In seiner Regierungserklärung vom 24. Juni 2004 versprach Ministerpräsident Dr. Georg Milbradt: "Wir werden sinnvolle Ganztagsangebote weiter ausbauen." Ganztagsschulen erwähnte er nicht. Im Sprachgebrauch der sächsischen Landesregierung wird das Wort "Ganztagsangebote" bevorzugt. Doch worin besteht der Unterschied?
Dr. Walter Siegemund, Bürgerreferent des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus, definiert ihn so: "Ganztagsangebote werden nicht nur von Schulen direkt, sondern unter der Regie und entsprechend der Vorgabe der Schulen in Zusammenarbeit auch von außerschulischen Trägern wie zum Beispiel Sportvereinen, Jugendklubs oder Horten angeboten. Der Unterschied besteht in der größeren Breite des Angebots und den Möglichkeiten für die einzelne Schülerin und den einzelnen Schüler, nach eigenen Neigungen und ohne die psychologische Barriere der rein schulischen Anforderungen Angebote anzunehmen, die natürlich den Unterricht unterstützen und mit viel Phantasie neue - auch schulfremde - Ideen flexibel weiterführen."
Von der Konzeption einer gelungenen Ganztagsschule klingt dies nicht weit entfernt. Möglicherweise spielt bei der Bevorzugung des Wortes "Ganztagsbetreuung" auch ein gewisses sächsisches Selbstbewusstsein eine Rolle, denn auf diesem Feld kann sich Sachsen laut Siegemund "auf sinnvolle Traditionen und Angebote wie auch die flächendeckende Versorgung mit Horten stützen, die in westlichen Bundesländern, die oft vorwiegend Ganztagsschulen kennen, erst aufgebaut werden müssen."
"Wundersame Vermehrung"
Tatsächlich ist es gerade die Tradition der Hortbetreuung, die Sachsen zu den hohen offiziellen Zahlen in Sachen Ganztag verhilft: Mit 21,3 Prozent weist Sachsen laut der Landesregierung knapp hinter Berlin den zweithöchsten Anteil von am Ganztagsbetrieb teilnehmenden Schülerinnen und Schülern im Ländervergleich auf. 75 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen des Freistaats verfügten im Schuljahr 2003/2004 über Ganztagsangebote, bei Grund- und Förderschulen sind es 100 Prozent. Damit stelle Sachsen von allen ganztägig betreuten Schülern Deutschlands rund 45 Prozent.
Doch die Interpretation dieser Zahlen ist umstritten. Der Ganztagsschulverband spricht von der "wundersamen Vermehrung" der Ganztagsschulen durch die Neudefinition des Begriffes durch die Kultusministerkonferenz, nach deren Statistik im Schuljahr 2002/2003 über 1.300 allgemein bildende Schulen als Ganztagsschulen in Sachsen arbeiteten. Drei Jahre zuvor hatte die KMK-Statistik noch keine einzige Ganztagsschule im Freistaat verzeichnet. Hier zeige sich, dass die offenen Ganztagsschulen in Sachsen im Wesentlichen die "umgewidmeten" Grundschulen mit angegliederten Hort seien.
Die sächsische Landesregierung hielt die Einführung von Ganztagsschulen bis ins Jahr 2002 hinein für nicht notwendig, doch seit dem Amtsantritt des sächsischen Staatsministers für Kultus, Prof. Dr. Karl Mannsfeld, im Mai 2002 ist Bewegung in die Schullandschaft des Freistaats gekommen. Mit Beginn des Schuljahrs 2003/2004 startete das sächsische Kultusministerium den auf drei bis fünf Jahre angelegten Schulversuch "Sächsische Schule mit Ganztagsangeboten/ Ganztagsschule", den die Technische Universität Dresden wissenschaftlich begleitet. Sieben Mittelschulen und drei Gymnasien nehmen daran teil und gestalten an drei bis fünf Wochentagen einen durchgehend strukturierten, ganztägigen und nach pädagogischen Gesichtspunkten rhythmisierten Schultag.
Bereicherung der Schullandschaft
Zentrales Kriterium für die Auswahl der Projektschulen ist das jeweilige pädagogische Konzept der Schulen gewesen, wobei Wert auf Kooperationen mit außerschulischen Partnern gelegt wurde. "Zuverlässige Konzepte zur Ganztagsbetreuung werden wir in Sachsen auch künftig im Rahmen der Möglichkeiten des Landes gerne unterstützen, wozu auch die zehn Modellschulen ihren Beitrag leisten sollen", führte Mannsfeld in seiner Rede auf der Jahrestagung der Vereinigung der Gymnasialdirektoren Sachsens am 6. Dezember 2003 in Nossen aus. Der Minister sieht in dem Schulversuch "eine interessante Bereicherung der sächsischen Schullandschaft".
Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen begrüßt "nach der bisher strikt ablehnenden Haltung der Staatsregierung zu dieser Schulform" den Modellversuch als "Schritt in die richtige Richtung", der "die Entwicklung einer richtigen Ganztagsschule zulässt".
Bei den weiterführenden Schulen ist das Landesförderprogramm "Schuljugendarbeit" entscheidend. Mit seiner Hilfe konnten an 225 Mittelschulen und 65 Gymnasien ganztägige Angebote eingerichtet werden. Darüber hinaus bieten alle 24 Gymnasien mit vertiefter Ausbildung und das Landesgymnasium St. Afra ganztägige Angebote an. In einem Interview vom 12. Juli 2003 sagte Mannsfeld, er könne sich vorstellen, dass in den nächsten fünf Jahren über ein Drittel aller sächsischen Mittelschulen und Gymnasien nach einem Gesamtkonzept umfassend ganztägig geöffnet sein würden.
Die neue Förderrichtlinie "Schuljugendarbeit als Bestandteil von Ganztagsangeboten", mit welcher das 1997 eingeführte Konzept der Schuljugendarbeit weiterentwickelt wurde, verabschiedete die Landesregierung im September letzten Jahres. Ziel der jährlich vom Land mit 1,5 Millionen Euro geförderten Schuljugendarbeit ist unter anderem die Öffnung der Schulen. Mit der neuen Richtlinie sollten die Kooperationen mit öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe noch besser in die konzeptionelle Weiterentwicklung von Ganztagsangeboten eingebunden werden und "in Ergänzung zum Fachunterricht dem ganzheitlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule Rechnung getragen werden".
Umfrage signalisiert Zustimmung
Bei diesem "ganzheitlichen" Bildungsprozess stehen Wissenserwerb, Kompetenzentwicklung und Werteorientierung im Mittelpunkt. Die Schuljugendarbeit soll den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, sich selbst zu erfahren und eigene Stärken und Grenzen kennen zu lernen. Die nachmittäglichen Angebote, die in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung an mindestens drei Wochentagen gemacht werden, sind breit gefächert: Sie beinhalten Projekte zur Umweltbildung und Demokratieerziehung, Schülerfirmen und -cafés sowie Theater-, Medien- und Sportprojekte. Viele Projekte befassen sich darüber hinaus mit der Förderung leistungsstärkerer beziehungsweise leistungsschwächerer Schülerinnen und Schüler. Langfristig sollen sich dabei in den Schulen des Freistaats schulische und außerschulische Angebote immer stärker vereinen.
Selbstständigkeit und Freiwilligkeit sind zwei Schlüsselbegriffe. Alle ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote in Sachsen beruhen auf dem Prinzip der Freiwilligkeit: Schülerinnen und Schüler, Eltern und die Schulen entscheiden eigenverantwortlich, welche pädagogischen Angebote sie entwickeln und wahrnehmen. Die Schulen können bedarfsorientiert verschiedene Ganztagsmodelle schulartspezifisch erarbeiten. Wenn sich die Schülerinnen und Schüler für die Nachmittagsangebote an ganztägigen Schulen in offener Form entscheiden, verpflichten sie sich allerdings, ein Jahr lang teilzunehmen.
Eine emnid-Umfrage im Dezember 2002 unter rund 1000 Bürgerinnen und Bürgern des Freistaats verdeutlichte die Zustimmung zu den freiwilligen Nachmittagsangeboten an Schulen: 81 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, nur 14 Prozent wollten für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtende Angebote.
Neben dem qualitativen Auf- und Ausbau von Ganztagsangeboten nimmt Sachsen bis 2007 für bauliche Investitionen Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" in Höhe von rund 200 Millionen Euro in Anspruch, um die Schulträger bei den "erforderlichen Neubau-, Ausbau-, Umbau- und Renovierungsarbeiten sowie Ausstattungsinvestitionen" zu unterstützen, wie es in der Förderrichtlinie des Kultusministeriums vom 2. September 2003 heißt. Für die Gewährung der IZBB-Fördermittel ist ein überzeugendes pädagogisches Konzept Voraussetzung.
Mit eigenen Konzepten überzeugen
"Das Interesse der Schulträger ist groß, und ich habe keine Zweifel, dass wir die zur Verfügung stehenden Mittel komplett verausgaben werden", meinte Minister Mannsfeld Ende März. Vier Monate später konnte der Staatsminister vermelden: "Wir haben bisher in diesem Jahr aus dem Ganztagsschulprogramm für ungefähr 70 Projekte rund 50 Millionen Euro zur Bewilligung freigegeben. Weitere Bewilligungen werden in den kommenden Monaten Schritt für Schritt folgen." Laut der endgültigen Vorhabenplanung für 2004 wird Sachsen in diesem Jahr insgesamt 123 Schulen mit über 73 Millionen Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" fördern.
Jede Schule kann mit ihren eigenen Konzepten überzeugen - und Ministerpräsident Milbradt hofft, dass sich am Schluss "offene Schulen" herausbilden, die ihren Platz "wieder in der Mitte unserer Gesellschaft finden.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 06.08.2004
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