Auf den ersten Blick ist das Kurfürst-Friedrich-Gymnasium (KFG) eine Schule, der vieles in den Schoss zu fallen scheint: öffentliche Aufmerksamkeit, schulische Innovationen, nationale und internationale Preise. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass die Erfolge der Lohn unermüdlicher Arbeit und eines außergewöhnlichen Engagements sind. Wie andere Gymnasien auch hat sich die Schule dem gesellschaftlichen Wandel und neuen Anforderungen gestellt.
Das Kurfürst-Friedrich-Gymnasium (KFG) in Heidelberg zählt wohl zu den traditionsreichsten Bildungseinrichtungen in Deutschland. Gegründet wurde die Schule im Jahr 1546 Jahr als Pädagogium, vor über 100 Jahren bezog die Schule ihren derzeitigen Standort in der Altstadt. Auf seinem Weg durch die Flure mit den runden Torbögen und den verzierten Treppenaufgänge, spürt der Besucher die historische Aura des denkmalgeschützten Gebäudes: Ein Hauch vom englischen College Eton umgibt die Schule, die von dem Architekten Josef Durm entworfen wurde, und rund 640 Schülerinnen und Schüler hat.
Erst wenn die lässig gekleideten Mädchen und Jungen durch die Flure strömen, wird deutlich, dass das KFG nicht einer jungen Nachwuchselite in Krawatte und Maßanzug vorbehalten ist. Die Schule lebt und sie ist jung - aber ist sie auch modern? Dass die im Stil der Neorenaissance erbaute Fassade des Gymnasiums zur Zeit renoviert wird, zeigt: Das Gymnasium am Ufer des Neckars möchte sich auch in Zukunft von seiner besten Seite präsentieren.
Das Humboldtsche Bildungsideal unter Druck
So renommiert das Gymnasium auch ist, steht es dennoch in einer zunehmenden Konkurrenz mit den anderen Gymnasien der Stadt, erläutert die stellvertretende Schulleiterin Jutta Reh: "Heidelberg hat vier staatliche und drei private Gymnasien, unsere Schullandschaft ist also gut bestückt." Dabei würden die privaten Gymnasien über einen Konkurrenzvorteil verfügen, da sie neue Schülerinnen und Schüler schon im Februar "abschöpfen", während die staatlichen Gymnasien erst Ende März die Neuaufnahmen vornehmen dürfen. Infolgedessen gebe es eine Stagnation und bald wohl einen Rückgang der Schülerzahlen.
Zusätzliche Herausforderungen für die Schule sind die klammen Kassen des Schulträgers, ständig neue Verordnungen aus dem Kultusministerium und nicht zuletzt die gestiegenen Erwartungen der Eltern. Es ist ein grauer, regnerischer Tag. Vor dem Gymnasium hat sich in der Pause eine Traube von Schülerinnen und Schülern gebildet. Im Gespräch mit ihnen bestätigt sich die These, dass das KFG wie die meisten Gymnasien heute unter starkem äußeren und inneren Druck steht: "Freizeit", so die Jugendlichen, werde "immer knapper", während der Unterricht und Hausaufgaben sie voll in Beschlag nehme.
Die Kraft der kulturellen Bildung
Obwohl das KFG seinen Schwerpunkt auf die klassische humanistische Erziehung legt, haben manche Jungen und Mädchen mit dem Humboldtschen Bildungsideal offenbar nicht viel am Hut. Das Abitur soll ihnen den Weg in den Beruf ebnen, wie ein Schüler unumwunden zugibt. Moderne, zukunftsfähige Schulen kennzeichnet, dass sie auf solche Anforderungen wie auch die Berufstätigkeit beider Elternteile mit einem ganztägigen Betreuungskonzept reagieren, und allem Wandel zum Trotz Orientierung geben und den Anspruch auf zweckfreie Bildung hochhalten.
So lernen alle Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums ab der fünften Klasse die Fremdsprachen Latein und Englisch und können zu Beginn der achten Klasse zwischen einem naturwissenschaftlichen Zweig und einer dritten Fremdsprache wählen, nämlich Altgriechisch oder Französisch. Modern ist das KFG auch deshalb, weil es neben der Förderung kognitiver Fähigkeiten auch der Kunst und insbesondere der Musik einen großen Stellenwert einräumt.
Die Mädchen und Jungen haben die Chance, sich im Orchester, Chor oder in der Big Band der Schule zu beteiligen. Erst jüngst errang der Kammerchor mit dem goldenen Diplom einen renommierten internationalen Preis in der Kategorie "Gemischte Jugendchöre". Selbstverständlich legt die Schule auch großen Wert auf die Entfaltung künstlerischer-kreativer Fähigkeiten, und wenn sie sich im Tüfteln mit der schuleigenen Modelleisenbahn ausdrückt.
Zeit ist knapp, aber Bildung braucht Zeit
Ebenso kennzeichnend für eine moderne Schule ist die Tatsache, dass sie sie sich nicht alleine auf die Beschäftigungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler ausrichtet: "Lasst euch nicht reduzieren auf das, was der Alltag euch an Fesseln anlegt", lautet das Antidot des Schulleiters. Obwohl die Schule Teil eines Systems sei, müsse man ihr Zeit lassen, zu experimentieren: "Das macht den Lehrerberuf so wertvoll." Das Mehr an Zeit hat das Gymnasium mit dem offenen Ganztag gewonnen. Ohne diesen und die Umwidmung der Räume für die entsprechenden Zwecke wäre das verkürzte G 8-Gymnasium den Schülerinnen und Schülern kaum zuzumuten gewesen, wie Michael Alperowitz zu bedenken gibt.
Das 100-jährige architektonische Erbe nutzen
Übrigens legten Architekten bereits vor Ende des 19. Jahrhunderts ihr Augenmerk auf das Wohlbefinden der Kinder im Schulgebäude. Die Schülerinnen und Schüler sollten in einer angenehmen Atmosphäre lernen. Dabei spielten auch gesundheitliche Aspekte eine wichtige Rolle, wie eine freie, luftige und hochwassergeschützte Lage, die ausreichende Entfernung von Gewerbebetrieben, günstige Sonneneinstrahlung und Beleuchtung oder Schallschutz durch einen breiten Vorgarten. Zudem gab es genaue Einrichtungsvorschriften für Klassenzimmer und Fachräume. Darüber hinaus sollten die damals besten technischen Möglichkeiten, etwa für die Heizungsanlage und die Entlüftung berücksichtigt werden.
Vor rund 100 Jahren waren die Gymnasien noch ganz auf komprimierten Unterricht am Vormittag ausgerichtet. Hieran orientierte sich auch das Raumkonzept der Schule. Mit diesem strukturell gegebenen räumlichen Bestand hatte sich auch das Team um die Schulleitung auseinander zu setzen, als es sich 2004 dazu entschied, den offenen Ganztag einzuführen und die hierfür erforderlichen Räume und Lerngelegenheiten bereitzustellen. Eine echte Herausforderung war dabei die Tatsache, dass das KFG auf vier voneinander separierte Gebäudeteile verteilt ist. Mit Hilfe von Mitteln aus dem IZBB wurde neben der umfangreichen Dachsanierung im Hauptgebäude das NAWI-Gebäude in der Spohienstraße modernisiert, die ungefähr fünf Minuten Fußweg entfernt liegt und dem naturwissenschaftlichen Unterricht dient.
"Horaz" und "Otto" und das Herz der Schule
Während die Mensa mit Cafeteria mangels Alternativen im Keller des alten Gebäudes unter eher provisorischen Bedingungen untergebracht wurde, entstand in der Sophienstraße eine naturwissenschaftliche Lernlandschaft, die den höchsten technischen Ansprüchen genügt. Die Naturwissenschaftlich-Technischen Räume (NWT) werden von Schülern ab Klasse 8 belegt. In den sechs jeweils gleichen Räumen, die mit Laptops ausgestattet sind, finden sie beinahe Bedingungen wie an einer modernen Universität vor: "Als die Schülerinnen und Schüler hier das erste Mal hereinkamen, waren sie richtig begeistert", berichtet Jutta Reh.
Der naturwissenschaftliche Schwerpunkt kommt am KFG mit fünf Wochenstunden deutlich zum Ausdruck. Kein Wunder, dass die Schülerinnen und Schüler des KFG sich bei der Chemie-Olympiade in Deutschland regelmäßig unter die besten einreihen. Dass es allerdings nicht nur darum geht, nobelpreisverdächtige Forscher hervorzubringen, verdeutlicht die Existenz von "Horaz" und "Otto". Die Namen, die wiederum Modernität und Tradition evozieren, stehen für zwei echte Schlangen, die von den Schülerinnen und Schülern wie zwei Maskottchen im Rahmen einer AG Aquarium/Terrarium umhegt werden. Auch das Motto des KFG zeigt, worum es der Schule geht: "Eine moderne Schule mit Tradition."
Vom Experiment zur Innovation
Ein zentrales Erfolgsgeheimnis des KFG liegt laut Jutta Reh darin, dass es den Freiraum gibt, für rund 25 Prozent des Unterrichts eigene Schwerpunkte zu setzen. Freiraum kommt vom Raum, das heißt es braucht inhaltliche Freiheiten (Curriculum) und äußere Raumgelegenheiten. Die neu hinzugewonnenen Freiräume nutzt das KFG für seine explizite Methoden- und Projektorientierung, die eine moderne Schule ja im Kern mit ausmachen. Wie zum Beleg der positiven Wirkung wurden im März 2010 18 Schülerinnen und Schüler des KFG als Bundessieger des Wettbewerbs "Jugend denkt Zukunft" ausgezeichnet.
Ein weiteres Erfolgskriterium ist die Öffnung der Schule. Sie wird am Beispiel eines Pilotprojektes zum Thema "Menschenwürde" offenkundig. In den Jahren 2006 bis 2008 fanden sich vier Gymnasien (KFG, Lessing-Gymnasium Mannheim, Bach-Gymnasium Mannheim, Bismarck-Gymnasium) zum Thema "Die Würde des Menschen ist unantastbar" zusammen. An dem von der Robert-Bosch-Stiftung finanzierten Schulprojekt beteiligten sich mit Prof. Wolfgang U. Eckart vom Klinikum der Universität Heidelberg, dem Theologen Prof. Wilfried Härle sowie dem Humangenetiker Prof. Claus R. Bartram Wissenschaftler unter der interdisziplinären Fragestellung, welche Bedeutung der erste Paragraph des Grundgesetzes für die Jugendlichen hat. Gefragt wurde: Wie gehen die Jugendlichen mit den ethischen Problemen Sterbehilfe, Spätabtreibung oder pränatale Diagnostik um und welche überzeugenden Antworten können die Forschungsinstitute geben? Das Projekt öffnete sowohl für die Gymnasien wie für die Universität neue Horizonte.

Prinzip Selbstverantwortlichkeit
Lernen zu lernen, darum geht es und wenn die Schülerinnen und Schüler mehr Verantwortung für die eigene Lernbiographie übernehmen, werden auch die Lehrkräfte entlastet. Überhaupt durchzieht eine Mischung aus Leistungsprinzip und offener Lernsituation die Schule wie ein roter Faden. So werden beispielsweise Schülerinnen und Schüler, die als hoch begabt gelten, in vielen persönlichen Gesprächen mit den Lehrkräften ermutigt, sich in schulischen und außerschulischen Angelegenheiten selbstverantwortlich einzubringen. Sie gestalten sogar den Unterricht mit, ohne dass dabei etwa die Notenvergabe im Zentrum stünde. Das entsprechende Förderkonzept für Hochbegabte firmiert unter der Bezeichnung "Heidelberger Modell". Wünschenswert wäre es sicherlich, wenn dieser innovative Reformansatz mehr oder besser: allen Schülerinnen und Schülern zugute käme. Humboldt wäre vermutlich der erste, der dieser Leistung Lob zollen würde.
Autor/in: Peer Zickgraf
Datum: 31.05.2010
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