12. JANUAR 2010

Die Zahl 1000 Plus. Oder: Perlen einer langen Kette

Für den Künstler Derya Takkali sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ganztagsschulkongresses "besondere Perlen einer langen Kette". Wie sehr er damit den Nagel auf den Kopf traf, belegte der 6. Ganztagsschulkongress, auf dem zwar das IZBB feierlich beendet wurde. Die Tradition der Kongresse wird indes fortgesetzt. Dies ist ein wichtiges Signal, zumal es mehr und mehr zum Selbstverständnis der wachsenden Ganztagsschulgemeinschaft in Deutschland gehört, zumindest einmal dabei gewesen zu sein.

Auch nach sechs Jahren seit Bestehen des Ganztagsschulkongresses war keine Spur von Ermüdung im Berliner Congresscenter zu finden - manche betrachten es bereits als das inoffizielle Haus der Ganztagsschulen in Deutschland. Im Gegenteil scheint das Gesetz der steigenden Zahl für den Kongress zuzutreffen: 1000 Plus. Stets übersteigt die Zahl der Anmeldungen die verfügbaren Plätze. Besonders im diesem Jahr drohte der Kongress aus allen Nähten zu platzen, denn sowohl im Kuppelsaal als auch in den Workshops oder Praxisforen standen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wörtlich Schlange. Wie erklärt sich diese ungebrochene Begeisterung?

In den weit über 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern scheint ein kaum löschbares Feuer zu brennen, das nach Veränderung und Reform strebt. Dieses hat sich spätestens nach dem PISA-Schock an der Idee orientiert, bessere Schulen, insbesondere Ganztagsschulen aufzubauen. Schulen, die den Kindern und Jugendlichen in der Globalisierung und den durch elektronische Medien und übermäßige Werbung geprägten Alltag gerecht werden. Da sich die Bedingungen des Lernens verändern, müssen sich auch die Schulen verändern - und die modernste Gestalt des Lernens, darin sind sich mittlerweile viele Fachleute einig, ist in schülerorientierten Ganztagsschulen zu finden.

Dazugehören und Visionen entwerfen

Hier lässt sich formelles und informelles Lernen am besten zu einem Dritten verbinden. Keine Frage: Bei den weit über 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern dominiert die Leidenschaft an der Sache - und dies bei wechselnder Zusammensetzung des Kongresses. Mal widmet sich das Schwerpunktthema der Kongresse den Schülerinnen und Schülern (Stichwort Partizipation), mal den Lehrkräften und den außerschulischen Partnern (Stichwort Brücken schlagen), mal den Schulleitungen und Bildungsverwaltungen unter dem Motto "Lokale Bildungslandschaften" oder wie dieses Jahr unter dem Titel "Raum für mehr. Qualität an Ganztagsschulen".



Es geht bei den Kongressen stets um zweierlei: Austausch von Erfahrungen, Updaten von Wissen sowie Arbeiten an konkreten Problemstellungen zum Einen. Zum Zweiten geht es darum, durch die Teilnahme am Kongress, ein Zeichen der Dazugehörigkeit zu setzen. Denn wer einmal dabei war, wird so etwas wie ein Vorreiter der Idee einer besseren Schule, die nebenbei auch leistungsfähiger ist, wie Beispiele aus Finnland oder die Schulen aus Kahls "Treibhäuser der Zukunft" verdeutlichen.

"Ganz" wie offen, lernfähig, dialogbereit, multikulturell

Kurz: Es geht um die Verbreitung einer Vision von Zukunftsschule, die man oft dort findet, wo man sie am wenigsten erwartet - nämlich gleich nebenan. Die kollektive Erarbeitung solcher Schulen erfordert die Bereitschaft zu einer Schule, die das "Ganz" vor der Schule Ernst nimmt. "Ganz" wie offen, lernfähig, dialogbereit, multikulturell, bewegungsorientiert,  inklusiv und integrativ. Das Augenmerk der Ganztagsschule gehört sowohl den talentierten Kindern, die zusätzliche Anregungen brauchen. Es gehört aber auch denjenigen Kindern, denen das Elternhaus aus Mangel an materiellen, persönlichen, sozialen oder kulturellen Ressourcen nicht das Rüstzeug für ein eigenständiges Leben in der Globalisierung bieten kann.

Vor diesem Hintergrund verwunderte es nicht, dass auch beim sechsten Ganztagsschulkongress allenthalben wieder die Ernsthaftigkeit zu spüren war, gemeinsam Ideen für gute Ganztagsschulen zu erarbeiten. Die Probe auf das Exempel machten Derya Takkali und Güliz Yazicioglu vom Verein "Kulturphonie e.V. - Entdecken, Erleben - Schaffen", der in Berlin ansässig ist. Derya Takkali ist ein Künstler mit Migrationshintergrund, der im Rahmen des Themenateliers "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen" ein gefragter Kooperationspartner wurde. Dies lag zum einen an seinem attraktiven Angebot, das er den Schülerinnen und Schülern unterbreitete.

Derya Takkali ist ein bekannter türkischstämmiger Musiker mit markantem Schnurbart, der mit seiner Band bereits die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 4. Ganztagsschulkongresses verzauberte. Die Mischung aus orientalischen und Popeinflüssen vermittelte dem Publikum eine Begeisterung, die unvergesslich blieb. Nun war das Besondere seines musikalischen Arrangements, dass die Instrumentalspieler zum Teil Schülerinnen und Schüler waren, die im Rahmen eines Kulturprojektes mal die ganz andere - ausschließlich positive - Seiten des Lernens in Ganztagsschule erfuhren.



Was Partner mitbringen müssen, um interessant zu sein

Außerdem standen sie im Kuppelsaal vor einem begeisterten Publikum und erlebten im Kleinen, was es heißt "ein Star" zu sein oder durch eigenes Können eine Woge der Begeisterung in einer Menge zu entfachen. Im Rahmen des Themenateliers "Klappe, die Zweite" wurde dieses Kulturprojekt mit dem Ansatz verknüpft, den Kindern und Jugendlichen zusätzlich Techniken des Filme-Machens zu vermitteln.

Die Lehre aus dieser Zeit lautet für Takkali: "Das beste Konzept bringt nichts, wenn man die Schülerinnen und Schüler nicht erreicht. Man will sie ja in ihrer Freizeit für ein attraktives Angebot gewinnen und langfristig halten." Dieses Projekt soll ihnen natürlich Freude bereiten, doch zugleich fordert es von ihnen die Bereitschaft zum selbstverantwortlichen Lernen in Arbeitsgemeinschaften - denn nicht immer kann der Musiker Derya Takkali in der Schule vor Ort (etwa in Stralsund) sein.

Nach dem Auslaufen des zweijährigen Projektes "Klappe, die Zweite!" Ende 2009 ist es das Ziel von Derya Takkali und Güliz Yazicioglu von Kulturphonie e.V., neue Kontakte zu knüpfen und neue Kooperationspartner zu suchen. "Was muss man als Partner mitbringen, um für die Ganztagsschule interessant zu sein?" lautete die Herangehensweise aus Sicht des Vereins. Dafür besuchten die Kulturvermittler Workshops und Praxisforen.



"Jeder einzelne ist eine besondere Perle an der Kette"

Besonders angetan hatte es Takkali der Schülerworkshop zum Thema Feedback und Evaluation, beides Qualitätsmerkmale und Instrumente der Schulentwicklung: "Durch eine kleine Veränderung in der Haltung der Akteure - andere nach ihrer Sichtweise zu fragen - kann sich eine ganz neue Atmosphäre bilden." Für Takkali kommt es darauf an, dass die Schülerinnen und Schüler sich in der Gruppe entfalten können: "Jeder einzelne ist eine besondere Perle an der Kette und die darf man nicht vor die Säue werfen."

Das Anliegen Takkalis war es, "Schnittstellen zwischen Künstlern mit Migrationshintergrund und den Kommunen zu finden. "Wir wollen nicht mit den Schülerinnen und Schülern renommieren, und dass sie auf der Strecke bleiben", erklärt der Musiker. Wichtig sei es, dass der Erfolg den Schülerinnen und Schülern zugute komme, wie dies an der IGS Stralsund passierte. Hier unterstützt der Oberbürgermeister der Stadt die Schule mit zusätzlichen finanziellen Mitteln. Zum Dank bastelten die Schüler einen handgemachten Kalender.

Seit Neuestem arbeitet der Verein Kulturphonie in dem Programm "Neue Lernkultur in Kommunen" (NELECOMM) in Thüringen mit. Hier sind Derya Takkali und Güliz Yazicioglu als Ideengeber gefragt: "Wir betrachten uns als Impulsgeber in den neuen Ländern. Hier gibt es noch relativ wenige Kooperationen mit Künstlern mit Migrationshintergrund", erklärt Yazicioglu.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 12.01.2010
© www.ganztagsschulen.org

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