Das gefällt den Schülerinnen und Schülern der Gemeinschaftsgrundschule Vennbruchstraße in Duisburg: Die Bundesbildungsministerin wird erwartet, und ein Teil der Schüler darf daher während der Unterrichtszeit nach draußen, um auf dem Schulhof zu spielen, bis der hohe Besuch aus Berlin eintrifft. Passenderweise kommt in diesem Moment auch die Sonne durch. Ganz unspektakulär schlendert Edelgard Bulmahn auf den Schulhof, bald umringt von einer Schar von Kindern. "Die Bundeskanzlerin ist da", bringt da im Eifer des Gefechts ein kleiner Steppke etwas durcheinander. Schon surren die Kameras und klicken die Photoapparate der zahlreich erschienenen Pressevertreter.
Die Bundesbildungsministerin, die nordrhein-westfälische Schulministerin Ute Schäfer, der Pressetross und zahlreiche weitere Besucher aus der Elternschaft, den Jugend- und Schulämtern und den Ministerien sind am 28. Juni 2004 nach Vierlinden im Norden Duisburgs gekommen, um die 1.000ste mit Mitteln aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" des Bundes geförderte Schule Deutschlands zu besuchen.
Schulleiter Peter Steuwer zeigt sich dankbar, dass gerade seine Schule für diesen symbolischen Besuch ausgewählt worden ist, denn ansonsten steht sie nicht gerade im Mittelpunkt: "Das ist der erste Ministerbesuch in unserer 74-jährigen Geschichte", stellt er fest. Nun drängen sich Dutzende von Gästen durch das Gebäude und zollen Anerkennung für den Kraftakt, der innerhalb des laufenden Schuljahrs gestemmt worden ist. "Drei Wochen nach unserem Start als offene Ganztagsschule dachte ich: Das geht nicht", berichtet Steuwer während des Rundgangs durch die Räume, die mit den IZBB-Mitteln umgestaltet worden sind, "denn man baut die Schule praktisch von neuem auf und muss alles neu lernen."
Kultur kommt in die Schule
Dass der Neustart der dreizügigen Schule als Ganztagsschule mit einem Angebot von 7.45 Uhr bis 16 Uhr geglückt ist und sich die Mühen gelohnt haben, zeigt die Abstimmung mit den Füßen: Während im ersten Schuljahr von den rund 280 Schülerinnen und Schülern 64 Kinder die Ganztagsangebote in Anspruch nehmen, werden es im kommenden Jahr bereits rund 100 sein. Das hat zur Folge, dass weitere Investitionen getätigt werden müssen, um zum Beispiel die Mensa im Keller des Gebäudes auszubauen. Bisher essen die Schüler dort in drei Schichten. Mit 100 Kindern wird dies nicht mehr zu organisieren sein – man benötigt dann schlicht mehr Platz. Für den Ausbau sind IZBB-Mittel in Höhe von rund 450.000 Euro bereits genehmigt, wie der Schulleiter beim Besuch von Ministerin Bulmahn erfährt. Mit dieser Summe sollen ein Zwei-Klassen-Pavillon für Betreuungsgruppen errichtet sowie Maßnahmen im Außenbereich getätigt werden.
Bisher hat die Gemeinschaftsgrundschule Vennbruchstraße bereits circa 7.500 Euro aus dem IZBB-Topf für Baumaßnahmen erhalten: Damit wurden der Mensabereich und der Bewegungsraum ausgebaut. In Einrichtung und Ausstattung wurden 38.000 Euro investiert: Küchengroßgeräte, ergänzende Ausstattungsgegenstände, eine Musikanlage, Werkzeugsätze, Spiele, Sportkleingeräte und Bastelmaterialen. "Ohne das Geld wären heute morgen nicht die Handabdrücke der Kinder auf dem Transparent, mit dem wir die Gäste begrüßt haben, zu sehen gewesen", macht Peter Steuwer den Nutzen plastisch deutlich.
Ein großer Teil des Geldes ist in den Werksbereich geflossen, denn die Gemeinschaftsgrundschule hat den Schwerpunkt ihres Ganztages auf den Bereich "Kunst und Kultur" gesetzt. Eine bewusste Entscheidung des Kollegiums, denn mit Angeboten in diesen Sparten schloss man eine Lücke in diesem nördlichsten Duisburger Stadtteil. "Wir wollten die Kultur in die Schule holen, weil unser Stadtteil in dieser Beziehung sonst nicht viel zu bieten hat", berichtet Steuwer. "Wenn Eltern ihr Kind zum Beispiel zur Musikschule schicken wollen, dann muss das Kind in die weit entfernte Innenstadt. Also sagten wir uns: Wenn die Kinder nicht zur Kunst kommen, dann kommt die Kunst eben zu den Kindern."
Zur Bildung gehört auch soziales Lernen
Obwohl Vierlinden ein eher "bildungsferner" Stadtteil ist, wie Steuwer es ausdrückt, zeigten sich genügend Eltern von dem Angebot angetan, das die Schule in Zusammenarbeit mit dem Verein "Aktion und Kultur mit Kindern" (Akki), einem freien Träger der Jugendhilfe aus Düsseldorf, von montags bis donnerstags von 14 bis 16 Uhr organisiert. Mit Akki vereinbarte die Schule ein Projekt, das sich über das ganze Schuljahr erstreckt. Gemeinsam mit Tänzern, Akrobaten, Musikern, Bühnen- und Maskenbildnern erarbeiten die Schülerinnen und Schüler eine Schulrevue, die sie am Ende des Schuljahres in der Stadthalle Duisburg-Walsum zur Aufführung bringen. "Das Lampenfieber steigt", berichtet der Schulleiter von den in den letzten Zügen liegenden Vorbereitungen.
Die Eltern waren in die Planung der Ganztagsschule von Anfang an eingebunden. Eine Elternbefragung per Fragebögen im März zeigte die Zufriedenheit mit den gemachten Angeboten im künstlerisch-musischen Bereich – "und wenn Kritik kam, dann war sie konstruktiv", so Steuwer.
"Die Kinder werden nicht unbedingt besser lesen, schreiben oder rechnen können, wenn sie dieses Projekt bewältigt haben", räumt der Schulleiter ein, "aber zur Bildung gehört auch soziales Lernen. Unsere Schule gibt den Kindern die Fähigkeit, sich zu beweisen, Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit zu entwickeln. Sie empfinden Freude an ihrer eigenen Schule." Und in der Tat: Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünsche, antwortet die kleine Jasmin: "Noch mehr Zeit in der Schule. Der Tag ist so schnell vorbei."
Gestaltungsspielraum setzt kreatives Potential frei
In einem Stadtteil mit einem Migrantenanteil von etwa 45 Prozent ist es auch wichtig, dass sich durch die Ganztagsschule viele der türkischen Mitschülerinnen und –schüler bis 16 Uhr in einem deutschen Sprachumfeld bewegen. Einige türkische Eltern haben ihre Kinder gerade auch aus dieser Motivation in der Schule angemeldet. Aber damit ist es natürlich nicht getan: Für etwa 50 türkische Kinder, welche die deutsche Sprache bei der Einschulung teilweise kaum beherrschen, gibt es zudem tägliche Sprachförderkurse durch Lehrerinnen und Lehrer.
In Duisburg gibt es inzwischen neun offene Ganztagsschulen, an denen 515 Kinder teilnehmen. Für diese Schulen sind bisher 405.000 Euro bewilligt worden, die gesamte Antragssumme für 2004 beträgt 2.265.000 Euro. Zum neuen Schuljahr kommen fünf weitere Schulen dazu, so dass dann insgesamt etwa 1.000 Kinder im offenen Ganztag sein werden. Die Schulen entwickeln dabei unterschiedliche Schwerpunkte in ihren pädagogischen Konzepten: Mal setzt eine Schule auf Sprachförderung, mal auf den Aspekt der Ernährung und Bewegung.
"Man sieht, wie wichtig es ist, den Kommunen hier Freiraum zu lassen", zeigte sich Edelgard Bulmahn beim Rundgang durch die Schule angetan über die Vielfältigkeit der Angebote. "Nordrhein-Westfalen hat aber auch vorbildlich mitgemacht und die Chance, die das IZBB bietet, schnell erkannt und genutzt. Das Programm ist ein voller Erfolg und ein wichtiges Anliegen dieser Bundesregierung." Die bis 2007 in Aussicht gestellte Summe von insgesamt vier Milliarden Euro sei "sicher und werde nicht angetastet", so die Ministerin.
Auch Ute Schäfer lobte das "kreative Potential", das durch den Gestaltungsspielraum der Schulen freigelegt werde – und gerade Sport und Kultur seien für die Landesregierung wichtige Aspekte bei der Öffnung der Schulen zu außerschulischen Partnern. "Es findet eine Bereicherung durch die Öffnung statt", pflichtete Edelgard Bulmahn bei, "die Schulen werden zu Orten des Lebens."
Schüchterne Kinder trauen sich etwas
An der Vennbruchstraße zeigt sich diese Öffnung deutlich an der Veränderung des Personals: Von 16 hat es sich auf 32 Mitarbeiter verdoppelt: Zum Lehrpersonal sind Erzieher und das künstlerische Personal, das auch Erfahrungen im pädagogischen Bereich vorweisen kann, dazugekommen. Die Bereicherung des Schulalltags ist ebenfalls eingetreten: "Tatsächlich befruchten sich verschiedene Sichtweisen der Schule und der Jugendhilfe", bestätigt Steuwer. "Wir lernen eine Sicht kennen, die nicht nur auf Noten und Standards beruht."
Wichtig sei aber auch der gegenseitige Austausch zwischen dem Vor- und Nachmittagsbereich: "Die Jugendhilfe kann nicht isoliert vom Schulalltag arbeiten." Neben einer gemeinsamen Ganztagsschulkonferenz mit allen Beteiligten im März hospitierten die Lehrerinnen und Lehrer auch schon mal am Nachmittag, und die Akki-Mitarbeiter tauschten sich vor Beginn des Kunst- und Kulturangebots um 14 Uhr mit den Lehrern aus. Im nächsten Schuljahr werden die Künstler sogar schon ab zwölf Uhr da sein. "Das ist unbedingt nötig", findet Steuwer. Die Verzahnung von Vor- und Nachmittag wird dann noch besser gelingen.
An der Gemeinschaftsgrundschule Vennbruchstraße ist der "Aufbruch in die Bildungsreform", den Edelgard Bulmahn und Ute Schäfer anstreben, geglückt. Durch das große Engagement der Schulleitung und des Kollegiums, der Eltern und Betreuer ist in kürzester Zeit ein funktionierender, stimmiger neuer Schulalltag entstanden, der schon bei vielen Kindern etwas zum Positiven verändert hat, wie Peter Steuwer beobachten kann: "Einige Kinder, die völlig still und schüchtern gewesen sind, trauen sich jetzt etwas."
Davon können sich am Ende des Rundgangs auch die Ministerinnen überzeugen, als sie in der Aula zwischen den Kindern Platz nehmen, die unbefangen vom Ablauf ihres Tages in der Schule berichten. "Ich habe schon in einigen Ganztagsschulen erlebt, dass die Schülerinnen und Schüler beginnen, ihre Schule ganz anders wahrzunehmen, dass eine positive Stimmung herrscht und die Kinder Freude am Lernen bekommen", resümiert Edelgard Bulmahn.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 29.06.2004
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