Der Ausbau der Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen soll fortgesetzt werden. "Wir verabschieden uns von der Halbtagsschule", sagt Ministerin Barbara Sommer zum Schuljahresbeginn. In diesem Jahr könne fast jeder dritte Schüler in NRW eine Ganztagsschule besuchen.
Mit Beginn des Schuljahres startet der Ganztagsausbau an Gymnasien und Realschulen. Insgesamt 96 neue Ganztagsschulen nehmen ihren Betrieb auf, davon 44 Realschulen und 52 Gymnasien. Die Quote an Ganztagsschulen in diesen Schulformen steigt damit von vier auf rund zwölf Prozent. Auch im Primarbereich wird die Ganztagsoffensive fortgesetzt. Ab sofort stehen 21.000 zusätzliche Plätze zur Verfügung. Damit gibt es nun an 2.970 Schulen Angebote mit insgesamt 203.000 Plätzen.
Im Rahmen der Ganztagsoffensive stehen an den Schulen des Landes somit in diesem Schuljahr 293.800 Ganztagsplätze zur Verfügung. Mit dem Ganztagsausbau wird laut Barbara Sommer die Schullandschaft in Nordrhein-Westfalen tiefgreifend verändert. Der Paradigmenwechsel von der Halbtags- zur Ganztagsschule im Laufe der Jahre werde dazu führen, dass die Schule ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag besser als bisher erfüllen könne.
Dieser Paradigmenwechsel sei durchaus mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert vergleichbar. "Das Ziel war damals eine Schule für alle und nicht nur für die Kinder der Oberschicht. Es entstand die Schule, wie wir sie kennen. Alle staatlichen Schulen waren Halbtagsschulen und konnten es sein, weil in der bürgerlichen Gesellschaft die Rollen zwischen Mann und Frau klar verteilt waren", so die Ministerin. "Nach außen, zur lokalen Gesellschaft und Wirtschaft waren die Schulen getrennt und abgeschottet, durch sichtbare und unsichtbare Mauern wie auch durch die Art der Schularchitektur. Nicht umsonst haben die Schulgebäude, die damals gebaut wurden, in ihrer äußeren Erscheinung oft eine verblüffende Ähnlichkeit mit Kasernen, Krankenanstalten und Verwaltungsgebäuden."
Die Zeiten hätten sich geändert, und mit ihnen die Art und Weise, wie Menschen lebten und arbeiten. Es sei heute selbstverständlich, was früher die Ausnahme war: Mütter - und zum Glück auch immer mehr Väter - wollten Beruf und Familie vereinbaren. Die Schulen könnten nicht mehr davon ausgehen, dass immer jemand zu Hause sei und warte, wenn die Schule mittags zu Ende sei. Die Arbeitswelt sei flexibler geworden. Der Wandel der Gesellschaft, der Arbeitswelt und der Lebenswelt konfrontiere die Schulen mit neuen Herausforderungen. Barbara Sommer: "Erstmals werden wir den Eltern in Nordrhein-Westfalen zukünftig eine Wahlfreiheit ermöglichen können, ob ihr Kind bis mittags oder im Ganztag betreut und gefördert werden soll. Wir geben nun allen Schulformen die Möglichkeit, Ganztagsangebote einzurichten."
Die Ministerin zeigt sich optimistisch, das gesetzte Ziel von 216 neuen Ganztagsgymnasien und -realschulen bis 2010 zu erreichen. Bereits jetzt seien 210 Plätze fest vergeben. Die restlichen sechs Plätze würden in den nächsten Monaten ganz sicher beantragt werden. Mit den Maßnahmen steige im kommenden Schuljahr die Quote der Schülerinnen und Schüler, die eine Ganztagsschule besuchen, von 16,4 Prozent im Schuljahr 04/05 auf nun 29,1 Prozent. Durch den jahrgangsweisen Aufwuchs des Ganztags werde diese Quote beim bereits jetzt feststehenden Bestand an Ganztagsschulen im Endausbau im Jahr 2015 auf rund 43 Prozent anwachsen.
Ganztagsschulen bieten Barbara Sommer zufolge zahlreiche Vorteile: "In einer Ganztagsschule können sich die Lehrkräfte sowohl den Begabten als auch den Schülerinnen und Schülern, die es schwerer haben als andere, intensiver widmen. So werden sie den einen wie den anderen besser gerecht. Ganztagsschulen sind auch besser geeignet, Chancengerechtigkeit zu verwirklichen. In Ganztagsschulen haben Kinder eine anregungsreiche Lernumgebung. Ganztagsschulen sind offene Schulen. Sie sind eingebettet in das Leben der Stadt oder Gemeinde. Die Schulen werden zu sozialen Orten, wo die Bürger der Stadt, das Handwerk, Jugendhilfe und Jugendarbeit, Sport- und Musikvereine, Künstler und Betriebe, Kirchen und die vielen Ehrenamtlichen keine Fremdkörper, sondern höchst willkommen sind, sich in das Bildungsangebot und das Leben der Schule einzubringen. Das wird auch dadurch ermöglicht, dass alle Schulen ab diesem Jahr erstmals ein Drittel des Ganztagszuschlags kapitalisieren können. Damit können sie die externen Partner für ihre Leistungen auch finanziell entschädigen. Dies alles wird dazu beitragen, unsere Kinder bestmöglich zu fördern und ihre Potenziale zur Entfaltung zu bringen."
Die Lehrerverbände NRW als Kooperation von Philologen-Verband, Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs und dem Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen bezeichnen den Aufwuchs von weiteren Ganztagsschulangeboten als "erfreulich"; die Akzeptanz der Realschulen und Gymnasien innerhalb kürzester Zeit mehr als 210 "Ganztagsschulplätze" anzunehmen, sei dabei "bemerkenswert".
Auch der Verband Bildung und Erziehung findet es "erfreulich, dass die Landesregierung die gesellschaftliche Bedeutung von Ganztagsschulen so hoch einschätzt und ihre Einrichtung entsprechend vorantreiben will". Allerdings sei es nicht nachvollziehbar, dass dabei neu zu gründende Gesamtschulen grundsätzlich vom Ganztag ausgeschlossen werden sollen", kritisiert der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann. "Hier sollte die Landesregierung der von ihr selbst immer wieder propagierten Maxime folgen, dass es nie in erster Linie um Schulformen, sondern immer in erster Linie um die Kinder geht."