20. OKTOBER 2009

"Schulleitungen waren schon immer die treibende Kraft"

Wer die Gegenwart verstehen will, muss die Vergangenheit kennen. In diesem Sinne widmet sich das internationale Forschungsvorhaben "Zwischen Realisierung und Verhinderung - Ganztagsschulen in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er bis 1980er Jahren - Vier historische Fallstudien" der Geschichte der Ganztagsschulentwicklung. Die Ergebnisse zeigen eine frappierende Kontinuität in der Auseinandersetzung pro und contra Ganztagsschule, wie die Projektleiterinnen Prof. Karen Hagemann von der University of North Carolina und Dr. Monika Mattes vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam im Interview erläutern.

Online-Redaktion: Prof. Hagemann, sind Entwicklungen aus den 1960er bis 1980er Jahren überhaupt relevant für die derzeitige Ganztagsschulentwicklung?

Karen Hagemann: Die Entwicklung der bundesdeutschen Ganztagsschulpolitik und die höchst kontroversen Debatten darüber sind für das Verständnis der heutigen Situation von erheblicher Bedeutung, denn die Probleme und Vorbehalte, die einer breiten Realisierung der Ganztagsschule in der Bundesrepublik im Wege standen und teilweise noch stehen, sind historisch gewachsen.

Unser Projekt "Zwischen Realisierung und Verhinderung - Ganztagsschulen in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er bis 1980er Jahren - Historische Fallstudien" soll zur Klärung der Frage beitragen, warum anders als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern, wo die de facto gebundene Ganztagsschule heute längst Schulalltag ist, deren Durchsetzung in der Bundesrepublik lange auf so erheblichen politischen und kulturellen Widerstand gestoßen ist und was vor Ort trotz dieses Widerstandes eine erfolgreiche Realisierung von Ganztagsschulen ermöglichte.

Online-Redaktion: Was zeichnet den von Ihnen ausgewählten Untersuchungszeitraum aus?

Hagemann: Der Untersuchungszeitraum umfasst zwei - zumindest auf Bundesebene - höchst unterschiedliche Phasen. Die erste Phase reicht vom Anfang der Bildungsreform Anfang und Mitte der 1960er Jahre - 1965 wurde der Deutsche Bildungsrat gebildet - bis zum Bildungsgesamtplan von 1973, als bereits der Parteienzwist zwischen CDU- und SPD-geführten Ländern jegliche Reformvorhaben überlagerte. Die zweite Phase ist zwar auf Bundesebene von bildungspolitischer Ernüchterung und Stillstand geprägt, auf der lokalen Ebene werden dagegen Reformprojekte wie etwa Ganztagsschulen weiter vorangebracht, vor allem in den sozialdemokratisch regierten Bundesländern.

Online-Redaktion: Wie nähern Sie sich diesem sehr umfangreichen Themengebiet?

Hagemann: Ziel des Forschungsvorhabens ist es, für die 1960er bis 1980er Jahre anhand von vier lokalen Fallstudien exemplarisch das Ineinandergreifen von länderspezifischen Bildungspolitiken, lokalen Opportunitätsstrukturen und unterschiedlichen Interessen und Handlungsstrategien von Eltern beziehungsweise Familien, Lehrern und Lehrerinnen, Erziehern und Erzieherinnen sowie anderen Akteuren zu rekonstruieren. Die Einbettung in einen lokalen Kontext ermöglicht es, exemplarisch die Kräfte der Veränderung oder der Beharrung, aber auch zu Grunde liegende Handlungsmuster und Mechanismen jeweils sehr genau zu erfassen. Das historisch geformte Geflecht von intendierten Politiken, ideologisierten Diskursen und den konkreten Praktiken vor Ort soll dabei transparent werden.



Karen Hagemann

Online-Redaktion: Dr. Mattes, wie kam es zur Kooperation der University of North Carolina in Chapel Hill, der Technischen Universität Berlin und des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam?

Monika Mattes: Die Forschungsstandorte ergaben sich aus der Vorgeschichte des Projekts und seiner Leiterin. Meine Kollegin Prof. Hagemann hat bereits vor neun Jahren im Rahmen ihres Habilitationsvortrages mit der Forschung zur Geschichte der Ganztagsschule begonnen. Zu diesem Zeitpunkt war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin. Noch als Privatdozentin hat sie das Vorläuferprojekt "Zwischen Ideologie und Ökonomie: Das Politikum der Ganztagsschule im deutsch-deutschen Vergleich" initiiert, das über drei Jahre von der Volkswagen-Stiftung gefördert wurde und am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam angebunden war. Bereits hier habe ich als Bearbeiterin mitgewirkt. Das Projekt wurde fortgeführt, als Prof. Hagemann von der University of North Carolina die Position als James G. Kenan Distinguished Professor of History angeboten wurde.

Unser neues Projekt baut auf den Forschungen für dieses Vorhaben auf und wurde gemeinsam entwickelt, deshalb wurde die bewährte Kooperation über den Atlantik hinweg beibehalten. Diese Zusammenarbeit gewährleistet auch eine Einbindung in das größere, international vergleichende Projekt mit dem Titel "Das deutsche Halbtagsmodell: Ein Sonderweg in Europa? Eine Analyse der Zeitpolitiken öffentlicher Bildung im Ost-West-Vergleich", das gleichfalls von der Volkswagen-Stiftung gefördert wurde. Dieses Projekt leitet Prof. Hagemann gemeinsam mit Prof. Christina Allemann-Ghionda vom Institut für Vergleichende Bildungsforschung an der Universität zu Köln und Prof. Konrad Jarausch, der sowohl am ZZF in Potsdam und der UNC Chapel Hill forscht.

Online-Redaktion: Nach welchen Kriterien haben Sie die Fallstudien und die Bundesländer ausgewählt? Wie sind Sie auf die Fälle gestoßen?

Mattes: Bei der Auswahl von Schulen in Berlin, Kassel, Münster und im baden-württembergischen Osterburken war es wichtig, eine Varianz von Ganztagsschulentwicklungen mit unterschiedlichen Bedingungskonstellationen zu erfassen. So unterscheiden sich die Fallbeispiele erstens nach Schultypen: Wir haben eine Grundschule, ein Gymnasium und zwei Gesamtschulen. Zweitens unterscheiden sie sich nach dem Ort beziehungsweise dem sozialem Einzugsbereich: Hierzu gehört die Schichtzugehörigkeit der Schüler und die groß- oder mittelstädtische oder ländliche Umgebung. Dritter Faktor ist die Bildungspolitik, die von der jeweiligen Landesregierung verfolgt wurde. Viertens wird der unterschiedlichen konfessionellen Prägung der lokalen Bevölkerung und fünftens dem Gründungsdatum der Schule Rechnung getragen. Eine Repräsentativität im engeren Sinn kann bei einer Fallzahl von vier Schulen nicht angestrebt werden.

Die Schulbeispiele stellen in sich geschlossene Fallgeschichten mit ihren eigenen Ausgangskonstellationen und Entwicklungslogiken dar - sie sind aber durchaus vergleichbar, was die äußeren Einflussfaktoren angeht. Zudem sind die Fallstudien in unsere sehr viel breitere Forschung zur Geschichte der Ganztagsschulentwicklung in der Bundesrepublik eingebettet.

Online-Redaktion: Wie ist Ihr Vorhaben methodisch angelegt?

Hagemann: Wir arbeiten mit einer Kombination historischer Quellenanalyse und Experteninterviews. Mit der Quellenanalyse werden die sozialhistorischen Rahmenbedingungen in Bezug auf die Sozial- und Wirtschaftsstruktur rekonstruiert, aber auch die zeitgenössischen Diskurse über Schule und Bildung untersucht. Eine zentrale Rolle spielen daneben Experteninterviews mit ehemaligen Akteuren, die die Gründung von Ganztagsschulen initiierten oder daran beteiligt waren. Es hat sich gezeigt, dass diese offen geführten Interviews nicht nur dazu dienen, fehlende Informationen zu erhalten, sondern auch vom Wissensvorsprung der in den Funktionskontext eingebundenen Beteiligten profitieren.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Untersuchungen durchgeführt?

Hagemann: Zunächst ging es darum, für jedes Fallbeispiel einen möglichst detaillierten Rahmen zu erarbeiten, um die jeweilige Schulentwicklung rekonstruieren zu können. Ein erster Schritt war dabei die Sichtung und Auswertung von Archivalien, darunter vor allem die Bestände der jeweiligen Kultusministerien in den Landesarchiven. Hier erwies es sich nicht immer leicht, für die Ganztagsschule gewissermaßen die archivalische Spur zu verfolgen, weil zum Beispiel in Hessen der Konflikt um die Gesamtschule das Ganztagsschulthema fast vollkommen überlagerte.

Ausgewertet wurden auch die Schularchive und teilweise Stadtarchive, wenn die Presseüberlieferung ergiebig war. Die Literatur und die gedruckten Quellen halfen die Entwicklung der einzelnen Schulen zu skizzieren. In einem zweiten Schritt haben wir die Experteninterviews geführt, vor allem mit ehemaligen Schulleitern, Lehrerinnen und Lehrern sowie Erzieherinnen und Erziehern. Diese Interviews sind zentral, um Lücken und Widersprüche in den auf Archivalienbasis erfolgten Fallrekonstruktionen zu schließen und um retrospektive Einschätzungen der Beteiligten zu erhalten.



Monika Mattes

Online-Redaktion: Gab es Schwierigkeiten oder Überraschungen?

Mattes: Zu Schwierigkeiten kam es nur im Fall einer der ursprünglich ausgewählten Schulen. Hier kam keine Kooperation zustande, weil sich keine auskunftsbereiten Interviewpartner finden ließen. Man sagte uns, dass für die Beteiligten, also die potentiellen Interviewpartner, die Phase der Schulreformen mit negativen Erinnerungen verbunden sei. Über die tatsächlichen Gründe kann man nur spekulieren, zum Beispiel Misstrauen gegenüber unserem Forschungsvorhaben oder eben auch mangelnde Identifikation mit der Schule und ihrer Entwicklung.

Immer wieder bemerkenswert war bei der Beschäftigung mit den historischen Quellen über Ganztagsschule die Beobachtung, wie viele Vorbehalte, Fragen und Reformvorschläge, die heute als "neu" diskutiert werden, bereits in den 1960er und 1970er Jahren Thema der Debatten waren, beispielsweise die Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren oder die Frage der Hausaufgabenbetreuung.

Online-Redaktion: Welche Tendenzen lassen sich aus Ihren Auswertungen ablesen?

Mattes: Auf der Basis der bislang ausgewerteten Archivalien und Interviews lässt sich sagen, dass immer mehrere Bedingungen zusammenspielten und eine Art "windows of opportunity" für die Entstehung und Etablierung von Ganztagsschulen bildeten. Ganz zentral scheint uns zu sein, dass auf Seiten der Schulleitung und des Lehrerkollegiums eine positive Einstellung gegenüber Reformen und eine hohe Einsatzbereitschaft vorhanden waren. In fast allen Fallbeispielen gehörten die Schulleiter zu den treibenden Kräften bei der Einführung der Ganztagsschule. Sie waren geprägt vom Bildungsreformgedanken oder anderen reformpädagogischen und sozialen Ideen, und es gelang ihnen erfolgreich, ein entsprechendes Reformklima in ihren Schulen zu verankern und die Lehrerschaft für Reformen zu motivieren und aktivieren. Dieses positive Schulklima, das sich unter anderem in einer großen Einsatzbereitschaft der Kollegien zeigte, führte zu einer hohen Akzeptanz der Schule und ihrer Reformvorhaben auch unter den Schülern und ihren Eltern.

Ebenfalls förderlich erwiesen sich politisch gesetzte Rahmenbedingungen wie etwa die Möglichkeit, die Schule als Modellversuch oder Modellschule mit einer besseren finanziellen Ausstattung einzurichten.

Der Fokus auf der lokalen Ebene zeigt besonders deutlich das Geflecht von widerstrebenden Kräften und Interessen, in das Schule stets eingebunden ist. Hier zeigt sich, dass die Ganztagsform einer Schule nie Selbstzweck ist, sondern immer eine Organisationsform, um bestimmte schulpolitische Anliegen und Konzepte durchzusetzen.

Online-Redaktion: Sind auch die damaligen Argumente gegen die Ganztagsschulen mit denen der Gegenwart vergleichbar?

Mattes: Was die Gegner der Ganztagsschule angeht, so kristallisierte sich vor allem in amtlichen Quellen das Finanzargument als Hauptargument gegen Ganztagsschule heraus, wobei davon auszugehen ist, dass sich hinter dem Finanzargument oft auch ein gerütteltes Maß an ideologischer Ablehnung verbarg.

Als bemerkenswert langlebig erweist sich in der nationalen Debatte die Vorstellung, dass die Ganztagserziehung Klein- und Schulkinder von ihren Familien entfremde. Noch heute glauben 60 Prozent der Westdeutschen, dass es besser für die Entwicklung eines Kindes sei, wenn es zu Hause von der Mutter erzogen werde, als wenn es einen ganztägigen Kindergarten oder eine Schule besuche. Ganztagserziehung wurde nur als "Notmaßnahme" für Kinder aus "gestörten Familienverhältnissen" oder aus Familien, in denen die Mutter "erwerbstätig sein musste", akzeptiert. Die CDU/CSU lehnte deshalb bis Ende der 1990er Jahre alle strukturellen Reformen in Richtung einer Ganztagserziehung ab. Zudem war eine sachliche Diskussion über die Ganztagsschule lange Zeit nicht möglich, da sie von ihren Gegnern mit der Gesamtschule gleichgesetzt wurde, die in der Zeit des Kalten Krieges als "sozialistische Einheitsschule" diffamiert und mit dem Verweis auf die DDR abgelehnt wurde.

Online-Redaktion: Was wird mit Ihren Ergebnissen geschehen?

Hagemann: Die Ergebnisse der vom BMBF geförderten Studie werden in einer von meiner Kollegin Dr. Monika Mattes verfassten Monografie publiziert werden, die die Forschung für dieses Vorhaben mit der des Vorläuferprojektes zusammenfassen soll. Wir hoffen, dass die Ergebnisse auch von den Bildungsverantwortlichen rezipiert werden, dass der Blick für die historische Dimension des Themas Ganztagsschule geschärft und die Diskussion darüber weiter versachlicht und entideologisiert wird.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 20.10.2009
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.

Dr. Monika Mattes (l.) und Prof. Dr. Karen Hagemann

Themenmappe