15. JUNI 2004

"Qualität statt Quantität"

In jedem Bundesland ist die Situation hinsichtlich der Ganztagsschulen unterschiedlich, und in jedem Land bewegt sich die Bildungslandschaft. So auch in Hessen, wo Lehrerinnen und Lehrer auf der Ganztagsschultagung des Hessischen Landesinstituts für Pädagogik ein "Roll back" in der Ganztagsschulpolitik beklagt hatten. Helga Artelt und Horst Kuhley vom Landesinstitut berichten im Interview über die aktuelle Situation und die Rolle des Instituts als Berater von Ganztagsschulen.

Online-Redaktion: Herr Kuhley, seit wann befasst sich das Hessische Landesinstitut mit Ganztagsschulen?

Kuhley: Mit einem gewissen Vorlauf seit eineinhalb Jahren, als wir Konzeptionen erstellt haben. De facto begann die Arbeit dann im letzten Sommer, als wir die Kollegin Artelt und weitere Kolleginnen und Kollegen dafür gewinnen konnten. Inzwischen sind wir froh, schon recht weit gekommen zu sein: Wir können den neuen Ganztagsschulen eine gewisse Unterstützung geben. In diesem Jahr sind ca. 60 neue hinzugekommen, wobei man einschränken muss, dass es sich dabei vor allem um Schulen mit der so genannten Pädagogischen Mittagsbetreuung handelt. Dort werden nur bis zu drei Nachmittage angeboten, das heißt, dort gibt es nach einer Mittagspause mit Mittagessen eine Betreuung in irgendeiner Form.

Online-Redaktion: Frau Artelt, haben Sie mit Ihrer Arbeit antizyklisch begonnen? In Hessen klagen die Pädagogen momentan, Ganztagsschulen würden auf der Agenda nach hinten rutschen.

Artelt: In Hessen gibt es ganz unterschiedliche Ganztagsschultraditionen. Es gibt Schulen, die schon lange gebundene Ganztagsschulen sind, wo an jedem Tag bis 16 Uhr ein Angebot besteht. Dann gibt es Schulen, die an drei Tagen ein ganztägiges Angebot machen, und die bereits erwähnten mit der Pädagogischen Mittagsbetreuung. Diese Schulen bekommen in der Regel eine halbe bis ganze Stelle zusätzlich bewilligt und arbeiten mit Jugendhilfe-Einrichtungen und Vereinen zusammen. Und gerade aus solchen Schulen kommt der Unmut. Dort möchte man gerne mit "richtiger" Ganztagsschule anfangen, hat sich beim Ministerium mit einem Konzept beworben, will etwas erreichen - aber es fehlen die Ressourcen. Es gibt nur ganz wenige Lehrerstellen, und mit dem vorhandenen Geld kann man über Honorarverträge auch nur wenige Angebote abdecken. Daraufhin haben einige Schulen Erweiterungsanträge gestellt, die nicht genehmigt worden sind. Daher sind jetzt einige Kolleginnen und Kollegen frustriert.

Bei uns setzt das Ministerium zurzeit eher auf Fläche als auf Tiefe. Im Vordergrund steht, ganz Hessen ganztagsschulmäßig abzudecken, um es jedem hessischen Kind zu ermöglichen, in eine solche Einrichtung zu kommen, statt "richtige" Ganztagsschulen an wenigen Punkten zu errichten. Daher wurde diese Sparvariante gewählt.

Online-Redaktion: Wie lange betreut denn eine Ganztagsschule mit pädagogischer Mittagsbetreuung am Tag?

Artelt: Theoretisch könnte es Angebote an drei Tagen bis 16 Uhr geben, wenn entsprechende Kooperationspartner vorhanden sind. Mit kleinen Trägern ist das nicht zu machen. Wir haben gerade Gespräche mit den Kirchen und der Landessportjugend geführt, und selbst die haben Probleme, Kooperationen mitzufinanzieren. Wenn man es schafft, kann eine solche Schule wie eine "richtige" Ganztagsschule aussehen. Bei der Pädagogischen Mittagsbetreuung ist es indes sehr schwer - obwohl das Ministerium das zu Recht verlangt - die Verbindung zwischen Vormittag und Nachmittag zu gewährleisten. Falls ich zum Beispiel am Nachmittag einen Verein engagiere, von meiner Schule aber nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer habe, die dann auch Angebote machen können, ist es schwierig, diese Verbindung hinzukriegen.

Online-Redaktion: Was schätzen Sie, wie viele Ganztagsschulen es derzeit in Hessen gibt?

Kuhley: Wenn wir die Schulen mit Pädagogischer Mittagsbetreuung dazurechnen, wie das die hessische Landesregierung tut, sind es etwa 250 Schulen. Ab August kommen 61 weitere hinzu. Dann nähern wir uns von der Zahl her schon einer flächendeckenden Präsenz im ganzen Bundesland.

Online-Redaktion: Die 61 neuen Ganztagsschulen sind dann auch des Typs mit Pädagogischer Mittagsbetreuung?

Kuhley: Ja, bis auf wenige Ausnahmen: Acht Sonderschulen sind in gebundener Form genehmigt worden.

Online-Redaktion: War das Ganztagsschulprogramm in Hessen mal umfangreicher angelegt?

Artelt: Nein. Lediglich die meist schon seit den sechziger Jahren existierenden wenigen "alten" Ganztagsschulen waren relativ gut ausgestattet. Eine Erweiterung des Ganztagsangebots gab es lange nicht. Deshalb bin ich auch als Vorstandsmitglied des Ganztagsschulverbandes Hessen froh, dass es das Programm überhaupt gibt. Insofern begrüßen wir das von der hessischen Landesregierung neu initiierte "Ganztagsprogramm nach Maß". Allerdings kritisieren wir die Form, in der es ausgestaltet wird, weil wir glauben, dass man nicht einfach nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität achten muss.

Es hat eine Ganztagsschulkommission gegeben, wo Qualitätsmerkmale festgelegt wurden. Mit den Ressourcen, die momentan zur Verfügung gestellt werden, kann man die Umsetzung dieser Qualitätsmerkmale aber gar nicht garantieren.

Kuhley: Nach einer langen Periode des Stillstands bei der Ganztagsschulentwicklung war es schon ein Schritt, dass diese Ganztagsschulkommission eingerichtet und ein dreistufiges Konzept für Ganztagsschulen im Konsens vieler gesellschaftlicher Gruppen beschlossen wurde. Das Konzept sieht drei Ganztagsschultypen vor: Die offene und die gebundene Form sowie die Pädagogische Mittagsbetreuung. Diese Formen sollen auch nach und nach eingerichtet werden. Es gibt eine Richtlinie und wahrscheinlich demnächst auch eine Gesetzesformulierung, die voraussichtlich zum 1. August 2005 in Kraft treten - die Grundlage ist also da. Es ist nur die Frage, ob auch kontinuierlich Ressourcen bereitgestellt werden, damit neben den Sparvarianten auch neue Schulen in gebundener Form eingerichtet werden, die mit der Verzahnung von Vormittags- und Nachmittagsunterricht ernstmachen und die Kinder nicht nur gut aufbewahren, sondern auch gut fördern.

Online-Redaktion: Wie sieht es denn auf der Nachfrageseite aus? Zeigen Eltern an Orten, wo Ganztagsschulen vorhanden sind, Interesse, ihre Kinder dort anzumelden?

Artelt: Ja, die Nachfrage ist groß. Ich glaube auch, dass sie zunehmen wird. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre, die in Hessen beschlossen worden ist, führt beispielsweise zu einem Schub für die Ganztagsschulen. Eine ganze Reihe Gymnasien haben bereits den Antrag gestellt, auch solche, an denen bisher nie auch nur an Ganztagsschule gedacht worden war. Ganztagsgymnasien dürften bald zur normalen Schullandschaft gehören.

Online-Redaktion: Die Ganztagsschuldiskussion scheint in Hessen weniger ideologisch aufgeladen als von den Finanzen bestimmt.

Artelt: Auseinandersetzungen wie zum Beispiel in Bayern hatten wir hier nicht. Zudem haben sich bei uns Arbeitgeberverbände und die Industrie- und Handelskammern für die Ganztagsschule ausgesprochen, was die Landesregierung nicht außer Acht lassen konnte.

Kuhley: Unsere Landesregierung fördert Ganztagsschulen. Über das Ausmaß kann man geteilter Meinung sein. Die Perspektive, dass aus den Sparvarianten mal mehr wird, sollte aber gegeben sein, sonst wird die Motivation bald sinken, sich auf den Weg zu einer Ganztagsschule zu machen.

Online-Redaktion: Wie sieht denn die Begleitung auf diesem Weg durch ihr Institut aus?

Artelt: Leider ist unsere Arbeitsgruppe nicht so üppig ausgestattet. Uns stehen 1,37 Stellen für dieses Projekt zur Verfügung, die auf vier Kolleginnen aufgeteilt sind. Wenn man das auf die rund 250 Ganztagsschulen hochrechnet, reicht es dann für maximal ein Telefonat im Monat. Das kann es ja nicht sein. Wir mussten also einen Schwerpunkt in unserer Arbeit setzen. Wir leisten eine schulische Beratung und reagieren auf Anfragen, ansonsten haben wir uns auf regionale Vernetzung in Form von Regionaltagungen konzentriert. Dorthin haben wir alte und neue Ganztagsschulen eingeladen, um Tandems zusammenzubringen, damit sich diese Schulen untereinander helfen. Darüber hinaus bestücken wir einen Teil des Hessischen Bildungsservers im Internet.

Kuhley: Wir arbeiten vor allem auf Multiplikatoren und Netzwerke hin, denn mehr ist auf Grund unserer geringen Ressourcen nicht leistbar. Die Schulen jedenfalls nehmen unsere Angebote sehr gut an. Zu den Veranstaltungen im letzten Jahr konnten wir mehrere hundert Menschen begrüßen. Mit dem Verlauf des ersten Jahres sind wir also ganz zufrieden. Im Sommer werten wir die Ergebnisse aus und werden dann Entscheidungen treffen, wie wir unsere Ressourcen weiter einsetzen. Wir würden auch gerne etwas in Richtung Materialerstellung investieren können.

Bereits verabredet ist eine Kooperation mit dem Ministerium in Rheinland-Pfalz für zwei gemeinsame Veranstaltungen zum Thema Partizipation von Eltern und Schülern an den Ganztagsschulen. Dieses Projekt wird von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung unterstützt, und wenn es Schule machen würde, könnte man vielleicht den etwas anachronistischen Ländergegensatz in der Ganztagsschularbeit überwinden.

Online-Redaktion: Hat sich schon ein Schwerpunkt beim Beratungsbedarf der Schulen herauskristallisiert?

Kuhley: Ganz eindeutig. Die größte Sorge bei den Schulen besteht darin, beim Schließen von Verträgen in rechtliche Verstrickungen zu geraten. Das ist auch das heikelste Feld, weil da jeder Einzelfall anders ist und man keine pauschalen Lösungen finden kann. Selbst staatliche Schulämter mit ihren Juristen verfangen sich manchmal in den Fallstricken der ständig wechselnden Gesetzgebung. Das stört ein bisschen das Konzept "Geld statt Stellen", mit dem eine höhere Betreuungseffektivität durch viele kleine Werkverträge erreicht werden sollte.

Artelt: Das Ministerium hat jetzt zugesichert, in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium eine Broschüre zu diesem Thema zu erarbeiten.

Kuhley: Der zweite große Bereich betrifft die Organisation des Ganztags, die für die neuen Schulen immer ein Schreckgespenst darstellt. Plötzlich hat man Geld oder Stellen oder beides und muss ein Angebot machen, das auch attraktiv ist. Da schauen die Schulen oft voneinander ab, was an anderen Schulen läuft.

Online-Redaktion: Müssen sich die Schülerinnen und Schüler denn für einen bestimmten Zeitraum verpflichten, die Nachmittagsangebote wahrzunehmen?

Kuhley: Das wird von den Schulen sehr unterschiedlich gehandhabt. An manchen Schulen können sich die Schüler schon nach sechs Wochen entscheiden, ob sie zum Beispiel vom Volleyball zum Federball wechseln. Das kommt auf den jeweiligen Träger an.

Online-Redaktion: Was wünschen Sie sich hinsichtlich der weiteren Entwicklung in Hessen?

Kuhley: Ich hoffe, dass wir über die flächenmäßige Abdeckung, die gerade Priorität besitzt, zu einer qualitativen Ausgestaltung der Ganztagsschulen kommen und den Schulen so eine Perspektive geben. Es kann niemandem daran gelegen sein, dass die Schulen die Kinder und Jugendlichen nur aufbewahren, sondern sie müssen sie auch fördern und bilden können. Das geht nicht mit nur zwei Nachmittagen in der Woche oder einer Minimalbetreuung.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 15.06.2004
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.

Themenmappe