Der nationale Bildungsbericht informiert zum dritten Mal in konzentrierter Form umfassend über die gegenwärtige Situation im deutschen Bildungswesen. Der Bericht misst der ganztägigen Bildung und Betreuung eine große Bedeutung zu, um den Herausforderungen und Problemlagen des Bildungswesens gerecht zu werden. Der von den Ländern der Bundesrepublik Deutschland und dem BMBF geförderte Bericht "Bildung in Deutschland 2010" wurde am 17. Juni 2010 in Berlin vorgestellt.
Bildung ist die Zukunft, gewiss. Dass es sich lohnt, angesichts des demografischen Wandels konsequent in die Bildung zu investieren, verdeutlicht der dritte Bildungsbericht "Bildung in Deutschland 2010", der am 17. Juni 2010 auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wurde. Er wurde von einer unabhängigen Wissenschaftlergruppe unter Leitung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erarbeitet. Prof. Horst Weishaupt vom DIPF erklärte dazu: "Zentrale Ergebnisse lassen in vielerlei Hinsicht eine positive Entwicklung des Bildungswesens erkennen."
Horst Weishaupt fasste die wichtigsten Ergebnisse des Bildungsberichts 2010 zusammen. Der Wissenschaftler berichtete, dass die Quote der Schülerinnen und Schüler, die das Gymnasium besuchen, nennenswert gestiegen ist. Auch sei der Anteil der Schulabgänger ohne Schulabschluss gesunken, während der Anteil der Jugendlichen, die nach dem Schulabschluss zunächst keine Lehrstelle bekommen und in das Übergangssystem wechseln müssen, ebenfalls zurückging.
Demografischen Wandel zum Ausbau der Bildungsangebote nutzen
Über die aktuellen Entwicklungen hinaus fokussiert der Bildungsbericht die Bedeutung, die der demografische Wandel für das Bildungswesen hat. So betonte der Parlamentarische Staatssekretär des BMBF, Dr. Helge Braun: "Bildung muss weiter Priorität haben. Gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gehört die Weiterentwicklung des Bildungssystems zu den zentralen Zukunftsaufgaben."
Laut dem Bildungsbericht sinkt die Gesamtzahl der Bildungsteilnehmer bis 2025 um 15 Prozent. Dies bedeutet einen Rückgang der Schülerzahlen an allgemeinbildenden Schulen von 9 Mio. im Jahr 2008 auf 7,3 Mio. im Jahr 2025, also um 18,9 Prozent. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede zwischen den Ballungsräumen und Großstädten mit einer Zunahme und dem ländlichen Raum mit einer Abnahme an Bildungsteilnehmern.
Der amtierende Präsident der Kultusministerkonferenz und bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle griff dies auf: "Der demografische Wandel wirkt sich in den einzelnen Ländern unterschiedlich aus - je nach regionalen und standortspezifischen Gegebenheiten." Das föderale Bildungssystem ermögliche den Ländern, ihre gemeinsam entwickelten Leitlinien länderspezifisch auszugestalten.
"So haben die Länder bereits im März 2010 eine Förderstrategie für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler verabschiedet." Die niedersächsische Bildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka begrüßte, dass der Bildungsbericht eine "Langzeitbetrachtung" von Bildung in Deutschland ermögliche, die früher nicht möglich war. Sie plädierte dafür, in den nächsten Jahren den Bereich der musisch-kulturellen Bildung zu stärken.
Enge Verzahnung von Sozial- und Bildungspolitik
Nach Ansicht der rheinland-pfälzischen Bildungsministerin Doris Ahnen wirft der Bildungsbericht mit Bezug auf den demografischen Wandel zwei zentrale Fragen auf: diejenige nach der Finanzierung der Bildungsangebote und die nach ihrer inhaltlichen Gestaltung. So bedürfe es der Konzentration der Mittel auf die qualitative Verbesserung des Schulwesens sowie auf die Unterstützung von Schülerinnen und Schülern in Problemlagen.
Jedes dritte Kind unter 18 Jahren wachse unter sozialen und kulturellen Risikofaktoren auf, zeige der Bildungsbericht. Mit Blick auf alleinerziehende Eltern und Kinder aus sozial schwachen Familien meinte Doris Ahnen: "Die Sozialpolitik und Bildungspolitik muss in Zukunft viel enger verzahnt werden." Einen Erfolg gebe es nur, wenn die unterschiedlichen Politikbereiche bereit seien, gemeinsam zu handeln. "Wir müssen jedem Kind eine zweite oder dritte Chance geben."
Auch der Erziehungswissenschaftler Prof. Horst Weishaupt sah nennenswerte Herausforderungen und Problemlagen im Bildungswesen. Nach wie vor sei der Bildungserfolg abhängig von der sozialen Herkunft der Familien oder vom Migrationshintergrund. Dies drücke sich etwa darin aus, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund besonders häufig Förderschulen und Hauptschulen besuchten. Auch haben Jugendliche ohne allgemeinbildenden Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss große Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
Mit Blick auf die Verbindung von Sozial-, Gesundheits-, und Bildungspolitik führte Weishaupt aus: "Prekäre Lebensbedingungen führen dazu, dass Bildungsentscheidungen anders getroffen werden." Dies habe Folgen mit langfristigen Auswirkungen etwa für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen: "Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Armut und Entwicklungsdefiziten der Kinder."
Der Beitrag des IZBB zur Entwicklung der Bildungsangebote
Dass der Bildungsbericht der "Ganztägigen Bildung und Betreuung im Schulalter" einen eigenen Abschnitt widmet, verdeutlicht die Bedeutung, die die bundesweiten Ganztagsangebote haben. Dort heißt es: "An den Aufbau und Ausbau von Ganztagsangeboten richtet sich die Erwartung, die Rahmenbedingungen für schulisches und unterrichtsergänzendes Lernen gerade bei Kindern aus sozial schwachen Familien zu verbessern und auch die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zu verbessern."
Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Mehr als jede dritte Schule des Primar- und Sekundarbereichs I in Deutschland, sprich 42 Prozent, bieten demnach Ganztagsangebote an, wobei das Modell der offenen Ganztagsschule sich als dominierend erweist. Dabei ist insbesondere in den Grundschulen seit dem Jahr 2002 von rund 2000 auf mittlerweile rund 6000 eine Verdreifachung zu verzeichnen. Deutliche Zuwachsraten haben ferner die Hauptschulen, die Gymnasien sowie Schulen mit mehreren Bildungsgängen aufzuweisen.
Offene Ganztagsangebote erreichen Kinder in Problemlagen zu wenig
Im Vergleich der Schularten fällt auf, dass Schulen mit mehreren Bildungsgängen ihren prozentualen Anteil an Ganztagsangeboten auf 62 Prozent angehoben haben. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern, was den Anteil an Ganztagsangeboten bei Grund-, Förderschulen und Gymnasien anbelangt. Richtet man den Blick auf die Nutzung der Ganztagsangebote, fällt auf, dass diese in den neuen Ländern sowie in Berlin - wie zu erwarten - sehr hoch ausfällt.
Zwar ist seit dem Jahr 2002 - positiv betrachtet - eine Verdoppelung des Anteils von Schülerinnen und Schülern, die die Angebote nutzen, sichtbar, doch liegt die bundesweite Beteiligungsquote bei 24 Prozent: Lediglich in Baden-Württemberg und Hamburg gibt es ein relativ ausgeglichenes Verhältnis zwischen Angeboten und Nutzung. Der Autorengruppe des Bildungsberichts stellt sich hier die Frage, ob mit einem Angebot vornehmlich an offenen Ganztagsschulen "jene Schülerinnen und Schüler erreicht werden, die aufgrund ihrer familiären Lebenssituation besonderer Förderung bedürfen."
Zügige Entwicklungen schon innerhalb eines Schuljahres möglich
Dabei sollte die gute Nachricht nicht aus den Augen verloren werden, dass es bundesweit eine steigende Gesamtbetreuungsquote gibt, wonach im Schuljahr 2007/08 jedes vierte Grundschulkind Ganztagsangebote wahrgenommen hat, während dies im Schuljahr 2006/07 nur für jedes fünfte Kind galt. Immerhin belegen diese Zahlen deutlich, wie viel Bewegung bereits innerhalb eines Schuljahres möglich ist.
Allerdings stellt sich die Frage, welchen Erkenntniswert für die Theorie und Praxis der föderalen Bildung der Bildungsbericht eigentlich hat. Dazu ein Zitat aus dem Bildungsbericht: "Der Bericht ,Bildung in Deutschland' informiert in konzentrierter Form über die aktuelle Situation im deutschen Bildungswesen, über seine Leistungsfähigkeit und seine wichtigsten Problemlagen, über Bildungsprozesse im Lebenslauf und über die Entwicklung des deutschen Bildungswesens im internationalen Vergleich."
Dem Bildungsbericht liegt ein Bildungsverständnis zugrunde, zu dem drei zentrale Dimensionen gehören: die Fähigkeit des Individuums, seine Biografie selbstständig zu gestalten ("individuelle Regulationsfähigkeit"), der Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit sowie die Bereitstellung qualifizierter Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt ("Humanressourcen"). Ferner ist der Bildungsbericht von seinem Grundverständnis her eine "problemzentrierte Analyse von Bildung in Deutschland auf der Grundlage von Indikatoren und empirisch belastbaren Daten."
Analyse großer Entwicklungslinien
Mit anderen Worten: Der Bildungsbericht ist ein hervorragendes Instrument, um die großen Entwicklungslinien des deutschen Bildungswesens im Zeitverlauf zu erfassen. Dabei bietet der international vergleichende Blick einerseits und die Fokussierung auf Bildungsketten (die Übergänge und Schnittstellen im Bildungssystem) andererseits zusätzliche Erkenntnisse. Die besondere Perspektive des Bildungsberichts besteht darin, dass er die verschiedenen Bildungsbereiche systematisch und reflexiv im Zusammenhang betrachtet - und der Bildungspolitik sowie der Öffentlichkeit die Herausforderungen und den Handlungsbedarf vor Augen führt.
Der nationale Bildungsbericht erscheint alle zwei Jahre und wird von den Ländern der Bundesrepublik Deutschland und dem Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Der Bildungsbericht 2010 wurde von einer unabhängigen Forschergruppe unter der Leitung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI), dem Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen (SOFI), der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) sowie den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder vorgelegt.
Autor/in: Peer Zickgraf
Datum: 05.07.2010
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