Es sind nicht nur rein pädagogische Gründe, die gegen das 45-Minuten-Häppchen-Lernen der Halbtagsschule sprechen. Auch die großen Fortschritte der Gehirnforschung in den letzten Jahren verändern den Blick auf den Lernprozess. Auf der Fachtagung "Ganztagsschule - Ganztagsbildung" in der Evangelischen Akademie Bad Boll berichtete Prof. Manfred Spitzer vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen des Universitätsklinikums Ulm über Prozesse nachhaltigen Lernens. "Lernen am Vormittag und Erlebnispädagogik am Nachmittag funktionieren nicht", resümierte der Wissenschaftler. Statt dessen gelte es, den Tag nach dem natürlichen Biorhythmus, der in Vier-Stunden-Zyklen verlaufe, zu strukturieren. "Es ist ineffektiv, gegen seinen eigenen Körperrhythmus zu leben", so Spitzer. Ebenso sei es ineffektiv, in schneller Abfolge hintereinander Neues zu lernen, da das Gelernte dann nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert werden könne.
Aus Sicht der Schulforschung unterstützte Prof. Heinz Günter Holtappels diese Perspektive. In seinem Vortrag "Ganztagsbildung in ganztägigen Schulen" unterstrich der Wissenschaftler die Notwendigkeit einer Rhythmisierung des Schultages durch Anregungen, Pausen und Rückzugsmöglichkeiten. Die Schulen müssten ein Raum der Begegnung werden, auch indem Eltern und externe Partner eingebunden würden. Für die verpflichtende Ganztagsschule sprächen die ansonsten gegebene Ausgrenzung von Schülergruppen, die Kontinuität in den Gruppen mit besserer individueller Förderung und sich daraus ergebender geringerer Leistungsstreuung. "Wir erreichen mehr über Förderdiagnostik als mit Hausaufgabenbetreuung", meinte Holtappels.
Keine Stigma-Schulen und Billiglösungen
"Nachhilfe gehört in die Schulen hinein", schloss sich Renate Hendricks, Vorsitzende des Landeselternrates NRW, in einer Stellungnahme an. Auch sie forderte eine engere Zusammenarbeit mit Eltern und Jugendhilfe und plädierte für die verpflichtende Ganztagsschule: "Es darf keine Selektion stattfinden." Auch notenfreies Lernen müsse möglich sein. "Noten sind eine fixe Idee der Deutschen", so Renate Hendricks.
Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft begrüßte Martina Schmerr das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung, bedauerte allerdings die Aufweichung des Ganztagsschulbegriffs. "Wir wollen keine geschönten Statistiken und additiven Billiglösungen", machte die Gewerkschafterin deutlich. Ganztagsschulen müssten verpflichtend sein, damit sie nicht den Ruf von "Stigma-Schulen" erwörben, als "Sonderschulen für Lernschwache oder Hochbegabte".
Etwas anders schätzte dies Klaus Hebborn in seiner Stellungnahme für den Deutschen Städtetag ein: "Angebotsschulen bewirken am Anfang eine größere Akzeptanz." Ganztagsschulen böten die Chance, Strukturen der Jugendhilfe und der Schule gemeinsam zu sehen und Bildung und Betreuung zu verknüpfen. Das IZBB gebe dabei "sehr gute Anstöße" auf kommunaler Ebene.
Der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, Stefan Appel, arbeitete in seinem Vortrag "Struktur- und Qualitätsmerkmale von Ganztagsschulen" die Lern- und Freizeitbedürfnisse von Schülerinnen und Schülern und den damit einhergehenden Raumbedarf heraus.
Falsche Schulkultur in falscher Schulstruktur
Prof. Dietmar Bolscho vom Institut für Didaktik der Sozialwissenschaft der Universität Hannover erörterte eine "Nachhaltige (Umwelt-)Bildung am Lernort Ganztagsschule als Exemplum für ganzheitliche Bildung". Der Begriff der Nachhaltigkeit eigne sich auch für den Unterricht an Ganztagsschulen, wo Schülerinnen und Schüler Probleme in allen ökonomischen, ökologischen und sozialen Facetten fächerübergreifend erfassen könnten. Neben der Interdisziplinarität seien das partizipative Lernen und innovative Strukturen erforderlich.
Einen breiteren Bogen spannte der Pädagoge Otto Herz in seinem Vortrag "Welche Pädagogik braucht die Zukunft?", in welchem er zu Beginn daran erinnerte, dass er bereits vor 35 Jahren an Ganztagsschuldiskussionen beteiligt gewesen sei, die dann so manche "Reformruine" gebracht hätten. "Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Erfahrungsdefizit, weil wir ein Handlungsdefizit haben", so Herz. "In Deutschland steckt die falsche Schulkultur seit 100 Jahren in der falschen Schulstruktur", stellte der Pädagoge weiter fest. "Kein Land selektiert so früh, was immer auch eine soziale Selektion ist." In Halbtagsschulen werde die "Mentalität des Absitzens bei gleichzeitigem interessierten Gucken" kultiviert.
Ganztagsschulen stünden dagegen für das Privileg, die "Faszination des Lernens zum Mittelpunkt zu machen" und Lernen als "attraktives Abenteuer" zu begreifen. Wenn sie sich als "Selbstlernzentren" mit Bibliotheken, Mediotheken und Projektverantwortung verstünden, förderten sie die Kreativität. Herz begrüßte den neuen Anlauf hin zur Ganztagsschule und das Investitionsprogramm des Bundes. Er betonte wie viele andere die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Partnern.
Jugendhilfe fühlt sich bedroht
Um Jugendhilfe drehte sich der dritte Tagungstag, und es zeigte sich, dass bei den Kooperationspartnern eine skeptische Zustimmung zu der Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen vorhanden ist. "Die Jugendhilfe fühlt sich bedroht, denn die Schule hat eine ganz andere Stabilität", erklärte Dr. Hans Rudolf Leu vom Deutschen Jugendinstitut. Äußerungen aus dem Plenum machten im Verlauf des Tages deutlich, dass diese Sorge tatsächlich besteht.
Gunda Voigts vom Deutschen Bundesjugendring brachte es in ihrer Stellungnahme auf den Punkt: "Wir befürworten das Einrichten von Ganztagsschulen, aber die Kinder- und Jugendbildung kann nicht nur im Zusammenhang mit Schule gesehen werden. Bildung fängt nicht am Schultor an und hört auch nicht dort auf." Die Grundprinzipien der Jugendarbeit wie Selbstorganisation und Freiwilligkeit und ein anderes Bildungsverständnis mit Lebenswelt-, Gruppen-, Erlebnis und Wertorientierung müssten auch in der Schule Eingang finden und sich in größerer Einbeziehung und Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler niederschlagen. Die Kooperation mit der Jugendhilfe könne nur unter Gleichberechtigten stattfinden.
Vor einer "Verstaatlichung des Bildungswesens" warnte Mike Cares vom Landeskuratorium Außerschulische Jugendbildung in Baden-Württemberg: "Es gibt keinen exklusiven Ort, wo Bildung stattfindet. Wir brauchen auch schulfreie Zeit." Momentan sei man von einer Gleichberechtigung der Jugendhilfe noch weit entfernt. Die Jugendarbeit müsse in Schulgremien eingebunden und in Reformkonzepte einbezogen werden. Zudem brauche man gemeinsame Qualifizierungen.
Kinder lernen auch außerhalb der Schule
In seinem Grundsatzbeitrag "Außerschulische Jugendbildung und ihr Beitrag zur Debatte um die Ganztagsbildung" formulierte Prof. Ulrich Deinet von Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf, die Kinder- und Jugendarbeit sei ein "interessanter, aber auch schwer kalkulierbarer" Kooperationspartner für Ganztagsschulen. Die Partner müssten bei der gemeinsamen Aufgabe ihre eigenständigen Profile bewahren können. Gemeinsame Projekte dürften dabei nicht nur in der Schule stattfinden, sonst laufe es auf "schulinterne Betreuungselemente" hinaus. "Kinder lernen auch im öffentlichen Raum. Die subjektive Aneignung der Welt hat nichts mit kognitiver Leistung zu tun."
Für Prof. Christoph-Hellmut Mahling vom Deutschen Musikrat und Ute Markl vom Deutschen Sportbund sind Ganztagsschulen mit einem "Ja, aber..." verbunden. Man erkenne die Chancen an, Musik und Sport fester im Schulleben zu verankern und zu fördern. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass der reguläre Musik- und Sportunterricht weiter beschnitten würde. "Es dürfen auch keine Ansprüche formuliert werden, die uns überfordern", so Markl.
Positiv äußerte sich Prof. Friedrich Schweizer vom Institut für Praktische Theologie an der Universität Tübingen. Aus Sicht der evangelischen Kirche seien Begegnungen mit Erwachsenen außerhalb der Schule sowie interkulturelles und interreligiöses Lernen, die durch zusätzliche Zeit an Ganztagsschulen ermöglicht würden, eine Bereicherung. "Ganztagsschulen sind mehr denn je auf neue Partnerschaften angewiesen", folgerte Schweizer.
Sich wohlfühlen und lernen
Neben den zahlreichen Debattenbeiträgen, Referaten und Stellungnahmen der verschiedenen gesellschaftlichen Repräsentanten bot die Tagung auch über 20 Arbeitsgruppen an, von denen die Teilnehmer zwei besuchen konnten. Die Themenvielfalt reichte dabei von der "Schulraumplanung" über die "Lehrerarbeitszeit" bis zur "Esskultur". Die Veranstalter hatten sich alle Mühe gegeben, sämtliche Facetten der Ganztagsschule und Ganztagsbildung zu beleuchten und hochkarätige Experten einzuladen. Bei aller Inspiration wurde das Plenum dabei an den Rand der Konzentration und Kondition gebracht - der fast unablässige "Frontalunterricht" forderte seinen Tribut.
Nichtsdestotrotz konnten die rund 150 Referenten und Teilnehmer durch die Gedankenanstöße und den Informationsaustausch untereinander neue Einsichten gewinnen. Als "wichtige und gelungene Veranstaltung" lobte Ulrich Rother, der stellvertretende Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, die Tagung.
Rother hielt die abschließende Rede, in der er das IZBB-Programm als "Boden, auf dem etwas wachsen kann", lobte. Es sei eine große Chance, und nun gelte es, "Bilder des Gelingens" auszumalen nach dem Motto: "Sich wohlfühlen und lernen."
Hier können Sie den ersten Teil unseres Berichtes über die Ganztagsschultagung in Bad Boll lesen.
Autor: Ralf Schmitt
Datum: 21.05.2004
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