9. APRIL 2010

Serviceagentur Sachsen-Anhalt: Die Mutmacher

Eine wertschätzende Atmosphäre, Ermutigung und Praxisbezug kennzeichnen die Fortbildungen der Serviceagentur Sachsen-Anhalt, die daher stets überbucht sind. Die Pädagoginnen und Pädagoginnen schätzen es, wenn im Kaminzimmer der Agentur in Magdeburg die "kreativen Funken" fliegen. Ein Besuch bei Sylvia Ruge und ihrem Team lässt aber auch andere Facetten der Arbeit offenbar werden: Netzwerke, Einzelschulberatung und Hospitationen unterstützen die Schulentwicklung an den rund 100 Ganztagsschulen im Land.

Ein bisschen wirkt es, als liege die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Sachsen-Anhalt auf einer kleinen Insel - so wie der Häuserblock in der Straße Edithawinkel, in dem sie ihre Büros hat, zwischen drei Schnellstraßen herausragt. Doch die Hektik und der Lärm des Straßenverkehrs dringen nicht bis in den beeindruckenden Besprechungsraum der Serviceagentur. In dem großen, hellen Kaminzimmer einer ehemaligen Stadtvilla kann man in Ruhe und Konzentration an einer "positiven Schulentwicklung" im Land arbeiten, wie Agenturleiterin Sylvia Ruge meint.

"Dieses Kaminzimmer ist nicht die Stube der Kuschelpädagogik, sondern ein Ort, in dem höchst kompetent Angebote kommuniziert werden. Auf unseren Veranstaltungen herrscht stets eine Wärme, es fliegen die kreativen Funken, es knistert, und es funkt", so Sylvia Ruge. Diese besondere Atmosphäre sei ein Beispiel dafür, dass "wir kein Fortbildungsinstitut sind, sondern uns als Brückenbauer und Mutmacher verstehen". Viele Lehrerinnen und Lehrer kämen immer wieder gerne zu ihren Veranstaltungen, auch mit der Begründung: "Es macht Spaß bei Euch." Sylvia Ruge freut sich über solche Resonanz, welche sich auch in den Anmeldezahlen zu den Fortbildungen widerspiegelten.

Diese Wertschätzung der derzeit 108 Ganztagsschulen, davon 38 Grundschulen mit Hortangebot, haben sich Sylvia Ruge und ihr Team - Sabrina Mews, Antje Pechau, Bärbel Bark, Ute Moritz und René Köhler - seit der Startveranstaltung im Juni 2005 mit einer laut Antje Pechau "stimmigen Mischung aus Praxis und Theorie in unseren Angeboten" erarbeitet.

Netzwerkarbeit im Vordergrund

Sachsen-Anhalt investierte schon vor der Eröffnung der Serviceagentur in die Unterstützung von Ganztagsschulen. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg war mit einer wissenschaftlichen Begleitung, aber auch Unterstützung von Ganztagsschulen beauftragt worden: In den zwei Teilbereichen Inklusion und Organisationsentwicklung half die Universität rund zehn Ganztagsschulen beim Aufbau von Steuergruppen sowie dem Organisieren von Zukunftswerkstätten und Pädagogischen Tagen. "Die Landesregierung reizte es damals dann aber auch, an einem bundesweiten Programm wie "Ideen für mehr" teilzunehmen", berichtet Sylvia Ruge. "Das Kultusministerium wünschte sich von der Serviceagentur, die Schulentwicklung in den Fokus zu nehmen. Das Lernen sollte in den Ganztagsschulen nicht zu kurz kommen."

Sylvia Ruge machte sich daran, ein Konzept zu entwickeln, für das sie sich auch Anregungen vom Ganztagsschulverband holte. Die Pfeiler der Arbeit der Serviceagentur sollten in der Bildung regionaler Netzwerke sowie in fachlichen Inputs zu Themen wie Rhythmisierung, Steuerung, Unterrichtsmethoden und individueller Förderung und Berufsorientierung bestehen. Die Kulturwissenschaftlerin stellte diese Konzeption ihren damaligen Mitarbeitern, der Lehrerin Brigitte Wischeropp und dem Schulleiter Reinhard Fekl, vor, die es beide guthießen und weiterentwickelten.

Da die Nachmittagsangebote an den Ganztagsschulen in Sachsen-Anhalt von Lehrerinnen und Lehrern getragen werden, mussten sich die Themenangebote von Beginn an von denen der Serviceagenturen in anderen Bundesländern unterscheiden. Es ging also weniger um Fragen der Kooperation mit außerschulischen Partnern, Vertragsfragen oder um die Zusammenarbeit verschiedener pädagogischer Professionen als um die Herausforderung, wie Lehrerinnen und Lehrer am Nachmittag Angebote gestalten und wie man Schülerinnen und Schüler in offenen Ganztagsschulen motiviert, an diesen Arbeitsgemeinschaften teilzunehmen.

Zusammenarbeit mit dem Ganztagsschulverband

Sylvia Ruge kannte bereits aus ihrer Tätigkeit von 1998 bis 2003 im Programm "Schulsozialarbeit" des Kultus- und des Sozialministeriums etwa 65 Schulen, davon auch einige Ganztagsschulen. "Es gab damals schon viele Schulen wie die Sekundarschule Johannes Gutenberg in Wolmirstedt, die Sekundarschule Friedrichstadt in Wittenberg oder die Astrid-Lindgren-Schule in Stendal, die wussten, dass sie mit einer ganztägigen Bildung mehr ermöglichen konnten", erinnert sich die Agenturleiterin.

Im Juni 2005 stellte sich die Serviceagentur Sachsen-Anhalt auf einer zweitägigen Veranstaltung mit vielen Workshops in der Jugendbildungsstätte Schloss Peseckendorf vor. Die Einladung erfolgte in Kooperation mit dem Ganztagsschulverband, der bereits gute Kontakte zu den Ganztagsschulen besaß, was die Agentur nutzen konnte. "Die Veranstaltung stieß auf große Resonanz und verlief in sehr guter Atmosphäre. Seitdem arbeiten wir immer wieder gemeinsam mit dem Verband zusammen", erläutert Sylvia Ruge.

2006 stieß die Agentur dann Netzwerke in den Räumen Magdeburg, Halle, Dessau, im Harz sowie das Grundschulnetzwerk Nord an: Das Agenturteam lud Schulleitungen und Lehrkräfte zu Netzwerktreffen ein, um die Bedarfe von Ganztagsschulen zu klären. Mit dem Grundschulnetzwerk Nord sah man sich viele Grundschulen, auch in Berlin, an. Die Resonanz auf die Treffen war sehr hoch, allerdings gelang es nicht, die Netzwerke auf eigene Füße zu stellen. Sylvia Ruge erklärt sich dies so: "Den Schulen fehlen manchmal die Ressourcen, sich um die Organisation solcher Treffen zu kümmern."

Fortbildungen mit hoher Akzeptanz

Dennoch war allein dieser Anstoß ein großer Gewinn für die beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen. "Ich hatte bereits in meiner Tätigkeit in anderen Programmen erfahren, dass Schulen kaum voneinander wussten. Die Netzwerkarbeit ermöglichte ein gutes Kennenlernen in großer Offenheit. In der Folge entwickelte sich ein sehr produktiver, kontinuierlicher Erfahrungsaustausch", berichtet Sylvia Ruge.

Inzwischen organisiert die Serviceagentur seit 2009 thematische statt regionaler Netzwerke: Ein Netzwerk von Ganztagsschulen tauscht sich über Unterrichtsentwicklung und Steuerungsprozesse im Ganztag aus und stellt sich gegenseitig seine gute Schulpraxis vor. Die Serviceagentur unterstützt die Netzwerke mit Fortbildungen zu Themen wie Binnendifferenzierung - im Unterricht, schulischer Eingangsphase und jahrgangsübergreifendem Unterricht -, vermittelt den Lehrerinnen und Lehrern aber auch, wie sie selbst Fortbildungen entwickeln und durchführen können. "Die Evaluation dieser Fortbildungen hat einen sehr hohen Wirkungsgrad aufgezeigt, was das Kultusministerium sehr spannend fand. Daher werden diese Fortbildungen jetzt beim Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) angesiedelt", berichtet Sylvia Ruge.

Einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit der Agentur bildet neben der Netzwerkarbeit die Organisation von Tagungen, die auf ein immenses Interesse stoßen. "Wir müssen immer Teilnahmewünsche ablehnen", verrät die Agenturleiterin. "Viele Teilnehmer haben mir gesagt, sie kämen zu uns, weil sie die Anregungen auch an ihrer Schule umsetzen können."

"Wir wissen, wo der Schuh drückt"

Ute Moritz, die als Lehrerin an zwei Tagen in der Serviceagentur mitarbeitet und diese 2007 als Tagungsteilnehmerin kennen gelernt hatte, unterstützt diese Wahrnehmung: "Ich habe in meinem 27 Jahre dauernden Berufsleben viele Fortbildungen mitgemacht - bei den Veranstaltungen der Serviceagentur konnte man sicher sein, immer konkret etwas für die Praxis mit in die Schule zu nehmen." Besonders wichtig sei aber die Stimmung: "Hier ist man gefragt in seinen Schwächen wie in seinen Stärken und fühlt sich in einer offenen Atmosphäre aufgehoben. Man muss nicht aus Angst oder Scham schweigen, wenn man auf bestimmten Feldern noch nicht so weit ist, sondern kann im Gegenteil seine Nöte loswerden."

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich zu den Fortbildungen anmelden, sind "veränderungsbegierig", wie Bärbel Bark es formuliert. Aber der Alltagstrott und das Überforderungsgefühl, als Lehrerin und Lehrer weit mehr leisten zu müssen, als Zeit und Ausbildung es eigentlich ermöglichen, haben manche frustriert. "Wir kennen die Nöte der Kolleginnen und Kollegen und wissen, wo der Schuh drückt", erklärt Ute Moritz. "Aber wir halten uns nicht mit dem auf, was nicht läuft, sondern konzentrieren uns auf die Ziele, die wir erreichen wollen. Dabei steht innovatives Denken im Vordergrund." Die Serviceagentur ermutigt Lehrerinnen und Lehrer, sich auf den Weg zu machen, und diese Ziele zu verwirklichen: eine verstärkte individuelle Förderung, die Partizipation der Schülerinnen und Schülerinnen und Schüler im Unterricht oder die Einbeziehung von Eltern.

Ein heikles Thema ist bei allen Serviceagenturen die Beratung der Einzelschule. Sie erfordert Zeit und Engagement, die bei der oftmals dünnen Personaldecke nicht zu leisten sind. Auch im sachsen-anhaltischen Team konnte man aus diesem Grund zunächst nicht der Nachfrage aus den Ganztagsschulen begegnen. Doch dies hat sich im vergangenen Jahr geändert, als Antje Pechau einstieg. Nun haben die Schulen in der Serviceagentur eine Ansprechpartnerin aus der Praxis, die kontinuierlich zu erreichen ist.

Einzelschulberatung wird ausgebaut

"Eine Kultur der Beratung war in Sachsen-Anhalt nicht bekannt und ungewohnt, aber zu uns haben die Schulen mittlerweile ein großes Vertrauen", meint Sylvia Ruge. Im LISA gebe es bereits Schulentwicklungsmultiplikatoren - "aber nur weil es die gibt, heißt das noch lange nicht, dass die Schule diese auch kontaktieren. Dies muss erst mal erfahren und erprobt werden." So suchte man die Zusammenarbeit mit dem LISA, bildete die Schulentwicklungsmultiplikatoren noch unter dem Ganztagsschulaspekt weiter, wird künftig gemeinsam zu ersten Beratungen in die Schulen gehen, um dann mehr Ganztagsschulen unterstützen zu können. Offenbar mit Erfolg, denn laut Antje Pechau wollen inzwischen acht Schulen von der Agentur in der kontinuierlichen Schulentwicklung unterstützt werden.

Eine ebenfalls aktuelle Entwicklung ist die Durchführung einer Ringvorlesung "Das Einmaleins der Ganztagsschule" an der Martin-Luther-Universität im Wintersemester 2009/2010. Die Serviceagentur trat an die Universität mit der Idee heran, eine ausgewogene Mischung von Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis zur Ganztagsschulentwicklung anzubieten. Dies kam so gut an, dass die Serviceagentur über eine weitere Auflage an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg nachdenkt.

Derzeit werden in Sachsen-Anhalt neue, kompetenzorientierte Lehrpläne erprobt. Das Land sieht dazu zielgerichtete Maßnahmen zur Fortbildung, Beratung, Erprobung und die Entwicklung unterstützender Materialien vor. Die Serviceagentur reagiert darauf mit Fortbildungen. Ute Moritz beschreibt: "Wir sind durch die gerade in der Erprobung befindlichen Rahmenrichtlinien angehalten, nicht nur ergebnisorientiert zu unterrichten, sondern den Schülerinnen und Schülern Instrumente an die Hand zu geben, damit diese an ihren Kompetenzen arbeiten. Es geht um Lern-, Sprach-, Medien- und Problemlösekompetenzen, die von jedem Lehrer zu vermitteln und kontinuierlich einzuschätzen sind." Dieser ergebnis- und prozessorientierte Blick sei neu, deswegen sei es wichtig, die Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen, damit sie an einem Strang zögen. Gerade in der Teamarbeit liege sehr viel Potential, um in der Schule diesen Paradigmenwechsel zu bewältigen.

Gymnasien und Elternarbeit im Fokus

Das Agenturteam bezieht Impulse für seine Arbeit aus den Treffen der Serviceagenturen, die viermal im Jahr stattfinden und "hochproduktiv und sehr anregend" sind. "Was für Formate kann man anbieten? Wie zieht man ein Thema gut auf? Wo findet man Referenten?" sind Fragen, die auf diesen Treffen diskutiert und beantwortet werden. Daneben engagierte sich die Serviceagentur im länderübergreifenden Netzwerk "Integrierte Bildungslandschaften".

Neu hinzugekommen ist in diesem Zusammenhang das "Labor Lernkultur". Für Sachsen-Anhalt nimmt die Sekundarschule Wanzleben neben sieben anderen Ganztagsschulen aus sechs weiteren Bundesländern an diesem Programm teil und wird von der Serviceagentur begleitet. Hier geht es um das Kennenlernen anderer Arbeitsweisen, auch um Kompetenzerwerb der Lehrkräfte in gemeinsamer fächerübergreifender Arbeit, in der Medienkompetenz und um enge Verbindungen des Unterrichtes zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler.

In diesem Jahr möchte sich die Serviceagentur stärker den Gymnasien widmen. "Wir organisieren einen Fachtag Gymnasium und richten einen Arbeitskreis Ganztagsschulkoordination ein", verrät Sabrina Mews. "Wir sind sehr gespannt auf die Gymnasien, die den Wunsch geäußert hatten, einen eigenen kleinen Kreis zu bilden." Daneben bleibt die Elternbeteiligung im Fokus. "Auf zwei Veranstaltungen sollen Vorbehalte der Lehrkräfte, Eltern mit ins Boot zu nehmen, abgebaut werden", meint Bärbel Bark. "Wenn man sich öffnet, kann man mit Eltern sehr gut zusammen arbeiten und so zu einer positiven Schulentwicklung beitragen."

Die Lernkultur partizipativ zu verändern, Gestaltungsräume für Schülerinnen und Schüler sowie von Eltern auszuloten und auszubauen, soll ein Leitmotiv der Beratungs- und Fortbildungsarbeit der kommenden Jahre werden. "Dafür suchen wir derzeit gute Beispiele an Schulen", so Sylvia Ruge. "Qualität darf nicht nur theoretisch proklamiert, sondern soll  für Lehrkräfte erlebbar, vor Ort zu sehen, im Zusammenspiel mit Kindern und Jugendlichen zu spüren sein." Der Rote Faden in der Arbeit der Serviceagentur bleibt dabei das Mutmachen: "Es muss immer klar sein, dass eine Veränderung und eine Verbesserung möglich sind", bringt es die Serviceagenturleiterin auf den Punkt.

 

Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 09.04.2010
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Sylvia Ruge, Leiterin der Serviceagentur Sachsen-Anhalt

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