Ein wichtiger Bestandteil der Bildungsreform ist das Ganztagsschulprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Am Wochenende ermöglichte es der Tag der offenen Tür Besuchern jeglichen Alters, oft auch ganzen Familien, durch die Gänge der Berliner Bildungsreformschmiede zu streifen. Während die Kinder am Wissensspiel der ZDF-Sendung "Eins, zwei oder drei" teilnahmen oder sich von den ausgestellten Innovationen und technischen Spielen wie einem zischenden Transrapid in Mini-Format verblüffen ließen, konnten die Erwachsenen an Führungen durch das geschichtsträchtige Gebäude an der Hannoverschen Straße in Berlin teilnehmen. Zu DDR-Zeiten war hier die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR untergebracht. Nun sah sich der nicht abreißende Strom der Besuchergruppen das Büro an, in dem einst Günter Gaus, Dr. Klaus Bölling, Dr. Hans-Otto Bräutigam und Franz Bertele als Ständige Vertreter saßen. Natürlich konnten die Besucher auch einen Blick in das Arbeitszimmer von Ministerin Edelgard Bulmahn werfen.
Bei so vielen Gästen - das Bundesministerium bilanziert den Besuch des gesamten Wochenendes auf rund 7.000 Bürgerinnen und Bürger - bestand auch eine hervorragende Gelegenheit, Meinungen vieler Gäste aufzunehmen. So resümierte Edelgard Bulmahn: "Der Tag der offenen Tür hat die Möglichkeit geboten, mit vielen Menschen über ihre ganz konkreten Vorstellungen zu diskutieren. Der gemeinsame Gedankenaustausch und die vielen Anregungen und Debatten sind immer hilfreich für die weitere Arbeit." Umgekehrt informierten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ministeriums auch über Projekte und Vorhaben und beantworteten Fragen der Besucher.
Das Thema Ganztagsschulen spielte ebenfalls eine Rolle. Ein Besprechungsraum war zu einem Kino umfunktioniert worden, in welchem sich die Gäste die Kurzfassung von "Treibhäuser der Zukunft", Reinhard Kahls Film über Ganztagsschulen in Deutschland, ansehen konnten. Im Innenhofgarten unter freiem Himmel standen eine kleine Bühne, auf der den ganzen Tag eine Mischung aus Informationsveranstaltungen und Musik angeboten wurde, sowie Bänke und Sonnenschirme für die Zuschauer, die sich unter anderem mit Getränken, Würstchen und Kuchen versorgen konnten.
"Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu erziehen"
Für einen lockeren und informativen Einstieg in das Ganztagsschulthema hatte das Bundesministerium Mitglieder der Berlin Debating Union eingeladen. Dieser eingetragene Verein besteht seit 1999 und nimmt eine Tradition aus angelsächsischen Ländern auf. Einmal die Woche treffen sich Studenten der vier Berliner Universitäten zum Redewettstreit. Sie behandeln ein vorher ausgesuchtes Thema im Für und Wider. Jedem Redner ist zuvor eine Position zugewiesen worden, die er ungeachtet seiner persönlichen Meinung vertreten wird. In Rede und Gegenrede wechseln sich Pro- und Contra-Redner ab. Ein Kompromiss oder eine Synthese werden nicht gesucht - es zählt allein die Lust am guten Argument, das rhetorisch überzeugend präsentiert werden soll.

Jens Fischer von der Berlin Debating Union macht sich für Ganztagsschulen stark
Beim Tag der offenen Tür stellten sich am Samstag vier und am Sonntag sechs Redner der schlichten Frage "Brauchen wir Ganztagsschulen?" Holzschnittartig und unterhaltsam flogen die Argumente über die Köpfe des Publikums hinweg. Jens Fischer, Politikstudent an der Fachhochschule, betonte für die Pro-Seite: "Mehr Zeit für Schüler bedeutet auch mehr Bildung für Schüler und ein anderes, besseres Lernen. Eltern sind zufrieden, wenn ihre Kinder in der Schule gut aufgehoben sind, und ihnen selbst ermöglichen Ganztagsschulen Berufstätigkeit. Was gut für die Schüler und die Eltern ist, ist auch gut für die Gesellschaft." Frederik von Rumohr, Promovierender der Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität, vertrat die Contra-Seite: "Der Ansatz ist völlig falsch. Die Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu erziehen. Ganztagsschulen führen nur dazu, dass die Eltern sich noch weniger verantwortlich fühlen und ihre Kinder bequem abschieben können."
Von Rumohr hatte die Debattenrunde vorbereitet. Drei Stunden Vorbereitung - unter anderem informierte er sich auf dieser Website - brauchte es, bis er ein Exposé mit Pro- und Contra-Argumenten auf einer DIN A4-Seite fertiggestellt hatte, das er allen anderen Diskussionspartnern als Grundlage zur Verfügung stellte. "Uns interessierte der gesamtgesellschaftliche Ansatz", berichtet er, "nicht die Details der Ausführungen oder ob das Programm der Bundesregierung richtig ist. Wir wollten wissen, ob Ganztagsschulen für unsere Gesellschaft wünschenswert sind." Jens Fischer ergänzt: "Es ist unsere Aufgabe zu zeigen, was in einem Thema drinsteckt und einen Meinungsfindungsprozess anzustoßen. Bei der Vorbereitung wurde mir klar, wie vielschichtig die Ganztagsschulthematik ist."
Gewaltige Herausforderungen an Pädagogen
Um den Zuschauern das komplexe Thema dann etwas ausführlicher darzustellen, stieg Ulrich Kasparick - seit dem 1. Juli Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung - auf die Bühne und nahm zu allen Aspekten des Themas Stellung. Dabei konnte der Bundestagsabgeordnete auch aus seiner eigenen Bildungsbiographie schöpfen. Da er in der DDR die Mitgliedschaft an der Pionierorganisation und der FDJ sowie den Wehrdienst verweigerte, musste er das Abitur am Kirchlichen Proseminar in Naumburg ablegen. "Dort bestand ein enger Verbund mit sozialen Gruppen in der Stadt", erzählte Kasparick. "Im Deutschunterricht musste man in Theateraufführungen mitmachen. Oder man absolvierte Sozialpraktika in Krankenhäusern. Von der Schule ging ein Netzwerk in die Stadt, und diese Kontakte strahlten an die Schule zurück. Die Schule war ein Lern-, aber auch ein Lebensort - so wie das im Film von Reinhard Kahl zu sehen ist."
Kurz zuvor hatte sich der Politiker in eine der Vorstellungen von "Treibhäuser der Zukunft" gesetzt und sich den Film nochmals angesehen: "Besonders beeindruckend fand ich in den Satz, dass wir Verschiedenheit als Chance und nicht als Bedrohung begreifen müssen. Ich hoffe, dass auch die Pädagogen und die Eltern dies als eine gemeinsame Herausforderung akzeptieren." Insbesondere auf die Pädagogen kämen gewaltige Anforderungen zu, denn sie müssten die Schülerinnen und Schüler nicht nur als "ein Fass, das es mit Informationen zu füllen gilt" betrachten, sondern als "kleinere Erwachsene, denen es nur an Lebenserfahrung fehlt".
Der Dialog auf "gleicher Augenhöhe" mit den Schülern ist für Kasparick die erste große Herausforderung. Die zweite sei - und hier nahm Kasparick die Contra-Argumente des Debattierclubs auf - den weitgehend abgebrochenen Dialog mit den Eltern wiederaufzunehmen. "Das Verhältnis zwischen Schule und Eltern muss sich ändern", formulierte der Parlamentarische Staatssekretär, "sonst werden Ganztagsschulprojekte nicht gelingen."
Bund als "Geburtshelfer"
Kasparick wies darauf hin, dass der Bund neben der "Hardware" - dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" - auch "Software" - ein inhaltliches Begleitprogramm zusammen mit den Ländern - initiiert habe, um den Pädagogen "Best Practice"-Beispiele an die Hand zu geben. Interessant werde es sein, die Ergebnisse auf Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland anzusehen: "Wenn es zu Unterschieden käme, würde es mich nicht überraschen. Auf Grund der Prägung zweier Pädagogengenerationen durch die Diktatur in Ostdeutschland habe ich ein wenig Sorge, ob diese neue Art der Pädagogik hier gelingen kann."
Die Länder verwendeten die IZBB-Mittel unterschiedlich: "Manche gehen eher in die Fläche, andere wollen die Mittel konzentrieren." Nach den anfänglich kontroversen Debatten ist sich der Staatssekretär sicher, "dass die Idee zündet und die Länder mit auf dieses Thema gehen, weil auch sie die Chance sehen". Der Bund sei hier mehr in der Rolle des "Geburtshelfers": "Wir versuchen, einen Rahmen anzubieten, innerhalb dessen sich etwas bilden kann. Es wird dabei zu regional unterschiedlichen Lösungen kommen. In manchen Ländern gibt es einen Schwerpunkt bei den Grundschulen, wieder andere legen ihn auf Sekundarschulen oder Gymnasien. Das wird ein ganz bunter Teppich. Das ist auch gut, denn gerade die Ganztagsschulpädagogik lehrt uns ja, dass Einheitlichkeit gefährlich sein kann. Stabilität und Kreativität brauchen die Vielfalt. Unsere Hoffnung besteht darin, dass zwischen den Ganztagsschulen eine Vernetzung mit einem Erfahrungsaustausch eintritt und sich ein Netzwerk der Ermutigung bildet."
Ermutigung ist laut Kasparick auch in einer neuen Lehrerausbildung notwendig: "Wir müssen Lehrer stärker ermutigen, sich auf den Dialog mit Kindern und Eltern einzulassen. Die Lehrer, die das schaffen, das sind runde Persönlichkeiten. Diese zu entdecken und zu fördern, wird auch ein wichtiger Punkt des Ganztagsschulprogramms sein."
Zum Schluss blieben keine Fragen offen - bis auf eine: "Wie kann man Menschen dazu bewegen, eingefahrene Gleise in der Bildung zu verlassen?", fragte eine Dame aus dem Publikum. Ulrich Kasparick kam wieder auf die Ermutigung zurück: "Lehrer sind zu oft der Schuttabladeplatz der Gesellschaft - wir müssen sie aber ermutigen, denn dann kommen auch Menschen zurück, die mit Reformprojekten schon abgeschlossen haben. Man kann sie gewinnen."
Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 24.08.2004
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