Online-Redaktion: Warum war es an der Zeit, ein Buch zu publizieren, das den Zusammenhang zwischen Schule und Jugendhilfe unter dem Vorzeichen der Ganztagsbildung thematisiert?
Hans-Uwe Otto: Die Bildungsdiskussion in Deutschland ist immer noch geprägt durch die PISA-Studie und die Folgeinterpretation. Diese Interpretation war auf der einen Seite schulisch orientiert - das heißt, sie war leistungsfixiert, andererseits machte sie deutlich, dass es dabei auch um kulturelle und soziale Zusammenhänge geht. Die zweite Überlegung war, dass der Begriff der Ganztagsbildung, der ursprünglich in einem Aufsatz von Thomas Coelen in die Diskussion gebracht wurde, über den eng geführten Kontext von Schule und Jugendhilfe hinausweisen soll. Bis heute ist es ein Manko der Diskussion, dass immer wieder versucht wird, dieses eher ungünstige Verhältnis neu zu konstituieren, ohne damit eine theoretisch notwendige Perspektive von genügender Breite zu eröffnen.
Online-Redaktion: Was heißt "Ganztagsbildung"?
Otto: Der Ganztagsbildungsbegriff hat neben einem theoretisch-systematischen Kontext einen deutlich bildungspolitischen Impetus. Dieser beinhaltet, dass Bildung, die immer als übergreifender Begriff für Sozialisationsbedingungen, Erziehungskontexte und Bildungsmöglichkeiten, nicht nur an einem Ort stattfindet oder in einer Institution, sondern sich aus bildungssoziologischer Perspektive auf den ganzen lebensweltlichen Kontext erstreckt. Die PISA-Studien haben zudem gezeigt, dass dieser Kontext ein entscheidender Mechanismus ist, um zu einer schulischen Leistung zu kommen, die heute als wünschenswert dargestellt wird.
Darüber hinaus will der Begriff der Ganztagsbildung verdeutlichen, dass es neben dem "Human Capital-Approach", also der Kompetenzorientierung im Rahmen von Employability, auch einen Bereich gibt, den wir mit "Human Development" umschreiben. Es geht dabei um einen bildungstheoretischen Begriff, der die klassische Sehart von Bildung und Erziehung erweitert. Erst wenn dieser Bildungs- und Erziehungsbegriff kulturell, sozial und politisch eingebunden wird, bekommt er die Wirkung, die wir dem Begriff der Ganztagsbildung beimessen.

Online-Redaktion: Wie ist das Buch denn aufgebaut?
Otto: Die Systematik verdeutlicht, worum es geht, und wie das Thema Ganztagsbildung in der Breite der Möglichkeiten und in der Notwendigkeit einer inhaltlichen Zielsetzung zu verstehen ist. Sie gab uns zudem die Möglichkeit, vielfältige Meinungen produktiv zu bündeln. Wir beginnen mit dem Themenfeld Adressaten, Kategorien und Prozesse. Der zweite inhaltliche Bereich betrifft Anlässe, Themen und Handlungsfelder. Er gibt Aufschluss darüber, wie der Begriff Ganztagsbildung in der Praxis verwirklicht wird und welche Konfliktlagen und Innovationsmöglichkeiten sich auftun.
Im dritten Teil der Publikation geht es schließlich um die Perspektiven der Vernetzung von Lernwelten und Institutionen. Sodann erwartet die Leserinnen und Leser eine Auseinandersetzung mit dem Thema Personal. Das ist ein ausgesprochen komplexes und besoldungspolitisches Thema in der ganzen Bildungsdebatte. Das Problematische liegt darin, dass die Ausgangsbedingungen von Professionalität sehr unterschiedlich sind, und zwar sowohl in der qualitativen Orientierung ihrer Expertise als auch in der Gehaltsstruktur. Die Schwierigkeit wird schon in der Zusammenarbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendhilfe mit den Lehrkräften der Schule deutlich, wobei ein Konfliktfeld mit dem Privileg der Ferien sowie der Bezahlung der Lehrkräfte offenkundig wird.
Eine gute Ganztagsschule zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nicht nur auf ihr traditionelles Kompetenzkonzept mit der immanenten Leistungslogik bezieht, sondern dass es in multiprofessionellen Teams zu einer Zusammenarbeit mit Jugendverbänden, Sportvereinen oder Kultureinrichtungen kommt. Ziel ist es, die Selbstentfaltungsmöglichkeiten und den Autonomiegewinn von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Dieses darf weder auf die einzelne Schule, noch auf andere singuläre Bildungsorte begrenzt bleiben, sondern erfordert eine konsequente und gleichzeitig subjektorientierte Vernetzung von Bildungsangeboten.

Online-Redaktion: Im Rahmen des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) sind rund 7200 neue Ganztagsschulen gefördert worden. Was soll der Begriff der Ganztagsbildung für diese Schulen denn leisten?
Otto: Ich würde mir wünschen, dass alle 7.000 Ganztagsschulen ein Exemplar dieses Buches bekommen. Das sage ich aus Überzeugung, denn der schulische Sektor tut sich bislang schwer damit, über die Veränderung der Unterrichtsformen hinaus Innovationen, die Grenzen der eigenen Institution und Organisation überschreiten, zu realisieren. Nicht zuletzt entsprechend eng geführte Vorschläge zu einer Rhythmisierung durch den Einbezug des Nachmittags zeigt dieses deutlich. Erst in der Überwindung dieser Grenzen liegt aber die Chance, Ganztagsbildung für die Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen.
Nicht Schülerinnen und Schüler, sondern Kinder und Jugendliche sind der zentrale Ansatz der Ganztagsbildung. Erst so geschieht der für alle Beteiligten innovative Sprung, Erziehungs- und Bildungsaspekte durch multiprofessionelle Teams neu zu fokussieren und eine Zielstellung in einer chancengerechten gesellschaftspolitischen Integration zu verwirklichen.
Online-Redaktion: Ihr nächstes großes interdisziplinäres Buchprojekt zum Thema Bildungslandschaften befindet sich in der Realisierung. Wo findet sich dort das Thema Ganztagsschule wieder?
Otto: Bildungslandschaften sind die konsequente Fortführung des Themas Ganztagsbildung. Letztere gibt Hinweise auf organisatorische Möglichkeiten, den Ganztag eben nicht exklusiv der Schule zuzuordnen, sondern ihn bildungstheoretisch und bildungspraktisch zu erweitern. Ob die Ganztagsschulen sich einen Gefallen damit antun, wenn sie den Ganztag in ihre Schulräume hereinholen, wage ich zu bezweifeln: Es gibt Jugendzentren, Sportvereine, Jugendverbände und kulturelle Einrichtungen, die ihre eigenen räumlichen Möglichkeiten zur Verfügung stellen können.
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An dem Buch zum Thema "Lokale Bildungslandschaften", das im Herbst 2010 erscheint, sind rund 50 Autorinnen und Autoren beteiligt. Es war trotzdem möglich, dass die unterschiedlichen Interessenlagen in einem gemeinsamen Fokus auf die Bildungslandschaften eingebunden wurden. Kein Wunder, denn diesen Problemen sich stellende Schulen, Jugendverbände sowie kulturelle Initiativen lassen sich für den Gedanken der Bildungslandschaft gewinnen. Besondere Bedeutung hat die Tatsache, dass die Kommunen, bislang nur Träger der Schulbauten, gegenwärtig zunehmend Bildungsverantwortung einfordern und übernehmen wollen.
Damit entsteht nicht nur ein erweiterter Spielraum, sondern auch ein neues Profil einer kommunalen Bildungslandschaft. Die lokale Bildungsverantwortung wird durch die Einsicht befördert, Problemsituationen eher im Kindes- und Jugendalter anzugehen, als später den kommunalen Haushalt zu belasten. Darüber hinaus wollen die Kommunen bildungspolitisch und bildungspraktisch für junge und zuziehende Familien attraktiver werden. Dies sind explizite Argumente des Deutschen Städtetages, die für eine Realisierung einer Bildungslandschaft im Kontext der Ganztagsbildung außerordentlich hilfreich sind.
Autor/in: Peer Zickgraf
Datum: 16.02.2010
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Ergebnisse 2 Erhebung StEG-Studie [mehr]
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