Für seinen Bundeskongress, der in diesem Jahr vom 11. bis 13. November stattfand, hatte der Ganztagsschulverband als Tagungsort die Stadt Karlsruhe und die Pädagogische Hochschule ausgesucht. Eine angemessene Wahl aus zwei Gründen, wie sich bei Eröffnung zeigen sollte. Zum einen forciert die Stadt Karlsruhe die Einführung von Ganztagsschulen, und zum anderen hat sich die PH Karlsruhe mit Anfang des Wintersemesters 2009/2010 aufgemacht, mit der Einführung eines "Zertifikats Ganztagsschule" den Studierenden eine Zusatzqualifikation zu eröffnen.
"Die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung hat auch in unserer Stadt dazu geführt, dass tradierte Anschauungen überwunden wurden", erklärte Bürgermeister Klaus Stapf in seinem Grußwort. "Als Stadtrat habe ich vor zehn Jahren den Stimmungsumschwung mitbekommen. Immer mehr Verantwortliche der Stadt schlossen sich der Meinung an, dass Kinder manchmal in der Schule besser aufgehoben sind als zu Hause." Schließlich führte diese Erkenntnis zu einem einstimmigen Ratsbeschluss für die Einführung von Ganztagsschulen.
"Ganztagsschulen bieten Freiräume und vermitteln einen ganzheitlichen Ansatz: Wertevermittlung, Schule als Lebensraum, Zuwendung, Vertrauen schaffen, Persönlichkeitsentwicklung, Verpflegung, Gesundheit und Gemeinschaftsorientierung können hier verwirklicht werden", so der Bürgermeister weiter.
Große Nachfrage nach Lehrerweiterbildung
In Karlsruhe gibt es bisher 15 Ganztagsschulen unterschiedlicher Schulformen, was "bei weitem nicht ausreicht", wie Stapf findet. "Wir möchten weiter ausbauen und haben daher einen Masterplan 2015 aufgestellt, in dem der Ausbau ein Element ist. Pro Jahr stellen wir im Projekt 'Schule und Verein' 200.000 Euro zur Verfügung, um den Vereinen eine Kooperation mit Ganztagsschulen zu ermöglichen."
An der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe habe die Ganztagsschulforschung eine "gewisse Tradition", erklärte Prof. Dr. Gabriele Weigand, Professorin für Allgemeine Pädagogik. Bereits 2002 habe sich aus den Erziehungswissenschaften eine Forschungsgruppe zu diesem Thema entwickelt. "Nun ist es eine freiwillige Initiative, dass wir ganztagsschulspezifische Seminare für 30 Studierende anbieten. Die Nachfrage ist bereits deutlich größer." Auch das Engagement in den Lehrveranstaltungen durch andere Professionen abseits des Lehrerberufs sei "riesengroß", erklärte Gabriele Weigands Kollege Dr. Hartmut Binder.
Das "Zertifikat Ganztagsschule" ist eine Reaktion auf die zunehmende Zahl von Ganztagsschulen in Baden-Württemberg. Die PH Karlsruhe kooperiert dabei mit der PH Freiburg, die ein "Zertifikat Pädagogik der Ganztagsschule" vergibt. Dieses studienbegleitende Zertifikatsstudium erstreckt sich über etwa vier Semester. Fast 20 Lehrpersonen aus allen Bereichen der Hochschule beteiligen sich im laufenden Semester aktiv an diesem Projekt. Grundlage für das Zertifikat sind der Besuch von vier zusätzlichen Lehrveranstaltungen - zwei davon im Bereich der Erziehungswissenschaften, zwei davon mit einem qualifizierten Leistungsnachweis - und eines Blockpraktikums an einer ganztägigen Bildungseinrichtung.
Forcierter Ausbau der Ganztagsschulen in Baden-Württemberg
Die Hochschule integriert Aspekte ganztägiger Bildung verstärkt in Lehre und Forschung und bündelt ihre darauf bezogenen Ressourcen. Die Studierenden setzen sich bereits in ihrer Ausbildungsphase mit den Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten ganztägiger Bildung auseinander und entwickeln darauf bezogene Kompetenzen. Ganztägige Bildungseinrichtungen, mit denen die PH Karlsruhe zusammenarbeitet, beteiligen sich an der Artikulation zentraler Themen und Aufgaben.
Ganztagsschulen finden im baden-württembergischen Schulgesetz bisher keine Erwähnung, und gebundene Ganztagsschulen haben noch den Status von Versuchsschulen. Dennoch forciert das Land den Ausbau seit 2006 mit dem Ziel, bis zum Schuljahr 2014/15 allen Schülerinnen und Schülern ein Ganztagsangebot in erreichbarer Nähe zu bieten. Das entspricht dann 40 Prozent der öffentlichen Schulen. Derzeit liegt die Quote mit 1.224 Ganztagsschulen in Baden-Württemberg bei rund 25 Prozent.
"Wir genehmigen Ganztagsschulen nur, wenn sie eine neue Rhythmisierung des Tages vornehmen", erklärte Ministerialdirigent Manfred Hahl auf dem Kongress. Die Schulen erhielten eine zusätzliche Lehrerzuweisung, die von der Zahl der Pflichtwochenstunden abhänge - so bekämen Grundschulen mehr, Gymnasien weniger zusätzliche Stunden.
Bildung des Menschen zur Glückseligkeit
Lehrer in einer Ganztagsschule benötigen laut Dr. Hartmut Binder "Teamfähigkeit und Begeisterung", sie dürften keine "13 Uhr-Lehrer" sein. Aber sollte dies nicht für Lehrer allgemein gelten? "Diese Diskussion haben wir auch in unserem Hause geführt", räumt Binder ein, "und auch heftig darüber gestritten, ob offene Ganztagsschulen überhaupt richtige Ganztagsschulen sind". Letztlich habe man entschieden, keinen Unterschied zwischen offenen und gebundenen Ganztagsschulen zu machen. Die Studentinnen und Studenten können an beiden Schulformen ihre Praktika absolvieren. "Wir sorgen für einen Austausch innerhalb der Studentenschaft, damit sie ihre Erfahrungen weitergeben können", so Binder weiter.
"In Baden-Württemberg gibt es einen guten Bildungsplan", stellte der Wissenschaftler fest. Mit der Ganztagsschule könne man über das Humboldtsche Bildungsideal hinaus Ideen von Pädagogen der Aufklärung verwirklichen. Er verwies auf den Eingangsvortrag von Dr. Timo Hoyer von der PH Karlsruhe über "Glück als unterschätzte Dimension der Ganztagsschulentwicklung".
Hoyer hatte hier an den Beispielen der Pädagogen Johann Bernhard Basedow, Ernst Christian Trapp und Friedrich Gottlob Barth gezeigt, dass die Begriffe Glück und Glückseligkeit einmal eine große Rolle in der Diskussion über Erziehung und Bildung spielten. Basedow sprach beispielsweise 1768 von der Schule als Mittel, "den Staat glücklich zu machen und die Schüler auf ein glückseliges Leben vorzubereiten", Trapp von der "Erziehung als Bildung des Menschen zur Glückseligkeit". Für Barth war die Glückseligkeit das "höchste Ziel der Erziehung". Hoyer erklärte zusammenfassend, das "Glück sei der Motor der Schulreform in der Aufklärung" gewesen.
"Motor der Schulentwicklung"
"Du bist nicht Seele allein, du hast auch einen Körper; und deine Seele ist nicht bloß Verstand, sie ist auch Herz, nicht bloß Erkenntniskraft, sondern auch Empfindungsvermögen", schrieb Johann Heinrich Campe 1832. Mit Wilhelm von Humboldt fiel die Dimension der Glückseligkeit aus dem Bildungsdiskurs heraus. Humboldt schrieb: "Die Entwicklung aller Keime, die in der individuellen Anlage eines Menschenleben liegen, halte ich für den wahren Zweck des Daseins, nicht das Glück." Hartmut Binder warb nun für eine Rückbesinnung auf den Glücksaspekt, der gerade auch für die Ganztagsschule gelten solle: "Diese Pädagogen wollten damals keine von der Obrigkeit eingesetzten Pauker, sondern vielseitig gebildete Lehrer."
Gabriele Weigand gab zu bedenken: "Der Staat kann auch von der Schulentwicklung in den Einzelschulen lernen, sich bewegen und Rahmenrichtlinien verändern." Die Ganztagsschule sei dabei noch kein pädagogisches Programm, sondern nur unter bestimmten Bedingungen ein "Motor der Schulentwicklung". Bei dieser Schulentwicklung wandere das Augenmerk vom Lehrplan, von der Klasse, vom Durchschnitt, von gesellschaftlichen Anforderungen hin zur Person der Schülerin und des Schülers. "Da kommt es nicht nur auf die Unterrichtsmethodik an, die vom Inhalt abhängt, sondern entscheidend ist, dass die Schülerinnen und Schüler Begleitung erfahren während des Unterrichts", so die Wissenschaftlerin. Je freier die Unterrichtsform werde, desto mehr Begleitung benötigten sie.
"Dies setzt in der Ganztagsschule ein von allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft getragenes Bildungs- und Erziehungsverständnis voraus", warb Gabriele Weigand. Widerstände gegen Veränderungen seien häufig nicht aus Trotz, sondern aus Angst gespeist. Der Schulleitung komme bei diesem Prozess eine zentrale Rolle zu, daher sollten mehr Fortbildungen gezielt für Schulleitungen angeboten werden. In Australien sei es zum Beispiel üblich, dass eine Schule die Weiterbildung und die Abschlüsse ihrer Schulleitungen und Lehrkräfte in Übersichten veröffentliche.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 10.12.2009
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