kleinen Snacks zwischendurch gibt es jeden Tag pünktlich um 12.30 Uhr Mittagessen, das von einem Dortmunder Krankenhaus zum symbolischen Preis von einem Euro pro Portion angeliefert wird. Brav stellen sich die Kleinen in einer Reihe auf, gedrängelt wird nicht. Was gibt es heute? Nudeln mit Tomatensoße - zur Freude der Schülerinnen und Schüler. Die Betreuerinnen rollen dagegen mit den Augen: "Nicht schon wieder..." Jörg Bitter erzählt: "Wir haben beim Johannes-Hospital telephonisch angefragt, ob man uns unterstützen wolle, und denen gefiel unser Projekt so gut, dass sie uns nun etwa 250 Essen aus ihrer Großküche liefern."

Schulen schließen sich zusammen

Insgesamt sind etwa 500 der insgesamt 1680 Dortmunder Ganztagsgrundschülerinnen und -schüler während der Ferienzeit in den Schulen von acht bis 16 Uhr betreut worden. So brachte das Ende der Schulzeit die Eltern nicht in Schwierigkeiten, plötzlich vom einen auf den anderen Tag die Betreuung ihrer Kinder regeln zu müssen. "Die Schulen haben sich zusammengeschlossen", erläutert Daniel Binder vom Familien-Projekt das Vorgehen. "In einem Stadtbezirk öffnete eine Schule zum Beispiel die erste Ferienhälfte, eine andere in der zweiten. Wir haben einen Busdienst angeboten, um die Kinder an die jeweilige Schule oder den Ort der Ferienbetreuung zu bringen. Die Kinder blieben in ihrer gewohnten Umgebung, lernten so aber auch andere Schüler kennen."

Ein so flächendeckendes Ferienbetreuungsangebot durch Kooperationspartner wie den freien Trägern der Jugendhilfe, Wohlfahrtsverbänden, Elterninitiativen und Vereinen ist nur möglich, weil die Stadt Gelder aus einem kommunalen Förder- und Unterstützungsprogramm zur Verfügung gestellt hat. "Aus diesem Topf können wir spezielle Angebote und Projekte finanzieren", meint Binder.



Zwei Betreuerinnen üben mit den Schülern eine Pyramide

Die Angebote in den Ferien waren breit gefächert. In der Emschertal-Grundschule drehte sich beispielsweise alles um das Thema "Piraten": In Zusammenarbeit mit der Jugendkunstschule balou bauten die Schülerinnen und Schüler ein Seeräuberschiff, gingen auf Schatzsuche, feierten ein Piratenfest in eigens zusammengestellter Kleidung und besuchten die Bibliothek, um dort Piratenbücher ausfindig zu machen. Die Harkort-Grundschule hatte sich das Thema "Rund um Steine" ausgesucht und ging mit den Kindern in den Revier- und den Tierpark, wo eine Rallye stattfand. Die Hansa-Grundschule hatte zum Motto: "Wir erforschen das Meer", und an der Brukterer-Grundschule drehte sich alles "Rund ums Wasser". An der Landgrafen-Grundschule wurden unter dem Motto "Wir spielen miteinander" die Fußball-Europameisterschaft und die Olympiade nachgestellt, aber auch gemeinsam gekocht. Eine "Indianer-Woche" veranstaltete die Kerschensteiner-Grundschule.

Fast alle Ganztagsgrundschulen nutzten die Ferienzeit zu Ausflügen zu den Dortmunder Ferienspielanbietern, auf Bauernhöfe, in den Wald, zu der im Süden Dortmunds gelegenen Burgruine Hohensyburg, auf Spielplätze oder sogar zu einem einwöchigen Aufenthalt in einer Jugendherberge in Haltern. Auch die Ruhr lud zu Aktionen ein: 15 Schülerinnen und Schüler der Friedrich Kayser-Grundschule aus dem benachbarten Schwerte erkundeten zum Beispiel mit der Lenne-Ruhr Kanu-Tour den Fluss und die umliegende Natur.

"Kinder haben viel Spaß"

So viel Aktivität blieb auch Ute Schäfer nicht verborgen. Die nordrhein-westfälische Ministerin für Schule, Jugend und Kultur machte am 27. August 2004 im Rahmen ihrer Sommertour Halt in Dortmund, um sich an zwei Stationen ein Bild von der Ferienbetreuung zu machen. Das erste Ziel des Tages war der Stadtbezirk Mengede, wo sich die Betreuungsteams der drei offenen Ganztagsgrundschulen Bodelschwingh-, Westhausen- und Schopenhauer-Grundschule mit einem gemeinsamen Zelt am traditionellen Mengeder Ferienspaß beteiligten.



Ute Schäfer bei ihrem Besuch des Mengeder Ferienspaßes

Die Ministerin zeigte sich angetan: "Das ist eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Jugendarbeit, Schule und vor allem Ehrenamtlichen, wie ich heute bei meinem Rundgang sehen konnte. Die Kinder haben viel Spaß. Ich hoffe, dass das auch in Zukunft Bestand haben kann."

Danach sieht es aus, denn mit diesem Schuljahr bieten elf weitere Grundschulen ein ganztägiges Angebot an, womit sich die Zahl der Plätze auf dann 2.750 erhöht. Von den 107 Grund- und Sonderschulen sind nun 39 ganztägig organisiert. Dem Ziel, bis zum Schuljahr 2007/08 eine Versorgungsquote von 25 Prozent für alle sechs- bis zehnjährigen Grundschüler zu erreichen und 5.400 Plätze anzubieten, ist Dortmund damit jedenfalls schon jetzt ein großes Stück nähergekommen. "Über die Hälfte des angestrebten Ziels haben wir erreicht", meint Daniel Binder. Sein Kollege Rainer Möller erklärt: "Nach der positiven Resonanz von Kindern und Eltern auf das Projekt Gauklerdorf haben wir am Montag mit den Planungen für das nächste Jahr begonnen."

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 07.09.2004
© www.ganztagsschulen.org

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