Auf dem 6. Ganztagsschulkongress am 11. und 12. Dezember 2009 in Berlin diskutierten Teilnehmer und Experten über Zeit, Raum und Lebensqualität als Qualitätsmerkmale guter Ganztagsschulen. Offene Forumsgespräche vermittelten Wissen und Erfahrungen, die für die eigene Schulentwicklung genutzt werden konnten.
Nur wenige Schulen können sich über einen kompletten Neubau freuen, wenn ihr Schulstandort für den Ganztagsbetrieb um- und ausgebaut wird. Vor allem mehr Raum würde die Lehrenden und die Schülerschaft sehr freuen - erleichtert mehr Platz doch die Umsetzung vielfältiger pädagogischer Lehr- und Lernformen der Einzel-, Gruppen- und Projektarbeit. Meistens muss man also mit den vorhandenen Räumen arbeiten und stößt sich dann mit hochfliegenden Plänen oft an der harten Realität, die in Gestalt der Brandschutzvorschriften dem Gestaltungsspielraum enge Grenzen setzt.
Aber nicht unbedingt! Dass der Brandschutz schon so etwas wie ein Mythos geworden ist, der es verbietet, auch nur einen Tisch in einen Schulkorridor stellen zu können, war die These der Bielefelder Architekten und Diplom-Ingenieure Thorsten Försterling und Oliver Pätzold auf dem 6. Ganztagsschulkongress. Im Forum "Raumqualität" und im Workshop "Schularchitektur: Instrumente der effektiven Raumgestaltung" ermutigten sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, nicht von vornherein die Flinte ins Korn zu werfen, sondern klare Ideen für Änderungswünsche zu formulieren, die man dann vor Ort mit Architekten und der Feuerwehr besprechen könne.
Denn: "Jeder Fall liegt anders, und es gibt immer Ermessensspielräume", erklärte Försterling. "Es ist auf keinen Fall so, dass man von vornherein aus brandschutztechnischen Gründen ausschließen müsste, zum Beispiel die Flurbereiche in das Unterrichtsgeschehen einzubeziehen." Um dies einschätzen zu können, bedarf es manchmal der Hilfe von außen. Försterling und Pätzold zeigten auf dem Kongress, wie eine solche Beratungsleistung durch ihr Architekturbüro aussehen kann. Im westfälischen Bad Oeynhausen haben sie am Neubau der Schule Wittekindshof mitgewirkt, einer privaten Förderschule, deren Hanglage besondere Anforderungen an Planer und Architekten stellte. Für diese Planungen hatte das Büro einen "pädagogischen Bauausschuss" gegründet, der in enger Abstimmung mit der Schulleitung und dem Kollegium den Bau plante.
Anerkennung und Wertschätzung helfen in der Entwicklung
Neben dem Faktor "Raumqualität" beschäftigte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den offenen Diskussionsforen unter dem Motto "Schulen lernen von Schulen" im Kuppelsaal des berliner congress centrums auch die Themen "Lebensqualität" und "Zeitqualität". In jeweils 90-minütigen Einheiten tauschten sich die interessierten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und Pädagogischen Partner an Ausstellerständen von Schulen und in moderierten Gesprächsrunden aus.
Lebensqualität - dies wurde im Forumsgespräch deutlich - hängt für viele Beteiligte mit den Aspekten Kommunikation und Wertschätzung zusammen. Die Psychologin Oggi Enderlein erklärte: "Man kann die Schülerinnen und Schüler nicht nur bilden, betreuen und erziehen, sondern muss ihnen auch mit Anerkennung und Wertschätzung in ihrer Entwicklung helfen." Für den Schüler Julian könnte sich Wertschätzung in größerer Mitverantwortung widerspiegeln: "In einer guten Schule sollten die Schüler auch mitgestalten dürfen." An seiner Gesamtschule, der Albrecht-Dürer-Schule im hessischen Weiterstadt, nimmt die Schülervertretung an Konferenzen teil. Außerdem übernehmen die Jugendlichen beim Lernpatenprojekt Verantwortung für jüngere Schülerinnen und Schüler, um ihnen den Übergang von der Grundschule zu erleichtern oder sie bei den Hausaufgaben zu unterstützen.
Heinz-Dieter Brandt, Schulleiter der Schule am Gutspark in Salzgitter, unterstützte dies: "Wir dürfen die Schule und die Schüler dem Erwachsenenleben anpassen, sondern wollen die Kinder und Jugendlichen an Entscheidungen beteiligen. Schule sollte dabei kein geschlossenes System bleiben, sondern sich auch für die Eltern öffnen. Das ist nicht immer einfach. Ich erlebe es, dass sich Eltern immer mehr aus der Erziehungsverantwortung hinausziehen und diese an die Schule delegieren wollen."
Elternarbeit durch mehr Zeit in der Ganztagsschule
Regine Seemann, Schulleiterin der Integrativen Grundschule Schule an der Burgweide in Hamburg-Wilhelmsburg, berichtete von den Erfahrungen der Elternarbeit an ihrer Schule. Zwar sei es auch hier schwierig gewesen, Eltern für die Mitarbeit in der Schule zu gewinnen, aber "seit wir Ganztagsschule geworden sind, hat sich alles geändert: Die Eltern kommen nun in unsere Schule, arbeiten im Sprachzentrum mit und lesen den Kindern in deren Heimatsprache vor. Sie betreuen den Spieleraum und beaufsichtigen das Fußballspiel." Sie besuchten auch die Freiarbeitsstunden und seien begeistert: "Die Mütter und Väter erkennen dann, dass ihre Kinder dort nicht nur spielen, sondern auch etwas lernen", berichtete die Schulleiterin. Dreimal in der Woche bietet zudem die Elternratsvorsitzende eine Elternberatung an.
Die Private Montessori-Volksschule im schwäbischen Wertingen hat das Projekt "In der Schule wie zu Hause" etabliert, das eine Familienbeteiligung mit 40 Stunden pro Jahr erfordert. In weiteren etwa 15 Arbeitskreisen können Wissen und Neigungen in vielfältiger Weise eingebracht werden - vom Arbeiten mit Kindern über Verwaltungstätigkeiten und Materialherstellung bis zum Gestalten von Haus und Garten. Die Elternsprecher haben Mitspracherechte bei Personalentscheidungen, bei der Schüleraufnahme und bei der Schulentwicklung. Als Vereinsmitglieder entscheiden die Eltern in den großen Fragen der Schulentwicklung mit. Zusätzlich informiert die Schule die Eltern nicht nur bei Schwierigkeiten oder Regelverstößen ihrer Kinder, sondern schreibt ihnen auch, wenn es gilt, positive Entwicklungen zu vermitteln. Auch an dieser Schule haben die Schülerinnen und Schüler ein Mitspracherecht in der Lehrerkonferenz.
Im Forum forderten Rektor Brandt und Werner Hillen, Schulleiter der Erweiterten Realschule Edith-Stein-Schule im saarländischen Friedrichsthal, mehr Schulpsychologen und Sozialarbeiter in die Schulen zu schicken. "Lehrer können nicht alles leisten, besonders in Grundschulen sollten bereits Sozialarbeiter kommen", meinte Hillen. Wo das noch nicht möglich ist, behelfen sich manche Schulen selbst. So erzählte die Lehrerin Andrea Maiwald vom Förderzentrum in Bremen, dass sie sämtliche Elternhäuser besucht habe, um mit den Eltern über die Entwicklung ihrer Kinder zu sprechen. "Die Besuche waren wichtig, um meinen Unterricht und meine Hausaufgaben zu planen", erklärte die Pädagogin. "Aber es geht dabei auch um ganz banale Dinge, wenn man die Eltern darum bittet, an Bleistift und Lineal für das Federmäppchen zu denken." Die Kinder seien von den Besuchen begeistert: "Sie fragen mich, wann ich endlich zu ihnen nach Hause komme."
Kinder haben ihren eigenen Rhythmus
Wie sich in Ganztagsschulen anders mit Zeit umgehen lässt, zeigten viele Beispiele im nachfolgenden Diskussionsforum. In der Freien Ganztagsschule Leonardo in Jena lernen die Schülerinnen und Schüler in so genannten Lernbüros mit Kompetenzrastern. "Am Anfang der Woche erhalten wir das Kompetenzraster für die ganze Woche, die wir dann im Voraus planen können", berichtete Schüler Fabian. "Wir müssen verschiedene Kompetenzrasterfelder schaffen, um am Ende der Woche einen Smiley zu erhalten." Acht Wochenstunden sind für diese Art des selbstgesteuerten Lernens reserviert. "Alle Kinder haben ihren eigenen Rhythmus", erklärte Schulleiter Arno Lange. "Die Kinder wollen lernen, und wenn ich danach die Schule ausrichte, habe ich ein anderes Arbeitsklima. Wir nehmen uns die Zeit dafür einfach."
Die Integrative Grundschule Schule an der Burgweide in Hamburg-Wilhelmsburg arbeitet mit großen Blöcken Freiarbeit, die vom Klassenrat im Unterricht mitgeplant werden. Die Schülerinnen und Schüler schreiben ihre Aufgaben und Lösungen in einen Lernbegleiter. "Die Kinder können selbst am besten entscheiden, wann sie etwas lernen möchten", zeigte sich Schulleiterin Regine Seemann überzeugt.
"Man muss sich vom Gedanken verabschieden, dass die Lehrer alles regeln müssen", pflichtete Arno Lange bei. "Ich wünschte mir eine dramatische Änderung der Lehrerbildung: Wir brauchen Leute, die nicht nur von Pythagoras etwas verstehen, sondern auch ein Gespür für Zeit haben."
Von Einzelkämpfern zur Gemeinschaft
Zwei Tage hatten sich die 1.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ganztagsschulkongress Zeit genommen, um sich auszutauschen und gute Ideen der Schulentwicklung weiterzuentwickeln. Für den Journalisten Armin Himmelrath, der zum Abschluss auf dem Podium seine Eindrücke vom Kongress zusammen fasste, kam die lebendige Atmosphäre derjenigen der Essener Spielemesse nahe. Hier wie dort steckten überall kleine Gruppen die Köpfe zusammen, um engagiert und offen zu diskutieren. "Auf einem solchen Kongress bewegt man sich vom Einzelkämpfer zu einer Gemeinschaft, zu einer breiten Bewegung. Die Lust auf Veränderung ist überall zu spüren gewesen", so der Journalist. "Der Akzent lag hier auf 'man müsste doch eigentlich mal...' statt auf 'das geht bei uns nicht'." Als die eigentlichen "Problemschulen" sah Himmelrath in diesem Zusammenhang die Gymnasien, da sich diese Veränderungen am stärksten widersetzten.
Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung resümierte Abteilungsleiterin Kornelia Haugg: "Wir diskutieren nicht mehr wie auf den ersten Kongressen über Pläne, sondern über Erfahrungen." Dies werde auch in Zukunft gewährleistet sein, denn neben der Arbeit der Serviceagenturen in den Bundesländern und der wissenschaftlichen Begleitforschung werde auch der Ganztagsschulkongress ein Element in der Unterstützung von Ganztagsschulen in Deutschland bleiben, wie Kornelia Haugg versicherte.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 15.01.2010
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