Das Problem ist sattsam bekannt: "Unsere Kinder essen zu viel fettreiche Lebensmittel und bewegen sich zu wenig", konstatierte Bundesverbraucherministerin Renate Künast. Anfang Juni kündigte die Ministerin eine Initiative zur Bekämpfung von Fettleibigkeit unter Kindern an. Besonders Kinder aus Migranten- und sozial schwachen Familien seien betroffen. Viele litten an chronischen Krankheiten und sozialer Isolation. Die Behandlung von ernährungsbedingten Krankheiten koste jährlich 71 Milliarden Euro. Innerhalb dieser Initiative sollten Schulküchen, kostenlose Ernährungsberatung für Schulen oder auch die Einbindung des Themas Ernährung in den Sportübungsleiterschein gefördert werden. Darüber hinaus sollten Kinder in der Schule etwas über die Zubereitung von Speisen lernen.
Für Holger Pfefferle von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist dies der einzig wirklich erfolgversprechende Weg, Kinder Kultur des Zuhörens fördern zu einer anderen Ernährungsweise zu bringen. "Mit der Ernährungslehre muss man schon sehr früh beginnen", erklärt der Betreuer des Projekts "Verpflegung in Ganztagsschulen", einer Aktion im Rahmen der Kampagne "Kinder leicht - besser essen, mehr bewegen", die vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird.
"Unser Ziel ist es, die Verpflegungssysteme an Schulen zu verbessern oder bei deren Auswahl zu helfen, bei Neueinrichtungen von Küchen zu beraten, bestehende Systeme zu optimieren und bei der Gestaltung der Speisepläne zu helfen." Seit Oktober sind Pfefferles Schätzung nach bundesweit rund 100 Beratungen durchgeführt worden. Die Beratungen werden durch Honorarkräfte geleistet. Dazu geben DGE-Referenten Fortbildungen und veranstalten Workshops. "Im März hatten wir in Bonn bei unserem ersten Workshop 100 Teilnehmer", so der Diplom-Ökotrophologe, "wir planen nun einen weiteren in Hamburg."
Riesige Wissensdefizite
Und die Nachfrage nach Informationen, Fortbildungen und Workshops wird noch zunehmen. "Im nächsten Schuljahr starten ja noch viel mehr Ganztagsschulen. Viele Schulen mussten ein Konzept vorlegen, das auch die Verpflegung einschloss, und standen dabei unter Zeitdruck", erläutert der Wissenschaftler. "Jetzt benötigen sie Beratung. Die Wissensdefizite bei Lehrern hinsichtlich Ernährung sind ja noch riesig - bisher mussten sie sich ja mit Dingen wie Lebensmittelhygiene überhaupt nicht auseinandersetzen. Es wird deshalb große Lehrerfortbildungen mit 300 und 400 Teilnehmern geben."
Nicht ganz zufällig begann das Projekt "Verpflegung in Ganztagsschulen" im Oktober 2003 nach der Startkonferenz zum Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung". Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sah die Chance, sich in den neu entstehenden Ganztagsschulen für gesunde Ernährungsweise bei den Schülerinnen und Schülern einzusetzen. "Wir haben einen Antrag beim Verbraucherschutzministerium gestellt, unser Projekt zu unterstützen", berichtet Pfefferle.
Bisher lässt sich in den Ganztagsschulen noch kein Trend ausmachen, welches Verpflegungssystem sich durchsetzen wird. "Das ist von Schule zu Schule unterschiedlich, weshalb man auch für jede Schule individuelle Lösungsvorschläge machen muss", so Pfefferle. "Wünschenswert wäre es natürlich, wenn in jeder Schule zumindest in Ergänzung zur Anlieferung von Catereren selbst gekocht würde, aber das ist vielfach nicht leistbar. Aber in Berlin zum Beispiel werden Caféterien häufig in Unterstützung von Eltern organisiert."
Knick im 7. Schuljahr
Eine Tendenz zeichnet sich laut Pfefferle allerdings ab: "Eine der häufigsten Fragen, mit denen wir konfrontiert werden: Wie kann man die Jugendlichen dazu bringen, auch in der Schule zu essen? Im 7. Schuljahr kommt oft der große Knick, wo viele Schülerinnen und Schüler abspringen und sich selbst verpflegen." Nicht unbedingt immer gesund. Wichtig sei es daher, bei den Beratungen, wie man die Verpflegung organisiert und welche Speisen ankommen, Schüler mit einbeziehe, um das Risiko, dass das Angebot abgelehnt wird, zu minimieren. "Sich das Essen im Voraus bezahlen zu lassen, gewährleistet jedenfalls nicht, dass die Schüler auch wirklich daran teilnehmen", versichert Pfefferle."Etwa ab dem 10. Lebensjahr wird es schwierig, das Essverhalten von Kindern noch zu ändern", meint Dr. Margret Büning-Fesel vom aid infodienste Verbraucherschutz - Ernährung - Landwirtschaft in Bonn. Die Ökotrophologin sieht daher in den Ganztagsschulen eine "neue Chance", bei den Kindern neben Verhaltensprävention in den ersten Lebensjahren zumindest noch Verhältnisprävention anzubringen, also dem bereits eingeschliffene Verhalten eine neue Richtung zu geben.
"Es gibt zwei große Defizite im Ernährungsbereich bei Kindern und Jugendlichen", erläutert die Wissenschaftlerin. "Erstens wissen im Zeitalter der Fertigkost viele nicht, wie normale Lebensmittel überhaupt aussehen und wie man daraus ein Essen zubereitet. Zweitens ist das Gefühl für eine Mahlzeitenstruktur und dafür, was zu einer vollwertigen Mahlzeit gehört, völlig verloren gegangen." Gemeinsames Kochen und gemeinsame Mahlzeiten in Ganztagsschulen könnten gegen beide Defizite angehen, wobei die Hauptverantwortung natürlich weiterhin im Elternhaus verbleibe. "Die Ganztagsschulen können nicht alles geraderücken, aber sie müssen den Kindern zumindest optimale Angebote im Ernährungsbereich machen."
Gemüsebeete statt Computerkurse
Das gelte auch für den anderen Bereich, der Übergewicht verschulde: Die mangelnde Bewegung. "Die Ganztagsschulen müssen auch bedenken, dass am Nachmittag nicht nur Computerkurse angeboten werden, wo die Schüler dann doch nur wieder vor den Bildschirmen hocken, sondern dass sie auch Sportangebote machen. Optimal läuft das in den USA, wo die Schüler jeden Tag irgendeine sportliche Aktivität ausüben. Eine gute Verbindung zwischen Ernährung und Bewegung könnte zum Beispiel das Anlegen von Gemüsebeeten sein", meint Dr. Büning-Fesel.
Auf die Idee, Ernährung und Sport zu verbinden, sind auch schon der Landessportbund Nordrhein-Westfalen und die Firma apetito gekommen. "Die Verbindung einer gesunden, altersgerechten Ernährung mit einem attraktiven Sport- und Bewegungsprogramm kann ein Qualitätsmerkmal für Ganztagsschulen sein und Kindern und Jugendlichen eine solide Basis verschaffen, um sich fit zu halten und rundum wohl zu fühlen", heißt es in einer Verlautbarung des LSB. Mit dem Caterer hat der Sportbund eine Rahmenvereinbarung getroffen, so dass beide ihre Dienste den Ganztagsschulen nun quasi im Paket anbieten - die Schulen engagieren einen Kooperationspartner und erhalten zugleich die Mittagsversorgung.
Klassenzimmer auf dem Bauernhof
Das Essen muss aber nicht immer nur in die Schulen kommen, die Schulen können auch mal zum Essen reisen - auf Bauernhöfe, wo die Schülerinnen und Schüler die zukünftige Nahrung ganz unmittelbar kennenlernen und einen Bezug dazu entwickeln. Der aid infodienst verbreitet Arbeitsblätter und ein Vorbereitungsheft zum Thema "Abenteuer Bauernhof". In Baden-Württemberg organisiert "Schüler auf dem Bauernhof", ein Kooperationsprojekt von Schule und Jugendarbeit, solche Ausflüge und auch Lehrerfortbildungen. Ebenfalls in Baden-Württemberg ermöglicht das Projekt "Klassenzimmer Bauerhof" Schulbesuche in der Landwirtschaft. Hier ist der Bauernverband Schwäbisch Hall-Hohenlohe der Träger.
Vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft stammt die Initiative "Lernen auf dem Bauernhof", die von der Justus Liebig-Universität Gießen wissenschaftlich begleitet wird. Dem Ministerium zufolge bilden Schule und Bauernhof eine gute Kombination: "Kindern und Jugendlichen wird so die Möglichkeit geboten, zu bewussten Verbraucherinnen und Verbrauchern heranzuwachsen." Womit auch der Präventionsgedanke angesichts der 71 Milliarden Euro Gesundheitskosten wieder ins Spiel kommt.
Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und dem aid infodienst wird das Ministerium neben diesem bundesweiten Angebot eine Hilfestellung auch gezielt für Ganztagsschulen anbieten. "Wir haben eine Absprache mit dem Ministerium, dass unser erfolgreicher Ordner 'Essen und Trinken in der Schule' neuen Ganztagsschulen kostenlos zur Verfügung gestellt", kündigt Dr. Büning-Fesel an.
Erfolgreich ist auch das Theaterstück "Pappe satt!", das der aid mit der Comic On! Theaterproduktion Köln veranstaltet. Vier Schauspieler sind mit dem 50 Minuten langen Kinder-Musical zum Thema Übergewicht auf Tour und machen Station in Schulen und Jugendzentren. Auf unkomplizierte Weise regt das Stück die Kinder zur bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Ess- und Freizeitverhalten an. Adressaten sind Grundschülerinnen und -schüler - denn mit der Prävention kann man wie gesagt nicht früh genug anfangen.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 18.06.2004
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