22. JUNI 2004

Eurofieber an Ganztagsschulen

Mit der Euro 2004 und den Olympischen Spielen in Athen wird der breiten Öffentlichkeit wieder einmal bewusst, wie stark Sport über Ländergrenzen hinaus verbindet – und welchen Beitrag gerade der Breitensport für einen gesunde Lebensweise leistet . Gute Sportangebote gedeihen dort am besten, wo Schulen und Vereine eng miteinander verzahnt werden. Das ist nach Meinung vieler Bildungsexperten und Praktiker am ehesten in Ganztagseinrichtungen der Fall.     

In Europa ist Fußballfieber ausgebrochen. Das spürt man auch an Deutschlands Schulen: Wer bei der Euro 2004 in Portugal schon nach der Vorrunde nach Hause geschickt wird oder wer in den europäischen Fußballhimmel aufsteigt, der hat für einen Moment Glück oder Leid unzähliger Schülerfans in seiner Hand. "Die kommen immer in Trikots. Einer meiner Schüler pflegte anlässlich der Euro 2004 das Trikot der englischen Nationalmannschaft zu tragen". Am Tag nach der Niederlage der Engländer gegen Frankreich zog er es vor, ohne sein Trikot zu erscheinen: "Natürlich war das zu Beginn meiner Mathestunde ein Grund, um über die Euro 2004 zu sprechen", erzählt Schulleiter Hans-Joachim Schmidt von seinen Erfahrungen in der Gerhart-Hauptmann-Schule, Northeim. Alles dreht sich momentan um Fußball: in den Klassenräumen hängen Pinnwände mit den Gruppenergebnissen, Bilder von Fußballstars wie Zidane, Figo, Beckham, Ballack oder Zeitungsausschnitte von Spielberichten.

Wie Fußball verbindet

Und auch die Mädchen ziehen mit. Spätestens nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 2003 durch die deutschen Frauen, erobert das weibliche Geschlecht  die klassische Männersportart: "Erstaunlich, wie viele Mädchen sich für die Euro 2004 interessieren und wie viele an den Fußballturnieren unserer Schule teilnehmen", sagt der Mathelehrer. "Die Jungs", ergänzt Schmidt, "lassen die Mädchen sogar mitspielen". So was hätte vor fünfzig Jahren Aufsehen erregt, heute dagegen scheint es Normalität zu sein.



Einst ein Männersport

Sport verbindet: "Die Fußball-Europameisterschaft fördert das Interesse für andere Länder". Natürlich interessiert in erster Linie die deutsche Equipe, "doch Frankreich und England waren bei den Mädchen und Jungens immerhin ein Gespräch wert", sagt Schmidt. Selbst "die Barrieren zwischen Lehrern und Schülern werden durchlässiger, wenn über Sport gesprochen wird", fügt der designierte Schulleiter der Ganztagsschule Thomas-Mann in Northeim hinzu. Diese im nördlichen Niedersachsen gelegene Einrichtung bekommt ab dem Schuljahr 2004/ 2005 in den Klassen 5 und 6 eine ganztägige Haupt- und Realschulform. Schmidt, der auch Vorsitzender der 1800 Mitglieder zählenden Turngemeinde Northeim ist, legt Wert darauf, dass neben König Fußball und Leistungssport auch andere Sportarten, Anerkennung erhalten: "Breitensport ist wichtig, das zeigt sich besonders bei Schülerinnen und Schülern, die nur viel Zeit vor dem Computer verbringen und sich zu wenig bewegen. Wenn man über die Vereine vernünftige Sportangebote an den Schulen macht, kriegt man die weg vom Fernseher", betont Sportfunktionär und Schulleiter Schmidt.

Schule und Vereine "wunderbar verzahnt"

Übrigens: "Ganztagsschulen sind keine Konkurrenz zu den Vereinen", erinnert Schmidt. Das trifft auch auf die Übungszeiten zu, die ja von den Vereinen nicht selten kritisiert werden. Sportangebote am Nachmittag eröffnen vielmehr die Möglichkeit für die Vereine, die Schülerinnen und Schüler als Mitglieder zu werben. Wenn ein Weltmeister im Karate wie Maik Haubold oder eine deutsche Meisterin im Kanusport die Kindern und Jugendlichen in ihren Sportkursen in Northeim dazu ermutigen, um Lorbeeren zu kämpfen, ist das eine hervorragende Visitenkarte für die Sportvereine.  

"Hier kann man etwas wunderbar verzahnen: Das Interesse der Vereine, Jugendliche für den Sport zu werben und das Interesse der Schulen, Sport in ihren Ganztagsangeboten breiten Raum zu geben", sagt Andreas Lindemeier. Allerdings betont der Schulsportbeauftragte des Präsidiums des Landessportbundes Niedersachsen, dass das "Interesse der Vereine und der Schulen den Schülerinnen und Schülern nicht übergestülpt" werden dürfe.

Lob der Vernetzung und Selbstorganisation

Zwei Sportstätten, eine Turnhalle und eine Außensportanlage in Rastede sind unter Lindemeiers Ägide bereits mit Mitteln aus dem Bundesinvestitionsprogramm errichtet bzw. renoviert worden. "Meine Aufgabe ist es, die Vereine einzubeziehen und eine Rahmenvereinbarung mit dem Kultusministerium vorzubereiten", sagt Lindemeier. Die Rahmenvereinbarung in Niedersachsen, die die Kooperation zwischen den Vereinen und Schulen regelt, soll – Lindemeier zufolge – spätestens im September unterschriftsreif sein. Für gelungene Kooperationen zwischen Schulen kommt es außerdem darauf an, dass "Schule und Vereine vernetzt zusammenarbeiten", so Lindemeier.



Mannschaftssport übt Teamgeist

Das gilt auch für die Qualität der Sportangebote. Wenn die Kompetenz nicht vorhanden ist, um ganztags gute Sportangebote anzubieten, sollten Übungsleiter und Lehrer an einer geeigneten Fortbildung oder Supervision teilnehmen. Schließlich ist die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer in einem fortwährenden Wandel: "Der Lehrer wird Coach und Betreuer, der das Vertrauen seiner Schüler bekommen will", betont Lindemeier.

Das braucht er auch, denn Kinder und Jugendliche möchten gerade im Sport nicht bevormundet werden. Der Vorteil der Ganztagsschulen: "Sie bieten die Möglichkeiten, Spielräume zur Selbstorganisation zu schaffen", fügt der Schulbeauftragte hinzu. 

Ein Beispiel für das veränderte Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen ist Streetball. Während König Fußball der Nachwuchs schon ab 12 Jahren davonläuft, erfreut sich diese von den Medien hochgebrachte Sportart einer ungebrochenen Beliebtheit. "Streetball als Subkultur der Jugendlichen ist an den Ganztagsschulen wesentlich geeigneter als anderswo", sagt Lindemeier.

Streetball: Wenn Jugendliche ihren Sport selbst regeln

Streetball ist Kult. Auch weil es ein Sport ist, der anders als Basketball ohne große Regeln und Schiedsrichter auskommt. Das ist bei den Kids zwar angesagt, kann aber auch Reibungen hervorrufen: "Die Körperbetonung des Spiels ist konfliktträchtig", erinnert Lindemeier. Hier sind Sportlehrerinnen und Sportlehrer gefragt, die als Coach und Betreuer dabei helfen, soziales Verhalten und Fair Play einzuüben. Streetball, das drei gegen drei gespielt wird, ist im Unterschied zu Basketball weniger komplex und überall zu spielen, wo Körbe stehen.

Die Idee, Jugendliche mit ihren Neigungen anzusprechen, hat das Projekt "Körbe für Köln" hervorgebracht. "Kernidee dieses Projektes ist es, Jugendliche über den Sport abzuholen und sie für die Berufswahl zu interessieren", erläutert Gesche Gehrmann. Die Geschäftsführerin der GEW Stiftung Köln ist sich ihrer Sache sicher: "Das Angebot, das wir in sozialen Brennpunkten lokalisiert haben, wird von den Jugendlichen sehr positiv und voller Begeisterung aufgenommen". Ein fester Stamm von Jugendlichen nehme an "Körbe für Köln e.V." teil und lasse sich für Schule und Ausbildung bzw. die Arbeitswelt interessieren. Wenn die Jugendlichen Vertrauen zu ihren Betreuer aufbauen, haben sie andere Identifikationsfiguren in ihrem Persönlichkeitsdepot als z.B gewaltätige Haudegen von Actionfilmen.  

Körbe für Köln: "Mit wenig Mitteln viel erreichen"

"Körbe für Köln e.V.", das zweimal pro Woche ein betreutes Angebot für schulmüde, arbeitslose und sozial benachteiligte Jugendliche unterbreitet und darüber hinaus ein Mädchenangebot stellt, soll Gehrmann zufolge "das soziale Verhalten und die Teamfähigkeit fördern". Partner im Rahmen des Projektes sind die Stadt Köln (mit seiner ausgezeichneten Vernetzung von Jugendeinrichtungen), die GEW Stiftung Köln, American Sports GmbH und die Deutsche Sporthochschule Köln, die das Projekt wissenschaftlich flankiert. Bei "Körbe für Köln e.V." geht es – Gehrmann zufolge – darum, "mit wenig Mitteln viel zu erreichen".

Auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn lobte in ihrer Eröffnungsrede am 19. Januar in Leipzig das Projekt "Körbe für Köln e.V.": "Ich halte solche Initiativen für außerordentlich wichtig. Sie tragen zur sozialen Integration benachteiligter Menschen bei. Gesellschaftliche Isolierung und fehlende Zukunftsperspektiven sind oft Nährboden für Kriminalität und Fremdenfeindlichkeit. Gerade junge Menschen brauchen Halt und Orientierung." So Bulmahn im Rahmen der Nationalen Auftaktveranstaltung zum Europäischen Jahr der Erziehung durch Sport 2004. Projekte wie diese, die Jugendsozialarbeit und Sport verzahnen, sind auch für Ganztagsschulangebote eine Bereicherung und von ihrem Ansatz her überuas lehrreich. Das Ganztagsschulprogramm des Bundes soll hierfür den Rahmen bieten und eine bessere Kooperation mit externen Partnern wie den Sportvereinen ermöglichen.

Wer wird "Olympic Champion of Education"?

Die Bildungswelt blickt im großen Sportjahr über die Grenzen. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass parallel mit der Euro 2004 und den Olympischen Spielen in Athen das "Europäische Jahr der Erziehung durch Sport" stattfindet. Es soll die Länder und die Jugend Europas zusammenbringen.

Insgesamt 28 europäische Länder ermitteln den "Olympic Champion of Education". Das bedeutet, dass zwei gute Sportlerinnen und Sportler, die zugleich gute Schülerinnen und Schüler sein müssen, aus jedem Mitgliedsland der Europäischen Union auf nationaler Ebene ermittelt werden.

Sport soll den Kindern nicht nur körperliche Vorteile und mehr Bewegung bieten, sondern auch Werte wie Toleranz, Fair Play und Teamgeist vermitteln, wie auf der Homepage von EYES zu lesen ist. Ein All Star Team mit Sportlern aus Europa à la Klinsmann, Girardelli oder der portugiesischen Marathonläuferin Rosa Mota soll für diese Ziele werben. Bildung in Kombination mit Sport ist eben attraktiv geworden und ein Kontinent ist im Fußballfieber. Wenn am 22. Juni die olympische Fackel in Brüssel eintrifft, kündigt sich der nächste Fiebererreger an: Olympia. Das macht die Trikotwahl an Deutschlands Ganztagsschulen nicht eben leichter.    

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 22.06.2004
© www.ganztagsschulen.org

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