Mehr Schülerinnen und Schüler durch individuelle Förderung zum Abitur zu führen, ist das Ziel des Projekts "Ganz In - mit Ganztag mehr Zukunft. Das neue Ganztagsgymnasium NRW". In den nächsten sechs Jahren erhalten bis zu 30 Gymnasien in Nordrhein-Westfalen die Möglichkeit, ihr schulisches Angebot auf Ganztagsbetrieb umfassend neu auszurichten und zu profilieren. Dafür stellen die Stiftung Mercator, das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen und die Universitäten Bochum, Duisburg/Essen und Dortmund insgesamt zehn Millionen Euro zur Verfügung.
Das Projekt richtet sich an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen, die in diesem und im nächsten Schuljahr neu in den Ganztag starten. Sie werden zu einer Informationsveranstaltung Anfang Dezember in Dortmund eingeladen. Anschließend können sie sich bis Mitte Februar 2010 für die Teilnahme bewerben. Das Projekt startet dann im März. Es verfolgt das Ziel, das vorhandene Leistungspotential der Schüler durch individuelle Förderung besser zu nutzen und die Qualität der Abschlüsse insgesamt zu verbessern.
Die teilnehmenden Gymnasien sollen dabei unterstützt werden, ihre organisatorische Struktur nachhaltig zu optimieren und durch ihre Unterrichtsentwicklung eine besondere Kultur der individuellen Förderung aufzubauen. Die dafür erforderlichen Unterrichts- und Organisationsmodule werden von den Projektpartnern erstmalig in Deutschland konzipiert, in den Modellschulen eingeführt und später anderen Gymnasien zur Verfügung gestellt.
"Ganztagsschulen eröffnen Kindern und Jugendlichen neue Bildungschancen, denn sie bieten mehr Zeit und Raum für individuelle Förderung und Betreuung. Deshalb setzt diese Landesregierung einen klaren Schwerpunkt beim Ganztagsausbau. Der Ganztag ist für die meisten unserer Gymnasien aber vollkommen neu. Beim weiteren Ausbau der Ganztagsgymnasien in Nordrhein-Westfalen sollen die Pilotschulen deswegen eine Vorreiterrolle übernehmen. Sie werden den Unterricht und das Schulleben so weiter entwickeln, dass individuelle Potentiale der Schülerinnen und Schüler besser erkannt und gefördert werden können", betont Schulministerin Barbara Sommer. Das Schulministerium wird neben seiner aktiven Mitarbeit im Projekt Personalressourcen für die beteiligten Schulen bereitstellen.
"Das Ganztagsgymnasium ist für uns ein Schlüssel zur Teilhabe an Bildung. 'Ganz In' ermöglicht durch gezielte Unterrichtsentwicklung eine Schulkultur, die das individuelle Lehren und Lernen stärkt. Damit wird sich das neue Ganztagsgymnasium zu einem für Lehrer, Schüler und Eltern äußerst attraktiven Bildungsangebot entwickeln. Deshalb sind wir von dem Projekt überzeugt", sagt Dr. Bernhard Lorentz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stiftung Mercator. Die Stiftung investiert insgesamt 7,7 Millionen Euro in das Vorhaben.
Jede Projektschule erhält
* vier Entlastungsstunden für das Kollegium,
* bis zu 5.000 € pro Jahr für ihre schulische Arbeit,
* Unterstützung durch einen Schulentwicklungsberater, der die Schule im Entwicklungsprozess begleitet,
* zur Unterrichtsentwicklung einen kontinuierlichen wissenschaftlichen Input aus den Fachdidaktiken Deutsch, Mathematik/Naturwissenschaften und Englisch sowie der Lehr-Lernforschung und der Schulentwicklungsforschung und
* die Möglichkeit, auf (Schul-)Netzwerke in ihrer Bildungsregion zuzugreifen.
Das Projekt umfasst verschiedene Module, die den Bedürfnissen der 30 beteiligten Schulen entsprechend angepasst werden. Dazu gehören
* die Entwicklung eines pädagogischen Schulkonzepts für die Ganztagsgymnasien,
* die Entwicklung von Diagnose- und Förderkonzepten vor allem in den Kernfächern und in den Naturwissenschaften,
* die Erprobung geeigneter Organisationsstrukturen,
* die Implementierung innerschulischer und schulübergreifender Formen der Zusammenarbeit.
Eine besondere Aufmerksamkeit wird auch der Sprachförderung und dem Thema Deutsch als Zweitsprache geschenkt.
"Das Projekt sieht erstmals eine umfassende Organisationsentwicklung des Gymnasiums vor. Entscheidend für den Erfolg und die Übertragbarkeit des Projekts ist die wissenschaftliche Begleitforschung, die für die Konzepterarbeitung, Weiterentwicklung und Umsetzung der einzelnen Module genutzt wird. Mit diesem Projekt wird Schulgeschichte geschrieben", erklärt Prof. Dr. Wilfried Bos, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund, stellvertretend für das Projektkonsortium der drei Ruhrgebiets-Universitäten. Das IFS leitet das Projekt federführend.
Mit Skepsis reagiert der nordrhein-westfälische Philologen-Verband auf das Angebot der Mercator-Stiftung, die "Ganztagsangebote an Gymnasien in NRW" zu begleiten und zu unterstützen. Verwunderung löst die Beschreibung des Projekts aus, das die "traditionell auf Selektion angelegte gymnasiale Kultur hin zu einer Kultur der individuellen Förderung der bereitstehenden Potentiale bei Schülerinnen und Schülern verändern" soll. In einem Bericht der "Rheinischen Post" vom 28. Oktober 2009 heißt es, dass der "übliche Frontalunterricht durch neue pädagogische Konzepte ersetzt werden" soll.
"Wenn es bei diesem Projekt darum geht, alte Vorurteile gegenüber den Gymnasien zu kultivieren, dann lehnt der Philologen-Verband dieses Unterfangen kategorisch ab. Wir brauchen keine ideologischen Scheuklappen, schon gar nicht müssen wir uns belehren lassen, wie eine gute Schule gelingt. Die Leistungsfähigkeit der Gymnasien ist bei allen internationalen Studien dokumentiert, die Sitzenbleiber-Quote ist an Gymnasien die geringste im Vergleich zu allen anderen Schulformen in Nordrhein-Westfalen. Und die Ergebnisse der Zentralabiture der letzten Jahre sind überzeugend gut. Auch die Integration der Schülerinnen und Schüler wie ebenso die Kultur des Förderns an Gymnasien sind selbstverständliche Praxis. Zudem spricht die Bereitschaft von über 110 Gymnasien, sich innerhalb kürzester Zeit zu Ganztagsschulen weiterzuentwickeln, für sich", kommentiert Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen-Verbandes, das Projekt.
Sollte das Vorhaben den "pädagogischen Zeigefinger" zurücknehmen und von dem Fehlurteil ablassen, dass Ganztagsgymnasien keine vollwertigen Gymnasien sind, dann lässt sich darüber sprechen, ob eine wissenschaftliche Begleitung schulischer Prozesse sinnvoll und unterstützenswert ist.
"Wir brauchen keine neuen Schulprojekte. Schon gar nicht muss man Gymnasien zeigen, wie Ganztagsschule gelingt und dafür insgesamt sechs Jahre veranschlagen. Was glauben eigentlich manche Theoretiker, wie die Gymnasien in Nordrhein-Westfalen die Schulzeitverkürzung bisher umgesetzt haben? Statt mehr wissenschaftlicher Projekte brauchen wir in einigen Regionen eine größere Unterstützung der Kommunen bei dem Ausbau der Schulen, die alle im Gymnasialbereich mehr als bisher Ganztagsangebote vorhalten. Und wir brauchen eine glaubwürdige Reduzierung der Arbeitsbelastungen an den Schulen", so Peter Silbernagel.