Finnland ist nahe. Zwar sind von Waren an der Müritz bis Helsinki immer noch knapp 1.500 Kilometer mit dem Auto zurückzulegen. Aber die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Mecklenburg-Vorpommern hat sich das Wissen des in den PISA-Runden ausgezeichnet abgeschnittenen Ostsee-Nachbarn direkt in die Räume der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) in Waren an der Müritz geholt - in Gestalt der Agenturleiterin Maria Parttimaa-Zabel, die aus Finnland stammt.
Die Erziehungswissenschaftlerin und Sozialpädagogin ist seit dem Start der Serviceagentur im Dezember 2004 dabei. Damit war diese Agentur eine der ersten unter den inzwischen insgesamt 15 Ländereinrichtungen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Rahmen des IZBB-Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen".
Die Agentur bei der RAA anzusiedeln, ergab sich fast von selbst: Die Arbeitsstelle war ein langjähriger Partner der DKJS, organisierte mehrere Programme, die sich an Jugendliche wandten und besaß Kontakte zu den Schulen. Maria Parttimaa-Zabel, schon zuvor bei der RAA beschäftigt, bewarb sich auf die Stelle als Agenturmitarbeiterin und später -leiterin. Heute ist sie froh, dass ihre Agentur in den RAA-Räumen Platz gefunden hat: "Der Rahmen hier ist anregend. Bei der RAA gibt es ein gutes Team, wir haben kurze Wege, arbeiten kooperativ zusammen und beraten uns gegenseitig."
Mit Maria Parttimaa-Zabel bekam die Agentur ein Gesicht - und noch ein zweites dazu. "Finnland gibt der Agentur ihr Gesicht", ist Oliver Lück überzeugt. "Es wäre dumm gewesen, Marias Kontakte und Wissen nicht zu nutzen."
Neue Modelle übertragen
Lück ist Lehrer für Arbeit, Wirtschaft und Technik sowie Deutsch und Geschichte an einem Gymnasium in Grimmen, westlich von Greifswald, und mit einer halben Stelle für die Serviceagentur abgestellt. Im Dezember 2005 kam er an diese Aufgabe laut eigener Aussage "wie die Jungfrau zum Kind". Als der Lehrer nach Partnern für Schülerfirmen suchte, entstand der Kontakt zur DKJS und zur RAA, die wiederum gerade einen Praktiker für die Serviceagentur suchte. "Mich reizte es, Ganztagsschulen verbessern zu helfen und mit dem Bildungsministerium zusammen zu arbeiten", begründet er seine erfolgreiche Bewerbung auf die Stelle, über die Maria Parttimaa-Zabel froh war: "Zu Anfang haben wir nur mit insgesamt einer Dreiviertel-Stelle gearbeitet. Die zusätzlichen Lehrerstunden zu bekommen, und damit einen noch engeren Praxisbezug, war schon sehr wichtig."
Auf lange Sicht mit Sicherheit, denn die Zahl der Ganztagsschulen in Mecklenburg-Vorpommern hat sich seit dem Start des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes 2003 von 85 auf 176 im Schuljahr 2009/2010 erhöht. Ganztagsschulen sind die weiterführenden Schulen. Die Grundschulen können laut Schulgesetz zu vollen Halbtagsschulen mit festen Öffnungszeiten, die zusätzlich zum Unterricht insbesondere freies Arbeiten, Wochenplanarbeit, Spiel- und Freizeitgestaltung, Arbeitsgemeinschaften und Hausaufgabenhilfe in den Halbtagsablauf integrieren, entwickelt werden. Circa 60 Prozent aller Sek I- und Sek II-Schulen sind bereits Ganztagsschulen, fast die Hälfte davon sind teilweise oder voll gebundene Ganztagsschulen.
Mit einer ebenfalls knapp halben Stelle ist nun die Gymnasiallehrerin und Germanistin Dr. Margit Maronde-Heyl dabei, die nach dem Auslaufen des FörMig-Programms zum Team stieß. "Wir sind sehr froh darüber, dass sie dabei ist, denn sie bringt gute Kontakte zu den Schulen mit und einen neuen, wichtigen Schwerpunkt - das interkulturelle Lernen", erklärt Maria Parttimaa-Zabel.
Dank der Verbindungen der Leiterin intensivierten sich im Laufe der Jahre die Kontakte zwischen Finnland und Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Studienreisen unternahm die Serviceagentur zusammen mit Vertretern aus Bildungsministerium und aus Ganztagsschulen nach Finnland; Referenten aus dem nordischen Land reisten umgekehrt nach Mecklenburg-Vorpommern, zuletzt im April 2009 zu der Fortbildung "Qualität im Alltag". Beim Erfahrungsaustausch spielten die Themen "Selbstständige Schule" und "Kommunale Verwaltungsstrukturen" eine wesentliche Rolle. Auch die Lehrerausbildung und die Forschungsergebnisse der Universitäten Jyväskylä und Greifswald zum Thema Schülergesundheit traten in den Mittelpunkt.
In Greifswald, deren Ganztagsschulen sich laut Maria Parttimaa-Zabel durch die Besuche in Finnland anregen ließen, wird derzeit eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die ein Modell aus dem nordischen Land übertragen will: Dort werden Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichen Problemen von multiprofessionellen Teams - zum Beispiel von Sonderpädagogen, Sozialarbeitern, Psychologen und anderen - unterstützt und die Vor- und Fürsorge vor Ort in den Schulen organisiert.
"Die Teilnehmer sollen sich willkommen fühlen"
Auch der Serviceagentur ist bei ihren Angeboten der multiprofessionelle Ansatz wichtig. Zu ihren Fortbildungen lädt sie immer die kompletten Teams und nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer ein - also auch Eltern, Schüler, Sozialarbeiter und Träger. Unter anderem durch diesen "ganzheitlichen Ansatz" erhielt die Agentur von Anfang an eine gute Resonanz auf ihre Veranstaltungen. "Heute haben wir immer ein volles Haus", berichtet Oliver Lück. "Wir sind stolz, dass die Lehrerinnen und Lehrer unsere Angebote annehmen. Und wir haben schon oft von Teilnehmern gehört: ,Zu euch kommen wir gerne.'" Das habe zu einem kleinen Teil sicher auch am "Drumherum" gelegen. "Wir haben unsere Veranstaltungen immer auch für Leib und Seele gestaltet", erläutert Lück. "Die Teilnehmer sollten sich willkommen fühlen."
Im Laufe der Zeit habe man gelernt, dass die Fortbildungen besser angenommen werden, wenn es mehr Zeit zum Austausch und weniger Vorträge gibt. "Wir wollen, dass von den Veranstaltungen Impulse ausgehen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen aktiviert werden und konkrete Handlungsvorschläge mit nach Hause nehmen können, um mit denen konkret in ihrer Schule weiter zu arbeiten." Die am häufigsten nachgefragten Themen sind dabei neben dem "Dauerbrenner" Hausaufgaben Qualitätsmanagement, die Kooperation mit Partnern und die individuelle Förderung.
Schülern und Lehrern Anerkennung zeigen
Die Überschrift einer Fortbildung lautete beispielsweise schlicht "Gute Ganztagsschule". Die Agentur engagierte Referentinnen und Referenten zu verschiedenen Arbeitsaspekten einer gelingenden Ganztagsschule. So war für jeden etwas Thematisches dabei, was man für die Arbeit an der eigenen Ganztagsschule nutzen konnte. "Uns ist es bei solchen Gelegenheiten wichtig, den Schulleitungen, Schülern und Lehrern unseren Respekt vor ihrer Arbeit zu erweisen", meint Maria Parttimaa-Zabel.
Die Arbeitsbedingungen für Lehrerinnen und Lehrer sind schwierig: In der Regel können sie nur Teilzeitarbeit von 60 Prozent einer Stelle an einer Schule leisten. Viele unterrichten an drei bis vier Schulen - es gibt kaum eine Schule ohne diese "Wanderlehrer". Bei der Ausweitung der Ganztagsangebote kam diese schwierige Arbeitssituation dem Prozess entgegen. "Viele Lehrerinnen und Lehrer sagten sich, lieber länger als gar nicht arbeiten", so Oliver Lück." An dieser Stelle gibt es kritische Diskussionen.
Ein weiteres Markenzeichen der Serviceagentur ist die ausgeprägte Netzwerkarbeit. Bereits Ende 2005 waren die Weichen dafür gestellt, die Arbeit der Serviceagentur auf Vernetzung und Multiplikatoren zu stützen, denn allein die Personalsituation machte Einzelschulberatungen und -fortbildungen in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern schwierig. "Die Frage war, wie es uns gelingt, dass möglichst viele von Ideen und Anregungen profitieren können?", erinnert sich Oliver Lück.
Viele gute Ideen von außen übernommen
Die Agentur holte sich Anregungen aus der Beratungspraxis der Serviceagentur Hamburg und aus der Netzwerkarbeit anderer Serviceagenturen wie Thüringen, Sachsen und Schleswig-Holstein. In Netzwerken haben sich mehrere Schulen unter thematischen Gesichtspunkten zu Arbeitskreisen zusammen geschlossen und nutzen die laut Lück "sehr nützlichen" Theorien zur Netzwerkarbeit der Werkstatt "Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen" am Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. "Das ist das Spannende an dieser Arbeit", so Lück. "Wann erhält man als Lehrer sonst solche Gelegenheiten, über den Tellerrand zu schauen?"
Ganztagsschulen, die beispielsweise an dem Thematischen Netzwerk "Schulentwicklung" teilnehmen, bei dem Ganztagsschulen bundesländerübergreifend in anderen Ganztagsschulen hospitieren konnten, verpflichten sich, die im Netzwerk gemachten Erfahrungen auch an andere Ganztagsschulen in ihrer Region weiterzugeben.
Neben diesem Thematischen Netzwerk engagiert sich die Serviceagentur in zwei weiteren bundesländerübergreifenden Netzwerken: Im Themenatelier Kulturelle Bildung und im Themenatelier der Vielfalt. "Wir haben schon viele gute Ideen aus der Zusammenarbeit mit den Werkstätten des Begleitprogramms und den turnusmäßigen Treffen mit den anderen Serviceagenturen bekommen", berichtet die Erziehungswissenschaftlerin.
Netzwerkarbeit vertieft Themen
Im Land selbst hat die Agentur regionale und kommunale Netzwerke angestoßen. In jedem der fünf regionalen Netzwerke haben sich jeweils vier Ganztagsschulen unterschiedlicher Schulformen - "wir wollten das bewusst mischen", so Lück - zusammen geschlossen, die sich viermal im Jahr treffen. Ein Vertreter einer dieser Schulen übernimmt die Moderationsarbeit des Netzwerks, bekommt Schulungsangebote und Unterstützung von der Serviceagentur. Einmal im Jahr kommen die Netzwerke nach Waren, um sich mit der Serviceagentur auszutauschen. Insgesamt erreicht die Agentur mit diesen Netzwerken und Themenateliers zurzeit rund 30 Ganztagsschulen.
Wenn eine Ganztagsschule Beratungsbedarf beim Thema Rhythmisierung hat, dann findet sich im Netzwerk eine andere, die ihre Erfahrungen weitergeben kann. "Wir haben oft Rückmeldungen auf unsere Veranstaltungen erhalten, dass diese zwar gut aufgenommen wurden, manche Schulen aber Themen vertiefen wollten", erläutert Oliver Lück. "Dazu ist die Netzwerkarbeit gut geeignet. Und die Schulen begreifen, dass dies nicht eine zusätzliche Arbeit ist, die noch oben draufgesattelt wird, sondern dass es ihnen weiterhilft."
Vier Schulen pro Netzwerk, die Schulartenmischung und die regionale Nähe haben sich allesamt als gute Entscheidungen bei der Etablierung der Netzwerke herausgestellt. "Keiner zweifelt an der Sinnhaftigkeit unserer Netzwerke", meint Lück. Auch daher haben die Schulämter Interesse gezeigt, in der Zukunft ein kleines Fahrkostenbudget für diese Arbeit zur Verfügung zu stellen. "Wir arbeiten gut mit den vier Schulräten zusammen", meint Lück.
Ein "Bonbon" für die Netzwerker
Einmal im Jahr gibt es für die Netzwerker ein "kleines Bonbon" als Dank für ihr Engagement in Form einer Fortbildung, deren Themen sie selbst benennen dürfen. Dazu lädt die Agentur Referenten wie Otto Herz, Oggi Enderlein oder Ilse Kamski ein. Diese Veranstaltungen sind bisher sehr positiv aufgenommen worden, wie Maria Parttimaa-Zabel erzählt.
Von der Serviceagentur Sachsen hat sich das mecklenburg-vorpommernsche Agenturtrio das Internetforum als weitere Möglichkeit des Austausches abgeschaut. Die Agentur stellt den Netzwerkschulen einen Platz im Netz zur Verfügung, in welchem diese beispielsweise ihre Hausaufgabenkonzepte und andere gute Praxisbeispiele einstellen können.
Während sich die Netzwerke nach einer gewissen "Eingewöhnungsphase" selbst organisieren und die Serviceagentur nur noch einen losen Kontakt zu den Schulleitungen der Ganztagsschulen hält, bedarf es am Anfang eines externen Moderators, der das Netzwerk auf seine Arbeit einstimmt und die Kontakte untereinander koordiniert. Diese Aufgabe fällt einem von drei Multiplikatoren zu, welche die Serviceagentur angeheuert hat: Derzeit sind es zwei Lehrer und eine Sozialpädagogin.
Multiplikatoren schieben spannende Projekte an
"Wir haben die Multiplikatoren bei unseren Schulbesuchen angesprochen", berichtet die Agenturleiterin. Das sind Personen, die durch ihre tägliche Arbeit befähigt sind, Konzepte auf ihre Lebenswirklichkeit abzuklopfen und spannende Projekte anzuschieben: So bemüht sich der Schulleiter Nils Kleemannl gerade in Greifswald um eine Kooperation zwischen einer privaten und staatlichen Ganztagsschulen und hat dabei auch den Blick auf die Kommune gerichtet. Die Serviceagentur koordiniert die Einsätze der Multiplikatoren für die Netzwerktreffen oder die Beratung an Einzelschulen.
Für den Herbst plant die Serviceagentur zwei Fortbildungen zum Thema "Konzeptentwicklung" und "Interkulturelle Öffnung der Ganztagsschule". Auch die Reihe "Ganztagsschulen öffnen ihre Türen", die Hospitationen ermöglichte, soll wieder aufgenommen werden.
"Wir wollen die individuelle Förderung und Unterstützung der Schüler weiterbringen", erhofft sich Maria Parttimaa-Zabel einen indirekten Effekt ihrer Arbeit. "Die Zahlen der Risikoschüler und der Förderschüler sind zu hoch, hier müssen wir alles an möglicher Unterstützung anbieten, um mehr Chancengleichheit zu verwirklichen." Dazu müsse man das Rad nicht immer neu erfinden, sondern die Chance nutzen, in der Zusammenarbeit mit vielen Menschen die Schulentwicklung voranzubringen. "Es liegt an uns allen, etwas Effektives zu erreichen", findet Oliver Lück.
Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 29.09.2009
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