19. FEBRUAR 2010

Netzwerk für Qualität: Serviceagentur Nordrhein-Westfalen

Im großen Flächenland Nordrhein-Westfalen setzt die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen auf Multiplikatoren und Vernetzung. Qualitätszirkel und regionale Ganztagsschulberater sorgen für das Weitertragen guter Ideen und dafür, dass das Rad von Schule zu Schule und von Kommune zu Kommune nicht immer wieder neu erfunden werden muss. Besonders hilfreich ist dabei das von der Agentur entwickelte und überarbeitete Evaluationskonzept "QUIGS 2.0 - Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen", das in diesem Jahr groß in die Fläche getragen wird.

In Nordrhein-Westfalen gibt es 2,1 Millionen Schülerinnen und Schüler, 190.000 Lehrerinnen und Lehrer und in diesem Schuljahr 4.113 Ganztagsschulen. Angesichts dieser Zahlen ist es kein Wunder, dass die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen bei ihrer Arbeit auf ein Multiplikatorensystem setzt, das in den vergangenen sechs Jahren auf- und ausgebaut worden ist. In einem so riesigen Flächenland können die 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Serviceagentur nicht überall präsent sein - "das ist von unserer Seite überhaupt nicht zu leisten", meint Uwe Schulz, Leiter der Serviceagentur.

Die Agentur ist auf die Arbeit mit Multiplikatoren, auf Vernetzung und die Arbeit von Qualitätszirkeln angewiesen, um auf mittlerer Ebene die Ideen und Impulse zum Beispiel durch Fortbildungen in die Regionen und Schulen zu tragen. Dieser Arbeit wird hohe Wertschätzung entgegen gebracht. Dr. Norbert Reichel, der Ganztagsschulreferent des Ministeriums für Schule und Weiterbildung, erklärte beispielsweise, er könne "die Unterstützung durch die Agentur gar nicht hoch genug loben".

Seit Februar 2007 schlägt das Herz der Ganztagsschulentwicklung in Münster, als Schul- und Generationenministerium nach der Schließung des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung in Soest die Serviceagentur unter dem Dach des Instituts für soziale Arbeit e.V. (ISA) ansiedelten. Uwe Schulz erläutert diesen Vorgang als sinnvolle Bündelung von Ressourcen: "Die Ministerien für Bildung und für Jugend haben hier verschiedene Spieler unter einem Dach zusammen gebracht: Die Arbeitsgruppe Ganztag vom Landesinstitut für Schule, das Verbundprojekt ,Lernen für den GanzTag', das mit einer halben Stelle am ISA angesiedelt war, zwei vom Jugendministerium geförderte Stellen im ISA sowie die wissenschaftliche Begleitung zur Ganztagsschule sind hier im Institut für soziale Arbeit integriert worden." Diese Konstellation ermögliche eine schnelle Verbindung von Theorie und Praxis.

Zahl der Qualitätszirkel steigt kontinuierlich

In der Zeit am Landesinstitut hatte die Serviceagentur nur ein Gesicht - das der ehemaligen Leiterin Sabine Wegener, die inzwischen als Hauptschulrektorin im sauerländischen Menden arbeitet. Ihr war damals bewusst, dass die Serviceagentur nur nachhaltige Wirkung im Riesenland erzielen würde, wenn sie auf Multiplikatoren setzen würde. So baute sie das INGA-Netzwerk auf. Dessen Berater und Unterstützer initiieren und begleiten auf Regierungsbezirksebene die innovativen Ganztagsangebote. Beschränkte sich ihre Beratertätigkeit zu Beginn nur auf den Primarbereich, decken die INGA-Netzwerker inzwischen analog zur Ganztagsschulentwicklung in Nordrhein-Westfalen sämtliche Schulformen ab.

Sabine Wegener stieß auch die Arbeit der Qualitätszirkel an, die bis heute zentrale Gremien in Nordrhein-Westfalen bei der Vernetzung und Qualitätssicherung von Ganztagsschulen geblieben sind. Hier begegnen sich seit 2005 Schulen, Schulaufsicht, kommunale Verwaltung und außerschulische Partner auf gleicher Augenhöhe, tauschen sich aus und bilden sich gemeinsam fort. "Es bestand damals ein hoher Informations- und Beratungsbedarf vor Ort", erinnert sich Silvia Szacknys-Kurhofer, stellvertretende Leiterin der Serviceagentur. Im Jahr 2005 starteten 28 geförderte Qualitätszirkel, in der zweiten Runde 2007 waren es dann 48, und 2009 ist die Zahl auf 63 gestiegen. "In der dritten Runde sind erstmals Schulen aus dem Sek I-Bereich dabei", erläutert Silvia Szacknys-Kurhofer.


 
Silvia Szacknys-Kurhofer (l.) und Uwe Schulz

Durch die Einführung der offenen Ganztagsschule ist  Uwe Schulz zufolge "unheimlich viel in Bewegung geraten": Auf kommunaler Ebene mussten sich zum Beispiel die Schulverwalter mit den Vertretern der Jugendhilfe treffen und gemeinsame Ausschusssitzungen abhalten.

Das Problem beim Start bestand laut Silvia Szacknys-Kurhofer darin, dass "kaum einer der unterschiedlichen Akteure in den Kommunen vom anderen wusste." Zunächst sei es in den Qualitätszirkel daher hauptsächlich darum gegangen, viele organisatorische Probleme zu lösen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten erst einmal eine gemeinsame Sprache finden, aber im Laufe der Zeit entstanden Beziehungen untereinander. Die Qualitätszirkel entwickelten gemeinsame Fortbildungsangebote für pädagogische Mitarbeiter und für die Lehrkräfte. Ein großes Thema ist dabei der Bereich der Hausaufgaben beziehungsweise die gemeinsame Konzeptentwicklung zur Gestaltung individueller Lernzeiten.

Inhaltliche Fragen rücken in den Mittelpunkt

Weitere wichtige Themen, die in den Zirkeln diskutiert werden, ist die Unterstützung von Kindern in schwierigen Lebenssituationen und die Verzahnung des Unterrichts mit den außerschulischen Angeboten. "Die offene Ganztagsschule steht als additive Schulform ja im Verdacht, diese Verzahnung nicht leisten zu können. Uns sind aber aus den Qualitätszirkeln und der wissenschaftlichen Begleitung schon Beispiele zu Ohren gekommen, die zeigen, dass es doch vielfältige Möglichkeiten gibt", berichtet Uwe Schulz.

Diese Bewegung von den organisatorischen zu den inhaltlichen Fragen spiegelt sich für den Serviceagenturleiter auch in den Anfragen an die Agentur wider. "Wir sind dann gefordert, zu Themen wie Rhythmisierung oder Lernzeiten Angebote zu machen und Referenten zu vermitteln", so der Soziologe.

Teilweise gab es in den Kommunen bereits Austauschrunden, die nun formal gegründet und von der Serviceagentur jährlich mit 1.500 Euro finanziell unterstützt wurden, was zum Beispiel erlaubte, einen Moderatoren oder Ersatzkräfte in den Schulen während gemeinsamer Fortbildung zu finanzieren. Heute ist die Förderung von der Länge des Bestehens abhängig: Die "Alteingesessenen" bekommen weniger als die "Neuankömmlinge". In vielen Kommunen haben sich inzwischen aber auch eigenständig Qualitätszirkel etabliert, die keine finanzielle Unterstützung beantragen.

Qualitätszirkel als Akteure zwischen Politik und Zivilgesellschaft

Zweimal jährlich organisiert die Serviceagentur regionale Treffen für die Qualitätszirkel auf Regierungsbezirksebene - besonders für die Agentur selbst sind dies wichtige Foren, auf denen sie sich ein Bild über den Bedarf in den Kommunen und Kreisen machen kann. Die Treffen finden in der Regel in Schulen statt, so dass sie sich auch mit einer Hospitation verbinden lassen.

Eine "spannende und sehr erfreuliche Entwicklung" ist für Uwe Schulz die Arbeit von Qualitätszirkeln, die ein kommunalpolitisches Mandat erhalten haben. "Der Rat einer Kommune beauftragt diese Runde, Impulse für die Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen zu geben, entsprechende Empfehlungen zu erarbeiten und dem Rat oder den Fachausschüssen vorzulegen. Möglicherweise erhält der Zirkel dafür zusätzliche Ressourcen. Dadurch erhöht sich der Stellenwert des Qualitätszirkels in der Kommune. Er wird zu einem übergreifenden Gremium, das zwischen Politik und Zivilgesellschaft steht und eine Aufgabe erhält, die für die Kinder und Jugendlichen von einiger Bedeutung ist."



Die Mitglieder der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen in Münster

Silvia Szacknys-Kurhofer merkt an: "Es ist uns nicht möglich, die Arbeit der Qualitätszirkel kontinuierlich zu begleiten, aber wir schieben sie auf Wunsch an." Bei der Begleitung kommen wiederum die INGA-Berater ins Spiel - sie sind ein Ansprechpartner für die Qualitätszirkel und das Bindeglied zur Serviceagentur. Die 20 INGA-Berater sind - idealerweise aus Ganztagsschulen kommende - Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulleiterinnen und Schulleiter, die sich freiwillig zur Verfügung stellen und durch die zuständigen Dezernenten der Bezirksregierung ernannt werden. Koordiniert wird die Arbeit der INGA-Berater von vier Mitarbeitern der Serviceagentur: Sie leisten Informationsweitergabe, fördern den Austausch der Berater untereinander, organisieren schulformübergreifende Fortbildungen zu Rechtsfragen oder zur Moderation.

Qualitätsanalyse durch QUIGS 2.0

Seit 2007 arbeiten die Qualitätszirkel mit dem Evaluationskonzept "QUIGS - Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen". Dies ist ein Kriterienkatalog, der keine Werte oder Qualitätsstandards vorgibt, sondern den Ganztagsschulen bei der Bestandsaufnahme und beim Avisieren neuer Ziele hilft. Es ermöglicht eine Selbstevaluation durch pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte, bietet einen Orientierungsrahmen und stellt Methoden und Instrumente als Arbeitsgrundlage zur Verfügung. Seit Oktober 2009 hat die Serviceagentur mit "QUIGS 2.0" eine überarbeitete und erweiterte Version vorgelegt, in die Rückmeldungen aus Schulen, Qualitätszirkeln und der Wissenschaft eingearbeitet wurden.

"'QUIGS 2.0' stärkt die Eigenverantwortlichkeit der Schulen und ihrer Partner", beschreibt Herbert Boßhammer von der Serviceagentur die Eigenschaften der Neuauflage. "Es ist ein intern und freiwillig anwendbares Instrument und ergänzt die Instrumente der Qualitätsanalyse vor allem für die Zeit zwischen den Terminen der externen Schulevaluation. Es kann als Gesamtwerkzeug oder in Auswahl genutzt werden."

Dieses Instrument ist von Boßhammer und seiner Kollegin Birgit Schröder bereits auf Veranstaltungen der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt worden. Im März 2010 stehen weitere Termine in Düsseldorf und Bielefeld auf dem Programm. "Die Nachfrage ist riesig", so Boßhammer stolz. "Wir haben auch Anfragen aus anderen Bundesländern."

Impulse für die Praxis setzen

Ein wichtiger Pflock im nordrhein-westfälischen Ganztagsschuljahr ist seit 2006 die Herbstakademie - eine dreitägige Veranstaltung mit rund 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Primarbereich. Auch sie ist als Austauschforum konzipiert, auf dem man sich tiefer gehend mit einem Thema beschäftigen kann. "Uns ging es darum, einen Akademiecharakter zu etablieren, der Impulse für die Praxis setzt. Die Leute sollen hier die Chance erhalten, selbst neue Konzepte zu entwickeln, um damit dann in ihre Schulen und in die Qualitätszirkel zu gehen", erläutert Uwe Schulz.

Offensichtlich kommt diese Idee gut an, denn die Nachfrage ist so hoch, dass "wir doppelt so viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufnehmen könnten", meint Silvia Szacknys-Kurhofer. Um auf diese Nachfrage zu antworten, befindet sich die Serviceagentur zurzeit in der Planung der Herbstakademie 2010 mit 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus allen Schulformen, um unter anderem auch den schulform- und schulstufenübergreifenden Informations- und Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Diejenigen, die keinen Platz mehr ergattern konnten, haben die Möglichkeit, sich über die seit 2005 locker erscheinende Schriftenreihe "Der Ganztag in NRW" zu informieren. "In diesen Heften veröffentlichen wir alles, was wir für gut und wichtig halten", meint Uwe Schulz über dieses "Zentralorgan" der Agentur. Hier spiegeln sich thematisch die nachgefragten Themen wider: Förderkonzepte für schwierige Kinder, QUIGS oder die Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten. Die Reihe spiele eine wichtige Rolle und werde gut nachgefragt.

Demnächst möchte sich die Serviceagentur dem Thema Erzieherinnen- und Lehrerausbildung widmen. "Wir halten es für wichtig, dass das Thema Ganztag auch in der Ausbildung verankert wird", meint Silvia Szacknys-Kurhofer. "Wir haben in einem ersten Vorstoß ein Informationspaket an die Studienseminare verschickt und möchten in einem nächsten Schritt mit den Seminarleitungen persönlich in Kontakt treten."

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 19.02.2010
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